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Rezensionen

Christoph Rufs „Fieberwahn“: Ein prophetisches Zeitzeugnis

Das Buch „Fieberwahn“ von Christoph Ruf ist als „Fußballbuch des Jahres 2018“ nominiert – wir haben es gelesen und für wertvoll befunden.

Foto: LINDSEY PARNABY/AFP/Getty Images

Es ist eine beängstigende Anamnese, die der Fußballjournalist Christoph Ruf im vergangenen Jahr über den Zustand des Fußballs zusammengestellt hat. In seinem 189 Seiten starken Buch widmet er sich den epochaltypischen Schlüsselproblemen der fußballerischen Moderne. Dabei geht es natürlich vorrangig um die 50+1-Regelung, die als letzte Bastion gegen die komplette Liberalisierung des Fußballmarktes in Deutschland kurz vor dem Fall steht. Es geht auch um die derzeitige und zukünftige Rolle der Fans, die sich natürlich nicht vom Vorwurf freimachen können, dass sie nicht selbst dazu beigetragen haben, dass das Rad der Kommerzialisierung weiter gedreht wird. Ihre Rolle, aber auch ihre Bedürfnisse finden in diesem Buch immer wieder ihren Platz.

Schließlich wird sich auch der Situation des deutschen Amateurfußballs zugewendet, der von den Millionenerträgen der großen Fußballverbände wenig bis gar nichts abbekommt, gleichzeitig aber aufgrund strikter Regularien ums Überleben kämpft. Auch Themen wie Mitbestimmung, Demokratie und vor allem der Umgang mit den zahlenden Mitgliedern eines Vereins sind Motive, mit denen sich Ruf in seinem Buch verstärkt auseinandersetzt.

Eine Branche vor der Zeitenwende: Christoph Rufs Anamnese

Eines steht fest: kulturpessimistische Texte über die Zukunft des Fußballs gab es in jüngster Vergangenheit zuhauf. Das ist nicht negativ zu verstehen, zeigt aber auf, dass die Komplexität des Fußballgeschäfts mit all seinen Interessengruppen und Strömungen durchaus jede Menge problematische Aspekte aufwirft, die man diskutieren muss. Christoph Ruf ist es in seinem Buch gelungen, viele dieser Strömungen einzufangen, aufzubereiten und gleichzeitig durch die Beiträge der Betroffenen authentisch und relevant zu machen. Einen stringenten Erzählfaden gibt es in diesem Buch eher nicht, aber das ist auch nicht notwendig: Durch die Verschiedenheit der 17 Kapitel entsteht ein Gesamtbild einer Branche, die vor mehreren großen Zerreißproben, gar einer Zeitenwende steht. Und irgendwann in der Zukunft wird man sagen, dass viele Leute es vorhergesehen haben und dabei auf das Buch von Christoph Ruf verweisen.

Christoph Ruf im Jahr 2015 | Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Dieser beginnt seine Reise mit einer Auseinandersetzung darüber, dass der deutsche Fußball im globalen Wettrennen um die Gelder ausländischer Investoren nicht davor zurückschreckt, eine komplett grenzdebile Idee durchzusetzen – wer erinnert sich nicht an den Startplatz für die chinesische U20, die in der Saison 2017/2018 in der Regionalliga Südwest antreten sollte? Dass das Experiment nach einiger Zeit bereits abgebrochen wurde, konnte Ruf natürlich damals noch nicht wissen – die positiv formuliert „exotische“ Idee war von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Das liegt natürlich auch daran, dass in der Regionalliga an der Schnittstelle zwischen dem finanziell potenten Profifußball und dem an Verbandsschwachsinnigkeiten (Aufstiegsregelung!) verzweifelnden Amateurfußball die Frustrationstoleranz bei Funktionären, Fans und Spielern gesunken ist. Auf einer übergeordneten Ebene, vor allem mit etwas zeitlicher Distanz, ist diese Idee und deren spätere Aussetzung eine Metapher dafür, inwiefern sich die Verbände von ihrer Basis entfernt haben.

Dresden, St. Pauli, Amateurvereine: Es geht auch anders

Auf diese Basis unterhalb der Regionalliga geht Ruf danach ein: die schwierige Aufstiegsregelung in der Regionalliga, zweite Mannschaften von Profivereinen als unnötiges Füllmaterial, die fast unmögliche Suche nach Sponsoren, … Es gibt quasi keinen Aspekt, den Ruf in seinem Kapitel über die Situation des Amateurfußballs nicht thematisiert. Dass es jedoch insbesondere im Premiumbereich auch anders geht, verdeutlicht er am Beispiel des SC Freiburg, der intensiv für die Beibehaltung der 50+1-Regelung kämpft und damit im Geschäft fast alleine dasteht.

Auf der nächsten Seite: Positive Entwicklungen und unsere Meinung zum Buch

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