Folge uns
.

Kurz & Knapp

WH-Vorsänger im SZ-Interview: „Wir haben nie etwas vom Dialog mit DFL und DFB gehabt“

Dialog mit den Verbänden, 50+1, Ansetzungen, Gewalt: Ultras sind immer wieder in den Schlagzeilen. Im SZ-Interview spricht WH96-Vorsänger Stephan Schell über diese Themen und mehr.

Stefan Schell
Foto: Sebastian Bahr

Es kommt selten vor, dass Ultras mit Interviews in überregionalen Medien auffallen. In der „Süddeutschen Zeitung“ hat sich nun mit Stephan Schell der Vorsänger der „Wilden Horde“ ausführlich zum landesweiten Protest gegen DFB und DFL, der Ultra-Kultur sowie der Debatte um die 50+1-Regelung geäußert.

„Jahrelang haben wir den Dialog geführt. Wir haben nie, wirklich nie was davon gehabt. Dann sind die Dresdner nach Karlsruhe gefahren, haben sich in Camouflage geschminkt und Alarm gemacht“, erklärt Schell den fanseitigen Abbruch der Gespräche und die neuerlich angekündigten Proteste. „Ihr werdet von uns hören“ lautete die Botschaft am Saisonstart in vielen Kurven landesweit in Richtung DFB und DFL. Beim letzten Mal habe der Protest gewirkt, man habe erreicht, „dass der DFB bei uns geklingelt hat“.

Distanzierung von Gewalt? „Das wäre nicht ehrlich“

Bei den Treffen mit den Verbandsfunktionären habe es durchaus Fortschritte gegeben, führt der Vorsänger aus, benennt aber auch einen der großen Streitpunkte: Der DFB unterstützt weiterhin, dass Vereine sich die Geldstrafen des Verbands mit Regress-Forderungen zurückholen sollen – wie in Köln jüngst erneut geschehen. „Selbst Spruchbänder, die beleidigend wirken, können sanktioniert werden“, erläutert Schell das Problem, das sich aus Fan-Perspektive durch die Regress-Praxis und die vorherigen DFB-Strafen ergibt.

Auch interessant
Rücktrittsforderungen an den Vorstand: Ein Riss geht durch den 1. FC Köln

Dass die Ultra-Gruppen bei anderen Stadionbesuchern und der Öffentlichkeit einen schweren Stand haben, ist dem WH-Vorsänger derweil bewusst. Für die Ultras sei es ein Balanceakt: „Wir müssen aufpassen, dass wir den Bogen nicht überspannen, uns aber auch nicht verbiegen“, so Schell.  Manche Sympathie müsse man wohl nicht mehr verspielen. Dass die oft geforderte Distanzierung von Gewalt für das Image hilfreich wäre, stellt er nicht in Frage.

„Aber das wäre nicht ehrlich. Ich kann nicht ausschließen, dass irgendwo was passiert und Leute dabei sind, die sich ‚Ultra‘ auf die Fahne schreiben“, betont er. Im Fall des Angriffs auf einen Bus der Gästefans nach der Partie des 1. FC Köln gegen Union Berlin, der kürzlich für Aufregung gesorgt hatte, verstehe er aber durchaus, dass „Leute sich an den Kopf fassen, wenn sie davon eine Woche lang in der Zeitung lesen.“

WH-Vorsänger Schell: Jeder Investor ist inakzeptabel

Mit Blick auf die Diskussion um die 50+1-Regel positioniert sich Schell ebenso deutlich: „In Köln haben die Mitglieder noch viel zu sagen. Mit einem Investor würde das enden.“ Jemand, der Geld reinstecke, wolle immer etwas haben, untermauert er seinen Standpunkt und blickt kritisch auf die Entwicklungen beim 1. FC Köln. „Heute rütteln sie am Stadion, morgen an den Vereinsfarben, übermorgen am Logo.“ Für den Kölner Vorsänger ist jeder Investor inakzeptabel, „auch wenn er aus der eigenen Stadt kommen sollte“. Unter anderem wegen dieser Frage befinde man sich mit der eigenen Vereinsführung im Streit.

Cologne's players celebrate with their fans after the UEFA Europa League football match 1 FC Cologne v Arsenal FC on November 23, 2017 in Cologne, western Germany. / AFP PHOTO / INA FASSBENDER (Photo credit should read INA FASSBENDER/AFP/Getty Images)

Foto: INA FASSBENDER/AFP/Getty Images

Ob der Fußball in Deutschland nur mit dem Einstieg von Investoren wieder an Spannung gewinnen und in Europa mithalten könne, seien ohnehin nicht die zentralen Fragen. Erfolg um jeden Preis sei weder im Leben noch im Fußball eine Option, sagt Schell:„Du hast nichts davon, wenn der 1. FC Köln irgendwann deutscher Meister werden kann, aber nicht mehr 1. FC Köln heißt.“ Begrenzte Spielergehälter oder eine Gleichverteilung der TV-Gelder seien die besseren Mittel für einen besseren Wettbewerb in Deutschland.

Heute rütteln sie am Stadion, morgen an den Vereinsfarben, übermorgen am Logo.

Schlussendlich gingen die Menschen – zumindest beim 1. FC Köln – ohnehin nicht wegen sportlichem Erfolg ins Stadion, sondern wegen der Identifikation mit dem Club, erklärt Schell: „Vereine, die noch ihren Mitgliedern gehören, machen den Fußball aus.“ Dass für andere Fans Stars und Pokale wichtiger sein könnten, ist ihm aber natürlich bewusst. „Du hast die Leute, die nur Bayern München und Champions League gucken. In die kann ich mich natürlich nicht hineinversetzen. Die haben aber den Fußball nicht zu dem gemacht, was er heute ist.“

Das komplette Interview von Sebastian Fischer mit WH-Vorsänger Stephan Schell könnt ihr bei der „Süddeutschen Zeitung“ lesen –der Tagespass für zwei Euro führt zum Ziel. Journalismus ist was wert.

6 Kommentare

6 Comments

  1. Zorro

    15. September 2018 an 10:22

    Schell ist leider verblendet. Er steht einer Gruppe vor, die immer wieder andere Menschen bedrohen, beleidigen und sogar attackieren. Oder waren es keine Mitglieder der Wilden Horde, die 2012 diesen unsäglichen Busangriff auf Mönchengladbacher Fans durchgeführt haben? Auch damals war er doch schon auf dem Zaun wenn ich mich Recht erinnere. Ein Interview von ihm zu der Sache kann ich leider nicht finden. Sein Kumpel der bundesweit in die Schlagzeilen gerät, weil er meint Zieler beleidigenden zu müssen rundet die Sache ab. Ja so etwas kann alles passieren. Zur Selbstreflektion gehört aber auch sich hin und wieder von Dingen und Ereignissen zu distanzieren. Selbst nach den Vorkommnissen von Belgrad kriegt Schell, so etwas ja nicht hin, was letztlich dann zeigt welche Gesinnung er doch hat.

    • Fuchs

      17. September 2018 an 13:48

      Damals gab es Distanzierungen dazu. U.a. auch in einem mit ihm geführten Interview im Spiegel!

  2. Martin

    14. September 2018 an 13:37

    Ich verstehe nicht, warum manche Menschen (wie scheinbar Herr Stephan Schell) der Meinung sind, dass im Stadion, bzw. auf den Zuschauerrängen scheinbar alles erlaubt sein soll, was sonst auch normalerweise verboten ist. Warum sollten die Strafen bzgl. beleidigende Spruchbänder, Gewalt, Pyrotechnik, usw. nicht von denen bezahlt werden, die sie auch verursacht haben? Mit welchem Recht soll der Verein die Kosten tragen? Im wirklichen Leben muss doch auch niemand für die Straftat eines anderen bezahlen. Zusätzlich sehe ich es als Mitglied des 1. FC Köln auch nicht weiter ein, dass diese Chaoten den Verein schädigen und den Ruf von allen anderen friedlichen Fans gleich mit. Wer hier im Namen des Vereins Randale macht, Gewalt anwendet und auch noch das Risiko eingeht, dass unbeteiligte Personen zu Schaden kommen, hat im Stadion nichts zu suchen. Das Stadion ist keine rechtsfreie Zone. Wer sich nicht benehmen kann, der gehört dort auch nicht hin. Mit freier Meinungsäußerung hat haben die ganzen Beleidigungen nichts mehr zu tun. Wenn ich einen solchen Blödsinn schon lese wie: „Ich kann nicht ausschließen, dass irgendwo was passiert und Leute dabei sind, die sich ‚Ultra‘ auf die Fahne schreiben.“ Natürlich kann man das nicht ausschließen aber es ist doch mehr als nur auffällig, dass immer der gleiche Kreis von Personen für derartige Entgleisungen verantwortlich ist. Wenn dies also im Kreise der Ultras zumindest geduldete Praxis ist, dann muss man sich nicht wundern, dass dies auch passiert. Außerdem steht bei diesen Kriminellen gar nicht der Verein im Vordergrund. Der wirkliche Grund ist unter dem Deckmantel des Fußballs/des Vereins diverse Straften (Beleidigung, Körperverletzung, usw.) zu verharmlosen oder gar zu rechtfertigen. Daher gehen mir die Regressforderungen und die Prävention des Vereins gegen diese Personen noch nicht weit genug. Auch wenn dies natürlich immer davon abhängig ist, welche Rechtsmittel möglich sind und wie die entsprechenden Personen ermittelt werden, bzw. strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden können. Das keiner von uns Fans/Mitgliedern möchte, dass die 50+1 Regel entfällt, bzw. wir englische Verhältnisse bzgl. Investoren bekommen, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Trotzdem gibt es immer unterschiedliche Formen von Investoren und unterschiedliche Größenordnungen von finanziellen Zuwendungen/Investitionen. Dies kann man bereits am Beispiel des FC Bayern München (positiv) erkennen. Das sollte man auch mal berücksichtigen. Aber für viele, wie z.B. den Ultras, ist immer nur alles schlecht, bzw. man ist gegen alles was anderes ist oder wer anderer Meinung ist. Aber natürlich immer nur im Interesse des Vereins… Wer`s glaubt…

    • NICK

      14. September 2018 an 22:26

      „…dass im Stadion, bzw. auf den Zuschauerrängen scheinbar alles erlaubt sein soll, was sonst auch normalerweise verboten ist…
      Im wirklichen Leben muss doch auch niemand für die Straftat eines anderen bezahlen…Das Stadion ist keine rechtsfreie Zone…“

      Ja, das ist doch ein Kritkpunkt. Warum erhält der 1.FC Köln eine Strafe, wenn die Täter doch ermittelt wurden? Warum macht der DFB hier das Stadion zur rechtsfreien Zone und übergeht den kompletten Rechtweg einfach??? Warum verklagt der DFB nicht die Täter vor einem ordentlich Gericht? Nun? Warum???

      Schonmal gesehen, dass jemand auf einer Demo wegen einem Spruchband angeklagt und verurteilt wurde? Gilt im Stadion nicht die Meinungsfreiheit??? Rechtsfreie Zone???

      Warum wird niemand verhaftet, wenn er Pyrotechnik ausserhalb des Stadion, aber weierhin in Menschenmassen z.B. beim Konzert oder beim Skispringen zündet? Warum heisst es da „stimmungsvolle Atmosphäre“ und im Fussballstadion „Form von Gewalt“??? Warum???

      „Daher gehen mir die Regressforderungen und die Prävention des Vereins gegen diese Personen noch nicht weit genug. Auch wenn dies natürlich immer davon abhängig ist, welche Rechtsmittel möglich sind und wie die entsprechenden Personen ermittelt werden, bzw. strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden können“ – Die Täter sind bekannt, die Rechtsmittel sind da – warum wendet sie keiner an??? Was erwartest Du eigentlich für strafrechtliche Massnahmen für Ordnungswidrigkeiten wie Verstoss gegen die Stadionordnung durch z.B. das zünden von Pyrotechnik???

      „Dies kann man bereits am Beispiel des FC Bayern München (positiv) erkennen“ – ja die sind jetzt ewig an Adidas gebunden. Da kann Jordan mit 200mios ankommen, wie aktuell in Paris…sie könnens nicht annehmen…sehr positiv…

      „Wenn ich einen solchen Blödsinn schon lese…“

    • Thilo

      15. September 2018 an 23:09

      Super geschrieben Markus. Ich würde jedes Wort unterschreiben!

    • Max

      17. September 2018 an 13:51

      Ein Hallo an die Social Media Abteilung der 1. FC Köln GmbH

Sag uns deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr aus Kurz & Knapp

.