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Unter den Fußballfans in Deutschland wurde die Entscheidung der Bundesliga-Clubs, die 50+1-Regel beibehalten zu wollen, mit Freude aufgenommen. Es ist ein Erfolg, der nicht ewig Bestand haben wird, aber Bemerkenswertes für die Fans aufzeigt.

Laut vernehmbar war der Jubel vieler Fans, als die frohe Kunde langsam aus der DFL-Mitgliederversammlung herauströpfelte: Mit einer knappen Mehrheit hatten die Bundesliga-Vereine beschlossen, die 50+1-Regel zunächst unangetastet zu lassen. Damit folgten sie einem Antrag des FC St. Pauli, der zwar eine Grundsatzdebatte zulässt, aber den Erhalt der Regelung in den Vordergrund stellt. Die Rechtssicherheit der Leitlinie zu zementieren – das ist das Anliegen von 18 der 34 stimmberechtigten DFL-Mitglieder (Kaiserslautern und Regensburg fehlten bei der Vollversammlung).

Sowohl die hauchdünne Mehrheit der 50+1-Befürworter als auch die große Zahl der Enthaltungen bei dieser Frage zeigen: Die Frage, ob sich der deutsche Profifußball Investoren zunehmend öffnen möchte, ist nicht endgültig beantwortet, sie ist vielmehr vertagt. Die Abstimmung ist ein Etappensieg für die Fankurven, mehr allerdings auch nicht. Denn: Der enorme Geldbedarf im Business wird nicht von jetzt auf gleich aufhören, auch die Stimmen für einen Kapitalzufluss von außen werden nicht verstummen. Keine Entscheidung für die Ewigkeit – und doch ein Fingerzeig für das Meinungsbild innerhalb der Bundesliga.

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50+1-Regel dank Ausnahmeregelungen ein zahnloser Stubentiger

Auch in Richtung Hannover, wo Martin Kind seinen Antrag auf eine Ausnahmeregelung zurückgezogen, aber eine ergebnisoffene Debatte erwünscht hatte. Schon im Vorfeld hatte es Berichte gegeben, dass die DFL die Offerte des 96-Präsidenten abgelehnt hätte, da dieser die Vorgaben nicht einmal ansatzweise erfüllen konnte. Kind hatte öfters offen mit Klage gegen die 50+1-Regelung gedroht, diese Drohung aber in der Vergangenheit niemals in die Tat umgesetzt. Einen klaren Sieg vor Gericht, den viele entweder befürchten oder aber herbeisehnten – er ist dieser Form offenbar doch nicht zu erwarten. Dass die Bedenken der EU-Kartellrechtler durchaus an der Verbandsautonomie scheitern könnten, ist definitiv nicht ausgeschlossen.

AUE, GERMANY - MARCH 19: Fans of Aue with banner Halt Stop! 50+1 bleibt so wie es ist during the second Bundesliga match between FC Erzgebirge Aue and SpVgg Greuther Fuerth at Sparkassen-Erzgebirgsstadion on March 19, 2018 in Aue, Germany. (Photo by Karina Hessland-Wissel/Bongarts/Getty Images)

Foto: Karina Hessland-Wissel/Bongarts/Getty Images

Ausgeschlossen scheint allerdings auch, dass die Uhr bei den bisher erteilten Ausnahmeregelungen zurückgedreht wird: Bayer Leverkusen, der VfL Wolfsburg und 1899 Hoffenheim dürfen die 50+1-Regelungen aufgrund der derzeitigen und vormaligen Regelungen umgehen, während sich RB Leipzig durch einen juristischen Kniff und massig zugedrückte Augen bei den Verbänden bis in die höchsten Spielklassen vorspielen konnte. Das zeigt – ebenso wie die Negativbeispiele Hamburger SV und 1860 München, die 50+1 nicht verhindern konnte – die Schwachstellen im System. Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen verkommt die Regel häufig zum zahnlosen Stubentiger, der den entsprechenden Verantwortlichen wenig Respekt einflößt.

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„50+1 bleibt“: Stimme der Fans als Mutmacher für die Zukunft

Respekt hat den Entscheidern dagegen der Gegenwind aus den Fankurven eingeflößt: Die Kampagne „50+1 bleibt“ sammelte über 3.000 Unterschriften verschiedenster Fangruppierungen und übergab diese vor der DFL-Mitgliederversammlung medienwirksam an DFL-Boss Reinhard Rauball. Auch unter dem Eindruck der Proteste gegen die Montagsspiele, die definitiv Spuren bei den Bundesliga-Clubs hinterlassen haben, haben die Vereine hingehört, wenn es um die Argumente der eigenen Anhänger ging. Die Sorgen um einen integralen Bestandteil der deutschen Fußballkultur schweißte die Fankurven zusammen – wie schon bei 12:12 präsentierten sich die sonst oft rivalisierenden Szenen (und vielfach weit darüber hinaus) als geschlossene Einheit. In den Farben getrennt, in der Sache vereint: Diesmal war dies mehr als eine Floskel.

Das ist es auch, was als Mutmacher gelten darf. Agieren die Anhänger bei Themen mit lauter Stimme, dann werden sie auch wahr- und ernstgenommen. Bei aller Kritik an der Entwicklung in den letzten Jahren, an um sich greifender Kommerzialisierung, an internationalen Allmachtsphantasien, an zunehmender Entfremdung vom Moloch Profifußball: Die Anliegen der Fans waren selten so prominent und so wirkmächtig in der Öffentlichkeit, wie es derzeit der Fall ist. Es liegt auch an den Fanszenen selber, sich als wichtiger Ansprechpartner in solchen Fragen zu etablieren. Das geht aber nicht durch Radikalisierung, das geht nur durch Aktionen wie „50+1 bleibt“. Sonst wird aus dem vielleicht etwas verfrühten Jubel nach der Entscheidung bei der DFL-Vollversammlung schnell wieder große Ernüchterung.

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