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Nachholspiel nach Anschlag auf BVB: Falsche Entscheider

Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Es gibt Gründe für das schnelle BVB-Nachholspiel. Und es gibt welche dagegen. Das Problem an der Entscheidung ist allerdings ein anderes. 

Es war ein einschneidender Dienstag in der Geschichte des deutschen Fußballs. Als in Dortmund drei Sprengsätze detonierten, wurde erstmals eine deutsche Fußballmannschaft Opfer eines Anschlags. Am Ende hatte die Mannschaft von Borussia Dortmund, so viel scheint sicher, wohl großes Glück im Unglück. Dass Marc Bartra mittelschwere Armverletzungen davon getragen hat, ist schlimm. Dass der spanische Innenverteidiger in Diensten der Borussia aber angesichts der Wucht der Detonationen der einzige Verletzte blieb, zeigt, wie viel Glück die Dortmunder gehabt haben dürften. Extremsituationen – wer sie erlebt hat, der weiß das – können aber nicht nur physische, sondern auch psychische Wunden verursachen. Unsere Psyche ist so konzipiert, dass wir nach solchen Erlebnisse Zeit brauchen, um überhaupt zu realisieren, was mit uns passiert ist. Bis dahin funktionieren wir einfach nur.

„Es war mir im ersten Moment nicht bewusst. Erst als ich gestern nach Hause kam und meine Frau und mein Sohn vor der Türe standen, da habe ich realisiert, wie viel Glück wir hatten“, sagte ein sichtlich gezeichneter Nuri Sahin am Mittwoch nach der Niederlage gegen die AS Monaco.

23,5 Stunden Zeit für den BVB

Wenn wir Angst haben, erweitern sich unsere Bronchien, damit wir mehr Luft bekommen. Unser Blut verdickt sich, damit wir bei einer Verletzung nicht allzu schnell verbluten. Unsere Muskeln werden mehr durchblutet, damit wir besser kämpfen können. Eine Vielzahl automatisierter Prozesse läuft also dann in unserem Körper ab. Erst wenn die Gefahr gebannt ist, oder wir uns an sie gewöhnt haben, regelt unser Gehirn diese Prozesse wieder ab. Mental läuft das bei uns nahezu identisch ab, nur eben etwas langsamer. Erst wenn unser Körper wieder im Normalmodus ist, beginnen wir so richtig zu verstehen, was gerade eigentlich passiert ist.

Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Bei den Spielern von Borussia Dortmund dürfte das frühestens am Dienstagabend in der sicheren, eigenen Wohnung, am nächsten Morgen oder noch gar nicht passiert sein. Können diese Menschen also nicht einmal 24 Stunden später mit einem ähnlichen Bus wie am Vorabend schon wieder zum Stadion fahren und in einem der wichtigsten Spiele der Saison ihre Leistung bringen?

Kann man schon wieder Leistung bringen?

Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten, wie es nach diesem Einstieg scheinen mag. Während der eine – wie eben aufgezeigt – für die Realisierung der Geschehnisse länger braucht, beginnt bei dem anderen schon am nächsten Morgen die Verdrängungsphase. Das ist unsere älteste und effektivste Waffe, um mit schlimmen Erfahrungen umzugehen. Auch wenn der Begriff oft negativ behaftet wahrgenommen wird, ist Verdrängung grundsätzlich etwas Gutes.

So kann es für den einen sehr willkommene Ablenkung sein, am nächsten Tag wieder auf dem Platz zu stehen – mancher kann sich vielleicht sogar voll auf die sportliche Aufgabe konzentrieren. Für den anderen ist es aber vielleicht eine Aufgabe, die er maximal mit Routine, nicht aber mit Hingabe erledigen kann. Und für den nächsten ist es vielleicht sogar eine echte Qual.

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Das alles scheint bei der Entscheidung darüber, wann das Spiel nachgeholt werden soll, jedoch eine kleine oder schlichtweg gar keine Rolle gespielt zu haben. Noch am selben Abend wurde festgelegt, dass am Mittwoch gespielt werden soll.

Die UEFA, also der Verband, der die „Champions League“ ausrichtet, sah den Termin offenbar als “alternativlos” an. Was auch immer das eigentlich sein soll. Die AS Monaco wäre dem Vernehmen nach jedenfalls durchaus bereit gewesen, die Partie auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen. Schlussendlich fügten sich die Dortmunder Verantwortlichen dann aber den Wünschen der Europäischen Fußball-Union.

Ein Signal an die Welt

„Die Terminproblematik der UEFA gibt es, aber die war mir völlig egal“, erklärte Hans-Joachim Watzke am Mittwochmittag. Die Entscheidung für das schnelle Nachholspiel sei aus anderen Gründen gefallen, erklärte der BVB-Geschäftsführer: „Für mich ging es darum, zu zeigen, dass wir uns unseren Terminplan nicht von Terroristen diktieren lassen und unsere freiheitliche Grundordnung nicht zur Disposition steht. Das ist das Signal, das die Welt heute sieht.“ Der schnelle Nachholtermin sollte also auch ein politisches Signal sein.

Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Das sind nachvollziehbare Gedanken: Wenn irgendwer den Fußball zum Ziel terroristischer Attacken macht, darf man davor nicht einknicken. Man darf nicht aufhören zu spielen. So wie man nicht aufgehört hat, auf Weihnachtsmärkte zu gehen, nachdem sich am Berliner Breitscheidplatz ein schlussendlich deutlich tödlicherer Angriff ereignet hatte. Das Signal, sich von solch schäbigen und feigen Attacken nicht einschüchtern zu lassen, senden zu wollen, kann man also durchaus verstehen. Und es ist auch legitim, hier grundsätzlich eine gesellschaftliche Verantwortung beim BVB zu sehen, wie es der eigene Geschäftsführer tut. „Heute stehen die Demokratie und unsere freiheitliche Grundordnung auf dem Prüfstand. Die müssen wir stärken“, erklärte Watzke seine Position.

De Maiziere: “Wir wollen, dass solche Spiele stattfinden”

Aus der Politik gab es dafür Unterstützung. Der Bundesinnenminister eilte prompt zur Partie ins Westfalenstadion. „Das ist ein Zeichen von der Bundesregierung und von mir persönlich, dass wir wollen, dass solche Spiele stattfinden“, erklärte Thomas de Maiziere und lobte die schnelle Neuansetzung der Partie. „Dass im Ergebnis die Mannschaft sagt: ‘Wir wollen spielen’, dass Marc Bartra sagt: ‘Spielt für mich’. Das ist ein Zeichen der Freiheit und des Stolzes.“ Das konnte man zunächst einmal sicherlich so deuten.

Letzte Seite: Warum die Entscheidung von den Falschen getroffen wurde

Doch schon schnell nach der Partie stellte sich die Frage, ob die Mannschaft denn überhaupt noch eine Wahl hatte. „Wir stehen noch am Bus, Bartra wird weggefahren. Und du wirst informiert, dass die Uefa in Nyon entschieden hat“, erklärte Thomas Tuchel nach Spielende. „Wir haben das als sehr ohnmächtig empfunden“, führte der BVB-Trainer weiter aus. Sokratis, der die vollen 90 Minuten für den BVB absolvierte, ließ mit seinem Statement ebenfalls tief blicken: „Wir sind keine Tiere, wir sind Menschen mit Familien und Kindern. Wir sind froh, dass wir noch leben“, sagte der Innenverteidiger. „Es gab in meinem Kopf keinen Raum für dieses Spiel.“ Und auch Nuri Sahin, der wie die gesamte Dortmunder Mannschaft in der zweiten Halbzeit eine gute Leistung aufs Feld brachte, sagte nach der Partie: „Bis zum Anpfiff war bei mir alles im Kopf, aber kein Fußball.“

Mitspielen, nicht Verschieben, das ist hier die Frage

Schon im Tagesverlauf hatten die BVB-Bosse betont, dass es jedem Spieler freigestellt wurde, zu entscheiden, ob er spielen möchte, oder nicht. Doch ist das eben keine allzu freie Entscheidung mehr, wenn bereits am Vorabend festgelegt wurde, dass auf jeden Fall gespielt wird. Am Ende konnten die Spieler offenbar nur wählen, ob sie mitspielen wollen oder nicht. Allerdings nicht, ob überhaupt am Mittwoch gespielt wird.

Es war ein Champions-League-Spiel, der ruhmreichste Wettbewerb von allen. Hätten die Profis nun (teilweise) entschieden, dass sie nicht mitspielen, hätte der BVB eine qualitativ sehr geschwächte Mannschaft aufbieten müssen. Die Chance auf ein Weiterkommen wäre vermutlich deutlich geringer ausgefallen, als sie es nun mit der 2:3-Niederlage ist. Schlussendlich hätten die Spieler sportlich vermutlich noch mehr verloren, als mit den Gedanken im Kopf und dem Schock in den Gliedern auf den Platz zu gehen.

“Wir sind nicht gefragt worden”

„Wir sind nicht gefragt worden“, erklärte Marcel Schmelzer am Mittwochabend. Und der BVB-Kapitän zeigte damit auf, was in diesem von überbordendem Kommerz und gesellschaftspolitischer Bedeutung geprägtem Fußballgeschäft mal wieder schief gelaufen ist.

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Denn es mag ja sein, dass es ein wichtiges Zeichen war, am nächsten Tag auf den grünen Rasen zu treten und so der ganzen Welt zu zeigen, dass man vor Terror nicht einknickt. Auf der anderen Seite hat ja aber auch niemand verlangt, wegen der Vorfälle die komplette Champions-League-Saison abzublasen. Lediglich ein einziges Spiel sollte auf einen späteren Termin verschoben werden, mehr nicht. Ob es direkt ein Zeichen der Schwäche gewesen wäre, diesem Wunsch nachzukommen, ist doch mindestens so zweifelhaft, wie die Tatsache, dass man die persönliche Situation von den wirklich betroffenen Menschen bei der Entscheidung offenbar nicht so richtig miteinbezogen hat. Schließlich wurde sie schon gefällt als die meisten, die dabei waren, noch gar nicht realisiert hatten, was sie da gerade erlebt haben.

War’s das wert?

Was ist nun also wichtiger: Ein von Verband und Politik gewünschtes Signal an die Welt, das diejenigen, die Fußball wirklich zudem machen, was er ist, ja eigentlich mit der #bedforawayfans-Aktion schon am Abend der Attacke gesendet hatten. Oder der Respekt vor denjenigen, die wirklich Opfer des Terrors geworden sind?

„Ich glaube, wir wären alle gerne gefragt worden. Weil es uns passiert – und nicht den Personen, die es im Büro entschieden haben“, fügte Schmelzer übrigens an. So ist es schließlich auch: Summa summa rum mag es einiges geben, das für die Entscheidung spricht. Und mindestens genauso vieles, das gegen sie spricht. Dass sie aber von den Falschen getroffen wurde, ist völlig klar. Und dann muss auch bei differenzierter Betrachtung schlussendlich die Frage erlaubt sein, wie viel ein Signal, das im Gegensatz zur spontanen Gastfreundschaft der BVB-Fans gegenüber ihren plötzlich in Dortmund gestrandeten Gästen aus Monaco nicht das Ergebnis einer freien Entscheidung derjenigen war, die es senden sollten, denn eigentlich noch wert ist.

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