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Interviews

„Der Sport ist eine Parallelwelt“

Mit „Dirty Games“ liefert Benjamin Best eine überfällige Abrechnung mit dem Sumpf namens Spitzensport. effzeh.com sprach bei der Deutschlandpremiere in Köln mit dem Filmemacher.

Benjamin Best | Foto: W-film / Benjamin Best Productions

Wettbetrug, Korruptionsskandale, Machtspielchen: Die Recherchegebiete, die Benjamin Best beackert, sind aus Sicht vieler Sportfans sicherlich nicht die attraktivsten. Doch seit knapp zehn Jahren kümmert sich der 39-jährige Journalist, der 2013 das vieldiskutierte Buch „Der gekaufte Fußball – manipulierte Spiele und betrogene Fans” veröffentlichte, um diese Themen. Nach der Deutschlandpremiere seines Kinofilms „Dirty Games – das Geschäft mit dem Sport“ (unsere Rezension) sprach Best mit effzeh.com unter anderem über seine Motivation, die Situation in Deutschland und die Rolle der Fans.

Herr Best, ihr Film zeigt die Schattenseite des Sports auf. Wie kommt man zu der Motivation, hinter die Kulissen schauen zu wollen?

Letztlich mache ich den Job fast seit zehn Jahren, arbeite als investigativer Journalist für Magazine wie „Sport Inside“. Mich interessiert es einfach, einen Blick hinter die Hochglanzfassaden zu werfen und zu schauen, was hinter den Kulissen passiert.

In „Dirty Games“ werden viele Facetten des kranken Sports aufgezeigt, von Nepal über Las Vegas bis zur FIFA. Wie haben Sie die einzelne Fälle ausgewählt, wie gewichtet?

Ich habe mich vor allem an den starken Protagonisten orientiert. Ich hatte für den Film wahnsinnig gute Menschen vor der Kamera, die sich enorm auskennen und starke Geschichten zu erzählen haben. Die Sportarten rutschten dann eher als zweites in den Fokus. Wenn ich an den Boxmanager Charles Farrell denke, der über einen vermeintlich manipulierten Tyson-Kampf spricht, an den NBA-Schiedsrichter Tim Donaghy oder die australische Fußball-Funktionärin Bonita Mersiades: Das sind alles Sportarten oder Events, die global verfolgt werden. Von daher war es ein wenig das Glück für den Filmemacher und den Film, dass die Protagonisten stark waren, aber es eben auch prominente Sportart betrifft.

In der jüngsten Vergangenheit sind viele Sportskandale aufgedeckt worden, dennoch scheint die Popularität insbesondere des Fußballs ungebrochen zu sein. Ist es für Sie ernüchternd zu sehen, dass die Leute, wie auch im Film angesprochen, „gehirntot“ wirken, sobald der Ball rollt?

Klar. Wobei sich diese ungebrochene Begeisterung auf Deutschland bezieht. Es gibt viele Länder auch in Europa, in denen die Euphorie längst nicht mehr so groß ist. Schauen Sie nach Italien oder sogar nach England – dort ist definitiv nicht alles eitel Sonnenschein. In Spanien bleiben einige Stadien leer. Wir hier in Deutschland haben eine andere Situation: Die Stadien sind voll, werden sogar noch voller, Zuschauerrekorde werden gebrochen. Aber schaut man sich die Situation auf der ganzen Welt an, dann ist es meines Erachtens ganz, ganz anders.

Foto: W-film / Benjamin Best Productions

Foto: W-film / Benjamin Best Productions

Die Sportwelt scheint dem olympischen Motto „Höher, schneller, weiter“ nicht nur bei den sportlichen Leistungen folgen zu wollen, auch bei den Events dreht sich das Rad immer schneller. Lässt sich diese Entwicklung noch aufhalten oder braucht es dafür den ganz großen Knall?

Tjoah, der ganz große Knall – wie soll der aussehen? Wir hatten Skandale – denken Sie beispielsweise an Lance Armstrong, denken Sie an all die Fälle bei der FIFA. Da waren teilweise die größten Namen dabei, die es im Sport gibt. Man muss sich die Fragen stellen: Ist das einfach so? Geht es im Sport eben nur um Millionen oder Milliarden – koste es, was es wolle? Gehen große Sportveranstaltungen wie Olympia oder die WM über die Leichen? Wenn ja, dann müssen wir das so akzeptieren, aber eben auch richtig einschätzen. Ich habe aber das Gefühl, dass der Fan, wenn er sich damit auseinandersetzt, nicht betrogen werden möchte oder das andere ausgenutzt werden.

Was kann denn der Fan tun, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten?

Der Sport hat sicherlich eine Ausnahmestellung, denn viele sehen Sport als Unterhaltung. Viele wollen sich gar nicht kritisch mit den Themen auseinandersetzen, sondern wollen stattdessen ihre Alltagssorgen vergessen. Fans haben aber eine Verantwortung, haben eine gewisse Macht.

Also der Sport-Fan als mündiger Konsument, der sagt: „Bis hierhin und nicht weiter“?

Absolut. Es gibt auf der Welt Tendenzen dorthin. Das zeigen die massiven Demonstrationen im Vorfeld der WM in Brasilien, die auch jetzt wieder stattfinden. Das hat sicherlich auch viele politische Gründe. In eine ähnliche Richtung zielt auch die Ultrá-Bewegung, die es im Fußball gibt. Man kann sicherlich darüber streiten, wie weit das gehen muss – es darf natürlich nicht in Gewalt ausarten. Aber das sind Ansätze, die bereits da sind. Sie gehen zwar ins Stadion, aber sagen: „Wir kämpfen für ihre Farben, für ihren Verein, für ihre Stadt“ – das ist schon ein klares Statement. Es bleibt auf jeden Fall spannend zu sehen, wie sich das in den nächsten Jahren weiterentwickelt.

Also vielleicht fan-geführte Vereine wie der im Film gezeigte FC United of Manchester oder in Deutschland der HFC Falke als Fluchtstrategie?

Ja. Man muss doch einfach darüber nachdenken, warum Fans solche Vereine gründen. Ich finde es ganz wichtig, dass es so etwas gibt. Weil es zeigt, dass die Menschen darüber nachdenken, was im Sport vor sich geht.

Foto: W-film / Klaus Wohlmann

Foto: W-film / Klaus Wohlmann

Alle im Film gezeigte Fälle behandeln Themen im Ausland. Dürfen wir uns Deutschland etwa als Oase der Glückseligen im Sport vorstellen?

Natürlich nicht – dafür reicht ein Blick auf die Ereignisse rund um das sogenannte „Sommermärchen“. Mein Film war bereits fertig, als das alles an die Oberfläche kam. Das zeigt doch deutlich, dass in Deutschland weiß Gott nicht alles super ist. Es gibt aber immer noch Länder und Verbände, wo das Ganze noch schlimmer ist. Dennoch müssen wir auch hierzulande darauf schauen, dass der Sport in vernünftigen Bahnen läuft.

Wenn man auf die Verbindung zwischen Geld und Macht blickt, wenn man sich diesen Sumpf anschaut: Ist der Sport denn überhaupt noch zu retten?

Das ist schwierig – der Sport ist halt eine Parallelwelt. Wir haben fantastische Sportler, die fantastische Leistungen erbringen und auch Unterstützung verdienen. Aber es gibt leider auch die andere Seite der Medaille, gegen die man vorgehen muss. Ob der Sport dann zu retten ist, das weiß ich nicht. Es gibt aus meiner Sicht viele positive Aspekte, die der Sport hervorbringt, aber leider  auch wahnsinnig viele negative. Das mag in vielen Lebensbereichen so sein, aber der Sport hat eben noch eine andere Grundidee. Es würde manchmal nicht schaden, sich darauf zurückzubesinnen.

Bei all dem Wissen: Schaut man anders auf Sportereignisse? Kann man sich überhaupt noch darauf freuen?

Natürlich bin ich noch Fan, das ist doch logisch. Das bleibt man meines Erachtens sein ganzes Leben lang. Aber es gibt viele Sportereignisse, die ich nicht schaue, wie beispielsweise die Olympischen Spiele. Irgendwie versuche ich aber, mir das Fan-Sein zu erhalten. Ich habe an der Sporthochschule studiert, selber Fußball gespielt und mein Leben lang mit Sport zu tun gehabt – aber ich will mit dem Film natürlich auch aufrütteln und sagen: Vielleicht sollte man auch einfach einmal innehalten und nachdenken!

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