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Nach dem doch eher amüsanten Fahnenklau gegen Gladbach sorgen Teile der Kölner Fanszene eine Woche später erneut für Diskussionen: Die neuerliche Prügelei in Hamburg ist Wasser auf den Mühlen der Ultra-kritischen Öffentlichkeit.

Kennen Sie diese Kids, die einem mit ihrer rotzfrechen Art zwar regelmäßig ein Grinsen ins Gesicht zaubern, sich dann aber vor lauter pubertärem Schwung nicht mehr bremsen können und den zunächst lustigen Eindruck konsequent in einen schmerzhaften Facepalm-Moment umkehren? Oder diejenigen, die beim Fußball in grandioser Manier den Ball gewinnen, nur um direkt danach den schlimmsten Fehlpass seit Anbeginn der Zeiten zu spielen? Sie kennen das bestimmt. Wenn nicht leibhaftig, dann zumindest metaphorisch. Die Kölner Fanszene ist schließlich irgendwie auch so.

Seit Monaten beeindrucken die Fans des 1. FC Köln neutrale wie parteiische Beobachter. Zunächst zu Saisonbeginn mit den Auswärtsauftritten im Europapokal, insbesondere in London. Aber auch mit der leidenschaftlichen Unterstützung bei Heimspielen. Krise hin, Krise her – die Kölner Fans kehrten ihrer Mannschaft auch in den dunkelsten Stunden nie den Rücken, allen Meinungsverschiedenheiten mit Club-Offiziellen zum Trotz. Das hat sich auch im neuen Jahr nicht geändert.

Während die Zuschauer auf den teuren Plätzen zunächst fast für ein nicht-ausverkauftes Heimderby gesorgt hatten, gelang der aktiven Kölner Fanszene beim Rückrunden-Auftakt prompt Seltenes: Ein paar ihrer Vertreter verstießen zwar gegen Regeln, kamen aber in der öffentlichen Wahrnehmung des Vorfalls ausnahmsweise mal halbwegs milde davon.

Der Fahnenklau letzte Woche: Eine „gute Aktion“

Dass es mit einem Lausbuben-Streich gelungen war, den Gäste-Fans eine Zaunfahne zu klauen, wurde – bis auf ein paar übliche Ausnahmen – relativ wohlwollend begleitet und von vielen eher als lustiger Prank denn als unverschämter Regelverstoß wahrgenommen. Das wäre natürlich anders gewesen, hätte es in der Folge einen Platzsturm und Prügeleien auf dem Rasen gegeben – keine Frage. Soweit kam es jedoch nicht. Und so wurde der „Fahnenklau“ von einer im Fan-Kontext zu Skandalisierung und Dramatisierung neigenden Öffentlichkeit bis auf ein paar Ausnahmen tatsächlich eher amüsiert als schockiert zur Kenntnis genommen.

>>>Gladbach-Opferkult nach Fahnenklau: Die ewige Unschuld vom Lande

Eine „gute Aktion, die man nicht auf dem Schirm gehabt hat“, sei der Streich der Kölner gewesen, ließen mittlerweile sogar die Gladbach-Ultras wissen. Den Erzrivalen auf und abseits des Platzes geschlagen, die eigene Mannschaft unterstützt und dabei nicht einmal das nachhaltige Klischee der stets gewaltsüchtigen Problemfans bedient – eigentlich war es eine perfekte Woche für die Ultras aus der Domstadt. Eigentlich. So wohlwollend der leidenschaftliche Support und die natürlich trotz allem illegale Fahnenklau-Aktion rund ums rheinische Derby wahrgenommen wurde, so schnell war der halbwegs positive Eindruck dann auch schon wieder dahin.

Prügelei am Hamburger Fanhaus sorgt für Kopfschütteln

Die Partie in Hamburg war noch nicht einmal annähernd angepfiffen, da sorgte eine Prügelei mit HSV-Fans in der Nähe des Hamburger Fanhauses für dementsprechende Schlagzeilen. Über 100 Kölner wurden polizeilich erfasst, einer vorläufig festgenommen. Das Spiel erlebte die Gruppe natürlich nicht mehr – nach ein bisschen Zeitvertreib mit der Polizei hieß es für sie schließlich ab in den Bus und zurück nach Köln. Das ist leider auch schon alles, was diese Gruppe am Samstag vollbracht hat. Weder waren sie später Teil des erneut leidenschaftlichen Supports im Volksparkstadion, noch halfen sie ihrem Verein sonst auf irgendeine Art und Weise.

Foto: Srdjan Stevanovic/Getty Images

Stattdessen wurde der Eindruck der halbwegs tolerierten Lausbubenhaftigkeit mit stumpfer Krawallgier mal wieder gänzlich eingerissen. Wie bereits öfter in der Vergangenheit beweist die Kölner Szene damit ein erschreckend miserables Gespür für Timing. Abgesehen davon, dass es für sinnlose Prügeleien ohnehin kein gutes Timing gibt und diejenigen, die Spaß daran haben, sie lieber wieder wie früher in abgelegenen Waldstücken austragen sollten, ist es schlicht und einfach dumm, mit einer derartigen Aktion eine neuerliche Welle von Stadionverboten auszulösen und somit nicht nur konkret in Hamburg, sondern auch mittelfristig dem eigenen Support nachhaltig zu schaden. Unbegrenzt ist die Anzahl der Allesfahrer schließlich auch wieder nicht. Für einige dürfte es in Zukunft nun aber an Spieltagen wohl eher Sportsbar statt Stadion heißen – Thekenfrust statt Ultra-Lust.

Verhalten in Hamburg: Gefundenes Fressen für die Öffentlichkeit

Genau diese kopflosen, kaum nachvollziehbaren Aktionen wie am Samstag in Hamburg machen es der von Politik, Verbänden und Medien ohnehin in Fan-Themen bereits übermäßig hysterisch geformten Öffentlichkeit schwer, den Sinn in dieser Subkultur zu erkennen, die den Ultras offensichtlich so viel bedeutet. Und gerade die Unart der in Innenstädten oder Bahnhöfen ausgetragenen Auseinandersetzungen zwischen den bundesweiten Ultra-Gruppen bietet viel Potential für Skandalisierung, da sie sich nicht nur vor den Augen vieler Unbeteiligter abspielen, sondern auch zuverlässig für martialische Handy-Videos im Netz sorgen, die vom Boulevard wiederum gerne für Terror-Rhetorik und dunkle Bedrohungsszenarien genutzt werden. Dass einige Kölner Anhänger diese simplen Mechanismen nicht verstehen, wirft kein gutes Licht auf sie. Vermutlich ist das denjenigen aber nicht so wichtig. Den 1. FC Köln gegen den HSV im Stadion zu unterstützen, scheint ja ohnehin nicht die einzige Motivation für den Trip in den Norden gewesen zu sein.

>>>Ultra-Kultur in Europa: Fankurven als Repressionslabore?

Den Rahmen für die dennoch vorhandenen positiven Aspekte der Ultra-Kultur unter dem ohnehin schon größer werdenden Druck von Verbandsstrafen und medialer Ächtung zu erhalten, wird mittel- und langfristig allerdings nicht gelingen, wenn die organisierte Fanszene nicht begreift, dass derartige Ausfälle die positiven Eindrücke immer wieder nachhaltig zerstören. Und – noch schlimmer – Wasser auf den Mühlen derjenigen sind, die Ultras am liebsten ganz aus den Stadien verbannen würden. Der lustigste Streich ist schließlich genauso viel wert wie der beste Ballgewinn, wenn man beim nächsten Schritt vor lauter Selbstbesoffenheit schon nicht mehr klar denken kann. Nichts nämlich. Tja, wie gewonnen, so zerronnen.

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2 Kommentare

  1. Hallo Herr Schmidt,

    Genau das ist es doch!
    Niemand stand im Flaschenhagel, sondern es wurde ein Stück Stoff geklaut.
    Klar, das ist unter anderem ein Eigentumsdelikt, was auch in dem Artikel angesprochen wird, aber eben nicht der von Ihnen erwähnte Flaschenhagel.
    Ansonsten bleibt zu erwarten, dass der Aktion eine Reaktion folgt.
    Sollte dies einen von Gladbachern verursachten Flaschenhagel zu Folge haben, wäre dies sicherlich falsch.
    Genau wie die Begründung dessen im fehlenden Kölner-Ultra-grips zu suchen.

    Oder sind die Gladbacher von Kölner-Ultra-gripsen ferngesteuert?

  2. Wenn eine Nicht-Eskalation so abgefeiert wird, spricht das Bände.

    Dass es friedlich blieb, ist weitestgehend glücklichen Umständen (Kölner Sieg, keine erwidernden Grenzüberschreitungen der harten Gladbacher Fan-Kerns), denn Kölner-Ultra-Gripses zu verdanken. Ich kann das kaum als sympathisch-neckisch wahrnehmen – eher als unnötig und eitel. Wer einmal im Flaschenhagel stand, egal auf welcher Seite, wird das ähnlich sehen.