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Jeff-Jas-Kolumne: Entweder voll oder ganz!

Wieder ins Stadion zum 1. FC Köln, aber nicht komplett mit alle Mann? Nicht mit unserem Autoren, der sich lieber an Toni Polster orientiert. Die neue Jeff-Jas-Kolumne.

Cologne's players greet the absent fans in front of empty stands after the German first division Bundesliga football match FC Cologne v Eintracht Frankfurt on June 20, 2020 in Cologne, western Germany. (Photo by SASCHA SCHUERMANN / various sources / AFP) / DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR QUASI-VIDEO (Photo by SASCHA SCHUERMANN/AFP via Getty Images)
Foto: SASCHA SCHUERMANN/AFP via Getty Images

Leev Lück,

der glorreiche 1. FC Köln – oft kopiert, doch nur selten erreicht – spielt auch in der kommenden Saison in der Bundesliga. Das steht seit dem vergangenen Wochenende auch rechnerisch fest, wobei die „Geißböcke“ vermutlich schon mit dem Sieg in Paderborn Anfang März die nötigen Punkte auf dem Konto hatten. Seitdem kamen nicht mehr viele hinzu: Vier Remis und fünf Niederlagen fuhr der FC ein und übte sich in längst vergessen geglaubter Leistungslosigkeit. Auch deshalb fiel meine persönliche Klassenerhaltsfeier etwas ruhiger aus als geplant. Denn eigentlich hatte ich Anfang Dezember keinen Pfifferling auf den Ligaverbleib dieser Mannschaft gesetzt.

Es ist schon eine Leistung, dass sich das Team selbst aus diesem Sumpf gezogen hat und am Ende über dem ominösen Strich enden wird. Doch gleichermaßen bin ich auch etwas skeptisch, was die nähere Zukunft anbetrifft, denn die schwachen Auftritte nach dem Re-Start der Bundesliga geben mir einfach kein gutes Gefühl. Im Grunde hat der FC in dieser Saison drei Monate komplett überperformt – und ansonsten wenig am Spielbetrieb teilgenommen. Diese Aufs und Abs hinterlassen mich einigermaßen ratlos. Ist die Mannschaft nicht besser? Will sie einfach nicht mehr als das, ist sie etwa satt und zufrieden? Oder ist derzeit alles Kopfsache?

Vereine planen den Re-Start auf den Tribünen

Nicht nur Kopfsache sind auf jeden Fall die Entzugserscheinungen, was den Stadionbesuch anbetrifft. Ich vermisse das Müngersdorfer Stadion. Ich vermisse es, mich mit meinen Freunden am Kiosk auf der Aachener Straße mit Wegkölsch einzudecken. Ich vermisse das Jubeln, das Fluchen, das Zittern, den Frust und die Freude. Ich schaue mir diese sogenannten „Geisterspiele“ zwar an, aber richtig emotional wird es bei mir einfach nicht. Es fehlt etwas. Wir Fans fehlen. Die jubeln, fluchen, zittern, sich freuen oder frustriert sind. Fußball ist nichts ohne Fans? So weit würde ich nicht gehen, aber dass die Atmosphäre eines Stadions ein wesentlicher Bestandteil der Faszination ausmacht – das dürfte jetzt auch dem letzten Entscheider klar geworden sein.

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Das dürfte allerdings nicht der Hauptgrund sein, weshalb die Bundesliga-Clubs nun inmitten einer immer noch grassierenden Pandemie (hier eher weniger schlimm, anderswo deutlich schlimmer!) schon Gedankenspiele in die Öffentlichkeit tragen, wie die Stadien zumindest teilweise gefüllt werden können. So soll beispielsweise am kommenden Spieltag in Dortmund mit „Hightech-Hilfe“ getestet werden, ob und wie eine immerhin fünfstellige Zuschaueranzahl in den Spielstätten anwesend sein kann. Inklusive solcher tollen Gimmicks wie Fiebermessen und Abstandskontrolle. Überwachung pur, nur um ein Fußballspiel besuchen zu können. Aber die Einnahmen durch die eigenen Fans sollen halt nicht komplett wegbrechen, wenn vielleicht im September die neue Saison startet.

Sie wird auch dann ohne mich im Stadion beginnen. Denn: Gänzlich abgesehen von den gesundheitlichen Risiken, die ich mit einem Besuch bei einer Großveranstaltung wie einem Bundesliga-Spiel eingehen würde, möchte ich nicht Teil einer (in welcher Form auch immer) ausgewählten Masse sein, die nun doch reindarf. Ich könnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, wenn meine besten Kumpels draußen bleiben müssten, ich aber ins Stadion kann. Das empfinde ich als zutiefst unsolidarisch – nicht nur meinen Freunden gegenüber, sondern auch gegenüber anderen Fans, die diesen Club genauso lieben wie ich und gerne bei den Spielen dabei wären. Ich kenne auch niemanden in meinem Bekanntenkreis, der das anders sieht.Ich werde niemanden verurteilen, der trotzdem dabei sein wird. Aber für mich kommt es definitiv nicht infrage. Wie sagte schon der österreichische Philosoph Toni Polster: „Entweder voll oder ganz!“

„Eine lahme Karikatur des Normalzustands“

Die Vereine haben sich aus finanziellen Gründen dafür entschieden (und entscheiden müssen), wieder in den Spielbetrieb zu gehen. Ohne Fans. Für diese Entscheidung habe ich Verständnis, wenngleich ich sie vermutlich anders getroffen hätte. Aber die Konsequenzen dieser Entscheidung müssen die Vereine nun eben auch einfach tragen. Die Kollegen von schwatzgelb.de haben dazu lesenswert formuliert: „Wer wahllos einige tausend Zuschauer auslost und sie willkürlich im Stadion verteilt, erzeugt keine Fußballatmosphäre, sondern nur ein weiteres, trauriges Zerrbild von dem, was für einen Fan das Wochenende richtig liebenswert macht. Es sind dann einfach 10.000 Leute, die um das Feld herum sitzen und Fußball gucken. […] Die Vereine haben entschieden, unter den aktuellen Bedingungen weiterzumachen, um Einnahmen zu generieren. Das ist absolut legitim, allerdings müssen sie dann auch die vollen Konsequenzen (er)tragen, statt krampfhaft zu versuchen, eine lahme Karikatur des Normalzustandes zu erzeugen. […] Das, woran die Vereine jetzt arbeiten, ist nichts anderes als eine Verneinung dieser Seele und die Reduzierung ihrer unzähligen und bunten Facetten auf den Aspekt des zahlenden Zuschauers.

12.05.2019, xjpx, Fussball 2.Bundesliga, 1.FC Koeln - SSV Jahn Regensburg emspor, v.l. Suedkurve vor Spielbeginn mit einem Banner: Wir sind die Fans - Wir sind der Verein (DFL/DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS as IMAGE SEQUENCES and/or QUASI-VIDEO) Koeln *** 12 05 2019 xjpx Soccer 2 Bundesliga 1 FC Koeln SSV Jahn Regensburg emspor v l Suedkurve vor Spiellbein with a banner We are the fans We are the club DFL DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS as IMAGE SEQUENCES and or QUASI VIDEO Koeln

Foto: imago images/Jan Huebner

Der zahlende Zuschauer ist mittlerweile halt vor allem vor den Fernsehbildschirmen gefragt – und für den soll die Atmosphäre möglichst angenehm und lebensecht gestaltet werden. Dass die Bundesliga in den kommenden vier Jahren etwas weniger TV-Einnahmen generieren wird, kann ich nicht als positives Zeichen für die Fans wahrnehmen. Auf eine Gesundschrumpfung braucht man in meinen Augen nicht zu hoffen. Die Abhängigkeit von denen, die das große Geld geben, wird weiterhin größer sein als die Wertschätzung der eigenen Anhänger. Und im Zweifel wird wieder die 50+1-Regel infrage gestellt, wenn es um die internationalen Wettbewerbsfähigkeit und die nationale Langeweile an der Tabellenspitze geht. Als wäre das ein entscheidendes Kriterium für Fans von Vereinen wie dem 1. FC Köln. Die Bundesliga ist doch längst durch verschiedene Problemfelder zur Mehrklassengesellschaft verkommen, deren Abstände von Jahr zu Jahr größer werden.

Die Fans murren, die Basis bröckelt

Zustände, die auch in den Fanszenen für Kritik gesorgt haben und weiterhin sorgen. Zustände, weshalb sich diverse überregionale Interessensgemeinschaften und zahlreiche Fanklubs (auch des 1. FC Köln) zur Initiative „Unser Fußball“ zusammengeschlossen haben. Sie alle machen sich für einen „neuen Fußball“ stark, der „basisnah, nachhaltig, zeitgemäß“ sein soll. Für die Einleitung konkreter Reformen, für einen glaubhaften Grundsatzbeschluss. „Weitermachen wie vor der Krise darf keine Option sein. Wir wollen nicht zurück zu einem kaputten System“, heißt es in der Erklärung des Bündnisses. Es sind Forderungen, die seit der Corona-Krise etwas mehr Widerhall finden, auch wenn sie natürlich reichlich idealistisch daherkommen. Dennoch: Der Profifußball, längst Teil der Unterhaltungsbranche, hat ein Imageproblem bei seinen hartgesottenen Anhängern.

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Während sich die organisierten Fußballfans zahlreiche Gedanken um die Zukunft des Profibereichs machen, muss ich als Anhänger des Amateurfußballs die Gegenwart akzeptieren. Und die heißt nahezu überall: Saisonabbruch. Auch der Fußballverband Mittelrhein hat nun die Spielzeit für beendet erklärt. Das ist schade für all die Jungs und Mädels da draußen, deren große Leidenschaft das Kicken ist. Aber es ist die vernünftige Entscheidung, wenn ich beispielsweise an all die verlotterten Kabinen und beschissenen Duschen denke, die dieser Sport mir in meiner aktiven Zeit geboten hat. Von umfangreichen und teuren Konzepten, wie sie die Bundesliga umsetzt, ist der Amateurbereich Lichtjahre entfernt. Hoffentlich zerstört dies die Basis des Fußballs nicht endgültig – es wäre schade um all die tolle Arbeit, die in den Vereinen zu großen Teilen ehrenamtlich geleistet wird. Und wo soll ich dann am Sonntag in Ruhe Bier und Bratwurst am Ascheplatz genießen?

Euer Jeff Jas

In unregelmäßigen Abständen schreibt Jeff Jas an dieser Stelle über die groben Fouls und versteckten Nickligkeiten im Fußball, die Diskussionen auf dem Platz, an der Seitenlinie, in der Kabine, auf der Tribüne und an der Theke. Er fühlt sich überall zuhause, wo der Ball rollt: Vom Aschenplatz auf der Schäl Sick über das Müngersdorfer Stadion im Kölner Westen bis zu den Hochglanzarenen dieser Welt.

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