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Nachspiel

Helau 0 – Alaaf 1

Dem effzeh gelingt beim FSV Mainz 05 die Pokal-Überraschung. Der Ex-Nullfünfer Risse ist es, der mit seinem Treffer das Tor zur 3. Runde aufstößt.

Ziel: In der Bundesliga etablieren. © Frank Schneeweiß
© Frank Schneeweiß

© Frank Schneeweiß

Mainz gegen Köln. Das Duell der Karnevalsvereine. Während klar ist, wo in diesem Lande die bessere Feier ist (Köln), schien der Ausgang auf dem grünen Rasen vor allem in Rheinhessen stets zu Ungunsten der schönsten Stadt der Republik auszugehen. 51 Jahre hatten unsere rot-weißen Götter in Mainz nicht mehr gewinnen können. Ein Fluch, der auf unseren Geißböcken zu liegen schien, ließ die Köpfe erlahmen, die Beine schwer wie Blei werden und die Schiedsrichter blind wie Stevie Wonder. Doch nach 90 Pokalminuten in der Coface-Arena, die aussieht wie Deutschlands größtes XXL-Möbelhaus, stand das Ergebnis wie in Stein gemeißelt: Alaaf schlägt Helau! Wie konnte das nur geschehen? Unsere Analyse!

Ausgangslage

Ein guter Zweitligist zu Gast bei einem schwächelnden Erstligisten – sportlich eine Situation, in der durchaus eine so genannte „Überraschung“ drin ist. Mainz musste zuletzt – nach einem furiosem Start in die Saison, als der Tuchel-Elf drei Siege in drei Spielen gelang – drei Niederlagen in Folge einstecken. Die deutliche 1:4-Heimpleite gegen Leverkusen bestätigte diesen Trend offensichtlich. Bereits in der ersten Runde hatte es der FSV mit einem kölschen Team zu tun: Bei Fortuna Köln rumpelten sich die Nullfünfer durch ein spätes Tor von Choupo-Moting zum 2:1 weiter. Der effzeh kommt dagegen recht formstark daher: Zwei deutlichen Siegen gegen Aue und in Cottbus folgte ein torloses Remis gegen den 1.FC Kaiserslautern, das unsere Geißböcke weiterhin als einziges Team neben Bayern und dem BVB ungeschlagen daherkommen lässt.

Gefühlt ist die Ausgangslage dagegen eine ganz andere. Reisen nach Mainz sind für den effzeh nicht gerade ein Quell steter Freude gewesen. Oft, zu oft bekamen die mitgereisten Fans den Narrhalla-Marsch als Tormelodie auf die Ohren servier. Ich erinnere mich an ein 1:2 in der ersten Zweitligasaison der Vereinsgeschichte. An ein verdientes Ausscheiden im Pokal als Erstligist beim unterklassigen FSV. An ein peinliches 0:1 trotz 60-minütiger Überzahl. An ein nicht minder peinliches Zeitspiel Mondragons, das gefühlt beim Warmmachen begann und bereits nach rekordverdächtigen 27 Minuten die überfällige Verwarnung einbrachte. An die noch viel peinlichere Klatsche in der Abstiegssaison, die Solbakkens Entlassung nach sich zog. An den letzten (und einzigen) Kölner Sieg in Mainz erinnere ich mich nicht: Er gelang dem effzeh in der Saison 61/62. Ein 5:0 als amtierender Meister und Favorit am Bruchweg. Im DFB-Pokal. Schreit nach Wiederholung.

© Kevin Berg

© Kevin Berg

Personelle Lage

Luxusprobleme für effzeh-Coach Peter Stöger: Bis auf die Langzeitverletzten Chihi, McKenna und Bigalke steht dem Österreicher der kompletten Kader zur Verfügung. Die Frage ist vor der Partie nicht, wer auflaufen wird, sondern wen Stöger angesichts des Spiels am Freitag in Aalen, auf die Bank setzt. Es trifft – im Vergleich zum Duell gegen Kaiserslautern – Bruno Nascimento, Daniel Halfar und Top-Neuzugang Patrick Helmes, die sich zu Spielbeginn nicht auf dem grünen Rasen einfinden müssen/dürfen. Dafür verteidigt der formstarke Kevin Wimmer, Adam Matuschyk und Slawomir Peszko kehren in die Startelf zurück.

Bei Mainz setzt Coach Thomas Tuchel, der wegen Fiebers die Partie nur von der Tribüne aus verfolgen kann, auf Christian Wetklo im Tor. Darüber hinaus bieten die Rheinhessen mit dem wiedergenesenen Niki Zimling sowie Shinji Okazaki und Sebastian Polter drei Spieler in der Startelf auf, die bei der 1:4-Heimpleite gegen Bayer Leverkusen noch nicht begannen.

Spielverlauf

24.000 Zuschauer, darunter 4.000 mitgereiste Kölner Schlachtenbummler (ein Wort, das ich schon immer einmal verwenden wollte!), sehen einen guten Start der Mainzer, die nach einem Solo von Nicolai Müller die erste kleinere Gelegenheit haben. Der effzeh hält taktisch klug dagegen und nimmt durch das laufstarke Zentrum Gerhardt-Matuschyk und dahinter Lehmann den Anfangselan der Nullfünfer aus der Partie. Belohnt wird dies durch die erste Großchance des Spiels: Brecko flankt von der rechten Seite in den Strafraum, wo Ujah sich gegen Noveski und Svensson in Szene setzen kann. Doch der Ex-Mainzer setzt die Kugel knapp am linken Pfosten vorbei.

Danach behält der Gastgeber sein optisches Übergewicht, ohne wirklich gefährlich zu werden. Der effzeh verteidigt sein eigenes Tor geschickt. Insbesondere Maroh und Wimmer zeigen sich in der zentralen Defensive hellwach. Auch Risse und Peszko ziehen sich auf den Außenbahnen gegen die aufrückenden Pospech und Park immer wieder in die Abwehrhaltung zurück. Das geht auf Kosten der Offensivleistung: Häufig behilft sich der effzeh mit langen Bällen auf Ujah, der gegen die stabile Innenverteidigung der Mainzer in der Phase des Spiels kaum Land sieht.

Die Nullfünfer sind allerdings trotz vieler Ballgewinne nicht in der Lage, das Tor von Timo Horn zu gefährden. Erst Gerhardts individueller Fehler bringt die Rheinhessen in gefährlicher Position. Maroh fälscht Zimlings Versuch aus dem Strafraum zur Ecke ab. Diese bringt noch deutlich mehr Gefahr: Der Pfosten muss bei Noveskis Kopfball für den geschlagenen Horn (27.) retten. Ein Weckruf für den effzeh, der von da an bis zur Pause hellwach und zielstrebig agiert. Zu Torchancen langt es für die Stöger-Elf jedoch nicht.

© effzeh.com

© effzeh.com

Das ändert sich nach dem Wechsel: Erst lenkt Wetklo Matuschyks Direktabnahme an den Innenpfosten, danach pariert der Nullfünfer-Schlussmann Breckos Distanzversuch. Im dritten Anlauf ist der Routinier im Tor allerdings machtlos: Peszko gewinnt am Mainzer Strafraum den Ball gegen Zimling und legt ihn auf Risse ab. Der Ex-FSV-Akteur umkurvt Svensson und lässt Wetklo mit einem trockenen Linksschuss an den rechten Innenpfosten keine Abwehrmöglichkeit. Führung für den effzeh – und zu diesem Zeitpunkt keinesfalls unverdient.

Die Mainzer drängen danach auf den Ausgleich, finden aber gegen konzentriert verteidigende Kölner kein Mittel. Erst in der Schlussphase geht es hoch her: Horn entschärft einen Alleingang des eingewechselten Schahins, den Nachschuss setzt Choupo-Moting (ja, der mit dem Faxgerät!) über das Tor. Fast im Gegenzug verpasst Ujah die Entscheidung: Nach einem Horn-Abschlag ist der Nigerianer schneller als Svensson, umkurvt Wetklo und schiebt den Ball ins leere Tor. Denkste! Die Latte rettet für den FSV, der im Anschluss durch Schahin noch eine Kopfballmöglichkeit hat. Erst der Abpfiff des guten Schiedsrichter Gagelmann erlöst unsere Geißböcke – und knapp 4.000 Kölner auf den Rängen.

Fazit

Dem FC gelingt in Mainz eine dicke Überraschung – und das nicht unverdient. Peter Stöger stellt sein Team dreifach um – und liegt mit allen, noch so riskanten, Wechseln richtig. Das laufstarke Zentrum mit dem starken Jungspund Gerhardt, dem Startelf-Rückkehrer Matuschyk und Leitwolf Lehmann zieht den Mainzern den Zahn. Für unsere Geißböcke bedeutet dieses Erfolgserlebnis nicht nur, weiterhin in Vorbereitung, Liga und Pokal ungeschlagen zu sein, sondern auch einen echten Geldregen.

Risses Treffer ist letztlich der Ausdruck einer Willensleistung, für das sich das Team in Mainz belohnt hat. Taktische Disziplin, gepaart mit flexibler Spielweise und der notwendigen Portion Glück, bringen den effzeh in die 3. Runde des Pokals. In der letzten Saison wartete dort mit dem VfB Stuttgart eine Aufgabe, die wir nicht lösen konnten. Diesmal scheint es nicht nur, als wäre unsere Mannschaft reifer. Der Coup in der Coface-Arena beweist es.

© Thorsten Vogelsberg

© Thorsten Vogelsberg

Spieler im Fokus

Marcel Risse: Unermüdlicher Arbeiter auf der rechten Außenseite, häufig in der Defensive gebunden und dort grundsolide. Vorne weiterhin gewohnt kalt vor der Kiste. Mit seinem sechsten Saisontor im zehnten Einsatz hat der effzeh die Ablösesumme für den 23-jährigen Flügelflitzer bereits wieder in der Kasse.

Timo Horn: Wer im Lexikon unter „kalt wie eine Hundeschnauze“ nachschaut, findet ein Bild unseres Torwarts. Es ist weiterhin unglaublich, was der 20-Jährige für eine Ruhe und Sicherheit ausstrahlt. Seine Parade gegen Schahin kurz vor Schluss bewahrte den effzeh vor der Verlängerung.

Kevin Wimmer: Von vielen abgeschrieben, mancherorts schon als Fehleinkauf abgestempelt – jetzt auf dem Weg zur Stammkraft. Zeigte gegen Mainz in der Innenverteidigung das, was ihn bereits gegen Kaiserslautern auszeichnete. Formidables Stellungsspiel, resolut in den Kopfballduellen und in der Spieleröffnung eine Bank. In der Form unverzichtbar neben Dominic Maroh.

Jonas Hector: Verdonnerte Neu-Nationalspieler Nicolai Müller ab der zweiten Minute zur Statistenrolle. Und entschied somit das schwerste und wichtigste direkte Duell der Pokalpartie für sich. Manchmal ist seine Art, Dinge spielerisch zu lösen, nicht immer die richtige.

Anthony Ujah: Lief und lief und lief. Ein Arbeitspensum, das seinesgleichen sucht, spulte der Nigerianer ab. Darunter litt die Offensivpräsenz. Am Anfang mit Pech beim Kopfball, zum Schluss nicht abgezockt genug. Dennoch: Ein ständiger Unruheherd für die Mainzer Defensive.

Stimmen zum Spiel

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Schema

1. FSV Mainz 05: Wetklo – Pospech, Svensson, Noveski, Park – Moritz, Soto (46. Malli) – N. Müller, Zimling (77. Schahin), Okazaki – Polter (59., Choupo-Moting)

1. FC Köln: Horn – Brecko, Maroh, Wimmer, Hector – Lehmann, Matuschyk, Gerhard – Peszko (73. Halfar), Risse (90. Golobart) – Ujah

Tore: 0:1 Risse (53.)

Gelbe Karte: Schahin, Svensson – Lehmann

Schiedsrichter:
Peter Gagelmann (Bremen)

Zuschauer: 22.782

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