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Kolumnen

Stögers agiles In-Game-Coaching als Erfolgsfaktor

In der effzeh.com-Kolumne „Real Madrid des Westens“ blickt Arne Steinberg auf Entwicklungen rund um Taktik und Spielweise des effzeh.

Peter Stöger (Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Bereits in der letzten Ausgabe dieser Kolumne wurden Gründe dafür gesucht, weshalb der effzeh in solch einer nachhaltigen Form beständig Punkte holt. Fassen wir die damals erarbeiteten Aspekte noch einmal zusammen: Neben der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Spielermaterials und der Spielidee waren es vor allen Dingen die sinnvollen Ergänzungen des Kaders durch Spieler, die entscheidende Elemente in das effzeh-Spiel hineinzubringen vermochten (exemplarisch Rausch und Höger). Darüber hinaus gelten das hinzugewonnene Selbstvertrauen und eine gewisse Selbstverständlichkeit im Umgang mit Rückschlägen als wesentliche Erfolgsfaktoren. Insbesondere die neue Effizienz im Torabschluss erhöht natürlich die Erfolgswahrscheinlichkeit, obwohl dies ein Aspekt ist, den man laut Peter Stöger kaum trainieren kann. Während in der vergangenen Saison die Diskrepanz zwischen den herausgespielten Torchancen und den daraus resultierenden Torerfolgen noch zu groß war, schaffen es Modeste und Co. mittlerweile immer häufiger, aus wenig Torchancen möglichst viel Ertrag zu machen.

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Der ehemalige Sportdirektor Volker Finke hatte während seiner Zeit beim effzeh zwar dafür sorgen können, dass in der Saison 2010/2011 zwar irgendwie doch noch der Klassenerhalt geschafft werden konnte, ansonsten blieben seine Spuren am Geißbockheim jedoch überschaubar. Allerdings wird dem Freiburger Urgestein das Wort „Heroenfußball“ zugeschrieben, welches beschreibt, dass eine Mannschaft sich einzig und alleine auf die individuelle Qualität seiner Akteure verlässt und diese ohne erkennbaren Plan zusammenstellt, ohne eine zugrunde gelegtes Spielsystem zu entwickeln. Diese Sichtweise ist natürlich arg überspitzt, steht aber genau im Gegensatz zu dem, was Peter Stöger und sein Team seit 2013 betrieben haben. Die konzeptionelle Weiterentwicklung der Spielidee und das Ergänzen des vorhandenen Spielermaterials sind die Basis für den derzeitigen Erfolg. Die effzeh-Spieler gehen ihre Arbeit mit einer hohen Konstanz und Stabilität nach, sodass sich nach und nach auch die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöht.

[perfectpullquote align=“left“ cite=““ link=““ color=““ class=““ size=““]Die konzeptionelle Weiterentwicklung der Spielidee und das Ergänzen des vorhandenen Spielermaterials sind die Basis für den derzeitigen Erfolg.[/perfectpullquote]

Der effzeh-Aufschwung sorgt natürlich auch dafür, dass überregionale und sogar internationale Medien auf die ehemalige rheinische Diva aufmerksam werden und herauszufinden versuchen, woran genau sich dieser Höhenflug erklären lässt. In seiner Kolumne bei Spielverlagerung gibt Tobias Escher zu, dass er dies zwar auch nicht genau wisse, für ihn sei das Alleinstellungsmerkmal des effzeh in dieser Saison jedoch eindeutig die Flexibilität. Insbesondere der Erfolg gegen Ingolstadt dürfte das am besten illustrieren. Damit hängt ebenfalls die Fähigkeit des Cheftrainers Peter Stöger zusammen, während des Spiels die richtigen Anpassungen vorzunehmen und durch diese Art des „In-Game-Coachings“ entscheidenden Einfluss auf den Ausgang der Partie zu nehmen. Im Rahmen dieser Kolumne werden diese beiden Aspekte in Hinblick auf den effzeh analysiert und diskutiert.

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Taktische Agilität anstelle von taktischer Flexibilität

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Stöger und Hector in der Diskussion
Quelle: www.fc-tv.de

Zu Beginn würde ich gerne festhalten, dass ich darauf plädiere, in dieser Diskussion den Begriff „Flexibilität“ durch „Agilität“ zu ersetzen. Natürlich gibt es insbesondere unter fußballspezifischen Gesichtspunkten keine allgemeingültige Definition beider Begriffe, deren kleinster gemeinsamer Nenner wohl die Tatsache ist, dass sie als Eigenschaften einer Organisation oder eines Systems angesehen werden, Veränderungen schnell umzusetzen. Dabei ist Flexibilität meiner Meinung nach eher reaktiv besetzt, während Agilität eine eher proaktive Natur aufweist. Überträgt man dies nun auf den Kontext des Fußballs und im Speziellen das Spiel des 1. FC Köln gegen den FC Ingolstadt, so ergibt sich Folgendes: Der effzeh startete mit einer geradlinigen Interpretation der letzthin so erfolgreichen 4-4-1-1-Grundordnung ins Spiel und versuchte so, den vergleichsweise tiefen Block der Gäste zu bespielen.

Auffällig waren dabei zwei Bewegungsmuster: Einerseits ließen sich entweder Lehmann oder Höger in den halbrechten Raum neben Mergim Mavraj fallen und ermöglichten so, dass Frederik Sörensen aufrücken konnte. Damit sollte wohl der Linksfokus im effzeh-Spiel ausbalanciert werden, um durch schnelle Spielverlagerungen (Risse) den Ball auf die Seite von Rausch und Hector zu schicken. Der deutsche Nationalspieler rückte in der Anfangsphase der Partie nur vereinzelt in den Achter-/Zehnerraum und band sich dort ins Kombinationsspiel ein. Durch die im Vorspiel thematisierte Änderung im Ingolstädter Spiel (Abkehr vom radikalen Pressing, Fokus auf tiefen mannschaftlichen Block) ergaben sich oftmals Situationen, in denen die beiden äußeren Mittelfeldspieler Lex und Hartmann die Vierer- zu einer Sechserkette ergänzten. Damit war der Raum für den effzeh in der letzten Linie sehr begrenzt, einzig ein Abschluss von Yuya Osako war möglich.

Nach knapp 25 Minuten zitierte Peter Stöger Jonas Hector, bis dato Linksverteidiger, zu sich und besprach mit ihm das weitere Vorgehen. Diese Form der Zusammenarbeit ist sicherlich nur dann möglich, wenn auf beiden Seiten ein intensives Vertrauensverhältnis herrscht, welches darüber hinaus noch durch die notwendigen Kompetenzen von beiden getragen wird. Peter Stöger äußerte sich nach dem Spiel ja auch dahingehend, dass den Spielern die Situation ebenfalls aufgefallen sei und sie dementsprechend zusammen eine Entscheidung getroffen hätten. In der Folge veränderte sich die Rolle Hectors, der seine ursprüngliche Position als linker Verteidiger verließ und sich vermehrt im Zehnerraum aufhalten sollte, um den dortigen Raum konstruktiv zu nutzen, da sich die Ingolstädter sehr tief positionierten. Konstantin Rausch übernahm die linke Seite, während Marcel Risse dasselbe auf der rechten Seite tat. Sörensen, Mavraj und Heintz bildeten dahinter eine Dreierkette. Hectors Position zwischen den Sechsern (Höger, Lehmann) und der Sturmspitze (Modeste) sorgte dafür, dass im Ingolstädter Übergabeverhalten Probleme auftraten. Da sich auch Yuya Osako häufig fallenließ und sich am Kombinationsspiel beteiligte, verbesserten sich die Positionen, in denen der effzeh in Ruhe den Ball spielen und Richtung gegnerisches Tor aufdrehen konnte.

Diese Umstellung wurde schnell belohnt, als Hector nach einer langen Ballbesitzsequenz Osako einsetzte, der unbedrängt einen langen Ball in die Spitze zu Modeste spielen konnte. Dieser traf dann sehenswert zum 1:0. Das Ingolstädter Vorhaben, möglichst lange die Null zu halten, war damit obsolet. Die Agilität des Kölner Spiels brachte die Führung, die frühzeitige Entscheidung, Hector eine neue Rolle zuzuweisen, den effzeh auf die Siegerstraße. Der proaktive Charakter des Wortes „Agilität“ zeigt sich darin, dass der effzeh in einem Heimspiel gegen eine Mannschaft aus dem Tabellenkeller aktiv die Führung erzwingen wollte.

Stöger und Schmid: Analytiker und Praktiker

Wichtiger Bestandteil: Konstantin Rausch (Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images)

Wichtiger Bestandteil: Konstantin Rausch
(Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images)

Die Fähigkeit des Trainerteams, während des Spiels die Leistung des eigenen Teams in Bezug auf die Leistung des Gegners zu analysieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen (damit wären wir bei In-Game-Coaching), sorgte also auch in dieser Partie für den Unterschied. Bereits in der vergangenen Saison stellten Stöger und Schmid unter Beweis, dass sie in engen Spielen durch eine taktische Maßnahme die Balance zugunsten des effzeh beeinflussen konnten (exemplarisch die Heimspiele gegen den HSV und gegen Eintracht Frankfurt).

Dabei können sich sich auf mehrere Dinge verlassen: Die Qualität des Kaders weist unter anderem Spieler wie Rausch und Risse auf, die ohne Probleme und Leistungseinbußen als Wing-Backs spielen können, das heißt eine Seite offensiv wie defensiv alleine bearbeiten können. Dieser Spielertyp ist rar, der effzeh weist für jede Seite einen davon auf. Weiterhin berufen sich die Österreicher auf ein klares und unmissverständliches Vokabular, das in kürzester Zeit die Statik eines Spiels verändern kann, ohne lange diskutieren zu müssen. Dies umfasst Anweisungen zu Ursache und Wirkung („Wenn du in den Zehnerraum gehst und dort am Kombinationsspiel beteiligt bist, haben wir dort mehr Präsenz“), klare Systematisierungen (was genau ist mit Zehnerraum gemeint?) und Regeln, die sich in erster Linie in chronologischen Abläufen äußern („Wenn Spieler X in Zone Y ist, muss Spieler A in Zone B sein). Hinzu kommt weiterhin die Sammlung an Erkenntnissen über den Gegner aus dem Videostudium, in dem sich der effzeh in der Vergangenheit Gott sei Dank auch professionalisieren konnte.

Ohne den Einfluss des Trainerteams auf diesen Erfolg verklären zu wollen, muss also festgehalten werden, dass der Höhenflug auch nach sieben Spieltagen kein Zufall ist und wir uns nicht jeden Morgen die Augen reiben müssen. Die Serie baut auf harter Arbeit auf, die so langsam aber sicher ihre Früchte trägt. Dass sich die Spieler dabei in taktischen Dingen sehr agil verhalten können, ist ein wesentlicher Grund. Das In-Game-Coaching des Trainerteams kann bisweilen in engen Situationen den Unterschied machen. Peter Stöger ist jedoch trotzdem kein Phil Jackson (ehemaliger Erfolgscoach der Chicago Bulls), der jeden Spielzug seiner Schützlinge ansagt,  die Kontrolle über das Spielgeschehen hat und Spiele im Alleingang gewinnt. Dazu ist der Fußball zu komplex und zu fluide.

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