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Geißbockheim

Florian Kainz im Porträt: Ein neuer Anlauf für den „Anti-Robben“

Von Werder Bremen kommt mit Florian Kainz ein Spieler, der es im ersten Anlauf in der Bundesliga nicht gepackt hat. Beim 1. FC Köln soll der Österreicher nicht nur die linke Offensivseite wiederbeleben.

LUEBECK, GERMANY - OCTOBER 31: Florian Kainz of Bremen celebrates after scoring his team second goal during the DFB Cup match between SC Weiche Flensburg 08 v SV Werder Bremen at Stadion Lohmuehle on October 31, 2018 in Luebeck, Germany. (Photo by Selim Sudheimer/Bongarts/Getty Images)
Foto: Selim Sudheimer/Bongarts/Getty Images

Eine große Überraschung war es nicht mehr, als der 1. FC Köln noch während des Trainingslagers auf Mallorca Florian Kainz als Neuzugang vorstellte. Gerüchte um eine Verpflichtung des Österreichers in Diensten von Werder Bremen hatten sich hartnäckig gehalten, die Ausgangslage schien nur allzu passend zu sein: Der 26-jährige Flügelstürmer kam bei den Hanseaten nicht mehr zum Zuge, die „Geißböcke“ suchten derweil eine Verstärkung für die linke Offensivseite. Einen Tag nach der Rückkehr aus dem Trainingslager wurde dann endgültig Vollzug gemeldet: Kainz hatte den Medizincheck erwartungsgemäß bestanden, den Vertrag bis 2022 unterschrieben und die Präsentationsfotos über sich ergehen lassen.

Kainz: „Ich freue mich auf das neue Kapitel“

„Ich freue mich auf das neue Kapitel und die neue Herausforderung beim 1.FC Köln. Ich bin motiviert und werde mein Bestes geben, um das Ziel Aufstieg zu erreichen“, betonte der gebürtige Grazer auf der vereinseigenen Webseite. FC-Sportgeschäftsführer Armin Veh hob derweil die Qualitäten des 13-fachen Nationalspielers hervor, der beim effzeh eine Problemzone reanimieren soll.

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„Wir haben Flo schon länger für die linke Seite im Blickfeld. Mit seinen Eigenschaften passt er sehr gut zu uns: Er ist ein sehr variabler Spieler, richtig stark im Eins-gegen-Eins und kann viele Positionen besetzen“, erklärt der einstige Bundesliga-Coach, der seit Dezember 2017 die Geschicke bei den „Geißböcken“ leitet. Knapp drei Millionen Euro waren dem effzeh Kainz‘ Dienste wert, ein Nachschlag beim erwünschten Aufstieg soll darüber hinaus noch fällig sein.

Der Durchbruch bei Werder Bremen blieb ihm verwehrt

Dass der spielintelligente Außenbahnspieler in dieser Saison noch in einem anderen Dress als dem Werders aufläuft, kommt überraschend – zumindest mit einem Blick auf den Start in die Spielzeit. Kainz hatte soeben sein bestes Jahr in Bremen hinter sich, kam 2017/18 insgesamt auf 30 Einsätze in der Bundesliga und schien unter Florian Kohfeldt auf dem besten Wege zum Leistungsträger.

Die Hoffnungen waren im Sommer dementsprechend groß: „Ich fühle mich richtig wohl, bin in Bremen angekommen. Ich will mehr Scorer-Punkte als in der Vorsaison erzielen und werde versuchen, eine noch wichtigere Rolle in der Mannschaft einzunehmen“, kündigte der 1,75 Meter große Linksaußen vollmundig an. Erwartungen, die enttäuscht wurden: Kainz stand lediglich in fünf Partien in der Startelf, außer einer Vorlage gelang ihm in den insgesamt acht Einsätzen nichts Zählbares.

So stand nach zweieinhalb Jahren fest: Die Wege des Österreichers und des Traditionsvereins von der Weser werden sich im Winter trennen. Dabei hatten die Bremer 2016 vermeintlich einen starken Coup gelandet, als sie Kainz unter Vertrag nehmen konnten. Der dribbelstarke Offensivmann hatte sich mit herausragenden Leistungen bei Rapid Wien (damals unter anderem mit Louis Schaub) in den Fokus vieler Vereine gespielt, unter anderem hatte Borussia Mönchengladbach Monate zuvor ernsthaftes Interesse an einer Verpflichtung gezeigt.

Bei Rapid Wien in den Bundesliga-Fokus gespielt

Am Ende entschied sich der Top-Vorbereiter der österreichischen Bundesliga (19 Vorlagen!) für Werder – etwas mehr als drei Millionen Euro überwiesen diese an Rapid, die ihren Leistungsträger ziehen lassen mussten. Mit seinen Offensivqualitäten sollte Kainz so wie einst sein Landsmann Andreas Herzog zum Unterschiedsspieler in Bremen werden.

Ich freue mich immer, wenn ich einen Assist liefern kann. Aber ich muss noch öfter selbst zum Abschluss kommen.

Doch zunächst wurden andere Vergleiche gezogen: Den „Anti-Robben“ taufte das „11Freunde“-Magazin den Youngster aus dem Alpenland – einerseits wegen seiner Spielweise von außen nach innen zu ziehen, um seinen stärkeren Fuß ins Spiel zu bringen und andererseits aufgrund der uneigennützigen Spielweise, die angeblich im Gegensatz zum egoistischen Niederländer stehe.

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„Ich freue mich immer, wenn ich einen Assist liefern kann. Aber ich muss noch öfter selbst zum Abschluss kommen“, formulierte es Kainz damals und gab auch direkt eine Selbsteinschätzung zu seinen Stärken auf dem Platz ab: „Stark im Dribbling, gefälliger Kombinationsspieler, variantenreich und beidbeinig“, betonte der damals 23-Jährige, wenngleich der rechte Fuß doch der stärkere bei ihm sein dürfte. Flexibilität – eine Trumpfkarte, die sich Kainz dann auch während seiner Zeit im Norden Deutschlands erarbeitet hat.

Schwere Zeit nach dem Werder-Wechsel

Bei Rapid noch nahezu ausschließlich im linken Mittelfeld aufgeboten erweiterte der bei Sturm Graz ausgebildete Offensivmann sein Repertoire zusehendst: Als Achter in einer Raute, als Außenbahnspieler mit defensiven Aufgaben, sogar im Angriff agierte Kainz im Laufe der Zeit. Dafür brauchte er allerdings einige Anlaufzeit: In der Zeit direkt nach seinem Wechsel zu Werder tat sich der Österreicher enorm schwer, kam in der Hinrunde unter Viktor Skripnik und dessen Nachfolger Alexander Nouri zu lediglich drei Kurzeinsätzen.

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Eine schwere Zeit für den Jungspund, dessen Karriere zuvor nur den Weg nach oben kannte. In Graz debütierte Kainz bereits mit 17 Jahren, spielte im Europapokal. Bei Rapid startete er durch, avancierte zum Nationalspieler. „Ich kannte das nicht, bei meinen bisherigen Vereinen in Österreich habe ich immer gespielt. Aber ich habe versucht, mich nie hängen zu lassen. Ich habe mich da gut rausgezogen und gezeigt, was ich drauf habe“, erklärte Kainz in einem Interview auf werder.de zu dieser Phase.

Und wie er sich aus dem Tief kämpfte: Schon in der Rückrunde in der Saison 2016/17 darf der schüchterne Angreifer öfter ran, wenngleich er bei Werder eher als Joker zum Einsatz kommt. Dennoch: Kainz, dessen Idol Ronaldinho („Er verkörpert für mich die pure Freude am Fußball“) ist, macht Eindruck und zählt durch seine couragierten Auftritte bald zu den Fanlieblingen an der Weser.

Lob von Werder-Legende Herzog

Auch Herzog lobt seinen Landsmann in seiner Deichstube-Kolumne: „Ich kenne Florian Kainz schon lange, habe ihn als damals 18-Jährigen zum U21-Nationalspieler in Österreich gemacht. Mir waren seine technische Finesse, sein Spielwitz, seine Spielintelligenz und seine Fähigkeit, jede Situation spielerisch oder mit einem Dribbling zu lösen, aufgefallen“, so die Werder-Legende. Bei Rapid war Kainz so richtig durchgestartet, auch wenn er nach seinem Wechsel aus Graz angefeindet worden war. Bei seinem Heimatverein hatte der umworbene Youngster seinen Vertrag gekündigt, obwohl er zuvor seinen Verbleib versichert hatte.

Rapid Wien's Florian Kainz (L) and Villarreal's Bojan Jokic vie for a ball during the UEFA Europa League Group E football match between SK Rapid Wien and Villarreal CF in Vienna, Austria, on September 17, 2015. AFP PHOTO / JOE KLAMAR (Photo credit should read JOE KLAMAR/AFP/Getty Images)

Foto: JOE KLAMAR/AFP/Getty Images

Diese psychische Stärke, die er in dieser Phase bewiesen hatte, brauche Kainz auch in Bremen, forderte Herzog – und zieht eine Parallele zu Mario Basler, der stets an seine Fähigkeiten geglaubt hat. Diese Mentalität müsse der Linksaußen auch verinnerlichen. Doch letztlich scheint Kainz genau am fehlenden Glaube an die eigenen Qualitäten und die zu große Zurückhaltung bei Werder zu scheitern, was eine Anekdote verdeutlicht.

Wie sagt man so schön: Eine Win-Win-Situation. Ich kann sehr, sehr gut nachvollziehen, dass Kainzi die Erwartungen, die er hatte an die Rolle hier nicht mehr erfüllt gesehen hat!

Um seinen Schützling aus der Reserve zu locken, griff Bremens Coach im September 2018 zu einer ungewohnten Maßnahme: Drei Wochen lang redete Kohfeldt kein Wort mit Kainz. „Ich wollte ihn ein bisschen sauer machen. Er sollte aggressiver werden, das war mir alles zu lieb“, erklärte Kohfeldt die Aktion im Nachhinein. Dieser zahlte es mit einer herausragenden Leistung inklusive einer Torvorlage zurück. „Er hat sich innerhalb der Mannschaft top verhalten. Ich kenne ihn ja sehr gut. Es war schön zu sehen, wie er sich verhält“, urteilte Kohfeldt.

Wechsel nach Köln „Win-Win-Situation“

Doch zum Durchbruch reichte es für Kainz trotz dieser Episode nicht mehr, gerade gegen Ende der Hinrunde war für ihn nicht einmal mehr Platz im Spieltagskader. Dennoch betonte Kohfeldt beim Abschied seines Schützlings noch einmal, wie sehr er ihn sportlich und persönlich wertschätzt. Die gefundene Lösung sei allerdings eine, mit der alle Beteiligten sehr gut leben könnten. „Wie sagt man so schön: Eine Win-Win-Situation. Ich kann sehr, sehr gut nachvollziehen, dass Kainzi die Erwartungen, die er hatte an die Rolle hier nicht mehr erfüllt gesehen hat“, so der Werder-Coach, der den Österreicher gerne behalten hätte.

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In Köln schlägt Kainz nun ein neues Kapitel auf – und hofft, dass seine Erwartungen diesmal Erfüllung finden. Eine große Überraschung wäre es jedenfalls nicht, würde der Flügelspieler in der kommenden Saison wieder in Bremen auflaufen und seine Qualitäten nachweisen können. Dann allerdings mit dem Geißbock auf der Brust.

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