Folge uns
.

Ehrentribüne

Haus der Geschichte

Am 17. November 1991 verunglückte Maurice Banach tödlich. Eine persönliche Erinnerung an den talentierten Stürmer, der in den Herzen der effzeh-Fans unvergessen bleibt.

Wenn es in den letzten Jahren zu Gesprächen kam, was ich im Zuge eines Besuches in Bonn besonders empfehlen könne, dann sagte ich sinngemäß „Nimm Dir Zeit das Haus der Geschichte zu besuchen“. Für mich persönlich ist das „Haus der Geschichte“ eines der besten Museen, in denen ich je gewesen bin. Bei kostenfreiem Eintritt funktioniert es wie folgt: Nach einer Einleitung über den 2. Weltkrieg begleitet es Deutschland chronologisch durch seine Teilung über die Wiedervereinigung bis in die Gegenwart.

Von historischen Kuriositäten wie dem Gastgeschenk für den einmillionsten Gastarbeiter in Deutschland (ein Moped!) oder einem Stück Mondgestein der Apollo 12 Mission bis hin zu Teilen der Berliner Mauer findet sich dort sehr viel – zeitlich gestaffelt, Jahr für Jahr. Das hat den unweigerlichen Effekt, dass sich Geschichte, die man auf welchem Weg auch immer gelernt hat, und Geschichte, die man selbst in seinem eigenen Leben erfahren hat und an die man eigene Erinnerungen hat, überlappen und förmlich ineinander verschmelzen.

Nun ist es so, dass der 1. FC Köln reich an Geschichte und Geschichten ist. Es gibt viele Bücher, die von Legenden, Anekdoten oder Randnotizen handeln – bis hin zu Literatur, die diesen Namen sogar verdient. Allen effzeh-Fans ist der Gründungstag bekannt. Aus welchen Clubs der FC entstand, kriegen viele noch hin. Schwieriger wird es dann womöglich bei der Nennung der Unterzeichnenden unter der Gründungsurkunde. Betrittst Du also durch das imaginäre Haus der FC-Geschichte, so gäbe es wohl eine Einleitung über die Ursprungsvereine, über Franz Kremer und über das erste effzeh-Pflichtspiel gegen SuS Nippes 12.

Du spazierst entlang der ersten Westdeutschen Meisterschaft, begegnest der Meistermannschaft von 1962 oder der Schale vom Titel aus dem Jahr 1964. Frühergeborene haben daran vielleicht noch eigene Erinnerungen, ich befand mich da noch nicht einmal in Planung. Für mich kann das alles folglich nur gelernte Geschichte sein. Die ersten eigenen Erinnerungen habe ich (1969 geboren) an Heinz Flohe, das Fussball-Idol meiner Kindheit, und den DFB-Pokalsieg 1977. Den Meisterschaftskrimi 1978 mit bekanntem Ausgang habe ich live vorm Radio verfolgt. Hier beginnt folglich mein eigenes FC-Leben. Diese Momente mögen bei Dir andere sein, aber es gibt sie ähnlicher Weise – vielleicht sogar mit deutlich kleineren, persönlicheren Highlights.

Als ich 1989 stückweise nach Köln zog, durfte ich die Vizemeisterschaft unter Trainer Christoph Daum miterleben und sah Spieler wie Pierre Littbarski, Bodo Illgner, Olaf Janßen, Icke Häßler oder Falko Götz. Namen, die präsent sind, ohne dafür Wikipedia bemühen zu müssen. An meinem 21. Geburtstag, dem 18. August 1990, gab ein Neuzugang namens Maurice Banach sein Debüt im FC-Trikot. Der talentierte Stürmer hatte in den zwei Jahren zuvor seinen Durchbruch beim damaligen Bundesligisten SG Wattenscheid 09 geschafft und in 69 Ligaspiele 33 Tore erzielt. In einem Spiel, dass die Kölner 0:1 beim VfL Bochum verloren, wurde Banach eine Viertelstunde vor Schluss eingewechselt. Diese Partie mag zu dem Zeitpunkt für viele verhältnismäßig bedeutungslos gewesen sein – aber: Hey, es war mein 21. Geburtstag!

Und, ja, es sind diese Kleinigkeiten, die für einen FC-Fan von Bedeutung sind und die irgendeine Art von besonderer Verbindung schaffen. Fortan sollte ich Mucki mehr verfolgen als die anderen Spieler, die sich in der Startelf etablierten. Dass er sein erstes Tor auf dem Bökelberg erzielte und die Woche darauf gleich ein Doppelpack bei seinem Ex-Verein Wattenscheid schnürte, sorgte dafür, dass der Neuzugang zum Hoffnungsträger und Gesprächsthema wurde. Am letzten Wochenende vor meinem tatsächlichen Studienbeginn war der FC Bayern in Müngersdorf zu Gast. Ein Tor hat Banach vorbereitet, ein Tor selbst erzielt – bei dem heute fast schon unglaublichen Endstand von 4:0 für die Geißböcke! Wäre meine finanzielle Lage damals eine andere gewesen, hätte ich mir wohl sein Trikot gekauft. So reichte es am fortgeschrittenen Sonntagmorgen zumindest für einen ordentlichen Kater.

Am Ende der Saison 1990/91 hatte Maurice Banach 31 Bundesliga-Spiele für den 1. FC Köln absolviert und 14 Tore erzielt – damit war er Top-Torschütze in einer Mannschaft, die die Saison auf Platz 7 der Bundesliga beendete. Zudem traf er viermal im DFB-Pokal, unter anderem zum 1:1 im Finale gegen Werder Bremen, welches die Domstädter letztendlich aber im Elfmeterschießen verloren (effzeh.com berichtete). Wo und ob überhaupt ich an dem Tag war, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Offenkundig war das also irgendwie trotz der Niederlage ein guter Tag.

Die neue Saison begann mit fünf Unentschieden äußerst merkwürdig. Mit der Niederlage am 6. Spieltag rutschte der 1. FC Köln auf den 16. Platz einer Liga ab, die im Jahr 1991/92 aus zwanzig Mannschaften bestand und aus welcher vier Teams absteigen sollten. Der berüchtigte Boulevard wurde also wach, zumal sich die Situation nicht besserte beziehungsweise auf skurrile Weise nicht änderte: Aus den ersten (sieglosen) dreizehn Partien resultierten elf Unentschieden. Dieses elfte Unentschieden, wieder am Wochenende vor dem Vorlesungsbeginn an der Uni, verfolgte ich im Müngersdorfer Stadion. Gegner war der MSV Duisburg, Endstand 1:1. Der FC stand weiterhin tabellarisch mit dem Rücken zur Wand – nur Mucki machte auf sich aufmerksam und erzielte stetig seine Tore: Immerhin war der von ihm erzielte Ausgleich kurz vor Schluss schon sein siebter Treffer in der laufenden Saison.

Statistisch hatten die Müngersdorfer 85% der Spiele nicht verloren, also musste es zwangsläufig besser werden. Wie Fans halt so sind. Nur das, was in solchen Fällen üblicherweise nicht passiert, passierte – es wurde besser! In den nächsten drei Partien folgten zwei Siege (1:0 beim KSC, 5:0 gegen Werder, 1:1 in Rostock) und Köln stand immerhin schon auf Platz 10 der Tabelle. Auf den Tag zwei Jahre nach dem Mauerfall, also am 9. November 1991, war ich einer von 20.000, die an dem Nachmittag ein 4:1 gegen Fortuna Düsseldorf im Müngersdorfer Stadion erlebten. Im Tor des Gegners stand ein gewisser Jörg Schmadtke, zweifacher Torschütze und bei seiner Auswechslung gefeierter Held war Maurice Banach. Unvergessen!

Diese zwei Tore sollten die letzten im Leben des 24-jährigen bleiben. Diesen Gedanke sowie alles, was sich dem weiter anschließt, kann ich nur unter Tränen formulieren: Am 17. November 2016 – also heute vor 25 Jahren – verunglückte Mucki tödlich auf dem Weg zum Geißbockheim auf der Autobahn A1 bei Remscheid. Darüber sollen aber bitte andere in anderen Medien schreiben.

Ich bewege mich wortlos weiter, in meinem FC-Haus der Geschichte. Danke für die Erinnerungen. Ruhe in Frieden, Maurice „Mucki“ Banach!

Bemerkung: Es ist schwer bis nahezu unmöglich einen Artikel über Maurice Banach nicht mit dem Schock-Ereignis am 17.11.1991 zu beginnen. Es war ein erklärtes Ziel des Autors, dem unvergessenen Mucki an seinem 25. Todestag ausdrücklich anders zu begegnen.

Mehr aus Ehrentribüne

.