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Interviews

„Dialog darf keine Einbahnstraße sein“

DFL-Sicherheitspapier, Stimmungsboykott, Dialog mit Verein, Verbänden & Fans – was hat sich seit der Winterpause getan? effzeh.com sprach mit WH-Capo Schell.

© WH96.de

Verdamp lang her, ich weiß, aber erinnert Ihr Euch noch an die Zeit vor der Winterpause? Als der 12doppelpunkt12-Protest gegen das DFL-Sicherheitspapier in aller Munde war. Als per Demonstration in Köln gezeigt wurde, wie vielfältig Fankultur in Köln aussieht. Als auf der FC-Mitgliederversammlung vonseiten der aktiven Fanszene leidenschaftlich dafür gekämpft wurde, dass unser Verein das DFL-Sicherheitspapier ablehnt. Als sich die Ultrágruppierungen nach der Verabschiedung aller 16 Punkte durch die Erst- und Zweitligisten zu einem heftig diskutierten Stimmungsboykott entschieden, der im Vorfeld des Pokalspiels in Stuttgart nicht nur dem Verein sauer aufstieß. Als auf der Anreise zu eben jenem Spiel eine ganze Busbesatzung einer „Ganzkörperkontrolle“ unterzogen wurde, weil auf einer Raststätte Böller gezündet wurden.

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© effzeh.com

Das klingt alles wie vor Äonen geschehen. In einer ganz anderen Zeit, weggespült von der Aufholjagd auf den Relegationsplatz und der nach 12 Spielen in Folge ohne Niederlage einsetzenden Aufstiegseuphorie. Die Ereignisse, die auch die Zeit vor der Winterpause bestimmten, sind aber aus Sicht der aktiven Fanszene immer noch aktuell. Wen könnte effzeh.com zu diesem Themenkomplex anderes als das Gesicht und die Stimme der Kurve befragen? Schell, seines Zeichens Capo (Kopf/Anführer) der Ultrágruppierung „Wilde Horde 96“ und der Mann auf dem Zaun mit dem Megaphon in der Hand, stand uns zu 12doppelpunkt12, Stimmungsboykott und dem Dialogbestreben aller beteiligten Parteien Rede und Antwort.

effzeh.com: Beim Heimspiel gegen Union Berlin hing ein Spruchband mit dem Titel „DFL-Papier anzünden“ vor der Kurve. Eine Rückkehr zu erneuten Protesten?

Wir kehrten weder zu den Protesten zurück noch wurden diese von uns erneuert – vielmehr haben wir nie mit den Protesten gegen das Sicherheitspapier aufgehört. Nachdem wir am 12.12. die Meldung aus Frankfurt vernommen haben, dass allen Anträgen zugestimmt wurden und wir Stunden später nicht mehr wussten, was wir jetzt noch tun können, hatten wir uns kurzfristig dazu entschieden, die beiden letzten Pflichtspiele 2012 weder zu singen noch Fahnen einzusetzen. In der Winterpause konnten wir dann die Zeit nutzen und mit vielen FC-Fans kommunizieren.

effzeh.com: Mit welchem Ergebnis?

In Absprache mit der Szene hatten wir uns Anfang 2013 zwar dazu entschlossen, die akustische wie auch optische Unterstützung der Mannschaft wieder aufzunehmen. Für uns alle war jedoch nach einer gemeinsamen Aussprache klar, dass wir nicht aufhören werden, die Vorgehensweise zur Erstellung, aber auch den Inhalt des DFL-Papiers weiter zu kritisieren. So kamen wir gemeinsam mit der Fanszene zu dem Entschluss, dass wir zu jedem Heimspiel eine Aktion auf der Südkurve durchführen werden.

Zum ersten Heimspiel gegen Aue haben die Gruppen auf der Südkurve verschiedene Spruchbänder präsentiert. Gegen Union Berlin wurde das „DFL-Papier“, wie du schon erwähnt hattest, „angezündet“ und bei der letzten Partie gegen Paderborn konnte man in der zweiten Halbzeit eine Aktion zum Thema „Fankultur“ auf der Südkurve betrachten. Weitere Aktionen sind bereits geplant, wir sind allerdings auch für jeden konstruktiven Vorschlag der FC-Fans ansprechbar.

effzeh.com: Umfassende Proteste, eine große Fandemonstration in Köln – wie bewertet Ihr im Rückblick das Engagement gegen das DFL-Papier? Pyrrhussieg oder Erfolg trotz vermeintlicher Niederlage?

Das Engagement der Proteste gegen die 16 Anträge der DFL bewerten wir als positiv – das, was wir unter dem Strich hingegen erreicht haben, negativ. Unabhängig von dem Ergebnis ist jedoch klar: Noch nie haben so viele Fußballfans an den jeweiligen Aktionen teilgenommen. Neben den drei Spieltagen, an denen fast alle Kurven 12:12 Minuten geschwiegen haben, gab es in einigen Städten zusätzlich Demonstrationen.

effzeh.com: Die in Köln ja äußerst positiv angenommen wurde und auch richtig gut besucht war…

Ja, da muss man schon sagen, dass es extrem geil war, als an diesem bitterkalten Samstag bei strahlendem Sonnenschein über 2000 FC-Fans in Köln auf die Straße gingen. Und das kann man auch als Erfolg verbuchen: Jung und Alt, Ultra und Familienvater, Kutte und Althool, Trikotträger und Allesfahrer standen nebeneinander und erlebten nicht nur einen geilen Tag, sondern trugen ihren Teil „Zum Erhalt der Fankultur“ bei.

Die Demonstration beschäftigte sich inhaltlich allerdings nicht nur mit dem DFL-Papier: Neben Themen wie Kartenpreispolitik, unverhältnismäßige Kontrollen und die Forderung der Versachlichung der Debatte wurde auch auf sich selbst geschaut. Einige Geschehnisse dürfen auch von uns Fußballfans nicht weggeredet werden, das wissen gerade wir Kölner. Wir standen an diesem Tag eher FÜR eine lebendige Fankultur ein. Und diese breitgefächerte Komposition aller Themen hat somit viele FC-Fans angesprochen.

Spätestens nach der Demo waren wir der Meinung, dass gerade die Zeichen, die wir FC-Anhänger so positiv gesetzt haben, eine weitere Argumentationsgrundlage dafür ist, dass man mit uns Fußballfans nicht einfach so umgehen kann. Umso härter hat uns dann das Ergebnis am 12.12. getroffen. Trotzdem war es eine Riesensache, dass so viele FC-Fans mitgemacht haben, denen wir noch mal an dieser Stelle unseren Respekt und Dank aussprechen möchten.

effzeh.com: Du sprachst davon, dass Euch das Resultat am 12.12. hart getroffen hat. Wie waren die Reaktionen in Eurer Gruppe? Resignation oder „Jetzt erst recht“-Stimmung?

Auch wenn wir das als FC-Fans gewohnt sind, befand sich unsere Stimmungslage in den Tagen vor der Demo bis zum Auswärtsspiel in Stuttgart in einem ständigen Zick-Zack-Kurs. Waren wir noch Tage vor der Demo skeptisch, ob das Wetter mitspielt und genügend Leute kommen, begaben wir uns im Anschluss der Demo positiv überwältigt von den Geschehnissen und mit erleichterten Gefühlen in unsere Räumlichkeiten. Doch schon auf dem Weg dahin holte uns die Wirklichkeit mit einem Presseartikel, der ein Statement unseres Vereins zur Unterstützung der DFL-Anträge beinhaltete, wieder ein.

Wir hatten mit der Jahreshauptversammlung des 1. FC Köln, die einen Tag vor der DFL-Versammlung stattfinden sollte, allerdings noch einen Joker, den wir ausspielen konnten. Auf dieser sollte nämlich ein Antrag eines FC-Mitglieds behandelt werden, der sich gegen das Sicherheitspapier aussprach. Dass wir diesen Antrag unterstützten, war natürlich klar. Durch konstruktive Redebeiträge einzelner FC-Mitglieder und – soviel sei zugegeben – einer gewissen Portion Glück erhielt der Antrag von der Mitgliederversammlung zum späten Abend die mehrheitliche Zustimmung. Dadurch konnte zumindest erreicht werden, dass die Verantwortlichen des 1. FC Köln den Anträgen der DFL am nächsten Tag in Frankfurt nicht zustimmten.

effzeh.com: Trotz all der Kritik und der Proteste wurde das umstrittene Papier letztlich am 12. Dezember in Frankfurt in allen Punkten verabschiedet.

Das ist für uns – unabhängig der Haltung unseres Vereins – eine herbe Enttäuschung gewesen. Wenn man bedenkt, wie viele Fußballfans sich in ganz Deutschland zu dieser Thematik positiv engagiert haben, ist es schon eine Frechheit, dass dies offenbar die Mehrheit der Vereins- sowie Verbandsfunktionäre kaum zu jucken scheint.

Man kann es leider nicht anders ausdrücken: Der deutsche Fußball hat an diesem Tag auf seine Fans geschissen und unsere Bemühungen haben unter dem Strich nichts gebracht. Das war für uns einfach zu viel. Trotzdem versuchten wir noch am gleichen Abend, soviel Meinungsbilder aus der FC-Fanszene wie nur möglich einzuholen. Wirklich kreative Ideen waren zu diesem Zeitpunkt jedoch genauso Mangelware wie eine Jetzt erst Recht-Haltung. Ebenso konnte durch die Kürze der Zeit leider kein gemeinschaftliches Handeln erreicht werden, da wir zwei Tage später in Sandhausen schon wieder ein Pflichtspiel hatten. Man war wütend, wusste nicht wirklich um seine Zukunft und war nicht bereit, einfach so weiter zu machen, als wenn nichts geschehen wäre.

 

effzeh.com: Worauf sich die WH zum Stimmungsboykott entschied…

Genau! Das war für uns ein schwerer Schritt, die letzten beiden Pflichtspiele in Sachen Singen und Tifo zu boykottieren. Wir haben uns aber bewusst die Option Winterpause offen gehalten, damit wir dort gemeinsam mit allen FC-Fans eine einheitliche Lösung finden konnten. Zu keinem Zeitpunkt wollten wir übrigens irgendwem etwas vorschreiben. Wir sehen uns auch nicht als Stimmungsdienstleister an: Es singe, wem Gesang gegeben! Daran wird sich mit oder ohne uns nichts ändern.

effzeh.com: Dieser Boykott ist nicht überall auf Gegenliebe gestoßen – auch auf effzeh.com gab es einen „Offenen Brief“, der Unverständnis ausdrückte. Ist es Euch als Gruppe schwer gefallen, trotz des Drucks von außen standhaft zu bleiben?

Klar – es war schwer, standhaft zu bleiben! Aber weniger aufgrund der Masse an verschiedenen Meinungen, die uns auf vielen Wegen erreichten. Eher, weil die Situationen in Sandhausen und Stuttgart einfach ungewohnt für uns waren. Wir erlebten zwar in der Vergangenheit schon Spiele, zu denen wir unsere Unterstützung versagten, doch war dieser Zustand jetzt ein ganz neuer für uns. Gerade in Stuttgart war das schon eine richtig harte Nummer. Da läuft sich deine Mannschaft einen Wolf mit einer realistischen Chance auf ein Weiterkommen im DFB-Pokal – und du stehst im Block und kannst nichts machen!

effzeh.com: Würdet Ihr als Gruppe heute anders agieren?

Nach wie vor stehen wir zu der Entscheidung, die wir am Abend des 12.12. getroffen haben, gar keine Frage. Aber wir müssen uns – und daran besteht ebenso kein Zweifel – auch eingestehen, dass eine vorteilhaftere Vorgehensweise vielleicht genauso unseren Unmut ausgedrückt hätte. Im Endeffekt sind wir froh, dass es zu keinen Situationen gekommen ist, wie man es aus anderen Kurven mitbekam. Als Gruppe kennen wir derartige Zustände und wissen auch, wie schnell die Stimmung in einer Kurve umschwenken kann.

Wir haben gerade in den letzten Jahren immer wieder betont, dass eine Vielfalt an Meinungsbildern innerhalb der Gemeinschaft 1. FC Köln nicht zwangsläufig ein Missstand sein muss. Insbesondere wenn man sich gegenseitig akzeptiert und respektiert – und dies war in Stuttgart bis auf wenige, nicht erwähnenswerte Ausnahmen der Fall – kann ein heterogenes Meinungsbild innerhalb der FC-Gemeinschaft unserer Meinung nach sogar eine Bereicherung sein. Mit dem Einkehren der Ruhe in der Winterpause konnten sich alle erhitzten Gemüter abkühlen, wir uns mit befreiten Gedanken neu justieren und gemeinsam mit vielen FC-Fans eine neue Vorgehensweise abgestimmt werden.

Wie so oft wurde sich in Köln der Mund abgewischt und weiter gemacht. Wir FC-Fans haben nun auch alle schon weitaus schlimmere Situationen in der Vergangenheit gemeistert, ob auf oder neben dem Platz. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich – so ist das in Köln nun einmal.

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