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Vorspiel

1. FC Köln reist nach Leipzig: Durch et füer reloaded?

Sehen wir den Auftakt einer erfolgreichen Ära oder das Verbleiben in der sportlichen Eiszeit? In seinem ersten Spiel als Cheftrainer des 1. FC Köln erwartet Markus Gisdol gleich eine Mammutaufgabe.

Foto: Jörg Schüler/Bongarts/Getty Images

Es war dieser Tage viel los rund um das Geißbockheim. Es blieb kaum Zeit, dem Groll über die gefühlt zehnte Länderspielpause dieser Saison mitsamt des Gekickes eines Marketinghaufens in 130-Euro-Trikots nachzugehen. Der frenetische Jubel über das hochemotionale Erreichen der EM-Qualifikation der Mannschaft fiel daher auch nur allzu kurz aus.

Beim interessantesten und spannendsten Verein Deutschlands hat sich schließlich so einiges getan. Der effzeh präsentierte einen neuen Geschäftsführer Sport sowie einen neuen Cheftrainer. Mit Horst Heldt und Markus Gisdol soll der Weg aus der Abstiegszone gefunden werden. Personalentscheidungen, die in etwa die gleichen ungläubigen Gesichter hervorriefen, wie das vom DFB als Umbruch deklarierte Ausmisten verdienter Nationalspieler im besten Fußballeralter.

Mammutaufgabe bei Debüt von Gisdol

Nun steht die erste Bewährungsprobe für den neuen Cheftrainer an, dessen größtes Einstellungskriterium die Erfahrung im Abstiegskampf darstellt. Nach gerade einmal vier Trainingseinheiten unter Gisdol, der die TSG Hoffenheim sowie den Hamburger SV knapp vor dem Gang in die 2. Liga bewahrt hat, trifft der der Tabellenvorletzte auf das unter Julian Nagelsmann zuletzt bärenstark aufspielende Werbeprodukt RB Leipzig.

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Auswärts beim Tabellenzweiten – es könnte dankbarere erste Spiele geben. Gleichzeitig bietet das Duell in Sachsen aber auch eine Chance für den FC. Gisdol, der in den ersten Trainingseinheiten mit einer großen Taktiktafel hantierte und nach eigener Aussage das Einfache ein Stück weit nach vorne stellte, wirkte in seinen Ansprachen klar und aufgeräumt. Er wird sein Team darauf einschwören, die Underdog-Mentalität zu nutzen und mit hoher Laufbereitschaft sowie großer Mentalität für eine Überraschung zu sorgen.

Gisdol: „Will mir noch einmal Zeit nehmen“

Gisdol bemerkte im Vorfeld des Spiels, dass er und Horst Heldt ein sehr gutes Gespräch mit dem Spielerrat gehabt hätten. Gleichzeitig offenbarte er, wie wichtig ihm die Rückmeldung aus dem Team sei, als er betonte: „Es ging darum, die Meinung der Mannschaft zu akzeptieren.“ Ein womöglich gegensätzlicher Impuls zu den Aussagen Achim Beierlorzers, der wenige Wochen vor seiner Entlassung noch in einem Interview zugegeben hatte, dass die Spieler bei ihm taktisch nicht viel Mitspracherecht hätten.

Zur Spielidee, mit welcher die „Geißböcke“ ins Duell gegen den Brausekonzern gehen, wollte Kölns neuer Coach dagegen noch nicht viel sagen. „Ich will mir lieber noch einmal die Zeit nehmen, um gemeinsam mit der Mannschaft auf dem Platz zu sehen, was am besten passt“, meinte Gisdol wieder mit klarem Fokus auf dem Wir-Gefühl zwischen Trainerteam und Mannschaft.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Geht man nach den bisherigen Eindrücken des Trainers Gisdol, dürften die Leipziger mit einem deutlich höheren und aggressiveren Anlaufverhalten der Gäste rechnen, die gleichzeitig auf mehr Kompaktheit in der Mitte und weniger Flügelläufe der Außenverteidiger setzen dürften, als das im bisherigen Saisonverlauf der Fall war. Fraglich bleibt, ob dieser Ansatz zur derzeitigen Mannschaft passt. Auch aus diesem Grund erwähnte der Neu-Trainer die Wichtigkeit der „besten Kombination“.

Gut möglich ist, dass bei dieser Kombination der fehleranfällige Kingsley Ehizibue als Rechtsverteidiger dem defensivstärkeren Benno Schmitz weichen könnte, während Jonas Hector wieder als Linksverteidiger beginnt – eine Rolle, die der Nationalspieler in der Domstadt zuletzt sowieso relativ eigenwillig als verkappter Spielgestalter mit Drang ins Zentrum interpretierte. Ebenso offen ist wieder das Rennen im Sturm, wo Gisdol eventuell auf Anthony Modeste setzen könnte, den er in Hoffenheim hinter Sven Schipplock auf der Bank verkümmern ließ. Zudem sehen, wie gewöhnlich bei einem Trainerwechsel, Spieler aus der zweiten Reihe (beispielsweise Vincent Koziello oder Darko Churlinov) eine neue Chance – vorerst sind sie aber wegen Krankheit und Verletzung nicht im Kader.

Reichen Wille und Mentalität bei RB Leipzig?

Um den Abstiegskampf allerdings anzunehmen, die Spielideen des neuen Übungsleiters gleich bei dessen Debüt auch schon umzusetzen und überhaupt eine Chance gegen den hohen Favoriten aus dem Osten der Republik zu haben, braucht es eine Wiederbelebung der „Durch-et-füer“-Mentalität, welche der Mannschaft nun bereits seit mehreren Saisons am Stück beinahe komplett abgeht.

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Gleichzeitig besteht in Leipzig allerdings die Gefahr eines Starts, wie ihn auch Beierlorzer dank des hammerharten Auftakprogramms erlebte, denn Kampfgeist sowie eine ordentliche Spielanlage alleine reichen nicht immer gegen einen derart starken Kontrahenten wie RB Leipzig, wo in allen Mannschaftsteilen große Qualität vorherrscht, sei es im Sturm um den extrem agilen Timo Werner, im Mittelfeld mit dem in dieser Saison starken Marcel Sabitzer oder in der Abwehr um die deutschen Nationalspieler Klostermann und Halstenberg sowie Torwart Peter Gulacsi.

Ungewisse Reise ohne Ultras

Somit ist die Fahrt nach Leipzig, welche die Mannschaft sowie die etwa 2000 von Horst Heldt auf der Pressekonferenz explizit gelobten kölschen Fans ohne die weiterhin protestierenden Ultragruppen antreten, auch so etwas wie eine Reise ins Ungewisse – nicht die erste in der an Krisen reichen Historie des Ersten Fußballclubs Köln. Die Gefühlswelt dabei ist höchst gemischt.

Mit Vorschusslorbeeren ist Markus Gisdol nicht in Köln angekommen. Angesichts der in der Presse breitgetretenen Turbulenzen und zahlreichen faden Beigeschmäcker rund um die Entscheidung geht es für den Schwaben auch gleich darum, Kritiker zu widerlegen. Vielmehr noch geht es aber für die Mannschaft darum, ein positives Zeichen zu setzen und eventuell eine Kehrtwende einzuleiten, darum mit einem eventuellen Erfolg gegen das geächtete Konzernteam Hoffnung zu schaffen. Hoffnung auf bessere Zeiten – quasi durch et füer reloaded.

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