Folge uns
.

Geißbockheim

[ˈkatspɛr pʃɨˈbɨwkɔ] – oder einfach: Pritsche

Mit seinem Sonntagsschuss in letzter Sekunde schoss sich Kacper Przybylko in die kölschen Herzen. Ein Porträt des Stürmers mit dem komplizierten Nachnamen.

© effzeh.com
© effzeh.com

© effzeh.com

Den 14. April 2013 wird Kacper Przybylko sicherlich niemals vergessen. An diesem Datum erzielte der 20-Jährige sein allererstes Profitor für den 1.FC Köln. Es war nicht irgendein unwichtiger Treffer, es war eine Erlösung. Für den Spieler, für die Mannschaft, für knapp 46.000 Zuschauer im Müngersdorfer Stadion. Przybylko war zuvor in zehn Spielen ohne Erfolgserlebnis geblieben. Nun wurde er gleich mit seinem ersten Treffer zum Held: Kurz vor Abpfiff der bis dato torlosen Partie fasste der polnische U21-Nationalspieler seinen ganzen Mut zusammen, zog von der rechten Seite in die Mitte und zimmerte den Ball mit seinem schwächeren linken Fuß unhaltbar ins Aalener Tor. Der Rest war Jubel, Trubel, Heiterkeit in Köln-Müngersdorf.

Dass der 1,92 Meter große Sturmschlacks weiß, wo das Tor steht, zeigt alleine ein Blick auf seine Statistiken. Für die FC-Amateure erzielte er in 33 Regionalliga-Spielen satte 17 Treffer. Zuvor hatte er bereits in der NRW-Liga für Furore gesorgt: Für Arminia Bielefelds Reserve hatte „Pritsche“, so sein selbst gewählter Spitzname, in 13 Spielen 15x geknipst. Eine richtige Chance bei den Drittligaprofis erhielt der Jungspund aber nicht: Lediglich zwei Einsätze standen bis zur Winterpause 2011/12 für den Vollblutstürmer zu Buche. „Die Verantwortlichen haben nicht auf die jungen Spieler gesetzt“, gab Przybylko später zu Protokoll.

© effzeh.com

© effzeh.com

Um seinen Ambitionen auf höherem Niveau nachgehen zu können, gab der damals 18-Jährige, der die gesamte Jugendabteilung der Ostwestfalen durchlaufen hatte, dem Werben des FC nach. Und entschied sich damit gegen Angebote aus Dortmund, Leverkusen oder Hoffenheim. „Mit viel Überzeugungsarbeit ist es uns gelungen, ihn zum FC zu holen, wobei er nicht einmal Forderungen stellte“, erklärte Frank Schaefer den Transfer. Was für einen außerordentlich guten Griff der FC getätigt hat, wurde bereits nach wenigen Tagen offensichtlich: Bei seinem ersten Einsatz für die Geißbock-Reserve erzielte Przybylko direkt einen Treffer und bereitete einen weiteren vor. Ein Einstand nach Maß.

Es sollten noch neun weitere Tore folgen. Und nach dem bitteren Abstieg in die 2. Bundesliga die Beförderung in den Profikader. Die Vorschusslorbeeren vor der Saison waren immens. „Ein ganz besonderes Talent“, nannte ihn Sportdirektor Jörg Jakobs, „ein Rohdiamant“ mit einer „Riesenveranlagung“. Offenbar zu viel für den jungen Angreifer. Der FC kam schlecht aus den Startlöchern, „Pritsche“ bekam kaum Spielpraxis. Die Nachverpflichtung Anthony Ujahs in letzter Minute verbesserten Przybylkos Einsatzchancen nicht so recht. Selbstvertrauen holte sich der hoch aufgeschossene Mittelstürmer bei den Amateuren: Mit sechs Treffern und sechs Vorlagen war Przybylko ein wichtiger Faktor für den Aufschwung der Geißbock-Reserve vor der Winterpause.

© effzeh.com

© effzeh.com

Seine Wichtigkeit wollte Przybylko dann auch in der Rückrunde für die Profimannschaft unter Beweis stellen. Der FC gab Tese ab und verpflichtete Stefan Maierhofer als Ersatz für den glücklosen Nordkoreaner. Mit dem Transfer der „Ösi-Latte“, wie ihn der Boulevard prompt taufte, wollte Trainer Holger Stanislawski in der Offensive häufiger mit zwei Spitzen agieren. Ein System, das Przybylkos Spielweise entgegen kommt. Denn trotz seiner Größe ist der Pole keinesfalls ein reiner Strafraumstürmer, sondern ein mitspielender Angreifer mit passabler Technik. Der 20-Jährige sieht sich selber „als hängende Spitze  [..], die auch viel mit nach hinten arbeitet und lange Wege geht“. Dazu attestieren ihm die Beobachter einen ausgeprägten Torriecher: „Irgendwie bin ich meistens da, wo der Ball hinkommt. Manche sagen dazu, ich hätte das richtige Näschen“, erzählt der Mittelstürmer schmunzelnd.

Doch im Trainingslager in der Winterpause folgte die Schrecksekunde: Przybylko, bei den FC-Fans aufgrund seines schwierigen Nachnamens schon bekannt liebevoll „Konsonantenmonster“ genannt, brach sich im Test gegen MSV Duisburg den Ellenbogen und wurde durch diese Verletzung weit zurückgeworfen. Erneut kämpfte sich Kacper über die Amateure zurück in den Kader der Profi-Mannschaft. Gegen Regensburg kam er erstmals nach seiner Verletzung wieder in der 2. Bundesliga zum Einsatz und hinterließ einen guten Eindruck. Anspielbereit, technisch gut und laufstark initierte er als einzige Spitze einige Angriffe. Lediglich der Abschluss passte noch nicht – zwei gute Gelegenheit ließ „Pritsche“ liegen. Gegen Aalen sollte es dann mit dem ersten Profitor klappen.

© effzeh.com

© effzeh.com

„Ich war vorher vielleicht zu uneigennützig“, erklärt sich der Jungstürmer seine vorherige Torflaute und hofft, dass jetzt der Knoten geplatzt sei. Denn: „Pritsche“ möchte zeigen, dass die Hoffnungen in ihn nicht unberechtigt sind: „Der Verein hat im Winter Stürmer abgegeben, auf mich aber gesetzt. Dieses Vertrauen will ich zurückgeben“, so der 20-Jährige nach seinem entscheidenden Treffer, der ganz Müngersdorf erbeben ließ.  Von Christian Müller über Dieter Müller bis Toni Polster, von Hannes Löhr über Maurice Banach bis Lukas Podolski: Die Historie des Geißbock-Clubs ist voller Sturmgrößen von Rang und Namen.  Es sind also große Fußstapfen, in die „Pritsche“ treten könnte.

Doch schon vor der Saison warnte Frank Schaefer eindrücklich: „In die Rolle von Poldi oder Nova darf man ihn nicht drängen“, milderte die eine Hälfte des Sportdirektoren-Duos die Lobeshymnen seines Kompagnons ab. Dennoch lässt sich bereits jetzt erkennen: Entwickelt sich Przybylko so weiter, wird er zu einem wichtigen Baustein in der FC-Offensive werden. Oder um es mit Toni Schumacher zu sagen: „Wenn der sich nicht vom Weg abbringen lässt, werden wir noch viel Freude an ihm haben.“ Die ersten Vorboten dieser Emotionen durften alle FC-Fans am Sonntag in der 93. Minute erleben.

Und so schwer, wie es scheint, ist auch sein Name nicht. „Das ist einfach: Wenn die Lehrerin in die Klasse kommt und um Ruhe bittet, dann sagt sie ‚Psch`und dann hängt man einfach noch ein ‚bilko‘ dran“, erklärte „Pritsche“ schon vor der Saison im Interview bei FC.TV. Wäre das also auch geklärt.

Mehr aus Geißbockheim

.