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Kolumnen

Arrogant, abschätzig & inkompetent

„Gegenwartsbewältigung“ – gelegentlich zynische Betrachtungen rund um den Fußball. Die effzeh.com-Kolumne von Christopher Kohl.

Mehmet Scholl | Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Seit 2010 belästigt Mehmet Scholl das televisionäre Fußballpublikum in der ARD. Dabei versteht der Ex-Nationalspieler von Fußball noch weniger als von zwischenmenschlichen Umgangsformen. Auch einige Tage nach der Europameisterschaft bleiben diese Eindrücke erhalten. Eine Gegenwartsbewältigung der quälenden Sorte.

Schon als Spieler war Mehmet Scholl für seine “markigen” Sprüche bekannt. Nun sind Fußballspieler zu der Zeit, in der Scholl als Profispieler aktiv war, noch nicht durch die unzähligen Rhetorikschulungen gezogen worden wie die Profifußballer der Gegenwart, sodass Fußballerzitate aus jener Ära ganze Bände füllen könnten. Neben Scholl bestachen unter anderem seine ehemaligen Teamkollegen Mario Basler, Oliver Kahn, Stefan Effenberg und Lothar Matthäus regelmäßig durch aufmerksamkeitserregende Äußerungen, die nicht selten für Empörung sorgten. Während von den genannten aber nur Basler in “Bild”-Kolumnen über die Liga herzieht, haben sich die anderen in ihren Rollen als TV-Experten zwar nicht intellektuell, aber zumindest in Form und Anstand zu ruhigeren Zeitgenossen gewandelt.
[perfectpullquote align="left" cite="Mehmet Scholl" link="" color="" class="" size=""]“Die ARD will mich so, wie ich bin. Fertig.“[/perfectpullquote]

[/perfectpullquote] nächste Stufe der Entwicklung (noch) nicht erreicht. Regelmäßig fällt der 45-jährige durch verbale Ausfälle und abschätzige Bemerkungen gegenüber allen auf, die sich in den entsprechenden Situationen nicht wehren können. Selbst wenn einige effzeh-Fans womöglich angesichts der eigenartigen Entwicklungen in der grünen Ratsfraktion die von Scholl vor vielen Jahren aufgestellte These, wonach die Grünen hängen sollten, solange es noch Bäume gäbe, in kurzweiligen Momenten zugestimmt haben könnten, bleibt Scholl auf jeden Fall eines: ein Großmaul, eine Luftpumpe und ein Dummschwätzer, dessen Existenzberechtigung als vermeintlicher Experte an der Seite Matthias Opdenhövels spätestens seit dieser Europameisterschaft in Frage gestellt werden sollte.

Respektlosigkeit und Neid als Markenzeichen

Dass Scholl angesichts seiner neuesten Entgleisungen sogar von “Spiegel Online” in einer “Chronologie der Kritik” als “Wiederholungstäter” bezeichnet wurde, sollte seinem Arbeitgeber zu denken geben – wie auch die aufgezählten Äußerungen. Nachdem Lewis Holtby sich 2010 nach einem Tor bekreuzigte, krittelte Scholl, dass das “des Guten etwas zu viel” sei und Holtby sich dies “schenken” solle. Mehr Aufsehen erregte seine Attacke gegen Mario Gomez während der EM 2012 (Gomez war da übrigens bester deutscher Torjäger), als Scholl behauptete, Gomez habe sich “zwischendurch wund gelegen”. Dafür entschuldigte sich der ehemalige Karlsruher sogar – drei Jahre später am Rande eines Interviews, in dem er außerdem eingestand, der Karriere des Spielers geschadet zu haben. Kann ja mal passieren, dass ein Spieler jahrelang gebrandmarkt ist. Aber was schert das schon jemanden, der im selben Interview zugibt, dass dieses Verhalten nur seinem Charakter entspricht: „Mein Vorteil ist, dass mich im Fernsehen kein Ehrgeiz treibt. Ich will da nichts werden, ich muss mich nicht anpassen. Die ARD will mich so, wie ich bin. Fertig.“

Photo by Claudio Villa/Getty Images

Der gescholtene Gomez am Ball
Photo by Claudio Villa/Getty Images

Von “Neid und Missgunst” (Udo Lattek) angetrieben feindet Scholl all jene an, von denen er befürchtet, sie könnten ihm in irgendeiner seiner vermeintlichen Kernkompetenzen überlegen sein. Zwei Jahre, nachdem er seinen (wenig erfolgreichen) Trainerjob bei der zweiten Mannschaft des FC Bayern aufgab, polterte der ehemalige Nationalspieler, dass im Geschäft alles “in die völlig falsche Richtung” gehen würde. Diese “Laptop-Trainer” würden “alles anders machen”, als er es machen würde. “Die haben nie selbst oben gespielt und auch keine Ahnung, wie ein Profi auf höchstem Niveau tickt.” Dass diese vermeintlich Ahnungslosen mit “typischen Kursbester-Gesichtern” im Gegensatz zu ihm bei Fußballvereinen in Lohn und Brot stehen und auch sportliche Erfolge feiern können (bspw. Tuchel oder Nagelsmann), befeuert seine offensichtlichen Minderwertigkeitskomplexe in extremer Weise.

Vor und während der Europameisterschaft stieß der Ex-Profi aber in selbst für ihn ungeahnte Dimensionen der Respektlosigkeit vor. Mario Götze warf er rund um das Vorbereitungsspiel gegen Italien vor, zu wenig zu trainieren, was dieser postwendend zurückwies. Scholl scheint während der vergangenen sechs Jahre erstaunliche Sinneswandel gehabt zu haben, verkündete er doch noch 2010, dass er sich nicht in der Position sähe, “zu nörgeln”, weil er “ganz genau” wisse, wie sich die Spieler dabei fühlen. Er weiß anscheinend doch nicht so genau, wie Profis auf höchstem Niveau ticken und es ist ihm (mittlerweile?) offenkundig vollkommen egal, welche Wirkung seine Worte erzielen, solange sie das Gehör des Publikums finden.

Wer ist hier eigentlich neidisch und ahnungslos?

Die Bühne der EM nutzte Scholl unter anderem dafür, Mesut Özil so klischeehaft wie irrational “Teilnahmslosigkeit” und schlechte Körpersprache vorzuwerfen – Aussagen, die vermeintliche Experten dann nutzen, wenn ihnen nichts anderes einfällt, aber unbedingt wichtig und wissend klingen wollen. Portugals Sieg bedauerte Scholl öffentlich und befand, dass in Portugals Spiel “Stillstand” sei. Nicht zu vergleichen ist dies mit den an Beleidigung grenzenden Attacken gegen Joachim Löw und den DFB-Chefscout Urs Siegenthaler, der “morgens lieber liegenbleiben” solle.

Trotzdem hätte Mehmet Scholl wahrscheinlich nicht ein solches Rampenlicht genossen, wenn da nicht die Gerüchte um die immensen Honorare gewesen wären. Und egal ob es nun 1,6 Millionen, 800.000 Euro oder eine dazwischen liegende Summe ist – für das, was Scholl und Kahn in den öffentlich-rechtlichen Sendern tun, erscheinen diese Zahlen absurd. Noch absurder ist die Aussage von SWR-Justiziar Herrmann Eicher, der im zuständigen Landtagsausschuss behauptete, dass man einen “Volltreffer” wie Scholl mit geringeren Summen nicht mehr bekäme. Der SPD-Abgeordnete Jochen Hartloff antwortete auf Eichers Hinweis, dass der Verlust Scholls einen Wettbewerbsnachteil gegenüber privaten Sendern bedeuten würde, dass es für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk “dann möglicherweise Zeit für einen gewissen Nachteil” sei. Ganz zu schweigen von dem nahezu zementierten Sendemonopol der öffentlich-rechtlichen Sender.

Photo by Karina Hessland/Bongarts/Getty Images

Scholl in Aktion
Photo by Karina Hessland/Bongarts/Getty Images

Die Reaktionen darauf waren gemischt, aber die entscheidenden Fragen wurden wieder einmal vermieden. Weder die fachliche noch die persönliche Eignung Scholls wurde thematisiert, von den kursierenden irren Summen der Öffentlich-Rechtlichen ganz zu schweigen. Ganz besonders peinlich trieb es SZ-Redakteur René Hofmann, der versuchte, den Spieß umzudrehen und eine Neiddebatte konstruierte und “diese Debatten werden hierzulande immer leidenschaftlich geführt”. Das Problem ist also nicht das viele Geld, das gebührenfinanzierte Sender für angebliche Experten ausgeben, sondern die Zuschauer, die die Brillanz der Experten nicht erkennen und lediglich ihre neidaufgeladenen Komplexe bedienen.

Es war schon vor zwei Jahren kaum nachvollziehbar, dass Mehmet Scholl während der WM als “witzig, charmant und eloquent” und als “bester deutsche Experte” bezeichnet wurde, ja sogar den Sieg der Nationalmannschaft gegen Portugal “veredelt” haben soll. Auch 2014 fiel er jedoch durch abschätzige und arrogante Bemerkungen auf, unter anderem gegenüber dem damaligen Bondscoach Louis van Gaal, der nicht nur einen, sondern “den allergrößten Fußballkeks” gegessen habe. Nun gilt van Gaal tatsächlich als selbstherrlich und egozentrisch, allerdings führte er die Niederlande zum dritten WM-Platz. Respekt für die gezeigten Leistungen? Sportliche Anerkennung für das Erreichte? Oder wenigstens ein Verzicht auf geringschätzende Kommentare? Nichts von all dem. Über die im Halbfinale gedemütigten Brasilianer sagte Scholl: “Alle laufen. Nur Fred, der geht.” [perfectpullquote align=[perfectpullquote align="right" cite="" link="" color="" class="" size=""] Mehmet Scholl ständig hinterher für die Aufpralle entschuldigt, obwohl nicht er, sondern andere die Schäden erleiden, ist geradezu zynisch.[/perfectpullquote]

Seinen Ausfall gegenüber Siegenthaler und Löw versuchte der “TV-Experte” im Nachhinein durch einen “Gehirnschluckauf” zu rechtfertigen. Es scheint, als sei es ein Verhaltensmuster des 45-jährigen, zunächst über Leute herzuziehen und irgendwann später entschuldigendes Gerede von sich zu geben. Die Aufgabe von TV-Experten sollte es durchaus sein, Analysen zu liefern, die ungeschönt sein können. Auffällig ist bei Scholl jedoch, dass er sich selbst ständig im Glauben wähnt, das zu tun. Ihm scheint nicht aufzufallen, dass er stets nur auf fahrende Züge aufspringt, dabei aber sofort in der Lokführerkabine die Geschwindigkeit verdoppeln will. Wenn dann die Bremse nicht gefunden wird, knallt der Zug vor die Mauer. Dass sich der Bruchpilot Mehmet Scholl ständig hinterher für die Aufpralle entschuldigt, obwohl nicht er, sondern andere die Schäden erleiden, ist geradezu zynisch.

Die ARD soll ohne Scholl einen Wettbewerbsnachteil haben? Wer das glaubt, interessiert sich entweder nicht für das Objekt in dieser Frage oder findet es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn da jemand in regelmäßigen Abständen abschätzigen Unfug redet.

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