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Kolumnen

Imageplus für RBL: „Ein klares Bild“

Keine Politik im Stadion? Blödsinn, sagt „Linksaußen“. Die effzeh.com-Kolumne von David Schmitz zu allem, das weit über den Spielfeldrand hinaus und tief in die Gesellschaft hineingeht.

Der Leipzig-Macher: Ralf Rangnick | Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images

KOLUMNE | Manches kannste‘ Dir einfach nicht ausdenken. Zum Beispiel den Auftaktgegner, dem RB Leipzig im ersten Bundesliga-Spiel der überaus jungen Clubgeschichte am kommenden Wochenende gegenüberstehen wird. Es ist wirklich die TSG Hoffenheim!

Da fährt man einmal in Urlaub und schon entwickelt die Fußballwelt in der Sommerpause plötzlich Humor. Die von Brausehersteller „Red Bull“ alimentierten Leipziger treffen tatsächlich auf die von SAP-Milliardär Dietmar Hopp in die Bundesliga gehievten Hoffenheimer. We see what you did there! Trifft sich schließlich auch prima – in der SAP-Arena zu Sinsheim brauchen die Neulinge keine Pfiffe oder heftigere Schmähungen beim Premieren-Spiel befürchten. Andernorts hätte das deutlich anders aussehen können.

Schlagzeile: „Umfrage: RB Leipzig mit verbesserten Imagewerten“

Foto: Screenshot "Google News"

Foto: Screenshot „Google News“

Aber wenn es nach RB geht, ist die Zeit der Anfeindung und Ablehnung ja ohnehin vorüber. Das zumindest suggerieren die heutigen Sportnachrichten wohin man auch schaut flimmert eine Meldung durch die Newsspalten. „Umfrage: RB Leipzig mit verbesserten Imagewerten“, steht da meistens geschrieben. Die Nachricht stammt vom „Sport-Informations-Dienst“ (SID) – der führenden deutschen Presseagentur im Sportbereich. Und das erklärt auch, warum sich Überschrift und Inhalt bei vielen Redaktionen nahezu identisch lesen. Die meist mindestens halb-automatisch eingepflegten News-Meldungen des „SID“ finden also eine große Verbreitung. Oder anders ausgedrückt: Auch Botschaften lassen sich damit gut transportieren.

„Eine jüngste Studie der Firma Intelligent Research In Sponsoring (IRIS) aus Karlsruhe belegt zumindest, dass sich die Imagewerte des sächsischen Klubs seit Sommer 2015 deutlich verbessert haben“, heißt es in der Meldung. Und weiter: „Als „sympathisch“ stuften genau 50 Prozent der Befragten ein, nach 42 bzw. 45 Prozentpunkten in den vorherigen Umfragen.“ Außerdem seien die Werte in den Rubriken „ambitioniert“, „leidenschaftlich“ und „bodenständig“ genauso gestiegen, wie die „Glaubwürdigkeit“ von RBL. Läuft also bei Leipzig!

Ebenfalls im „SID“ lief zusätzlich aber auch ein längeres Stück über den Retortenclub, der nicht als Retortenclub wahrgenommen werden will. „Das unterstreicht, was wir seit Monaten sagen und spüren: Wir sind längst salonfähig“, heißt es da von Vorstandschef Oliver Mintzlaff in Bezug auf die Erkenntnisse der „IRIS“-Studie – die zuvor als Meldung verbreitet wurde.

RB-Vorstandschef: „Wir sind längst salonfähig“

Wie war das noch gleich mit Statistiken? Man soll sie nicht glauben, wenn man sie nicht selbst ge… prüft hat! Grund genug für „Linksaußen“, doch einmal genauer hinzuschauen – in der „SID“-Meldung erfährt der Leser gar nichts über die Befragten oder deren Anzahl.

Ein Besuch der Website von „Intelligent Research in Sponsoring“ hilft nicht weiter – die Studie ist dort nicht zu finden. Der YouTube-Kanal, dessen Zugehörigkeit zum Unternehmen zwar nicht gesichert ist, der aber die Website von „IRIS“ verlinkt, bringt auch keine Erkenntnis. Na ja, außer dass „IRIS“ offenbar die Youtube-Kanäle von „Red Bull“, „Red Bull Racing“ und der „Scuderia Toro Rosso“ abonniert hat – was aber natürlich nichts heißen muss. Immerhin: Der „kicker“ liefert tiefer gehende Informationen. Von RB „öffentlich gemacht“, aber nicht „in Auftrag gegeben“ sei die Studie von „IRIS“, heißt es im Fachmagazin. Um aber die Frage zu klären, wie die Ergebnisse ermittelt wurden, müssen wir etwas tiefer im Netz wühlen. Dafür mit Erfolg!

Denn das „ESB Martketing Netzwerk“ berichtet auf seinem Online-Portal über die „Multi-Client-Marktforschungsstudie“, die offenbar auf den Namen „IRIS Elfmeter“ getauft wurde. Zwar bezieht sich der Bericht auf die Auftaktergebnisse aus dem Sommer 2015 und nicht auf die aktuell publizierten. Die nun veröffentlichten Werte nehmen allerdings Bezug auf die Ergebnisse des Vorjahres. Die Methodik und die Größe der Stichprobe dürfte sich also nicht geändert haben. Und so erfahren wir, dass im letzten Sommer beim sogenannten „IRIS Elfmeter“ tatsächlich „259 Fußballinteressierte, die ein klares Bild von RB Leipzig haben“ befragt wurden. So heißt es zumindest im „ESB“-Bericht und dem dort verlinkten PDF-Dokument zur Studie.

Ralf Rangnick | Foto: ROBERT MICHAEL/AFP/Getty Images

Ralf Rangnick | Foto: ROBERT MICHAEL/AFP/Getty Images

Das „klare Bild“ von RB Leipzig

Aber was bedeutet das? Zum einen ist die Stichprobengröße mit 259 Personen nicht gerade üppig. Daraus Großartiges über die Stimmungslage von mehreren Millionen „Fußballinteressierten“ in Deutschland abzuleiten, dürfte also schon quantitativ problematisch sein. Zwar gibt es keine konkrete Zahl, die überschritten werden müsste, um Repräsentativität herzustellen, dennoch sollte die Stichprobe – gerade wenn sie klein ist – ein möglichst genaues Abbild der Gesamtmenge (also hier der „Fußballinteressierten“) sein. Das wird allerdings erheblich erschwert, wenn nur Teilnehmer, die „ein klares Bild von RB Leipzig haben“ befragt werden. Und das lässt viel Raum für Spekulationen. Denn was ist denn ein „klares Bild“, wie wird es definiert und wer legt mit welcher Methode fest, ob es bei einem Teilnehmer vorhanden ist, oder nicht? Nichts Genaues weiß man nicht.

Aber in Leipzig dürfte es vermutlich niemanden gestört haben, das solch unwichtige Details der Studie, die RB veröffentlicht hat, sich nicht in der „SID“-Meldung wiederfinden. Die Überschrift „259 Fußballinteressierte mit ‚klarem Bild von RB Leipzig‘ sehen Image des Aufsteigers pünktlich zum Saisonstart gegen Hoffenheim in der Bundesliga verbessert“, liest sich aber zugegebenermaßen wirklich nicht so schön. „Umfrage: RB Leipzig mit verbesserten Imagewerten“ ist da doch ein bisschen griffiger. Und passt ja auch besser zum Motto. Red Bull verleiht schließlich Flügel. Vor allem offenbar sich selbst.

Sehr geehrte Damen und Herren, das war die vierte Ausgabe der „Linksaußen“-Kolumne, deren Autor diese Position tatsächlich auf dem Platz bekleidet hat. Und jetzt sag mir noch mal einer, Politik und Fußball hätten nichts miteinander zu tun.

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