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Rezensionen

Theaterstück von Rainald Grebe: „Ist das nicht Blasphemie? – Nein, das ist der 1. FC Köln!“

Im Schauspiel Köln läuft derzeit ein Fußball-Oratorium über den 1. FC Köln – wir waren vor Ort und haben es uns angeschaut.

Foto: David Baltzer

Dass sich die Welt in erster Linie über Gegensätze definiert, wissen Fußballfans eigentlich am besten – Kölner*innen können nichts mit Gladbacher*innen anfangen, Schalke und Dortmund sind sich eh nicht grün und von der Rivalität zwischen Boca und River Plate in Argentinien brauchen wir an dieser Stelle auch nicht reden. Auf einer eher gesellschaftlichen Ebene steht der Fußball als Ereignis in all seinen Facetten eher im Gegensatz zu Pop- bzw. Hochkultur – in den letzten Jahrzehnten ist der Sport aber vor allem durch Musik, Film und die zunehmende Bekanntheit von Fußballprofis zumindest auf der popkulturellen Ebene präsent. Die Faszination des Spiels erkannten schon Sartre und Camus, weswegen das intellektuelle Interesse am Spiel nichts gänzlich Neues ist.

Anders sieht das hingegen in der Hochkultur aus: dort spielt der Fußball fast gar keine Rolle. Dass das Feuilleton und das runde Leder nicht zwingend zusammenfinden müssen, ist prinzipiell nicht dramatisch – schon viele Theaterstücke und andere Werke haben den Versuch unternommen, fußballbezogene Themen stofflich und inhaltlich zu verarbeiten. Eine ähnliche Idee hatte vor längerer Zeit auch Rainald Grebe, seines Zeichens Liedermacher, Kabarettist und Autor. Geboren wurde er unweit Kölns in Frechen, weswegen seine Arbeit durchaus Berührungspunkte mit Köln aufweist – bereits vor einigen Jahren untersuchte er die Faszination des Karnevals in einem Bühnenstück. Mit dem Fußball-Oratorium „Effzeh, Effzeh!“ setzt sich Grebe zusammen mit Komponist Jens-Karsten Stoll mit dem 1. FC Köln auseinander. Geplant war das Stück eigentlich für 2017, bevor ein Schlaganfall Grebes diesem Ansinnen einen Strich durch die Rechnung machte.

Der Blick von außen auf das Geschehen beim 1. FC Köln

Im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, erschienen am Tag der Uraufführung am 27. Oktober 2018, betonte Grebe jedoch, dass diese Entwicklung „auch etwas Gutes hatte“ – durch den tiefen Fall von Platz fünf und der Europa League bis in die zweite Liga (ein „sagenhafter Absturz“) war nun noch mehr Stoff vorhanden, der verarbeitet werden wollte. Der Regisseur selbst sieht sich nicht als Fußballfan, betrachtet den Sport eher als „Gesellschaftstheater“ – und hält zu Borussia Mönchengladbach. Vielleicht liegt es an dieser gesunden und kritischen Distanz, dass Grebe mit diesem Oratorium (eigentlich eine Bezeichnung für die Vertonung einer geistlichen Handlung) ein liebevoller, gleichzeitig aber auch ironisch-kritischer Blick auf den 1. FC Köln gelungen ist.

Im Friseursalon Schmitz auf der Aachener Straße in den 1970er Jahren | Foto: David Baltzer

Eingebettet in die Rahmenhandlung des Heimspiels gegen den SC Paderborn Mitte September, das der 1. FC Köln natürlich mit 3:5 verlor, unternimmt das Ensemble mehrere Reisen in verschiedene Welten. Zuerst wird in einem Monolog über die richtige Zusammensetzung des Fußballrasens philosophiert, bevor in erstaunlich passender Intonation Markus Anfang, Guido Ostrowski (Radio.Köln-Reporter) und Marc Merten (Geissblog.Köln) auf der (fiktiven?) Pressekonferenz vor dem Spiel zu Wort kommen. Nicht nur hier überzeugt das Oratorium durch eine sehr detailreiche und realistische Darstellung, da die Stimmen und vor allem die Tonlage der drei Genannten ziemlich zutreffend dargestellt werden. Ähnlich verhält es sich mit dem Darsteller Stefko Hanushevsky, der die Stadiondurchsagen von Michael Trippel imitiert und dabei vor allem auf deren Absurdität hinweist.

Zwischentöne, Gestik und Mimik – der Abend weiß zu unterhalten

Eine der Stärken des Stücks liegt darin, dass das Balancieren zwischen liebenswerter Hommage an einen verrückten Klub und kritischer Haltung gegenüber der Kommerzialisierung und dem Fußballgeschäft generell gelingt. Während zu Beginn zu befürchten stand, dass das Oratorium sich durchgängig über Fußball und Fans lustig machen würde, konnte diese Annahme mit fortschreitender Spielzeit verneint werden. Die verschiedenen Zwischentöne rund um ein Fußballspiel werden dabei genauso unter die Lupe genommen wie die zum Teil bizarren Reaktionen von Fans auf das Spielgeschehen. Denn, so ehrlich muss man sein, es ist nicht überraschend, dass Nicht-Fußballfans von den Ritualen und Gesängen in einem Fußballstadion „überrascht“ sind, um es positiv zu formulieren.

Dass Grebe mit diesem Stück Fußball mit Hochkultur in Verbindung bringen wollte, legt die Bezeichnung Oratorium schon nahe – deutlich wird es im weiteren Verlauf des Stückes dann, wenn Fangesänge in sakralen Chorgesängen intoniert werden. Ähnlich verhält es sich während der Saison-Segnung im Kölner Dom, währenddessen ein zentraler Dialog des Stückes stattfindet. Ein Fußball-Skeptiker fragt: „Ist das nicht Blasphemie?“ Die Antwort eines Fans darauf: „Nein, das ist der 1. FC Köln!“

Peter Stöger als Papst, Max Esser als Zeitzeuge

Unterhaltsam ist das Stück durchgängig, die Höhepunkte werden jedoch dann erreicht, wenn in einer Modenschau die effzeh-Trikots vergangener Zeiten präsentiert werden und dabei Tunika und Ritterrüstung nicht fehlen dürfen. Auch Hanushevskys Monolog als gefallener Heiliger Peter Stöger sorgte für Lacher. Auch eine Reise in die „goldene Vergangenheit“ des Vereins wurde unternommen: der rauchende Franz Kremer nahm sich einige seiner Akteure in seinem Wohnzimmer zur Brust. Zur Vergangenheit des Vereins gehörte auch die Rolle des Kölner Torhüters Manfred Manglitz im Manipulationsskandal der Bundesliga der 1970er Jahre. Als authentischer Zeitzeuge der Vereinsgeschichte kam in einer filmischen Sequenz Max Esser zu Wort, der seit 80 Jahren Mitglied des 1. FC Köln ist (bereits 1938 war er Mitglied bei Vorgängerverein KBC). Dadurch wird nochmals deutlich, dass es Grebe nicht daran gelegen war, Fußballfans durch den Kakao zu ziehen, sondern deren lebenslange Liebe zu einer Gemeinschaft, denn nichts anderes ist der 1. FC Köln, in all seinen positiven wie negativen Aspekten darzustellen.

Ein Kölner König/Präsident redet über seinen Verein | Foto: David Baltzer

Begleitet wird das Oratorium von einem Programmheft, in dem Nina Rühmeier über Stadien, Vereine und Frauen im Fußball schreibt – zudem interviewt sie Rainald Grebe, der seine Absichten in Bezug auf das Stück beschreibt. Als Fazit des unterhaltsamen, aber mit 130 Minuten dann doch etwas langatmigen Abends kann man ziehen: Der 1. FC Köln ist wohl der einzige Verein, dem ein Theaterstück gewidmet wurde. Dabei wird mit einem Augenzwinkern auf die positiven (Gemeinschaft, Hingabe, Leidenschaft), aber auch negativen Dinge (Kommerzialisierung, Entsinnlichung) hingewiesen, die diesen Sport so einzigartig machen. Wenn man es mit dem 1. FC Köln hält und mal den Spiegel vorgehalten bekommen möchte, eignet sich der Besuch des Schauspiels Köln, wo das Stück noch fünfmal aufgeführt wird.

Uns jedenfalls hat es gut gefallen und vielleicht auch zu etwas Gelassenheit angeregt, denn bei aller Liebe und Leidenschaft: Fußball ist nur ein Sport und damit eine Nebensache. Es hilft jedoch dabei, Teil eines großen Ganzen zu sein, selbst wenn es der 1. FC Köln ist.

Das Stück „effzeh, effzeh“ wird noch fünfmal aufgeführt. Für Dienstag, den 29. und Mittwoch, den 30. Januar gibt es eventuell noch Karten an der Abendkasse. Noch nicht ausverkauft sind die Termine am 22., 23. und 26. Februar. Karten können über diesen Link bestellt werden, dort gibt es auch weitere Informationen zum Stück.

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