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Rezensionen

Schulze-Marmelings Buch zum „Fall Özil“: Der Prophet im eigenen Land

„Der Fall Özil“ bewegte im Sommer 2018 ganz Deutschland. Dietrich Schulze-Marmeling hat kurz nach Özils Rücktritt ein Buch dazu vorgelegt. Wir haben es gelesen.

Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images

Dietrich Schulze-Marmeling ist einer der profiliertesten deutschen Fußballautoren, der sich in seinen Werken oftmals der Geschichte bedeutender Vereine widmet. Gleichermaßen hat er bereits Bücher über die Geschichte der Fußball-Welt- und Europameisterschaften geschrieben, die Karriere von Johan Cruyff gewürdigt und die jüdische Vergangenheit des FC Bayern aufgearbeitet. Kurzum: Schulze-Marmeling ist ein Mann, der sich bestens im Fußball auskennt und gewisse Themen bereits schon dann als bedeutend einschätzen kann, wenn sie noch gar kein großes Thema sind. Deswegen ist es keine Überraschung, dass kurz nach dem Publikwerden des Fotos, das die beiden Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayip Erdogan schossen, Schulze-Marmeling, seine Lektoren und Mitautoren bereits die Idee verfolgten, einen „Debatten-Band“ zu diesem Thema vorzulegen.

Christoph Schottes, Lektoratsleiter beim Verlag „Die Werkstatt“, rechnete bereits frühzeitig damit, dass die Diskussion „über das dumme Foto hinausgehen wird und länger anhält“, wie er gegenüber „Börsenblatt.de“ erläutert. Die eigentliche Idee sei jedoch von Schulze-Marmeling gekommen, der im Anschluss pausenlos geschrieben habe. Im Interview mit „N-TV“ bekundet der Autor, dass der ganze Ablauf von der Idee bis zum Buch „relativ simpel“ gewesen sei – nach dem letzten Testspiel gegen Saudi-Arabien am 8. Juni hatte der 61-Jährige bereits das Gefühl, dass „alles in die falsche Richtung“ ginge.

„Antitürkischer Rassismus“ als zentrales Thema der Debatte

„Da geht es gar nicht mehr um das Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan, da kommt ein antitürkischer Rassismus hoch. Der ist ja nicht neu. Da ich gleichzeitig sehr skeptisch war bezüglich des Abschneidens der deutschen Mannschaft – ich habe ihr allerhöchstens das Viertelfinale zugetraut – war ich davon überzeugt, dass uns diese Sache weiter verfolgen würde“, erläutert er. Er sollte Recht behalten, doch der Reihe nach: Das Foto mit Erdogan wurde am 13. Mai erstmals der Öffentlichkeit zugänglich, Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft erfolgte am 22. Juli – passend zu den finalen Schritten in der Anfertigung des Textes. Die Argumentation hatte an keiner Stelle verändert werden müssen, gibt Schottes zu bedenken. Etwas mehr als eine Woche später erschien das Buch bereits im Handel.

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Es ist also einerseits eine großartige Leistung, das Schulze-Marmeling in so kurzer Zeit zusammen mit seinen Gastautoren Ilker Gündogan, Robert Claus und Diethelm Blecking ein so profunde recherchiertes und auf Polemik verzichtendes Buch schreiben konnte. Andererseits hinterlässt der frühe Erscheinungstermin dann doch Fragezeichen, ein „Schnellschuss“ sei so ein Buch, wie es mancherorts hieß. Nach der Lektüre müssen wir eines konstatieren: Schulze-Marmeling hat in extrem kurzer Zeit eine Grundlage geliefert, auf die man sich in den kommenden Jahren stützen wird, wenn man die Entwicklung der gesellschaftspolitischen Debatten in Deutschland analysieren möchte.

Schulze-Marmeling stützt sich auf seine breite Recherche

Denn darin liegt die große Stärke des Buches: Anstatt lediglich den Verlauf der sogenannten „Erdogan-Affäre“ nachzuerzählen, unternimmt Schulze-Marmeling eine Reise in die Vergangenheit und untersucht, welche Rolle Einwanderer im deutschen Fußball zuvor gespielt hatten. Darin wird deutlich, dass diese bis 1998 eigentlich gar keine Bedeutung im Diskurs einnehmen konnten – sie wurden von Politik und DFB gleichermaßen missachtet. Dass Deutschland es lange Jahre verkannt hatte, eigentlich auch eine Einwanderungsnation zu sein, schlägt natürlich vor dem Lichte der jüngsten Entwicklungen verstärkt durch. Erst 1999 veränderte das Staatsangehörigkeitsgesetz die Situation von Kindern, die in Deutschland geboren und deren Eltern Einwanderer waren. Dessen wurde man sich dann auch beim DFB bewusst, der fortan einen positiveren Umgang mit dem Thema „Integration“ zu wählen versuchte.

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