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Nachspiel

8:1 des 1. FC Köln gegen Dynamo Dresden: Brustlöser gegen die Erwartungshaltung

Beim souveränen Sieg über Dynamo Dresden übt das Müngersdorfer Stadion schon mal Karneval feiern. Auch Hennes war dabei und erzählt das Spiel aus seiner Sicht.

Jonas Hector (Koeln) erzielt das Tor zum 8:1 Endstand , 1. FC Koeln - SG Dynamo Dresden, DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video.
Foto: Ben Horn

Hoppla: Hennes reibt sich verwundert die Augen. Es scheint wie aus einem Traum. Das Müngersdorfer Stadion schwappt über vor Freude. Es fühlt sich fast an wie ein verhinderter Abstieg, wie ein großer Umschwung, die Umkehr zum Guten, das Happy End in einem Film. Ihm ist klar, dass das nicht das Ende ist, vielleicht ist das jetzt der richtige Anfang. Der effzeh hat gerade Dynamo Dresden mit 8:1 aus dem Stadion gefegt. Ein Tag vor Karnevalsbeginn. Nur eine 11 vor dem Doppelpunkt hätte hier noch besser gepasst.

Noch gestern abend hatte er sich mit Anneliese unterhalten: “Schon wieder steht ein Wochenende mit Arbeit bevor. Ich hab gar keine Lust. Immer gebe ich Vollgas und frage mich, was machen die Kollegen da? Und dann dieser Anfänger auf der Trainerbank!” Über den letzten Satz erschreckt er sich gerade sehr, aber es war unter vier Augen, bekommt ja sonst keiner mit. Anneliese weiß sowieso zu allem einen guten Rat. Sie kennt sich zwar im Geschäft nicht aus, aber sie hat es faustdick hinter den Ohren. Ein Leben ohne sie kann er sich gar nicht mehr vorstellen, auch wenn sie nicht die treueste ist. Während alle um Hennes herum über erhöhte Erwartungshaltung, Einsatz- und Laufbereitschaft, über das Spielsystem, über falsch eingesetzte Spieler, Stoßstürmer oder Doppelspitze und letztendlich über den Trainer diskutieren, flüsterte sie ihm ins Ohr: “De Zick kütt, et Vöjelsche flöt.”

„Warum nicht mal mit einer Doppelspitze?“

Die Nacht von gestern auf heute hatte er erstaunlich gut geschlafen, sein Fahrdienst zur Arbeit war pünktlich und zuverlässig wie fast immer. Auf der Weg zur Arbeit flatterte die Aufstellung auf seinem Handy ein, und er musste sofort an seinen Freund Tom denken, der stoisch vor sich hin brabbelt: “Warum nicht mal mit einer Doppelspitze? Warum nicht mal Cordoba und Terodde von Anfang an? Warum nicht mal so richtig offensiv?” Ja,die Diskussion um die Ausrichtung begleitet ihn schon lange. Er kennt auch Stimmen, denen der effzeh zum Beispiel gegen Paderborn zu offensiv war. Balance ist hier das Zauberwort. Aber dafür ist er nicht zuständig. Dafür ist sie jetzt da, die lange geforderte Doppelspitze. Er selbst hätte vielleicht eher Guirassy als Cordoba gebracht, aber der Tag sollte zeigen, dass er auch das glücklicherweise nicht zu bestimmen hat.

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Denn sein Dienst ging los wie die Feuerwehr. Souverän hatte er seine privilegierte Aufgabe, den Rasen des Müngersdorfer Stadions als erster offiziell zu betreten, erledigt. Nun wollte er es sich für den Rest seines Arbeitstages gemütlich machen. Als er sich gerade hinsetzen wollte, sprangen alle um ihn herum auf und “Et Trömmelche” erklang. Damit hatte er nicht gerechnet. Auch nicht damit, dass die Doppelspitze gleich so gut funktioniert. Weil Terodde zwei Verteidiger gebunden hat, konnte sich Cordoba bei einer Drexler-Flanke gegen seinen Gegenspieler durchsetzen und einköpfen. Blitzsaubere Aktion für den größten Fehleinkauf der Vereinsgeschichte. Sein Freund Frank, der Kettenraucher, meinte dazu: “Das könnte mal ein Brustlöser sein. Anders als der, der immer die Zuschauerzahl präsentiert.” Dass damit auch das ganze Spiel gemeint sein könnte, ahnte zu dem Zeitpunkt noch niemand.

Der 1. FC Köln findet die richtige Balance

Jetzt hieß es konzentriert weiter zu arbeiten. Zu oft hatte man schon einen Vorsprung aus der Hand gegeben, versucht das Ergebnis zu verwalten und dann am Ende doch noch Punkte abgegeben. Zu löchrig schien die Abwehr in dieser Saison. “Für ein Gegentor sind wir immer gut”, hallten die Worte in seinem Ohr wieder. Aber diesmal schien der effzeh die richtige Balance zu finden. Es wurden sich weitere Torchancen erspielt, die Abwehr stand stabil. Nur zwei mal meinte er Probleme bei hohen Bällen zu erkennen, aber da ist er vielleicht prinzipiell etwas empfindlich. Der dicke Clown mit der Trumm, vier Reihen hinter ihm, brüllte unüberhörbar: “Jetzt macht sie platt!” Die Erwartungshaltung! Wann lernen die Fans, dass die zweite Liga kein Spaziergang ist, bei dem jeder Gegner inklusive dem HSV aus dem Stadion gefegt wird. Trotz der deutlichen Überlegenheit der „Geißböcke“ hatte er weiterhin ein mulmiges Gefühl im Bauch.

Simon Terodde, Jhon Cordoba

Foto: Ben Horn

Die Mannschaft mühte sich und Cordoba war ein richtiger Aktivposten. Endlich, dachte er sich, ist mal Bewegung vorne. Schaub und Drexler wuseln, Terodde und Cordoba beschäftigen die Innenverteidiger, so dass sich der Rest der Mannschaft in der Spieleröffnung deutlich leichter tat als zuletzt. Warum klappte das auf einmal alles? War Dresden so schwach oder hatte der effzeh einen Sahnetag? Aus diesen Gedanken wurde er in der 42. Spielminute jäh herausgerissen. Eigentlich wollte er sich schon umdrehen, als er merkte, dass der Dresdner Verteidiger den Ball für Terodde regelrecht auflegte, und jener genau das tat, was er kann. Das Runde ins Eckige. Zwei-Null ist immer ein beruhigendes Pausenergebnis.

In der Pause traf er die Pläät, der schon immer alle Karnevalstrikots geil fand. ”Wir sollten nur in Querstreifen spielen.” Er musste zugeben, dass die Trikots für Irritationen der okularen Wahrnehmung führen konnten. Aber er gab zu bedenken, dass sich der Effekt vermutlich sehr schnell abnutzt. Allerdings fragte er sich, ob einige der mitgereisten Dresdner morgen auch im Karnevalsgetümmel zu sehen sein würden. Und ob sie dann im tiefsten Sächsisch mitsingen würden. Woröm nur, woröm? Hauptsache, das Klavier fängt nicht an zu trinken!

In Müngersdorf hat keiner Bock auf gemütlich

Leicht verwirrt kehrte er zu seinem Platz zurück, die meisten Menschen im Stadion erwarteten jetzt einen ungefährdeten effzeh-Sieg. Den Verlauf der zweiten Hälfte konnte man aber so nicht erwarten. Diesmal kam Hennes fast gar nicht dazu, seinen Platz einzunehmen, da erklang schon wieder „et Trömmelche“. Schaub setzte im Sechzehner nach und holte sich den Ball zurück, legte auf Terodde, und was der kann, das weiß man ja. Zuletzt musste er sich sehr oft anhören, was dieser Pseudotorjäger nicht kann, aber das schien für den Moment egal. Jetzt wurde er gefeiert. Drei-Null zu Beginn der zweiten Hälfte. Das sollte ein gemütlicher Nachmittag werden.

Nur der effzeh hatte heute keinen Bock auf gemütlich. Das ging ihm natürlich beides mehr oder weniger gegen den Strich, aber wie schon erwähnt, hat er auf viele Dinge zu wenig Einfluss. Viel weniger, als man allgemein glaubt. Für das Spiel und die anwesenden Zuschauer war es aber ein Segen. Cordoba durfte an seinem Torkonto schrauben und erhöhte nach überzeugendem Einsatz mit dem linken Fuß auf 4:0. Jetzt fühlte sich auch Kapitän Hector genötigt, etwas für das Torverhältnis zu tun. Erst netzte er aus elf Metern ins rechte untere Eck ein, dann legte er eine Flanke genau auf Teroddes Kopf und der Ball landete schon wieder im Netz.

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Dresden? Vollkommen überfordert. Aber wenigstens kamen sie in der 62. Minute zum Anschlusstreffer. Und dieser war sehr sehenswert. Den Chip von Berko nagelt Atik aus halbrechter Position direkt unter die Latte. Als Dank für die vielen Geschenke, die die Sachsen mitgebracht haben, sollten alle Köln-Fans das Tor von Atik zum „Tor des Monat“s wählen, schoss ihm durch den Kopf. Sehenswert genug ist es dafür. Die Dynamo-Fans wird es aber wohl nur bedingt trösten. So in etwa wie ein Glas Wasser nach 20 Kölsch ernüchterte ihn der Gegentreffer. Aber er war zu erfolgstrunken, um wieder komplett nüchtern zu werden.

Wie eine Zusatzzahl beim Sechser im Lotto

Das Tor von Schaub vom rechten Strafraumeck mit links in den hinteren Winkel geschlenzt brachte die überschwengliche Freude zurück nach Müngersdorf, auch wenn sie nicht wirklich weg war. Aber es fühlte sich an wie die Zusatzzahl beim Sechser im Lotto. Dem Kapitän blieb es dann vorbehalten, den Schlusspunkt zu setzen. Nach einem Standard, ein Freistoß von Risse, trifft Hector per Kopf. Wie viele Ausrufezeichen gehören jetzt hierhin? Ein Tor nach Standard, hatte ihm der Pitter immer gesagt, wird es beim effzeh höchstens mal zu Karneval geben. Aber heute ist ja noch nicht Karneval. Dafür ist heute und morgen alles egal. Alaaf!

Jetzt sitzt er auf dem Rasen, schaut der jubelnden Masse zu, freut sich für die Mannschaft, die mit den Fans feiert, und auf Anneliese, die er gleich wieder in die Hufe schließen kann. Dass er dabei ständig von fliegenden Biertropfen getroffen wird, stört ihn nicht. Heute stört das andere. Allerdings läuft ihm da der Jeck vom Oberrang über den Weg. “Noch nit ens hück spille die ze null.” Und läuft abwinkend weg. Auf dem Weg zu seinem gelben Gefährt überlegt er noch kurz, wie es wohl gewesen wäre, wenn die acht Tore von heute auf die letzten vier Spiel verteilt gewesen wären. Er ist und bleibt halt ein Träumer. “Schöne Fasteloovend an üch all!” denkt er und besteigt das Hennes-Mobil.

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