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Teile der Fanszene des 1. FC Köln schließen sich dem Protest gegenüber dem Montagsspiel in Bremen an und bleiben zuhause. Anstelle eines Vorspiels gibt es von unserer Autorin eine Erklärung, warum das so ist.

Liebe Leserschaft,

hier sollte eigentlich ein Vorspiel stehen. Ich würde mit und für euch die  Ausgangslage vor unserem Auswärtsspiel gegen den SV Werder Bremen analysieren. Wie weh die unfassbar bittere Niederlage gegen Stuttgart am vergangenen Sonntag getan und was sich die Woche über am Geißbockheim abgespielt hat. Ich würde aufschreiben, dass der Einsatz von Fußballgott Jonas Hector für unser Montagsspiel in Bremen fraglich ist und eventuell darüber sinnieren, warum Koziello in die Startelf gehört.

Eventuell würde ich das Bremer Angriffsspiel analysieren, ehe der Saisonverlauf der Grün-Weißen unter die Lupe genommen wird. In jedem Fall würde ich zu dem Schluss kommen, dass es kein normales Spiel um drei Punkte ist, sondern die Punkte für beide Mannschaften in ihrer jeweiligen Situationen die Welt bedeuten. Würde. Wenn das Spiel nicht an einem gottverdammten Montag stattfinden würde. Ich glaube, inzwischen habt ihr gemerkt, dass euch hier heute kein gewöhnliches Vorspiel erwartet.

Warum gab es nicht früher den Protest gegen ein Montagsspiel?

Viel lieber möchte ich mit euch über ein anderes Thema sprechen, dass gerade viele Fußballfans umtreibt. Als die DFL für die Saison 2017/18 fünf Montagsspiele ankündigte, waren die Reaktionen sehr unterschiedlich. Die einen jubelten, dass sie endlich nicht mehr “Das Traumschiff” oder sonst einen schlechten Film im Öffentlich-Rechtlichen schauen müssen, die anderen schrien und sagten nach einem Blick in die Glaskugel das Ende der Fankultur voraus. Und dem ganz großen Rest war es schlichtweg egal. Doch nun sind besagte Montagsspiele terminiert und auch den 1. FC Köln erwartet ein montägliches Flutlichtspiel in der Ferne. Rund 320 Kilometer entfernt, um genau zu sein.

COLOGNE, GERMANY - OCTOBER 22: fans of FC Koeln show their support during the Bundesliga match between 1. FC Koeln and SV Werder Bremen held at RheinEnergieStadion on October 22, 2017 in Cologne, Germany. (Photo by Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images)

Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images

Für die Auswärtsfahrer, die die Mannschaft treu begleiten, bedeutet das: mindestens einen Tag Urlaub nehmen. Zum Vergleich: Zwei Tage Urlaub habe ich mir für die Europa-Touren nach Großbritannien, Weißrussland und Serbien genommen. Die Entscheidung, nicht nach Bremen zu fahren, fiel mir nicht leicht. Gegen Boykott sprach für mich die prekäre Situation, in der sich der 1. FC Köln befindet und dass wir in Bremen gegen einen direkten Konkurrenten antreten, bei dem wir quasi zum Siegen verdammt sind. Wichtige drei Punkte, die sich anfühlen würden wie mindestens das Doppelte. Außerdem habe ich in der aktuellen Spielzeit noch kein Pflichtspiel verpasst, wenn man unser Schaulaufen bei einem neureichen Brausefabrikant im Osten Deutschlands ausnimmt – doch auch das hatte seine Gründe. Als die aktive Fanszene des 1. FC Köln ankündigte, dem Montagsspiel in Bremen fernzubleiben, entschied ich mich für den Protest und gegen die Auswärtstour nach Bremen.

Praktische Gründe für Boykott, aber es geht ums Prinzip

Versteht mich nicht falsch, der FC ist mir meine Urlaubstage durchaus wert. Im Kalenderjahr 2017 habe ich meinen gesamten Jahresurlaub nach dem Spielplan ausgerichtet – und es war mir eine Ehre. Wir sind zusammen durch Europa gereist und haben uns jeden noch so schlimmen Grottenkick tapfer im heimischen Müngersdorf angeschaut. Doch zurück zum vorrangigen Objekt der Kritik: den Montagsspielen. Warum ich an einem so wichtigen Tag zu Hause bleibe und nicht nach Bremen fahre, hat praktische Gründe, es geht aber auch um das Prinzip.

Fanvertreter werden nicht müde, den neuen Fernsehvertrag zu kritisieren, dem die DFL und die Vereine (ja, auch der ruhmreiche 1. FC Köln hat der Zersplitterung der Spieltage zugestimmt und sich finanziell ein kleines Stück vom Kuchen gesichert) zugestimmt haben und die damit verbundene Aufsplittung der Anstoßzeiten. Das Ziel der DFL: Mehr Fernsehgelder erwirtschaften, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Dass der moderne Fußball eben einfach nur ein knallhartes Business ist, verneine ich ja gar nicht. Aber gut finden muss ich es nicht. Ich habe schon lange das Gefühl, dass der Fan, der ins Stadion geht, nicht nur nicht mehr gehört, sondern auch vielmehr schlichtweg als lästig empfunden wird. Fans, die sich teure TV-Abos kaufen, sind definitiv lukrativer. Ein Stadiongänger hat sich eine teure Eintrittskarte zu kaufen, Stimmung zu machen („Oh, diese tollen Choreografien sind sooo schön“), eine „leckere Stadionwurst von Remagen“ zu essen und ein alkoholfreies Bier oder ein „mineralisiertes Wasser von Dauner“ zu trinken. ES KOTZT MICH MASSIV AN! Doch ich schweife ab.

Fans boykottieren und der symptomatische Aufschrei folgt auf den Fuß

Die Fanszene verkündet, nicht nach Bremen zu fahren und noch in derselben Sekunde schreien alle auf. „Wichtigtuer!“, heißt es. Weil sie für ihre Rechte als Fan einstehen und zeigen, dass sie eben NICHT alles mitmachen? Ich sage dagegen: Mündige Bürger, die für ihre Rechte und Interessen einstehen. „Ihr schadet der Mannschaft!“, heißt es. Habe ich es verpasst oder steht die Fanszene in Bremen auf dem Platz? Knoten sie ihnen die Schnürsenkel der Fußballschuhe zusammen oder nähen sie das gegnerische Tor zu? Oder gibt es vielleicht ein Gesetz, das besagt, dass Auswärtsfahrer (egal ob Allesfahrer oder Vielfahrer oder Gelegenheitsfahrer) immer auswärts fahren müssen?

Dass sie da sein und ausnahmslos immer die Stimmung hochhalten müssen, für die sich vor allem Klatschpappen-Inhaber so gerne abfeiern? Werden Auswärtsfahrer etwa dafür bezahlt für ihre Dienstleistung? Fanszene Köln, ihr Dienstleister in Sachen „Stimmung“! Ich denke nicht. Aber woher kommt dieses Anspruchsdenken denn, dass so viele Sofa-Gucker gegenüber den Fans im Stadion zu haben scheinen? Um es mal mit den Worten eines vorbestraften Steuerhinterziehers zu sagen: „Eure Scheiß-Stimmung – da seid ihr doch dafür verantwortlich und nicht wir.“

Das Montagsspiel ist und bleibt ein Arschloch

Ganz ehrlich, niemand mag Montage. Ich persönlich empfinde Montage als eine Zumutung. Ich finde es unzumutbar, dass ich morgens eine Hose anziehen, in die Bahn steigen und den ganzen Tag an meinem Schreibtisch verbringen muss. Ich mache drei Kreuze, wenn ich diesen Arschlochtag überstanden habe. Aber mal Spaß und jeglichen Populismus beiseite: Wer möchte montags ins Stadion pilgern und am Dienstag wieder früh aufstehen? Der Montag ist und bleibt ein Arschloch.

>>>Filmemacher Steffan über die Double-Saison: „Köln war damals eine europäische Metropole“

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1 Kommentar

  1. Ihr müsst mal flexibler werden… ein Vergleich mit der NBA wäre falsch, hier muss fast täglich gespielt werden, um den Spielplan zu erfüllen. Aber schaut in die NFL: Monday Night Games sind meist Hammerpartien mit super Quoten. Dort gibt es zudem TNF (Thursday Night Football) und am Sonntag drei bis vier Sendezeiten. Das ist eine Milchmädchenrechnung, auch für die Bundesliga: Wie viele Zuschauer kommen in ein Stadion? ~60.000. Wie viele Menschen sehen sich ein Spiel + Werbeinhalte im TV an? 800.000 +. Auf einen Stadionbesucher kommen mindestens 13 Zuschauer. Da gibt’s viel Geld! je mehr Einzelspiele übertragen werden, desto mehr Zuschauer, desto mehr Werbe- und Vermarktungseinnahmen. Anstatt hier im Wege zu stehen, sollten wir konkurrenzfähig werden. Ob Premier League oder La Liga, hier spielen Messi und Ronaldo wahlweise an neun (!) Spielzeiten, von Fr. über Sa. und So. bis Mo. verteilt, von 13 bis 21 Uhr. Das bringt maximale Reichweite, gar bis in andere Zeitzonen durch die Anstosszeitenvariation. Resultat sind Megaverträge mit den Sendeanstalten = Geld für die Vereine. Die Qualität der Liga wird daran gemessen. Tradition hin oder her – im Endeffekt wird Tradition zukünftlich sogar nur so erhalten werden können. Bringen die TV-Verträge vergleichsweise wenig Geld, werden nur die Vereine in der 1. Bundesliga bestehen können, die über gute Geldspritzen verfügen (Sponsoren). Mal ganz abgesehen vom Chancenverhältnis im internationalen Wettbewerb. Ultras hin oder her, Fußballspiele reichen weit über den Stadionbesucher hinaus und genau das ist es, was monetarisiert werden soll. Wer am Montag ins Stadion kann, soll gehen und wer nicht, der verpasst halt mal ein Spiel vor Ort und schaut es stattdessen im TV. Ganz einfach.

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