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Kolumnen

Drei Jahre nach dem Europapokal-Einzug des 1. FC Köln: Beziehungsstatus „Es ist kompliziert“

Vor drei Jahren schoss Yuya Osako den 1. FC Köln zurück in den Europapokal. Ein Tag, den die effzeh-Fans niemals vergessen werden. Und der in dieser Form wohl nie wieder zurückkehrt.

Viel Zeit ist nicht mehr auf der Uhr im Spiel zwischen dem 1. FC Köln und Mainz 05. Milos Jojic erobert den Ball kurz hinter der Mittellinie in der eigenen Hälfte, lässt einen Gegenspieler stehen und schickt Yuya Osako auf die Reise Richtung Unsterblichkeit. Der Japaner bleibt vor dem Torwart der „Nullfünfer“ eiskalt und schickt alle Fans des 1. FC Köln in Richtung Wahnsinn. 86:14 Minuten zeigt die Uhr an, als der Ball im Tor einschlägt und den Europapokal-Einzug der „Geißböcke“ endgültig perfekt macht. Was dann passiert, ist nicht einfach in Worte zu fassen. Nein: Es ist einfach nicht in Worte zu fassen.

Drei Jahre ist es nun her, als sich ganz Müngersdorf, ach was, ganz Köln sich in ein Tollhaus verwandelte. Platzsturm nach dem Abpfiff, schon zuvor konnte es die FC-Fans kaum abwarten. Das Telefon schellte in Kopenhagen. Anhänger wie Spieler im Freudentaumel, Anthony Modeste wird gar auf Händen getragen. Tränen vor lauter Begeisterung bei allen Beteiligten. Nach 25 Jahren spielt der 1. FC Köln endlich wieder international – ein Traum, oft geträumt, er ist nun endlich wahr geworden. Eine komplette Stadt steht Kopf, vom Schlusspfiff an gibt es nirgendwo mehr ein Halten. Jeck em Sonnesching – aber diesmal in komplett unterstützenswerter Version. Der 20. Mai 2017 – ein Tag, den kein FC-Fan jemals vergessen wird. Der 20. Mai 2017 – ein Tag, der sich wohl so niemals mehr wiederholen wird.

Von Wolke 7 durch den harten Boden der Tatsachen

Was ist seitdem nicht alles passiert rund um den 1. FC Köln? Auf den Europapokal-Rausch folgte der bittere Kater. Der FC schlug nach dem Höhenflug Richtung Wolke sieben auf dem harten Boden der Tatsachen nicht nur auf, er durchschlug ihn mit voller Wucht und landete nach der schlechtesten Bundesliga-Saison der Vereinsgeschichte eine Etage tiefer. Jörg Schmadtke und Peter Stöger, die Architekten dieses Fußballwunders, sind ebenso längst Vergangenheit am Geißbockheim wie ihre Nachfolger Armin Veh und Markus Anfang. Milos Jojic und Yuya Osako tragen schon einige Zeit nicht mehr den Geißbock auf der Brust, der auf Händen getragene Modeste fristet seit seiner umjubelten Rückkehr aus China ein Dasein als Edelreservist beim FC.

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Sportlich durchlebten die „Geißböcke“ und ihr äußerst begeisterungsfähiger Anhang eine bleierne Zeit in der 2. Bundesliga, auf und neben dem Rasen passten die Puzzlestücke schon lange nicht mehr so zusammen wie an jenem Samstagnachmittag im Mai. Diskussionen um einen Stadionausbau oder gar einen Neubau auf grüner Wiese, Diskussionen um Investoren und Gremienstrukturen. Der Vereinspräsident verlor im Anschluss an eine obskure Sprachnachricht einen Machtkampf gegen den Sportdirektor (und irgendwie auch gegen seine Vizepräsidenten), die internen Querelen im Club überschatteten eine leidlich emotionalen Wiederaufstieg. In der Bundesliga: Tiefschläge, Abschiede und eine nicht für möglich gehaltene sportliche Wiederaufstehung unter Markus Gisdol, die jäh gestoppt wurde von einer weltweit grassierenden Viruspandemie.

Emotional mehrfach durch die Mangel gedreht

Kurzum: Der 1. FC Köln hat es uns Fans seit dem Europapokal-Einzug wahrlich nicht einfach gemacht. Emotional wurde das Umfeld mehrfach durch die Mangel gedreht, vom Himmel in die Hölle und zurück Richtung Normalität. Es war kein leichtes Unterfangen mit diesem Club in der jüngsten Vergangenheit. Aber wann war es das überhaupt jemals? Und würden wir es nicht vermissen, wenn der glorreiche 1. FC Köln auf einmal ein stinknormaler 08/15-Verein wäre? Es sind diese Gefühlswelten, die das Salz in der Suppe sind. Und die es auf Strecke erträglich gemacht haben, all diese Tiefpunkte in den schlechten Zeiten zu verarbeiten. Vielleicht sind es aber auch gerade diese emotionalen Ausschlägen, diese verdammte Achterbahnfahrt der Gefühle, die einem in immer kürzere Abständen die Sinnfrage vor Augen halten. Es ist kompliziert geworden zwischen mir und dem 1. FC Köln.

Drei Jahre nach dem Europapokal-Einzug scheinen Szenen wie damals im Mai geradezu absurd, wie aus einem gänzlich anderen Leben. Prallgefülltes Stadion, voller Vorfreude stimmungsvoll mitfiebernd. Sich in den Armen liegende Menschen beim Platzsturm auf dem Rasen. Überschäumende Freude im Stadion, in der Stadt. Der 1. FC Köln kann auch glücklich machen. Und nun, im Jahr 2020? Auch nun spielt der FC Mitte Mai zuhause gegen Mainz 05, doch die Erinnerungen an das Duell 2017 sind nur das: Erinnerungen. Denn die Bundesliga muss den Spielbetrieb aus rein finanziellen Aspekten fortsetzen. Ohne Zuschauer in den Stadien. Ohne all das emotionale Drumherum, das diesen Sport so groß gemacht hat, so bedeutend, so wichtig für seine Fans.

Subotic: „Wir haben einen Effekt auf das Leben der Leute“

Neven Subotic, im Mai 2017 als Leihgabe von Borussia Dortmund für den FC aktiv, beschrieb die Szenerie in Köln und die Bedeutung des Europapokal-Einzugs in einem „11Freunde“-Interview sehr treffend und eindringlich, als er vom Abend nach dem Spiel erzählte. „Es war der Hammer. Am Abend, als wir es gepackt hatten, sollte eine Feier aller Mitarbeiter und Spieler stattfinden. Ich habe mich nach unserem Spiel ins Auto gesetzt und zu den zwei jungen Spielern Birk Risa und Nikolas Nartey gesagt: ‚Steigt ein. Ich möchte euch etwas zeigen.‘ Wir fuhren zunächst die Aachener Straße lang, die direkt vom Stadion zur Stadtmitte führt. Danach hatte ich mir eine szenische Route ausgedacht, vorbei an all den Kneipen und Bars“, erzählte der Verteidiger. „Überall standen die Fans und rasteten komplett aus. Die Jungs sind aufs Dach gestiegen. Sie sind noch jung, haben noch nicht so viele Spiele gemacht. Aber ich wollte ihnen etwas zeigen: Das ist der Fußball, wir stehen nicht nur für drei Punkte oder unsere Karriere auf dem Platz. In solchen Momenten siehst du, was für einen krassen Einfluss der Verein und damit unsere Spiele haben. Sie haben einen Effekt auf das Leben der Leute.“

Foto: Juergen Schwarz/Bongarts/Getty Images

Es sind diese Szenen, diese Momente, diese Erinnerungen, die in vielen die Liebe zum Verein und zum Fußball ausmachen. Und es sind diese Szenen, diese Momente, diese Erinnerungen, die derzeit unmöglich sind. „Was sind die größten Errungenschaften eines Vereins wert, wenn keiner da ist, sich daran zu erinnern?“ – diese Frage unserer Redakteurin Sarah ist es, die mir ebenfalls im Kopf herumschwirrte. Und ob die Gleichgültigkeit, mit der ich das Spiel am Sonntag im TV verfolgt habe, ein weiterer Teil meiner emotionalen Abnabelung vom Lieblingsverein und Lieblingssport ist. Umso schöner ist angesichts der unschönen Gegenwart der Blick in den Rückspiegel: Beim Betrachten der zahlreichen Posts in den sozialen Netzwerken, beim Re-Watch der Schlussphase aus dem Mainz-Spiel, ja sogar beim Schreiben dieses Textes hatte ich Tränen in den Augen.

Was bleibt, ist die Erinnerung

Die Bedeutung des 20. Mai 2017 – sie ist allen Fans noch so präsent wie an jenem Tag, als wir uns in den Armen lagen und ungläubig fragend anschauten, ob das alles wahr ist. Wie so ein kleines Kind nach der ersten Narkose. „Is this real life“– ohja, es ist das echte Leben. Und wie eigentlich immer im echten Leben hält dieses Hochgefühl eben nicht ewig an. Und es kommt vielleicht nie wieder zurück. Vermutlich wird es nie wieder so, wie es damals war. An diesen Samstagnachmittag, als wir schon Stunden zuvor nervös waren wie vor dem ersten Mal. als wir uns mitfiebernd, mitleidend einen Traum erfüllen wollten. Als Yuya Osako uns alle ins Glück schoss. Und als in Kopenhagen das Telefon schellte. Was bleibt, ist die Erinnerung. An 20/5/17.

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