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Spielerportraits

Situation von Matthias Lehmann: Auch ohne Binde ein wichtiges Element

Matthias Lehmann ist nicht mehr Kapitän des 1. FC Köln, aber aufgrund seiner Erfahrung und seines Charakters nach wie vor ein wichtiger Baustein im Kader. 

SINSHEIM, GERMANY - NOVEMBER 08: Matthias Lehmann of Koeln scores his team's second goal with a free-kick during the Bundesliga match between 1899 Hoffenheim and 1. FC Koeln at Wirsol Rhein-Neckar-Arena on November 8, 2014 in Sinsheim, Germany. (Photo by Simon Hofmann/Bongarts/Getty Images)
Foto: Simon Hofmann/Bongarts/Getty Images

Die Entscheidung überraschte eigentlich kaum: Jonas Hector wird den 1. FC Köln in der kommenden Saison als Kapitän aufs Feld führen. Nachdem in den vergangenen Jahren Matthias Lehmann dieses Amt innehatte, wird der 35 Jahre alte defensive Mittelfeldspieler jetzt „nur noch“ Mitglied des Mannschaftsrates sein. Seit Miso Breckos Abgang nach Nürnberg im Jahr 2015 war Lehmann fixer Kapitän, zuvor hatte er das Amt ähnlich wie Hector in der abgelaufenen Saison nur übergangsweise ausgefüllt. Jetzt, nach dem Abstieg 2018 und damit in seiner siebten Spielzeit beim effzeh, tritt Lehmann also ins zweite Glied zurück, was die Repräsentation der Mannschaft nach außen hin angeht.

Dass ihm dabei ein Spieler vom Format eines Jonas Hector, international erfahren und unumstrittener Stammspieler, „vor die Nase gesetzt“ wird, wäre eine negative Interpretation – Hector ist still und leise so etwas wie das Aushängeschild des 1. FC Köln geworden, verzichtete auf einen Wechsel zu ambitionierteren Vereinen und untermauerte damit seine Bindung zum 1. FC Köln. Matthias Lehmann wird das Ganze, wie immer, professionell aufgefasst haben – der defensive Mittelfeldspieler ist nicht bekannt dafür, seine eigenen Interessen vor die der Mannschaft zu stellen. Im letzten halben Jahr war bereits zu erkennen, dass Lehmanns Unantastbarkeit, die er noch unter Peter Stöger innehatte, langsam aber sich bröckelte. Stefan Ruthenbeck setzte auf andere Spieler, das Saisonende verpasste Lehmann aufgrund seiner Ellbogenverletzung.

Matthias Lehmann: Vier Jahre Stammspieler unter Stöger

In der Zwischenzeit war Jonas Hector von seiner Verletzung wiedergenesen, hatte nach und nach seine Sicherheit zurückgewonnen und nach Saisonende mit seiner Entscheidung überrascht, doch in Köln bleiben zu wollen. Matthias Lehmann musste die meiste Zeit von außen zuschauen, wie die Mannschaft trotz zwischenzeitlicher Erfolgserlebnisse unkontrollierbar dem Abstieg entgegen schlitterte. Zuvor, noch unter Peter Stöger, war Lehmann seinem langjährigen Begleiter gegenüber sehr loyal gewesen – bis dieser im Dezember entlassen wurde. Seit der Qualifikation für die Europa League im Mai 2017 war beim effzeh im Binnenverhältnis bekanntlich viel kaputt gegangen. Unter Markus Anfang wurden dann auch für Matthias Lehmann der Reset-Knopf gedrückt, in einer neuen Liga soll es mit einem neuen Trainer und einer stark veränderten Mannschaft gelingen, den Abstieg direkt auszubügeln.

GELSENKIRCHEN, GERMANY - DECEMBER 02: (L-R) Matthias Lehmann and head coach Peter Stoeger of Koeln ealk off the opitch after the 2-2 draw of the Bundesliga match between FC Schalke 04 and 1. FC Koeln at Veltins-Arena on December 2, 2017 in Gelsenkirchen, Germany.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Gedanken an die Abstiegssaison verschwendet Lehmann dabei keine mehr, wie er gegenüber dem „General-Anzeiger Bonn“ bekräftigte: „Die letzte Saison ist abgehakt. Es läuft mir nichts mehr nach. Das wäre auch schlecht, weil es zu viel Energie kosten würde. Mein Blick ist nach vorne gerichtet, wir sind auf die bevorstehende Saison eingestellt. Es wäre auch nicht fair der neuen Mannschaft gegenüber, sie mit alten Dingen zu belasten.“ Seinen persönlichen Anspruch, Stammspieler zu sein, hat er ebenfalls nicht verändert, er habe „auch in der Vergangenheit nichts geschenkt bekommen“.

Auch ohne Binde: Ein erfahrener Spieler kann und muss Einfluss nehmen

Seine eigene Zielsetzung für die anstehende Saison beschrieb Lehmann sehr nüchtern: „Ich versuche so gut wie möglich durch die Vorbereitung zu kommen, mich auf ein Top-Level zu bringen. Ob man dann spielt, entscheidet der Trainer. Im Winter, Frühjahr muss man dann sehen, ob es weitergeht, die Schuhe an den Nagel hängt oder noch einmal etwas anderes probiert. Man wird ja nicht jünger.“ Dass auf seiner Position ein höherer Konkurrenzkampf herrscht als zuvor, verdeutlicht sich alleine an Anfangs Spielidee, die meist mit nur einem zentralen Mittelfeldspieler daherkommt. Nikolas Nartey, Salih Özcan und Marco Höger gelten als Mitbewerber für die Position, obgleich der junge Nartey zuletzt unter Anfang weniger auf Einsatzzeiten kam und Höger ohnehin noch längere Zeit ausfällt.

Ein Maskottchen, das an vergangene Tage erinnern soll, wird Lehmann dementsprechend nicht – er stellt sich dem Konkurrenzkampf wie jeder andere Spieler auch. Es ist nicht davon auszugehen, dass ihm die Entscheidung, nicht mehr Kapitän zu sein, in irgendeiner Weise beeinträchtigt. Der Kader des 1. FC Köln wurde stark verjüngt, neben Lehmann sind nur Thomas Kessler und Simon Terodde über 30. Um in einer Mannschaft Einfluss nehmen zu können, braucht es nicht unbedingt die Kapitänsbinde – Lehmanns Erfahrung aus mittlerweile 547 Spielen (davon 184 für den 1. FC Köln) in seiner Karriere gibt ihm die Gelassenheit, Probleme anzusprechen, auch wenn er kein Stammspieler ist. Sein Wort hat in der Mannschaft Gewicht, er kennt die zweite Liga und die Abläufe am Geißbockheim.

Aufstieg und Karriereende – ein würdiger Abschied

Und wer erinnert sich nicht an die Anfangszeiten von Lehmann beim effzeh, damals vor sechs Jahren unter Stanislawski? Der defensive Mittelfeldspieler hatte einen schweren Stand, stellte sich aber der Kritik und überzeugte nachhaltig mit guten Leistungen, sodass die Kritiker verstummten. Im defensiven Mittelfeld gab Lehmann über Jahre verlässlich den Abräumer, ohne große Allüren und öffentlichkeitswirksame Auftritte. Nicht spektakulär, auch nicht immer über jeden Zweifel erhaben, aber verlässlich und angenehm. Dass er jetzt, kurz vor dem Ende der Karriere, geringere Aussichten auf Einsatzzeiten hat, ist normal – doch er hat auch neben dem Feld eine Aufgabe zu erfüllen.

Daher ist ihm in seiner wohl letzten Saison der Aufstieg zu wünschen, dass er nach den vielen Aufs und Abs in seiner Zeit beim effzeh mit einem positiven Erlebnis abtreten kann. Als verdienter Spieler.

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