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Geißbockheim

Mitgliederversammlung des 1. FC Köln: Ein (zu) ruhiger Abend für den Verein

Der 1. FC Köln erlebt die wohl ruhigste Mitgliederversammlung seit Jahren. Die Harmonie in der Kölnarena darf allerdings nicht darauf hinwegtäuschen: Der FC bleibt nicht nur eine finanzielle Baustelle und braucht vor allem sportlichen Erfolg für eine rasche Gesundung.

Foto: 1. FC Köln/Wunderlich

Es war nicht einmal 23 Uhr, da beschloss Werner Wolf mit einem schalen Witz die Mitgliederversammlung des 1. FC Köln in der Kölnarena. Zuvor war der Präsident des 1. FC Köln zusammen mit seinen Vizes Eckhard Sauren und Carsten Wettich mit überwältigender Mehrheit von 91,82 Prozent von den wenigen anwesenden Mitgliedern in eine weitere Amtszeit geschickt worden. Wer an diesem Dienstagabend in Deutz angesichts einer Vorstandswahl und der Aufarbeitung der Vorfälle beim ersten Gruppenspiel der UEFA Europa Conference League in Nizza auf eine emotionale und leidenschaftliche Veranstaltung gesetzt hatte, der dürfte ohne Wettgewinn nach Hause gegangen sein.

Stattdessen erlebte der 1. FC Köln wohl eine der ruhigsten Mitgliederversammlungen der jüngeren Vergangenheit. Von den Mammutveranstaltungen in den zurückliegenden Jahren keine Spur, von den hitzigen und mitunter niveaulosen Debatten und Streitereien auf diversen Treffen ebenfalls nicht. Das lag auch am durchaus enttäuschenden Zuspruch für die jährliche Zusammenkunft der FC-Familie: Nicht einmal 1000 Mitglieder fanden am Dienstagabend den Weg in die Kölnarena, um über die Zukunft des Vereins zu diskutieren und zu entscheiden. Die problemlose sportliche Situation dürfte dazu ebenso beigetragen haben wie der Termin unter der Woche, der der Hallensituation in der Coronavirus-Pandemie geschuldet war. Doch auch das auffällige Desinteresse vieler Mitglieder an den vereinspolitischen Geschehnissen in ihrem Club muss angesprochen werden – in Zeiten der Debatten um die 50+1-Regelung kein aufmunterndes Zeichen.

Keine emotionale Auseinandersetzung über die Vorfälle in Nizza

„Ich hätte mir auch mehr gewünscht“, zeigte sich auch der alte und neue FC-Präsident Werner Wolf verwundert ob des geringen Interesses. Das galt deutlich überraschender auch bei der Debatte über die Nizza-Vorfälle, die zwar des Öfteren zur Sprache kamen, aber wider Erwartens wenig emotional und polemisch geführt wurde. “Es hat mich gewundert, dass es so wenige Wortmeldungen gab. Ich habe das nicht erwartet, weil Nizza uns persönlich Bauchschmerzen bereitet. Ich habe da eine komplett andere Diskussion erwartet als die, die wir erlebt haben”, betonte Wolf, der gemeinsam mit den Vereinsgremien vorher offensiv dafür geworben hatte, eine offene und ehrliche Diskussion zu diesem Thema auf der Mitgliederversammlung zu führen. Letztlich fiel – bis auf vereinzelte sachliche Wortmeldungen und ausgewogenen Statements der Gremien – die befürchtete emotionale Auseinandersetzung ins Wasser.

“Es hat mich gewundert, dass es so wenige Wortmeldungen gab. Ich habe da eine komplett andere Diskussion erwartet als die, die wir erlebt haben.”

Kontroversen blieben aus an diesem (zu) ruhigen Dienstagabend in der Kölnarena. Der seit drei Jahren wirkende Vorstand sah sich beim Buhlen um die Gunst der Mitglieder nur vereinzelter Kritik ausgesetzt. Philipp Herpel, Sprecher der Fan-Initiative „100 Prozent FC“, bemängelte einmal den unkonkreten FC-Matchplan, den das Präsidium im vergangenen Jahr präsentiert hatte, sowie die schwache Kommunikation der Vereinsführung. So repetitiv diese Anwürfe wirkten, so repetitiv kam auch die Antwort der Verantwortlichen daher: Man sehe ein, dass die Kommunikation verbesserungswürdig sei, man nehme diese Kritik mit und versuche dies im kommenden Jahr anders zu machen. Worte, die gefühlt auf jeder der letzten Mitgliederversammlungen vom Vorstand zu hören waren. Immerhin: Im Unterschied zu früheren Präsidien gingen Wolf und Co. nicht auf Konfrontationskurs, sondern nutzten vielmehr in uninspirierenden Reden die Umarmungstaktik. „Gemeinsam gewinnen alle“ – das Motto des Vorstand scheint nach den turbulenten Vorjahren mehr als nur eingesickert zu sein in die FC-Mitgliedschaft.

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Die Geschäftsführung überzeugt mit schonungsloser Offenheit

Die positive sportliche Situation hat daran sicherlich ebenso Anteil wie die überzeugenden Auftritte der neuen Geschäftsführung der „Geißböcke“. Finanzchef Philipp Türoff skizzierte schonungslos die wirtschaftliche Situation des Vereins, der im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von 15,7 Millionen Euro gemacht hat. Mit Verpflichtungen von rund 80 Millionen Euro, die sich aus dem Schuldenstand von 65,9 Millionen Euro sowie Genussscheinen und veräußerten Einnahmen aus der Zukunft ergeben, bleibe der 1. FC Köln ein finanzwirtschaftlicher Sanierungsfall. Deutliche Worte – nicht nur zwischen den Zeilen sparte Türoff nicht an Kritik an der vorherigen Unternehmensführung beim Bundesligisten. Die Belastung des Vereins mit Schulden sei sehr hoch, das Eigenkapital fast aufgezehrt, so der Finanzgeschäftsführer, der Anfang des Jahre die Geschäfte von Vorgänger Alexander Wehrle (jetzt: VfB Stuttgart) übernommen hatte.

Foto: 1. FC Köln/Wunderlich

Für das kommende Geschäftsjahr plant der 1. FC Köln mit einem finanziell positiven Ergebnis. „Das bedeutet: Wir gehen erste Schritte auf einem mehrjährigen Weg, um wirtschaftlich wieder gesund zu werden“, so Türoff, den insbesondere die Qualifikation für die Gruppenphase der UEFA Europa Conference League erfreut haben dürfte: „Die bemerkenswerte sportliche Entwicklung kann dazu beitragen, den FC schneller auf ein stabiles Fundament zu stellen, wenn wir den eingeschlagenen strategischen Weg konsequent fortsetzen“, betonte der Finanzgeschäftsführer, der im ersten Halbjahr seiner Tätigkeit viel Aufwand in die Sicherung der aktuellen Situation stecken musste: „Wichtig in dieser sehr herausfordernden finanziellen Lage waren uns drei Ziele, die wir erreichen konnten. Die Liquidität des 1. FC Köln war im Jahresverlauf zu jeder Zeit gesichert. Wir haben für die inzwischen laufende Spielzeit die Lizenz ohne Auflagen erhalten und wir schließen das Geschäftsjahr mit einem wenn auch sehr geringen, aber positiven Eigenkapital ab.“

Keller: “Der FC ist seit Jahre strukturell defizitär – auch schon vor Corona”

In dieselbe Kerbe wie sein Finanzkollege Türoff schlug auch Sportgeschäftsführer Christian Keller in seiner umfassenden Situationsanalyse: Der 1. FC Köln sei „seit Jahren strukturell defizitär. Und das auch schon vor Corona. Das heißt, es brauchte immer Sondererlöse, in der Regel Transfers. Du musst einen Verein aber so aufstellen, dass Transfers Wachstum ermöglichen. Nicht so, dass Transfers Lücken schließen“, legte der ehemalige Regensburger, der im April bei den „Geißböcken“ einstieg, die Arbeitsweise der vorherigen Verantwortlichen in der jüngeren Vergangenheit schonungslos offen. Blumige Worte sind bei den FC-Machern offensichtlich passé – beim Neustart mit frischen Gesichtern allerdings deutlich einfacher als mittendrin in der Misere. In die Zukunft blickt der neue starke Mann am Geißbockheim dennoch optimistisch, er habe seit seiner Amtsantritt in Köln ganz viel Positives gesehen. „Der FC hat eine beeindruckende Mitglieder- und Fanbasis, die den FC lebt und fühlt. Das gibt es so ganz selten im Fußball, der Verein muss diese Stärke nutzen“, so Keller.

“Köln ist viertgrößter Standorts Deutschlands. Seinen exzellenten Rahmenbedingungen ist der FC allerdings nur selten gerecht geworden.”

Der Sportchef machte dazu deutlich, wo der Verein noch „Entwicklungsfelder“, wie es Keller gern nennt, habe. „Es gibt auch Aspekte, bei denen der FC deutlich zulegen muss. Köln ist viertgrößter Standorts Deutschlands. Seinen exzellenten Rahmenbedingungen ist der FC allerdings nur selten gerecht geworden. Der FC ist heute ein finanzwirtschaftlicher Sanierungsfall und ist auch strukturell nicht auf der Höhe. Gerade Effektivität, Effizienz und Ganzheitlichkeit sind deutlich steigerbar“, betonte der 43 Jahre alte Geschäftsführer und zeigte zudem erneut den seit Jahren beklagten Erneuerungsbedarf am Geißbockheim auf: “Der FC hat keine Infrastruktur, die Erstligabedürfnissen nur annähernd gerecht wird. In vielen Bereich ist der FC alles andere als ein Top-4-Club und in Bezug auf die harten Fakten auch bei weitem kein Top-10-Club. Die aktuelle Ausgangslage darf aber nicht hemmen, sondern sollten ein Antrieb sein. Es ist eine große Chance, den FC langfristig positiv zu entwickeln.“

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Der 1. FC Köln bleibt nicht nur eine finanzielle Baustelle

Diese Chance soll der alte und gleichsam neue Vorstand gemeinsam mit der Geschäftsführung und den Gremien am Schopfe packen – erste Planungen für einen zweiten Standort in Marsdorf inklusive. „Ich bin überwältigt. Vielen Dank für Ihr Vertrauen! Wir wollen das in den nächsten Jahren zurückzahlen. Wir wollen für euch als Vorstandsteam nicht nur nahbar und authentisch bleiben, sondern weiterhin hart für und vor allem mit euch arbeiten, um Schritt für Schritt das fantastische Potential unseres Vereins freizusetzen“, erklärte FC-Präsident Werner Wolf nach seiner Wahl und nahm die Mitgliedschaft gleichfalls in die Pflicht: Wir brauchen euch und eure Kraft, um unsere Ziele zu erreichen. Nur gemeinsam gewinnen alle“, zitierte Wolf abermals das Motto seines Vorstandsteams, das sich offenkundig auch auf der Mitgliederversammlung wiederfand. Der 1. FC Köln bleibt trotz aller Harmonie weiter ein Verein im Wandel und ist im derzeitigen Zustand nicht nur eine finanzielle Baustelle. Für eine gesunde Zukunft, das machten alle Verantwortlichen deutlich, braucht es offenbar Ruhe und sportlichen Erfolg.

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