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Das unwürdige Ende einer Ausnahmeerscheinung: Peter der Große

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Der 1. FC Köln entlässt nach einer turbulenten Woche Peter Stöger. Die Menschlichkeit des Trainers war eine Besonderheit im Fußball, die Art und Weise wie er vom Verein verabschiedet wurde einfach nur unwürdig. Die FC-Familie sagt schluchzend Servus.

Peter Stöger ist weg, und eine ganze Stadt hat plötzlich Tim Handwerkers jugendliche Tränen in den Augen. Dieser seltsame Mann aus Wien, er hat so perfekt zu diesem seltsamen Köln am Rhein gepasst, wie selten ein Trainer zu irgendeiner Stadt und ihrem Fußballverein. Auch wenn vor viereinhalb Jahren noch keiner von dem Märchen zu träumen gewagt hätte, was sich nach Stögers Ankunft in der Domstadt entwickeln sollte.

Dass mit dem Wiener und seinem kongenialen Co-Trainer Manfred Schmid ein anderer, neuer Wind Einzug erhalten würde, war auch im Sommer 2013 schon schnell klar. Stöger und sein Team zeigten keine Starallüren, sondern nahmen die Stadt, ihre Bewohner und den Verein inklusive aller merkwürdigen Marotten, wie sie nun einmal sind. Das hieß auch im Facebook-Interview mit effzeh.com über das perfekte Schnitzel zu referieren. Oder auf die Frage, ob er nach dem Pokalsieg in der Europa League denn einen Anzug anziehen werde, mit “… und mit roter Krawatte” zu antworten, um dann hinterher zu schieben: “Freunde, ihr habt Träume! Aber sehr gut so! Liebe Grüße, Peter.”

Stöger versprach nie Wunderdinge

Der ehemalige Austria-Coach versprach bei seiner Ankunft und danach keine Wunderdinge, sondern entwickelte die Mannschaft des 1. FC Köln einfach Stück für Stück weiter. Das war sein Weg und Stöger, das weiß man mittlerweile, bleibt ihm stoisch treu. Ob im sportlichen Bereich oder auf menschlicher Ebene: Der Name Stöger, das kann man ihm nach all der Zeit in Köln wohl mit Sicherheit attestieren, steht vor allem für Aufrichtigkeit.

Foto: Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images

Der ehemalige österreichische Nationalspieler ist keiner, der irgendjemand übermäßig in den Himmel gelobt hätte. Einen seiner Spieler oder Kollegen vor allen Augen anzugehen, übermäßig zu kritisieren oder gar bloß zu stellen, das würde Stöger andererseits allerdings auch niemals tun. In den viereinhalb Jahren hat der Wiener seine Spieler zu einer Mannschaft geformt. Und sich immer vor sie gestellt. Einer für alle, alle für einen.

An der langen Historie dieses Ausspruchs wird auch schon deutlich: Stöger hat die Menschenführung nicht neu erfunden. Er ist kein Messias oder so etwas. Der Trainer und sein Co-Trainer befolgten beim FC im Grunde simple Regeln. Vertrauen, Respekt und Loyalität, das sind für Stöger und Schmid die Grundpfeiler, mit denen Erfolg überhaupt nur möglich sein kann. Kaum ist der Trainer weg, zeigt sich beim 1. FC Köln: Vor allem dass sich genau diese Werte immer mehr verabschiedet haben, ist für den so deprimierenden Schlussakt, den das Fußballmärchen nun bekommen hat, maßgeblich gewesen.

Feind im eigenen Bett

Der Anfang vom Ende scheint dabei nicht in der vollkommen ausgeuferten sportlichen Krise der aktuellen Bundesliga-Saison zu liegen. Bereits im Sommer nach der sensationellen Europapokal-Qualifikation der „Geißböcke“ hatte die Beziehung innerhalb des von der Öffentlichkeit damals ausgiebig gefeierten Kölner Erfolgsduos bestehend aus Stöger und Jörg Schmadtke heftig gelitten. Das pfiffen die Spatzen damals schon von den Dächern des Geißbockheims und so berichtet es nun auch der “kicker”.

Der Geschäftsführer habe sich mehr und mehr an seinem extrem beliebten Trainer gestört. „Schmadtke stieß sich an Kleinigkeiten, so lange, bis es schmerzte“, berichtet das Fachmagazin. Der Erfolgsmanager habe die Außendarstellung, den Umgang mit Spielern, das Verhältnis zu Journalisten und Mitarbeitern bei Stöger bemängelt. Die Reaktion des Wieners sei freilich nicht ausgeblieben. Ein Transfersommer mit weitgehender Funkstille zwischen Trainer und Geschäftsführer war die Folge.

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Nach Saisonbeginn spitzte sich das Kölner Dilemma durch den sportlichen Niedergang dann immer weiter zu. Die Kölner verloren Spiel um Spiel. Der Trainer moderierte für die Mikrofone, Schmadtke hielt sich öffentlich bedeckt, fühlte sich aber insgeheim als Buhmann. Irgendwann brach es aus dem gebürtigen Düsseldorfer heraus, der “meist gehasste Mann in Köln” sei er. Während Stöger zwar Mitverantwortung attestiert, aber seine Position nie grundsätzlich von Fans und Presse angetastet wurde, sah Schmadtke sich einer „Hexenjagd“ ausgesetzt. Tatsächlich wurde die Kaderplanung des Managers intensiv diskutiert, mehr aber auch nicht. Die Misere mündete schließlich, so steht es im Fachmagazin geschrieben, in der Demission des Geschäftsführers. Bis heute sollen Stöger und Schmadtke seitdem nicht mehr miteinander gesprochen haben. „Eine Prise Neid, ein wenig Eifersucht, dazu ein Löffel Abneigung“, fasst Frank Lußem die Beziehung, oder besser gesagt die Überreste davon, schlussendlich zusammen.

Auch Stöger hat Fehler gemacht

Sollte diese Darstellung stimmen – und es gibt wenig, was einen daran zweifeln lassen würde – zeigt sich auch darin die Konsequenz des Österreichers, die sich manchmal vielleicht auch in Sturheit verwandelte. Schmadtke verhielt sich in den Augen Stögers ihm gegenüber anscheinend nicht loyal, intern bekam der Geschäftsführer von seinem Trainer dafür die Quittung. Rückblickend muss man vielleicht feststellen, dass Stöger, der in dieser Phase müde und ausgebrannt wirkte und das auch bestätigte, heftiger hätte intervenieren können. Der Österreicher ist aber ein Pragmatiker, kein Visionär.

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Nach Außen hörte man von den beiden Vollprofis keine Klagen. Noch kurz vor Schmadtkes Abgang verteidigte Stöger den von den Fans in Borisov angezählten Geschäftsführer öffentlich. Vielleicht auch, weil er wusste, dass seine (Schmadtkes Verhalten geschuldete) passive Haltung dem Kaderplaner gegenüber zum Transfermisserfolg und zur weiteren Eskalation beigetragen hatte. Der sportliche Leiter machte sich kurz darauf trotzdem mit einer Millionenabfindung vom Acker. Stöger blieb und verlor mit seiner Mannschaft in der Bundesliga weiterhin fast jedes Spiel.

Das Vertrauen seiner Spieler verlor Stöger aber offensichtlich nie. Ungefähr jeder Kölner Profi, der irgendeinen Social-Media-Account besitzt, hat mittlerweile eindringliche Worte gefunden, um sich vom nunmehr ehemaligen Trainerteam zu verabschieden. „Wir werden nie vergessen, was ihr geleistet habt“, schreibt Konstantin Rausch da. „Es war eine großartige Zeit mit euch“, verabschiedet sich Dominique Heintz. „Ihr seid zwei überragende Menschen“, lässt Marco Höger seine Ex-Chefs wissen. Und aus der Ferne meldet sich mit Anthony Modeste der einstige Torjäger: “Danke an einen unglaublichen Trainer, einen Vater” findet der Franzose herzliche Worte. “Er hat uns in die Europa League gebracht. Ich weiß, dass Fußball manchmal grausam ist. Er hat es nicht verdient, gehen zu müssen. Das ist ein Kollateralschaden.”

Vollstes Vertrauen: “Danke an einen Vater”

Emotionale, ehrliche Worte von Profi-Fußballern sind in diesem Business schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr. Und wem Tweets und Instagram-Posts nicht genügen, der sollte einen Blick auf die Szenen, die sich in Gelsenkirchen nach der Partie auf dem Rasen zugetragen haben, werfen. Das sollte ausreichen, um zu verstehen, dass der Mensch Peter Stöger bis zuletzt das Vertrauen seiner Spieler hatte. Das der Fans hatte der Europapokal-Trainer ebenfalls in großem Maße. Trotz manchmal sportlich auch kritischen Tönen. Trotz seiner bisweilen irrationalen Treue zu einzelnen, leistungsschwachen Spielern. Trotz Sieglosigkeit und Platz 18. Ein „Stöger raus!“ hat man von den Kölner Fans bis zu seinem letzten Tag nicht gehört. Allein das grenzt in der Domstadt an ein Wunder.

Stöger selbst wusste offenbar schon seit Donnerstagabend, dass es für ihn in Köln nicht mehr weitergehen würde. Der „Geissblog.Koeln“ berichtet am Montag, nach Stögers Pressekonferenz sei es noch am Abend zum Gipfeltreffen der Verantwortlichen gekommen. Der Trainer hatte eine Entscheidung gefordert, und die sollte er bekommen. Der Vorstand fühlte sich von Stöger durch seine offensiven Forderungen öffentlich kritisiert, heißt es in dem Bericht der Online-Zeitung. Das klare Bekenntnis zum Trainer wollte Werner Spinner und sein Präsidium dem Trainer offenbar keineswegs geben, der sah sich durch die Position der Verantwortlichen wiederum in seiner Kritik bestätigt.

Peter Stöger informiert die Mannschaft |Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Die Würfel waren gefallen. Dennoch spielte Stöger das falsche Spiel, das man sich am Geißbockheim für die Zeit bis nach dem Schalke-Spiel ausgedacht hatte, mit, ließ sich von den TV-Experten im Live-Interview löchern und erklärte auch nach der Partie konsequent, dass bald eine Entscheidung gefällt werde. Spätestens auf der Pressekonferenz und damit nach der emotionalen Verabschiedung von Spielern, Trainerstab und Fans machte es dann aber den Eindruck, als falle Stöger das Theater immer schwerer.

Entscheidung am Donnerstag

Der Verein hatte entschlossen, die Entscheidung nicht vor der Partie zu kommunizieren. Und so konnten die Fans in Gelsenkirchen und an den TV-Geräten zwar deutlich spüren, dass ihr Erfolgscoach da gerade zum Abschied die Auswärtskurve gegrüßt und seine Spieler geherzt hatte, sagen durfte Stöger es aber immer noch nicht. Der Trainer war sichtlich angefasst, aber es gab kein Zurück mehr.

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Weder das Signal der Spieler, die mit der auf Schalke gezeigten Einstellung und ihrem Verhalten am Samstag ausdrücklich zeigten, dass sie das alles nicht wollten, noch dass der überwiegende Teil der Fans durchaus mit Stöger in die zweite Liga gegangen wäre, spielte noch eine Rolle. Der einsame Entschluss der Verantwortlichen stand fest. Und sollte es am Ende tatsächlich an der durch Stögers Kritik gekränkten Eitelkeit des Vorstands gescheitert sein, dürfte es für Spinner und sein Team in der nächsten Zeit noch ungemütlicher werden als es das am Sonntag schon wurde.

Zuspruch für die Entscheidung am Geißbockheim gab es jedenfalls so gut wie keine. Weder in den Foren, noch bei Twitter, Facebook oder gar in der Presse war irgendetwas nettes über den Schachzug des Traditionsclubs zu lesen. Ganz im Gegenteil. Viele Fans des 1. FC Köln verabschiedeten tief traurig ihren „Pitter“ und wünschten die Vereinsführung zum Teufel – wenn nicht wegen der Entscheidung, dann wegen der Art und Weise.

Aus und vorbei

Die Trennung von Köln fällt aber auch Stöger nicht leicht, das konnte man sehen. Doch der Wiener stellte persönliche Befindlichkeiten ein letztes Mal hinter den Wunsch des Vereins zurück, obwohl der ihn gerade entlassen hatte. Und obwohl er natürlich einen besseren, schöneren Abschied als diese Farce verdient gehabt hätte. Aber Peter der Große, er spielte noch einmal mit. Erst am Samstag auf Schalke, dann tags drauf am Geißbockheim.

Ohne öffentlichen Kommentar kam der Trainer für die letzten Formalitäten ans Geißbockheim und verabschiedete sich dann noch einmal von seiner Mannschaft. Natürlich. Dann verschwanden Stöger und Schmid nach viereinhalb Jahren in Köln durch die Hintertür. FC-Präsident Spinner bat zeitgleich auf der zum Abschied des Trainers kurzfristig einberufenen Pressekonferenz darum, die Entscheidung des Clubs doch bitte einfach zu akzeptieren und plauderte dann zusammen mit Alexander Wehrle dem eigentlichen Anlass des Auftritts zum Trotz Indiskretionen über die Verhandlungen mit Geschäftsführer-Kandidat Horst Heldt aus. Ein Trauerspiel. Und man hatte dabei das Gefühl, dass das, was den 1. FC Köln in den letzten Jahren zu einem besonderen Fußballverein gemacht hatte, sich genau in diesem Moment in sein Auto gesetzt hatte und davon gefahren war.

Mit Anzug und roter Krawatte: Peter Stöger | Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Mit Peter Stöger und Manfred Schmid verlassen zwei prägende Figuren der Vereinsgeschichte den 1. FC Köln. Man wird ihre Art, das Fußballgeschäft mit konsequenter Menschlichkeit zu füllen, am Rhein sicher nicht vergessen. Und die rote Krawatte zum edlen Anzug in der Europa League, lieber Peter, erst recht nicht. Diese Stadt hatte Träume, Stöger und Schmid haben sie erfüllt. Man wird sie bitterlich vermissen.

Den Kölner Fans, die mit Peter Stöger so viele besondere Momente erleben durften, bleibt nur noch die ewige Erinnerung an diese wunderbaren Jahre. Und Tim Handwerkers Tränen in den Augen.

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