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“Titanic”-Chef Tim Wolff über den 1. FC Köln: “Der Abstieg als Tragödie hat mich begeistert”

Foto: Thomas Hintner

effzeh.com: Herr Wolff, hinter uns allen liegt aus fußballerischer Sicht ein desaströser Sommer. Der ruhm- und glorreiche 1. FC Köln steigt ab, Joachim Löw verschwindet spurlos und Mesut Özil besiegelt mit drei Eigentoren das Ausscheiden – wie haben Sie das alles überhaupt verarbeiten können?

Tim Wolff: Man muss den Profifußball schauen wie eine Serie. Bei Game of Thrones passiert im Grunde ja auch immer das gleiche, aber man ist doch überrascht, wer genau sich wieder unmoralisch verhält oder weggemetzelt wird. Dann stören die ganzen Ungerechtigkeiten und Hinterhältigkeiten nicht mehr, werden Teil der Unterhaltung. So einer wie der Grindel z.B. heißt und wirkt ja schon fast wie ein Wesen aus einer Welt dunkler Magie.

Was sagt es aus über ein Land wie Deutschland, dass ein Spieler wie Mesut Özil sogar von Verbandsbossen und Funktionären als alleiniger Sündenbock dargestellt wird, wenn eine Fußball-Mannschaft aus einem Turnier ausscheidet?

Wolff: Es zeigt, dass Land wie Verband vom strukturellen Wesen des Rassismus nichts wissen wollen, aber sich auch von einem möchtegerndeutschen Türken nicht ihr sprücheklopfendes antirassistisches Image kaputtmachen lassen wollen, aber hallo. Denn unter uns Fußballfans: Wir alle wissen, dass der Özil noch nie so richtig dazugehört hat, selbst im Erfolg. Dafür spielt er einfach zu undeutsch mit seiner Eleganz. Deutsche Fußballer marschieren, und zwar bis zum bitteren Ende, sie tänzeln nicht und lassen nicht den Kopf hängen. Wer so auftritt, darf sich nicht mit Despoten treffen – so ein Privileg muss man sich auf dem Feld erarbeiten. Ein Rudi Völler hätte jederzeit problemlos sagen wir Saddam Hussein die Hände schütteln können, allein schon aufgrund seiner Spielweise.

“Fußball ist ein undankbares Thema”

2014 galt die Vielfalt unserer wunderbaren deutschen Nationalmannschaft noch als Stärke, vier Jahre später wird nach dem Ausscheiden eine Integrationsdebatte geführt – inwiefern dient der Fußball als Spiegelbild der Gesellschaft?

Wolff: Ich glaube, die Gesellschaft ist ein Spiegelbild des Fußballs, vor allem modisch. Man sieht es ja daran, wie sich sächsische LKA-Männer in der Freizeit kleiden. Obwohl Spiegelbild hier vielleicht die falsche Metapher ist. Kein Mensch, der sich wie ein Fußballfan kleidet, dürfte allzu lange vorm Spiegel stehen.

“Als Satiriker muss man eigentlich Fußball als Ganzes ablehnen oder dazu schweigen.”

Andere Sportler wie Jan Ullrich und Boris Becker werden medial gerne am Nasenring durch die Manege geführt, auch Lothar Matthäus ist das nicht fremd. Woher kommt diese Begeisterung der Deutschen dafür, ihre einstigen Helden fallen zu sehen?

Tim Wolff | Foto: Thomas Hintner

Wolff: Ich glaube nicht, dass das etwas speziell Deutsches ist. Spott ist keiner Kultur fremd. Hier wird er nur besonders lust- und humorlos ausgeführt.

Das Diskutieren über Fußball ist eines der letzten gesellschaftlichen Schmiermittel, nachdem die Kirche und die Politik in jüngster Vergangenheit immer mehr an Bedeutung verloren haben. Wie lässt sich das für Ihren Berufsstand als Satiriker nutzen?

Wolff: Fußball ist ein undankbares Thema, denn jeder hält sich für einen, wenn nicht den Experten bei etwas, dessen Ausgang man genauso wahrscheinlich vorhersagen kann, wenn man gar keine Ahnung hat. Man kann solche Leute zwar mit Witzen so leicht erzürnen wie meinetwegen Science-Fiction-Nerds oder die artverwandten Religionsanhänger, aber man kommt nie zu etwas anderem als oberflächlichem Geplänkel. Als Satiriker muss man eigentlich Fußball als Ganzes ablehnen oder dazu schweigen.

Tim Wolff über Fußball-Comedy

Das Fußball-Geschäft ist aber trotzdem bierernst, für Komik bleibt kaum Platz. Wo bestünde Ihrer Meinung nach das Potenzial, die ganze Geschichte etwas aufzulockern, damit man es nicht mehr allzu ernst nimmt?

Wolff: Na ja, die Comedy rund um den Fußball ist in etwa so lustig wie deutsche Comedy allgemein, also ganz gelegentlich mal amüsant. Es bräuchte aber so etwas gar nicht, wenn Fußballer nicht bereits in der dritten oder vierten Generation ab ihren Teenagerjahren PR-geschult würden und als Profi und Trainer unter penibler Dauerbeobachtung von Beratern und Vereinen stünden. Dann käme auch das eine oder komische Talent zum Vorschein. Gab es ja früher auch. Ansonsten bitte ich darum, das Spiel möglichst ernsthaft zu betreiben. Sonst hat so etwas wie Wettbewerb doch keinen Sinn.

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Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass Satire das Leben leichter mache. Gilt das auch für Sie im Umgang mit Niederlagen des 1. FC Köln, die ja jetzt nicht so selten auftreten?

Wolff: Als Satiriker verboten sich Witze über den 1. FC Köln in der letzten Saison. Man will ja nicht nach unten treten. Mich selbst hat dieser Abstieg eher als Tragödie im eigentlichen Sinne begeistert. Alle Beteiligten wollten nur das Beste, gaben sich nie auf, durften immer wieder Hoffnung schöpfen, um dann noch tiefer zu fallen. Das Schicksal war unausweichlich, die Fußballgötter hatten ein Urteil gefällt, gegen das kein menschliches Wesen ankommen konnte. Ein solches Schauspiel ist tausendmal schöner als der 85. Meistertitel von Bayern München. Ich möchte mit keinem Fan tauschen.

Der tiefe Fall des 1. FC Köln als bestechende Erzählung

Woher rührt Ihre Begeisterung für diesen sogenannten Verein, was waren eventuell prägende Momente in Ihrer Kindheit?

Wolff: Ich hatte eine harte Kindheit, ich bin in der Pfalz großgeworden. Und wer da nicht Bayern-Fan war, hing dem FCK an. Und das kam für mich nicht in Frage, da ich schon in der Grundschule skeptisch gegenüber Inzest eingestellt war. Also schaute ich in mein Paninialbum, und da gefielen mir die Namen Gielchen, Geilenkirchen und so weiter. So einfach kann Liebe sein.

“Ich mochte immer den kölschen Hochmut, in dem der Fall schon sichtbar war.”

Eigentlich hätte man in Köln ja wissen müssen, dass nach dem Highlight in Europa im Folgejahr direkt die Ochsentour in der zweiten Liga ansteht. Bestätigt der Abstieg das gängige Klischee, dass es in Köln nur die beiden Aggregatzustände “himmelhochjauchzend” oder “zu Tode betrübt” gibt?

Wolff: Ich weiß nicht, ob das Klischee stimmt. Ich mochte immer den kölschen Hochmut, in dem der Fall schon sichtbar war. Wie in der Selbstbezeichnung “Real Madrid des Westens” – als ich das letzte Mal auf eine Europakarte geschaut habe, lag Madrid deutlich westlich von Köln. Dass letztes Jahr sich die lange Zeit der redlichen Seriosität geballt gerächt hat, finde ich, wie bereits gesagt, als Erzählung so bestechend, dass mir die vermeintliche Klischeehaftigkeit nicht stört.

Sie haben selbst in Köln gelebt und studiert. Für wie hässlich halten Sie die Stadt und ihre Menschen wirklich?

Wolff: Ich mag die Stadt und ihre Bewohner, tut mir leid. Klar nervt der Lokalpatriotismus, wie jede Verklärung von Boden und Gebäudeansammlungen. Aber die Kombination aus langer Historie und hässlichen Narben führt meist zu interessanten Städten. Und Menschen mit irgendwie pragmatischer Herzlichkeit.

Herr Wolff, wann wird der 1. FC Köln wieder Deutscher Meister? Und welche Rolle spielt Lukas Podolski dabei?

Wolff: Ich bin 1978, im letzten Meisterjahr, geboren. Wahrscheinlich also in meinem Sterbejahr. Lukas Podolski wird sich vermutlich sehr freuen und was Sympathisches twittern. Also nicht über meinen Tod, sondern über die Meisterschaft.

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