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Zum 70. Geburtstag von Morten Olsen: Fußball-Methusalem beim 1. FC Köln und ewiger Nationaltrainer

Zum 70. Geburtstag von Morten Olsen kommen Anekdoten hoch, aber auch Erinnerungen an einen Spieler, der zunächst als zu alt galt. Doch der 1. FC Köln erlebte nicht nur den fittesten und schnellsten „Fußball-Methusalem“ seiner Geschichte, sondern auch einen modernen Trainer, der viel zu früh entlassen wurde.

Denmark's head coach Morten Olsen sings the national anthem during the friendly international football match between Denmark and the hosts of the Euro 2016 France in Copenhagen on October 11, 2015. AFP PHOTO / ODD ANDERSEN (Photo credit should read ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images)
Foto: ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images

Morten Olsen lächelte etwas überrascht, als ich ihn 2017 auf einer Veranstaltung in Brüssel auf seine Verbindung zum Weltklasse-Torwart Oliver Kahn ansprach. Bis dahin wusste der ehemalige Spieler und Trainer des 1. FC Köln nicht, was er mit dem Torwart-Titan der WM 2002 gemein hatte. Ein kurzer Blick auf einem YouTube-Ausschnitt via Smartphone klärte die Angelegenheit und der Däne lachte befreit auf. Er sah auf dem Zusammenschnitt einen verunglückten Abwurf eines früh erblondeten Jünglings im Karlsruher Tor, den sich der damals 38-jährige Olsen erkämpfen konnte, noch ein paar Meter Richtung Strafraum zurücklegte, um das Leder dann mit rechts scharf und unhaltbar in den Winkel zu dreschen.

Der Abiturient im KSC-Tor fing sich somit sein allererstes Profi-Gegentor von einem Fußball-Methusalem, als der Morten Olsen damals galt und der dazu alles anderes als ein gefürchteter Torschütze war. Es war der erste und damit vorletzte Treffer in 80 Bundesligaspielen des Dänen für seinen Verein. Das alles geschah am 27. November 1987 und Kahn fing sich an diesem Abend beim 4:0-Sieg des effzeh noch drei weitere Treffer. Doch Olsens Geschoss bleibt für immer sein erstes Gegentor in der Bundesliga.

Eine beeindruckende WM vor dem Wechsel zum 1. FC Köln

Die Kölner Fanszene wunderte sich schon ein wenig, als der 1. FC Köln nach der Weltmeisterschaft 1986 den dänischen Libero vom belgischen Spitzenclub RSC Anderlecht verpflichtete. Ja, Olsen spielte ein großartiges Turnier, „Danish Dynamite“ hatte in Mexiko zeitweise für Furore gesorgt. Preben Elkjaer Larsen, übrigens Mitglied im effzeh-Kader der Double-Mannschaft von 1978, spielte sich weltweit in den Fokus, traf viermal und galt als einer der besten Angreifer Europas. Nach einer 6:1-Gala gegen Uruguay überzeugten unsere Nachbarn auch gegen Deutschlands Elitekicker und schlugen diese mit 2:0. Olsen holte dabei einen Foulelfmeter für die seinen heraus, als der Libero spielende Däne plötzlich aus dem Mittelkreis sich Richtung FC- und Nationaltorwart Toni Schumacher durchspielte und nur durch ein Foul von Wolfgang Rolff (noch ein ehemaliger Kölner) zu stoppen war (siehe hier).

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Morten Olsen hatte also beeindruckt, denn gerade vor der WM 1986 hatten viele Vereine aufgrund der Höhenlage und der Hitze Sorge um ihre Spieler. Aber der fast 37-Jährige bewies, dass er aufgrund seiner herausragenden körperlichen Konstitution locker in der Lage war, nicht nur auf dem Niveau mitzuhalten, sondern sogar viele andere zu überragen. So wurde der UEFA-Cup-Sieger von 1983 und dreifache belgische Meister mit dem RSC Anderlecht letztlich doch der wohl älteste Neuzugang, den der 1. FC Köln in seiner Geschichte bis zum kurzen Intermezzo von Claudio Pizarro jemals verpflichtet hat.

Die Skepsis, die durchaus im effzeh-Fanlager herrschte, war aber schnell verflogen. Olsen zeigte sich in hervorragenden körperlicher Verfassung. Der „deutsche Beckenbauer“, wie er in Dänemark oft genannt wurde, überzeugte durch starke Leistungen und war für sein Alter immer noch recht schnell auf den Beinen. Mit seinem 1. FC Köln sorgte Olsen für viele positive Schlagzeilen, wurde mit den „Geißböcken“ 1988 unter Christoph Daum zunächst Dritter und in der Folgesaison sogar Vizemeister. Übrigens: Cheftrainer Christoph Daum war gar vier Jahre jünger als der Spieler Olsen, ein Problem ergab sich daraus nicht.

Von Christoph Daum ins FC-Mittelfeld getrickst

Im Gegenteil, denn nach dem Aus von Vorgänger Georg Kessler hatte Daum den dänischen Starspieler nicht nur zu seinem verlängerten Arm gemacht, sondern ihn sogar von der laufintensiven Mittelfeldposition überzeugen können. Dabei bediente sich Daum eines kleinen Tricks, denn der Däne galt schließlich als Weltklasse-Libero und hatte selten etwas anderes gespielt. Da er wusste, dass Olsen schon zu dieser Zeit eher wie ein Trainer dachte, sprach er ihn auf die zu vielen Gegentore an. „Das liegt am Mittelfeld“ tappte der Däne in die Daum-Falle, denn der konterte „… und wer könnte das am besten lösen?“ Olsen nickte: „Wer das spielen kann? Eigentlich nur ich“ … und so spielte Olsen in Köln eben nicht Libero und stabilisierte in vorderer Linie den Defensivverbund.

„Wer das spielen kann? Eigentlich nur ich“

Eine der schönsten Anekdoten um den Spieler Olsen handelt von einem Freundschaftsturnier in Israel. In Tel Aviv, einer Stadt, in der es sich sehr manierlich feiern lässt, überzog der Mittelfeldroutinier mit fünf weiteren Spielern nach einem 5:2-Sieg über Mönchengladbach den von Trainer Daum gesetzten Zapfenstreich. Bei kühlen Erfrischungsgetränken wurde der Flüssigkeitsverlust wieder ordentlich reguliert. Als die Gruppe im Morgengrauen dann im Mannschaftsquartier leicht angebrütet auftauchte, war Trainer Daum bereits schwer angesäuert.

https://twitter.com/fckoeln/status/1161532991895724033

Aber was machte Olsen? Er lief laut durchs ganze Hotel, pochte wie wild an den Türen aller Mannschaftskollegen und verordnete der Truppe aus eigener Initiative zu sehr früher Stunde ein Straf-Lauftraining. Nun gut, manche wechseln sich selbst ein und andere verordnen ein komplettes Straftraining gegen sich selbst und da man als Mannschaft zusammenhält, überzeugt man die anderen zum Mitmachen. Die Tatsache, dass – trotz leichtem Murren – ausnahmslos alle dabei mitmachten, zeigte das Standing und die Bedeutung des Dänen in der damaligen Mannschaft.

Nach Beckum war für Olsen Schluss beim 1. FC Köln

Mit knapp 40 Jahren war dann schließlich doch Schluss, denn 1989 beendete Olsen seine Karriere als Spieler beim 1. FC Köln. Nun bedauerten es viele aus der Fanschar, dass der „alte Mann“ nicht mehr auf dem Platz zu sehen sein würde. Er hatte es im verhältnismäßig kurzen Zeitraum von drei Jahren geschafft, zu einer in der effzeh-Historie mehr als anerkannten Figur zu werden, an die man sich gerne zurück erinnert. Dies führte letztlich auch dazu, dass er ferner immer genannt wurde, wenn man von neuen FC-Trainern sprach.

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Bereits im April 1993 war es so weit: Olsen kehrte als Cheftrainer zum 1. FC Köln zurück und rettete den Verein zunächst einmal vor dem Abstieg. In den beiden folgenden Jahren wurde der effzeh unter dem dänischen Fußball-Fachmann Elfter und Zehnter, was nicht dem Anspruch des Vereins entsprach. Doch angesichts einer eher biederen Truppe, die längst nicht in der Lage war, Olsens stark pressing-orientiertes Fußballideal umzusetzen, waren diese Platzierungen als Erfolg zu werten. Das sahen allerdings nicht viele in Köln damals so.

COLOGNE, GERMANY - AUGUST 21: coach Morten Olsen of 1. FC Cologne is seen during the bundesliga match between 1. FC Cologne and Hamburger SV on August 29, 1995 in Cologne, Germany. (Photo by Andreas Rentz/Bongarts/Getty Images)

Foto: Andreas Rentz/Bongarts/Getty Images

Als der effzeh dann am 26. August 1995 in der ersten Runde des DFB-Pokals in Beckum sensationell aus dem Wettbewerb flog, war auch Olsens Zeit beim 1. FC Köln Geschichte. Viel zu früh in der Saison wurde eine populistische Reißleine gezogen, die zu diesem Zeitraum der Saison überhaupt noch nicht notwendig war. „Typisch effzeh“, könnte man dazu sagen, schließlich galt der einstige Nationalspieler bereits damals als hochangesehener Trainer, der seinen Vertrag in Köln zuvor noch um zwei Jahre verlängert hatte – trotz eines sehr guten Angebots aus Spanien, wie Olsen im Interview auf der FC-Homepage erklärte. „Als ich dann noch sehr früh in der neuen Saison entlassen wurde, war das schon eine riesige Enttäuschung für mich, da ich den Spaniern ganz bewusst abgesagt hatte, um meinen Vertrag beim FC zu erfüllen“, betont der heute 70-Jährige.

Trotz Angeboten von FC und DFB: Olsen, der ewige dänische Nationaltrainer

Nach einer Schaffenspause übernahm er mit Ajax Amsterdam dann auch einen mehr als renommierten Verein, mit dem er auch prompt große Erfolge erzielte und das Double holte. Ab dem Jahr 2000 war er schließlich für die dänische Fußball-Nationalmannschaft verantwortlich und wurde dort zum dienstältesten Trainer der Verbandsgeschichte. Er qualifizierte sich mit Dänemark für die Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan, für die Europameisterschaft 2004 in Portugal, ebenso für die WM 2010 in Südafrika als auch für die EM 2012 in Polen und der Ukraine. Weiterhin war Morten Olsen seit 2006 für die dänische Jugendausbildung verantwortlich und führte dabei ein 4-3-3-Standardsystem nach niederländischem Muster ein.

„Ich hatte ein fantastisches Leben im Fußball und so, wie es jetzt ist, ist es auch sehr schön.“

In all der Zeit blieb der Kontakt nach Köln aber bestehen, immer wieder war der einstige Spieler und Trainer für einen Posten bei den „Geißböcken“ im Gespräch. Dieser Tage wurde nun sogar bekannt, dass dem einstigen Kölner 2004 auch ein Angebot vorlag, Nachfolger von Rudi Völler als deutscher Nationaltrainer zu werden. Doch der Däne entschied sich, weiter für sein Land aktiv zu sein – erst nach 15 langen Jahren trat Morten Olsen von seinem Amt zurück. Anfang 2018 gab er schlussendlich bekannt, dass er seine Trainerkarriere als beendet sieht. In der Nähe der belgischen Hauptstadt Brüssel genießt Olsen nun mit seiner Frau den Ruhestand – Angebote von Nationalmannschaft, aber auch aus der Bundesliga lehnte er nach eigenen Aussagen ab. „Ich hatte ein fantastisches Leben im Fußball und so, wie es jetzt ist, ist es auch sehr schön.“

Den 1. FC Köln immer noch im Herzen

Noch einmal zurück zum persönlichen Treffen im Sommer 2017. Der effzeh hatte sich gerade für Europa qualifiziert, was ihn sehr erfreute. Dennoch war im Gespräch zwischen den Zeilen immer wieder zu hören, das er eher für den aktiveren und attraktiveren Fußball steht und das er dies in Köln, so wohl er sich dort immer noch fühlt, prinzipiell nur selten zu sehen bekommt. Allerdings wusste er auch, wie sehr abhängig das auch vom jeweiligen Kader ist. Dennoch wünschte er damals zum Abschied dem effzeh nicht nur viel Erfolg, sondern auch attraktive Spiele für die tollen Fans des Vereins.
Eines aber wurde jedem klar, der sich mit ihm unterhielt: In dem Mann steckt noch sehr, sehr viel effzeh-Herzblut – kaum verwunderlich, dass sich Olsen zukünftig wieder mehr Spiele der „Geißböcke“ anschauen möchte. Nicht nur deshalb, aber eben auch darum wünscht man ihm in Köln sicher alles Gute zu seinem 70. Geburtstag.

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