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Meinung

Aufschwung bei Borussia Mönchengladbach: Ein Vorbild für den 1. FC Köln

Harte Zeiten für Fans des 1. FC Köln: Während ihr Verein um den Wiederaufstieg kämpft, wird Gladbach vielleicht Vizemeister. Dabei kann das dem effzeh eigentlich nur helfen.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Es mag durchaus sein, dass dieser Text einige von unseren Leserinnen und Lesern ziemlich aufregen wird. Ein Text über Borussia Mönchengladbach, hier auf den Seiten eines effzeh-Fanzines? Es ist, soviel sei gesagt, nicht die böse Absicht des Autors, in einer für Fans des 1. FC Köln ohnehin schon schwierigen Situation noch weiter Öl ins Feuer zu gießen. Doch wenn man sich mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des effzeh beschäftigt, sollte der Blick auch nach links und rechts schweifen, um herauszufinden, welchen Weg ähnlich aufgestellte Vereine gegangen sind – Borussia Mönchengladbach beispielsweise schickt sich in dieser Saison an, sich direkt für die Champions League zu qualifzieren. Die „Fohlen“ liegen derzeit auf Rang zwei in der Bundesliga und damit sogar vor Branchenprimus Bayern München.

Der 1. FC Köln steht zu Beginn des Monats Februar im Jahr 2019 eine Liga weiter unten ebenfalls ganz ordentlich da, was einen möglichen Wiederaufstieg in die Bundesliga betrifft – unabhängig davon, ob die „Geißböcke“ in der kurzfristigen Wahrnehmung an diesem oder dem nächsten Spieltag auf Rang zwei oder drei platziert sind. Damit liegt der Verein gut im Rennen für das Erreichen des eigens gesteckten Saisonziels, dem sofortigen Wiederaufstieg. Nach der verheerenden vergangenen Saison konnte das Ziel auch nur so lauten, war der Kader doch zwischenzeitlich noch verstärkt worden.

Zwei Traditionsvereine mit unterschiedlichen Entwicklungen

Die langfristige Entwicklung des Vereins seit 2010 hingegen darf dann schon etwas negativer beurteilt werden: In diesem Jahrzehnt stieg der 1. FC Köln zweimal ab, 2012 unter den Eindrücken der „Schwarzen Wand“ und 2018 gefühlt schon im Februar. Zwar standen zwischenzeitlich mit dem Erreichen stabiler Platzierungen in der Bundesliga und schlussendlich auch der Europa League durchaus beachtliche Ergebnisse zu Buche, spätestens durch den Abstieg in der Vorsaison wurden diese aber zunichte gemacht. Schaut man rüber an den Niederrhein, war dort die Entwicklung aber auch nicht zwingend nur positiv: 2011 spielte Gladbach unter Lucien Favre die Relegation und konnte sich gerade so in der Bundesliga retten. Ein Jahr später landeten die Grün-Weißen auf Rang vier und durften deswegen die Quali zur Champions League spielen, wo man jedoch scheiterte. Es folgten die Platzierungen acht, sechs, drei, vier (jeweils mit CL-Teilnahme) und in der vergangenen Saison neun.

Wir haben uns zehn Jahre lang den Arsch aufgerissen und einen Abstiegskandidaten in ganz andere Tabellenregionen gehievt, aber das wurde nicht mehr wahrgenommen.

Trainiert wurde Gladbach in dieser Zeit eben von jenem genialen Lucien Favre, der sich mit Borussia Dortmund unterdessen anschickt, die Dominanz des FC Bayern zu durchbrechen und die Meisterschaft zu gewinnen. Nach ihm folgte André Schubert, der im Dezember 2016 von Dieter Hecking abgelöst wurde. Die Entscheidungsgewalt über das operative sportliche Geschäft liegt bei Sportdirektor Max Eberl, der sein Amt seit 2008 innehat. Eine Erfolgsgeschichte – obwohl die Entwicklung in diesem Jahrzehnt in Mönchengladbach auch nicht uneingeschränkt positiv war, wovon die vergangene Saison Bände spricht. Im Dezember 2017 war es sogar so weit, dass Max Eberl nach einem 1:1-Unentschieden gegen Hamburg und negativen Reaktionen des Publikums in den Katakomben ausrastete. „Ich habe unseren gesamten Weg in Gefahr gesehen. Wir haben uns zehn Jahre lang den Arsch aufgerissen und einen Abstiegskandidaten in ganz andere Tabellenregionen gehievt, aber das wurde nicht mehr wahrgenommen“, erklärte er jüngst dem Fußballmagazin 11Freunde.

Borussia Mönchengladbach: Stetig auf dem Weg nach oben

Dabei wurde der Kader in den letzten Transferperioden laufend verstärkt, die verpflichteten Spieler passend zum jeweiligen Bedarf geholt und dann mit der Freiheit ausgestattet, auch mal schlechtere Spiele machen zu dürfen. Stellvertretend dafür stehen Stürmer Alassane Pléa, der teuerste Neuzugang der Vereinsgeschichte, Matthias Ginter, der mittlerweile zu einem der besten Verteidiger der Bundesliga gereift ist und auch Florian Neuhaus, ein ehemaliger Leihspieler, der durch seine Spielintelligenz besticht. Neben der Kontinuität auf den Positionen der sportlichen Entscheidungsträger kann man sich in Gladbach auf die Fußballkompetenz von Rainer Bonhof und Hans Meyer verlassen, die im Präsidium mitwirken.

Insgesamt stellen die „Fohlen“ unter Beweis, wie ein strukturell im oberen Durchschnitt angelegter Bundesliga-Verein durch kontinuierliches Arbeiten und eine klare sportliche Identität zu einem Spitzenklub reifen konnte – dabei brauchte es weder die finanziellen Zuwendungen eines externen Geldgebers noch infrastrukturelle Maßnahmen (zum Beispiel ein Stadionausbau), die zwar höhere Einnahmen garantieren, aber auch erstmal Geld kosten. Im Zentrum steht die sportliche Entwicklung – fußballbezogene Aspekte, die grundlegend sind für das operative Geschäft. Spielerverpflichtungen, Prozesse und Strukturen innerhalb des Leistungsfußballs und übergeordnet eine gemeinsame Idee des Fußballs. Klar ist auch, dass die Umsetzung von Ideen Zeit braucht und nicht bereits nach den ersten Misserfolgen alles über den Haufen geworden werden darf. Geduld ist ein wichtiger Faktor im Sport.

Nicht-sportliche Themen und andere Fragezeichen beim 1. FC Köln

Stellt man den Bezug zum 1. FC Köln her, fällt auf, dass dort in den vergangenen Jahren eher nicht-sportliche Themen in den Vordergrund gerückt sind: Das Thema Stadionausbau ist eigentlich keins, die Avancen Richtung China stießen bei vielen Fans auf Ablehnung. Gewiss, das Geißbockheim braucht eine Renovierung, worin sich alle einig sind. Doch das Leitmotiv lag eher woanders: Die kleineren und größeren Konflikte zwischen Fanszene, Vorstand und Geschäftsführung haben die Erzählung dieses leicht chaotischen Vereins aus der Domstadt zuletzt bestimmt.

Foto: Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images

Wenn der 1. FC Köln eines Tages nicht mehr als solcher wahrgenommen werden möchte, braucht es zuvorderst sportlichen Erfolg – als kurzfristiges Ziel steht dabei natürlich der Aufstieg. In diesem Zusammenhang ist es in jedem Fall positiv zu beurteilen, dass Armin Veh und Markus Anfang gemeinsam eine Spielidee beim 1. FC Köln verankern möchten, die für offensives und dominantes Auftreten steht. Zwar verläuft die Umsetzung mit bereits fünf Niederlagen in dieser Saison durchaus einigermaßen holprig, aber das eigentliche Ansinnen ist positiv. Fragezeichen kommen jedoch auf, wenn ein näherer Blick auf die Kaderzusammensetzung und -planung geworfen wird: Brauchte es die Modeste-Verpflichtung wirklich, sofern sie denn letztendlich zustande kommt? Ist es notwendig, bundesligaunerfahrenen Spielern gleich Vier-Jahres-Verträge anzubieten?

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Die Zukunft wird zeigen, ob der 1. FC Köln nach dem zweiten Bundesliga-Abstieg in diesem Jahrzehnt den Grundstein für eine erneute positive Entwicklung legen konnte. Und selbst wenn Borussia Mönchengladbach noch von den Bayern abgefangen werden sollte, ist die Etablierung der „Fohlen“ als Topteam in der Bundesliga der absolute Richtwert für den effzeh, was den Blick in die Zukunft anbetrifft. Soviel muss man bei aller Rivalität der Fairness halber schon anerkennen – und wenn man selbst das Beste für seinen Verein will, wovon wir jetzt einfach mal ausgehen, blickt man auch mit Respekt nach Mönchengladbach.

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