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Hopping-Magazin “Op Jöck”: Horizonterweiterung durch Fußball

Foto: "Op Jöck"

“Wenn einer eine Reise tut, so kann er was verzählen” – wie sonst hätte man diese Rezension über ein Groundhopping-Fanzine einleiten sollen als mit den Worten des deutschen Dichters Matthias Claudius, dessen Figur Urian bereits im 18. Jahrhundert in Europa Länderpunkt um Länderpunkt sammelte? Die dritte Ausgabe von “Op Jöck – Tünnes und Schäl entdecken die Welt” beschäftigt sich mit der Rückrunde 2017/2018 und den zahlreichen Unternehmungen, die die Autoren unternommen haben, um an den verschiedensten Orten der Welt Fußballspiele zu verfolgen. Die Schreiber entstammen dem Umfeld der Kölner Ultràszene und stecken viel Zeit und Geld in ihr großes Hobby neben dem effzeh.

Bereits zum dritten Mal veröffentlichen sie ihre Reiseberichte nun in ihrem eigenen Magazin, das sie ebenfalls in Eigentätigkeit herausgeben. Zu kaufen gibts das 162 Seiten starke Werk über das Internet – eine e-Mail an tuennesunschaelopjoeck@gmail.com sollte ausreichen, um sich noch eine der 250 Ausgaben zu sichern. Warum wir über ein solches Projekt schreiben? Nun, das Ganze hat einen einfachen Grund: Auch wir investieren Zeit und Geld in unsere Plattform und kennen daher die Schwierigkeiten, mit denen man sich auseinandersetzen muss, wenn man etwas auf die Beine stellen will, auf das man Bock hat und an das man glaubt. Leidenschaft ist nämlich das große vereinigende Band, das sich durch die Gruppe an so unterschiedliche Menschen zieht, die sich Fußballfans nennen.

Reiseziele: Großbritannien, Süditalien, Südamerika etc.

Man kann Ultrà sein, Groundhopper oder Normalo – wenn man bereit ist, viel für seine Liebe zu investieren, findet man immer Gleichgesinnte, die genauso große Idealisten sind und an das Gute im Fußball glauben. Und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis nach der Lektüre dieses Fanzines: Dem Fußball wohnt eine Faszination inne, die sich erst entwickelt, wenn man ihn als das erlebt, was viele Leute als “echt” und “authentisch” beschreiben. Reisen in ein fremdes Land, begleitet von Schwierigkeiten bei der Ticketsuche und fehlenden eigenen Sprachkenntnissen – es ist die Möglichkeit schlechthin, um Land und Leute kennenzulernen. Und da aktuell in Deutschland wohl keine irrationale Angst größer ist als die vor dem “Unbekannten” und dem “Fremden”, eignet sich das Fanzine dazu, neue Horizonte kennenzulernen. Der Fußball dient dabei als Schmiermittel.

Foto: “Op Jöck”

In bester Hopping-Tradition ist es dabei vollkommen egal, ob man sich in Ungarn ein Spiel der U19 anschaut oder bolivianischen Alten Herren beim Kicken zusieht – Hauptsache, der Ground kann abgehakt werden. Angetrieben vom Ziel, Fußballspiele in möglichst vielen Ländern und Stadien zu sehen, berichten die Autoren von “Op Jöck” über ihre Reisen nach Großbritannien, wo sich der Fußball zumindest im Premiumbereich weit von seiner Basis entfernt hat. Marokko und Griechenland waren ebenfalls Reiseziele, längere Berichte über Reisen nach Süditalien und Südamerika finden sich ebenfalls. Episodische Erzählungen finden sich über Fußballspiele in Frankreich, Norwegen und Ungarn.

Amateurfußball, 1. FC Köln – auch darum geht es

Fußballspiele in fremden, unbekannten Ländern anzusehen, in denen man sich kaum verständigen kann und die Kultur der Gastgeber eigentlich etwas vollkommen Fremdes ist – dieses Setting ist insbesondere dann sehr eindrücklich, wenn es um die Spiele im saarländischen Amateurfußball geht. Und natürlich werden auch die Amateurklassen jenseits des Saarlands und der Bundesliga besucht. Im Gegensatz zu den meisten glattgebügelten Presseerzeugnissen, die man sonst so rund um den Fußball lesen kann, sind die Berichte von Amateursportplätzen im In- und Ausland wohltuend geerdet, was auch am Bierkonsum der Autoren gelegen haben kann.

Auf der nächsten Seite: Der Umgang mit dem Fremden – und dem 1. FC Köln

Die Rückrunde des 1. FC Köln wird auch zum Thema gemacht, obwohl es weniger um die damals desaströse sportliche Lage, sondern eher um die Aufs und Abs in der Fanszene geht. Mit dem Heimspiel gegen Mönchengladbach startete man gleich mit einem Highlight, nachdem das Banner einer Gladbacher Ultrà-Gruppe von “diebischen Elstern” gemopst werden konnte. Die Rache erfolgte dann aber beim Auswärtsspiel in Hoffenheim. Der übertriebene Polizeieinsatz beim abschließenden Saisonspiel in Wolfsburg wird folgerichtig auch kritisiert. Besonders unterhaltsam ist in diesem Zusammenhang der sprachliche Code, in dem über tatsächliche und mögliche Auseinandersetzungen mit Gruppen anderer Vereine geschrieben wird.

Auch soziale, geschichtliche und politische Themen finden Eingang

Bei “Op Jöck” geht es insgesamt weniger um das, was auf dem Rasen passiert, sondern eher um die Begleiterscheinungen und damit um das, was den Fußball ausmacht: soziale, geschichtliche und politische Themen werden immer wieder mit dem Fußball verwoben, wenn es beispielsweise um die Situation griechischer Arbeitnehmer oder Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien geht. Die Autoren schaffen es eigentlich immer, den Besuch des Spiels in einen Kontext einzubetten, der von den Gegebenheiten im Land berichtet, ohne allerdings zu tief in die Analyse zu gehen. Das wäre bei Reiseberichten allerdings auch fehl am Platze – und dennoch macht das Lesen Spaß, da auf die zwischenmenschlichen Aspekte, die das Reisen eben mit sich bringt, nicht verzichtet wird.

Foto: “Op Jöck”

Die Auslassungen über Pubkultur in England, Ultràkultur in Italien, legale Pyrotechnik in Norwegen (man stelle sich das in Deutschland vor!) und Blasinstrumente beim Support sorgen dafür, dass man einen anderen Blick auf das Spiel bekommt und lernt, wie es in anderen Ländern aussieht. Während Funktionäre in Deutschland immer mehr dafür sorgen, dass die Auseinandersetzung mit dem schönsten Spiel der Welt keinen Spaß mehr macht, hilft genau dieser Blick über den eigenen Tellerrand hinaus, um weiter daran zu glauben, dass Fußball mit all seinen Begleiterscheinungen faszinierend sein kann.

Ein lesenswertes Leidenschaftsprojekt

Beeindruckend ist ebenfalls das Talent, das die Reiseexperten in Bezug auf Organisation und Zeitmanagement vorweisen können – jeder Reisebericht hat deswegen auch immer etwas von einem Kapitel in einem Bildungsroman, weil man quasi immer auf Unwägbarkeiten stößt, die man vorher nicht einplanen kann. Das Lesen wird dadurch erleichtert, dass die überraschend professionell aussehenden Bilder die Menge an Text auflockern – interessant sind die Aufnahmen über Stadien, die man sonst nicht zu Gesicht bekommen würde, in jedem Fall.

Beenden wir diese Rezension mit dem schönsten Satz der gesamten Ausgabe, den “Tobansen” in Bezug auf seine Reise nach Peru geschrieben hat. In Lima begegnete er einer Situation, die so manches Fragezeichen hinterließ. Er schreibt über seinen Aufenthalt in Lima: “In der Stadt war übrigens einen Tag vor Corpus Christi (=Fronleichnam) einiges geboten. Weitgereiste Pilgergruppen trugen Heiligenfiguren durch die Straßen und Typen mit kunstvoll gestalteten Sturmhauben schlugen sich mit Seilen auf die Waden. Da soll nochmal einer sagen, Ultras hätten einen Hau.” Das lassen wir uneingeschränkt so stehen.

Für fünf Euro ein Leidenschaftsprojekt von besessenen Fußball-Fans zu unterstützen klingt nicht nur nach einer guten Idee, man bekommt gleichermaßen auch ein gut gemachtes Fanzine serviert. Vielleicht ist Groundhopping zu sehr ein Nischenthema, ein Produkt wie “Op Jöck” sollte allerdings mehr Aufmerksamkeit erfahren.

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