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Der 1. FC Köln verliert nach 3:0-Führung gegen Freiburg am Ende noch mit 4:3. Fast scheint es, als steckten teuflische Kräfte dahinter, findet unser Autor.

Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz, das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.*

Ich gebe es ja zu, ich habe geträumt. Ich habe geträumt, dass der 1. FC Köln, seit meiner Kindheit eine der wesentlichen Konstanten in meinem Leben, sich endlich, endlich einmal zu dem entwickeln würde, was ich mir vorstelle. Ein Verein, über den man in ganz Deutschland mit Anerkennung spricht, der seinen Millionen Fans gerecht wird und ansehnlichen Fußball spielt – für seine Fans. Denn sie sind es, die den Verein ausmachen – Vorstand, Geschäftsführung, Trainer und Spieler bekommen das Mandat, den 1. FC Köln und seine Fans zu vertreten. Nicht andersherum.

Während ich aufgewachsen bin, war meine Leidenschaft für den 1. FC Köln meistens allerdings nur die Grundlage für Spott und Häme seitens meiner Mitmenschen. Ich glaube sogar, dass es für die Ausbildung von Charakterstärke sogar ganz zuträglich ist, wenn man als Fan des 1. FC Köln sozialisiert wird, denn man lernt schnell, mit Misserfolgen umzugehen. Und so hat man die diversen Abstiege, die peinlichen Possen im Verein und unzählige lächerliche Transfers ganz gut ertragen können. Vielleicht ist es auch die Liebe zum 1. FC Köln, die dafür gesorgt hat, dass ich zum Zyniker wurde – ich weiß es nicht. In jedem Fall war es nicht leicht, Fan des 1. FC Köln zu sein.

>>> effzeh-Live: Stimmen zur Pleite gegen Freiburg

Und trotzdem, in den letzten Jahren schien mein Traum in Erfüllung zu gehen. Das zarte Pflänzchen des sportlichen Erfolgs, es schien langsam aber sicher zu wachsen in Köln. Nach dem letzten Abstieg im Jahr 2012, über den ich als erwachsener Mensch bittere Tränen vergoss, hatte man tatsächlich den Eindruck, dass der 1. FC Köln auf dem Weg dahin wäre, die katastrophalsten Jahre der Vereinsgeschichte endlich hinter sich zu lassen. Endlich!

Jahre des Aufschwungs

Man wurde mal Zwölfter, mal Neunter und dann sogar Fünfter in der Bundesliga – Wahnsinn! Der Lebenstraum, einmal mit dem 1. FC Köln international zu spielen, erfüllte sich. Man konnte es kaum glauben. Natürlich denkt man in einer solchen Phase dann nicht daran, was man irgendwann dafür bezahlen wird, wenn man sich ein verficktes (‚Tschuldigung) Mal wie ein König fühlen darf, weil der Verein sich endlich mal nicht in die Scheiße reitet, sondern auf zufälligem Wege in der Europa League landet.

Europapokal-Einzug in Köln | Foto: Jürgen Schwarz/Bongarts/Getty Images

Wie der fünfte Platz zustande gekommen ist, brauchen wir ja nicht mehr diskutieren – da war viel Glück und Modeste dabei. Und trotzdem: Wenn man schon die Chance hat, von Fortuna in den Himmel gehoben zu werden, dann sollte man sie auch wahrnehmen. Und so verlebte ich, so verlebten wir alle, den Sommer 2017 in der Hoffnung darauf, dass dieser gottverdammte 1. FC Köln es hinbekommen würde, aus dieser einmaligen Chance etwas zu machen – ein ernstzunehmender Bundesligist zu werden nämlich, mehr würde ich mir gar nicht wünschen. Ab und zu mal ein bisschen obere Tabellenhälfte, ansonsten viel seriöse Arbeit. Und irgendwann, irgendwann mal wieder an alte Zeiten anknüpfen, wieder zum Stammgast in Europa werden… aber was weiß ich schon.

Klar ist auf jeden Fall in diesem Jahr geworden, dass der 1. FC Köln es nicht mehr schaffen wird, irgendwann auch nur einmal wieder den Hauch von dem darzustellen, was er einmal war – damals, im vorherigen Jahrtausend und vor den ganzen Abstiegen. Denn das kurze Intermezzo zwischen 2013 und 2017, das einige handelnde Personen durch tatsächlich relativ konstruktive Arbeit ermöglichten, ist schneller vorbei, als man „Europapokal“ sagen kann.

Der tiefe Fall

Nur wenige Monate nach dem größten Erfolg meines bisherigen Fan-Lebens hat es der 1. FC Köln wirklich geschafft, noch tiefer zu fallen als je zuvor. Der überaus beliebte Erfolgstrainer ist weg und heuert eine Woche nach der an sich schon skandalösen Entlassung bei einem anderen Verein an. Die Fanszene, bestehend aus Leuten wie mir, die so dumm sind, im 1. FC Köln so etwas wie den Lebensinhalt zu sehen, scheint tief gespalten. Und zum krönenden Abschluss hat man es als erster Bundesligist geschafft, schon vor dem Jahreswechsel abzusteigen. Direkt im Nachgang der wohl bittersten und dennoch sehr symptomatischen Niederlage gegen Freiburg veröffentlicht der Vorstand des Vereins außerdem einen Brief, über dessen Inhalt man sich nur schämen kann. Bravo, 1. FC Köln!

Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images

Innerhalb nur weniger Monate ist man also derartig abgestürzt, dass die alten Wunden wieder aufreißen. Häme, Spott und leider auch Mitleid ergießen sich wieder über die Fans, die diese längst vergessen geglaubten Zeiten nun wieder durchleben müssen. Der 1. FC Köln ist wieder da!

>>> FC-Vorstand wendet sich mit Brief an Kölner Fans

Man wird den Gedanken nicht los, dass irgendjemand einen Pakt mit dem Teufel abgeschlossen hat. Einmal Europa League? Bitteschön! Aber nur, wenn es euch danach noch beschissener ergeht als jemals zuvor. Und offenbar haben wir diesem Deal zugestimmt, ohne es zu wissen. Wir sind freudetrunken bis ans Ende der Welt gereist und haben diesen gottverdammten Haufen unterstützt. Und jetzt, gerade einmal sieben Monate nach dem absoluten Höhepunkt, ist man tiefer gefallen als man es sich hätte ausmalen können. Da steh ich nun ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.

* Mephistopheles in „Faust. Der Tragödie erster Teil“

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3 Kommentare

  1. K.H.Lenz, ich glaube, Deine Analyse ist gar nicht so verkehrt. Früher, genauer gesagt, sehr viel früher, hatte der FC in Weiand einen fast allgewaltigen Boss, der mehr oder weniger im Alleingang die Geschicke des Vereins führte – inklusive höchst riskanter, da sehr kostspieliger Transfers: Erster Millionentransfer der Bundesliga (van Gool), nur wenige Jahre später ein neuer Rekord: 2,5 Millionen für Tony Woodcock, dabei aber irgendwie ein glückliches Händchen hatte und trotz zum Teil unterirdischer Zuschauerzahlen immer schwarze Zahlen schreiben und auch einige Erfolge verbuchen konnte: Regelmäßige Präsenz auf der europäischen Bühne, drei Pokalsiege, eine Meisterschaft (Double) und den Ruf, einem höchst professionellen, aber auch etwas abgehobenen Verein vorzustehen – man erinnere sich nur an die Geschehnisse nach dem Pokalsieg 1983, als Mannschaft und Führung diesen als geschlossene Gesellschaft im Geissbockheim zelebrierten, während der gemeine Pöbel unten mit ein paar Litern Freibier abgespeist wurde
    Dass aber eine solche Omnipotenz kein Garant für sportlichen Erfolg ist, zeigen zwei andere Beispiele aus Köln: Jean Löring, der am Ende die Fortuna in die sportliche Bedeutungslosigkeit geführt hat und Artzinger-Bolten, der hauptverantwortlich war für den sportlichen Niedergang des FC seit Beginn der 90er-Jahre (Stichwort Hässler-Millionen). Und auch Wolfgang Overath, der wohl an die glorreichen Weiand-Zeiten anknüpfen wollte, hat nicht zu einer positiven Entwicklung des Vereins beigetragen.

  2. Wolfgang Mielentz am

    Hallo Arne,
    vor wenigen Tagen habe ich wiederholt vergeblich versucht, Freunden aber auch mir selber zu beschreiben, was der FC für mich bedeutet, welchen Stellenwert er seit ca. 50 Jahren in meinem Leben hat.
    Es ist mir, nicht zum ersten Male, nicht gelungen

    Deine Worte sind nicht nur DIE Antwort auf meine Frage, sie sind ein Statement und nicht zuletzt empfinde ich sie als eine Liebeserklärung an den FC..
    Mehr geht nicht.

    DANKE
    Wolfgang

  3. Das, was du da treffend erzählst, hat vielleicht auch etwas mit Köln und uns Kölnern zu tun. Jürgen Becker hatte dazu mal ein Programm mit einem schönen Titel: „Biotop für Bekloppte“. Ich wohne jetzt seit über 15 Jahren im Rhein-Main-Gebiet, der Arbeit wegen. Von außen gesehen nehme ich meine geliebte Heimatstadt mittlerweile so war, dass dort nicht nur der FC Probleme hat, sondern dass auch vieles andere nicht mehr rund läuft. Was die Sportvereine angeht, kannst du ja in Köln beobachten, das es seit vielen Jahren bergab geht: Die Fortuna berappelt sich nach Jahren wieder so langsam. Den ASV als großen Leichtathletik- und Basketballverein gibt es gar nicht mehr. Die Haie spielen längst nicht mehr die Rolle wie früher. Von den guten Hockey-Mannschaften ist nur noch Rot-Weiß Köln übriggeblieben. Und der VfL Gummersbach, immer stark nach Köln hin orientiert, droht seit Jahren aus der Bundesliga abzusteigen.
    Dass es in der Nachbarschaft, was den Fußball angeht, besser läuft, hängt wohl damit zusammen, dass diese Vereine Vereinsführungen haben, die nicht nur lange amtieren, sondern die auch Ahnung haben: Leverkusen hat Rudi Völler, Möchengladbach hat Max Eberl, Dortmund hat Aki Watzke, Schalke hat Clemens Tönnies. Der FC sah und sieht und sieht dagegen nicht so gut aus (einschließlich Schmadtke und Stöger, wie ich meine). Das heißt aber auch, dass in den oben genannten Bundesligavereinen von oben herab regiert wird. Das hat mit Vereinsdemokratie nicht viel zu tun, während dem Kölner und dem effzeh.com ja viel an Demokratie, Mitsprache, Transparenz und Fan-Kultur liegt. Wer so etwas will und starken grundsätzlich Vereinsführungen kritisch gegenüber steht, nimmt anscheinend – so verstehen ich die oben genannten Beispiele – in Kauf, dass es dann nicht so richtig klappt mit dem sportlichen Erfolg. Ich weiß, das ist eine gewagte These, aber ich sehe die Alternative nicht.

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