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Fankultur

Kind müsste man sein

Nach elf Tagen Europameisterschaft steigt der Verdruss über den Modus, die teils drögen Spiele und die Vermarktungsmaschinerie der UEFA. Läuft ein Spiel im TV, kann man sich dem Zauber aber irgendwie doch nicht entziehen.

FRANCK FIFE/AFP/Getty Images

Man wäre ja gerne noch einmal Kind. Einfach in den Tag starten, sich keine Sorgen machen, ein Spiel zwischen Nordirland und Deutschland sehnsüchtig erwarten –  es tut zwar weh, dass zugeben zu müssen, aber mit zunehmendem Alter nimmt diese Begeisterung merklich ab. Waren früher die Turniere für mich echte Highlights, deren Szenen sich ins Gedächtnis eingebrannt haben, sorgt diese EM fast ausschließlich für Verdruss.

Mit Wohlwollen erinnert sich der Autor an Turniere wie die Weltmeisterschaft 1998, als für den Autor im zarten Alter von sieben Jahren ein faszinierendes Ereignis wie eine Fußball-Weltmeisterschaft vier sommerliche Wochen mit einem bestimmten Zauber füllten. Das gemeinsame Hinfiebern auf die Spiele und das Diskutieren über Fußball als generationenverbindende Tätigkeit, dazu noch die Auseinandersetzung mit Ländern, von denen man noch nie gehört hat – trotz des frühen Ausscheidens der DFB-Elf in den sportlich damals noch recht dunklen Jahren bleibt von diesem Turnier eine fast ausschließlich positive Erinnerung zurück.

Tränen beim Sommermärchen

Bei den folgenden Turnieren ließ diese Faszination kaum nach, obwohl die deutsche Mannschaft sich nach wie vor mehr schlecht als recht durch die Wettbewerbe schummelte.

Das viel zitierte Sommermärchen 2006 war dann für einen pubertierenden Fan des effzeh natürlich insofern bedeutsam, als dass mit Lukas Podolski endlich mal wieder ein Kölner in der deutschen Nationalmannschaft vertreten war und sogar eine so wichtige Rolle spielte, dass er zum besten jungen Spieler des Turniers gewählt wurde. Der Doppelpack im Achtelfinale gegen Schweden nötigte dem Autor sogar ein paar Tränchen ab, für die er sich nach wie vor nicht schämt. War insgesamt trotz der romantischen Verklärung kein so schlechter Sommer.

Mit dem Übergang ins Erwachsenenalter ließ die Liebe zum Fußball zwar nicht nach, obwohl immer mehr Dinge ans Licht traten, wegen derer man schon einmal die Stirn runzeln konnte. Es war wohl erstmals die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine, bei der sich die Begeisterung wirklich in Grenzen hielt. Trotz Lukas Podolskis Omnipräsenz beschränkte sich die Auseinandersetzung mit der Nationalmannschaft auf mittlerweile recht distanzierte, nüchterne Analysen, vom Geschäftsgebahren der organisierenden Instanz UEFA ganz zu schweigen. Zwei Jahre später bei der Fußball-WM in Brasilien erreichte die kritische Auseinandersetzung mit einem internationalen Fußballturnier ihren Höhepunkt, da politische und wirtschaftliche Machenschaften der FIFA so deutlich wie nie zuvor ans Licht traten und dementsprechend das Turnier überlagerten. Die Krönung der DFB-Elf zum Weltmeister in Rio de Janeiro nötigte dem Autor dabei kaum mehr als ein kurzes Applaudieren ab, aus dem man nicht schließen konnte, dass die Hingabe zur Nationalmannschaft einst fast der Liebe zum Verein glich. Immerhin war Lukas Podolski trotzdem ein Weltmeister.

Selten hat eine EM so genervt

Mittlerweile, erneut zwei Jahre später, hat es erstmals seit Lukas Podolski wieder ein Spieler des effzeh zu einem großen Turnier der Nationalmannschaft geschafft. Der ruhige Jonas Hector ist zwar als Identifikationsfigur in etwa das genaue Gegenteil vom extrovertierten Podolski, allerdings achtet man natürlich schon vermehrt darauf, wie sich Hector in der Nationalmannschaft so schlägt. Der Vorlauf zur Europameisterschaft wurde dabei überlagert von zahllosen Skandalen auf sowohl nationaler als auch internationaler Ebene, die sich quer durch alle Instanzen zogen. Michel Platini als Präsident der UEFA hatte es trotz seiner späteren Sperre geschafft, einen Modus durchzudrücken, der mittlerweile 24 europäischen Mannschaften die Teilnahme am Kontinentalturnier erlaubt. Über die Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens könnte man seitenweise diskutieren, fest steht allerdings: der neue Modus hat der Attraktivität des Turniers nicht zwingend gutgetan. Der Wettbewerb wird unnötig in die Länge gezogen, weil man alleine zwei Wochen damit verliert, die acht Mannschaften rauszusieben, die nach dem alten Modus sowieso nicht an der EM teilgenommen hätten. Dass deshalb viele Mannschaften den sicheren Weg gehen und erst einmal nicht verlieren wollen, ist daher keine Überraschung.

Mittlerweile sieht es der Autor auch nicht mehr ein, denjenigen Fans der Nationalmannschaft, die alle zwei Jahre für einige Wochen dem Fußball Beachtung schenken, zu erklären, weshalb eine Mannschaft wie Albanien nicht auf Biegen und Brechen nach vorne spielen kann und will. Weiterhin ist es anscheinend normal, und dies lässt sich insbesondere im Gastgeberland Frankreich feststellen,  dass ein Fußballturnier im Fernsehen nicht mehr selbstverständlich für Jedermann im Fernsehen erhältlich ist. Während TF1 und M6 als zwei öffentliche Sender immerhin ein paar Spiele im Angebot haben, gibt es den Großteil der Spiele nur in Exklusivität auf dem Bezahlsender beIN-Sport, der sich dies natürlich auch entsprechend vergüten lässt. Von daher sind viele Franzosen gänzlich von einer Teilhabe am Turnier ausgeschlossen, was dessen Attraktivität ebenfalls nicht zuträglich ist. Dass mittlerweile bis zum Anpfiff Werbung gesendet und peinliche Eröffnungszeremonien fast mehr Raum einnehmen als das jeweilige Spiel sei nur am Rande erwähnt. Der debile Auftritt von David Guetta vor dem Eröffnungsspiel ließ viele Münder offenstehen, und das nicht aus Bewunderung.

#GehmirWegmitViveLaMannschaft

Bewundernswert ist auch die Art und Weise, wie sich die Nationalmannschaft als Vermarktungsprodukt in den letzten neun Jahren gewandelt hat. Unter Anleitung der menschgewordenen PR-Maßnahme Oliver Bierhoff ist aus der einst so ungeliebten Nationalmannschaft, bei der einzig und allein das Sakko von Uli Stielike so etwas wie Weltläufigkeit ausstrahlte, mittlerweile ein weichgespültes Werbeprodukt geworden, das unter dem grenzwertigen Hashtag #ViveLaMannschaft in den sozialen Netzwerken diskutiert wird. Und überhaupt: wenn Medienanstalten selbst Kamerateams in Kleinstädte entsenden, in denen der Weltmeister haust, damit diese jede noch so kleine Bewegung der Nationalspieler einfangen und diskutieren können, ist ein gewisses Maß der Sättigung erreicht.

Der Hype um die Nationalmannschaft nimmt absonderliche Ausmaße an, die sich im Falle des ausbleibenden sportlichen Erfolgs sicherlich zu einer riesigen Implosion der Medienwelt entwickeln dürfte. Möglicherweise wäre es dann einzig und allein schade um das großartige Format der ARD namens „Beckmanns Sportschule“, in dem die ARD (hoffentlich) beweist, dass sie durchaus Sinn für Satire hat. Anders lässt sich diese abstruse Sendung nicht einordnen.

Dass die deutsche Mannschaft erwartungsgemäß wenig spektakulär ins Turnier startet, dürfte auch dem oben angesprochenen Modus geschuldet sein, in dem man schon sehr viel falsch machen muss, um sich nicht für das Viertelfinale zu qualifizieren. Viele Beobachter scheren sich allerdings nicht darum, sondern schimpfen vielmehr, dass Deutschland nicht jedes Spiel mit Pauken und Trompeten gewinnt wie beispielsweise noch bei der Weltmeisterschaft in Brasilien (sic!). Der Götze muss doch auch mal schießen!

Der Zauber? Noch nicht ganz verflogen!

Und dennoch: das professionelle und soziale Leben wird in den vier Wochen der Europameisterschaft mehr oder weniger willentlich rund um die Spieltermine organisiert, natürlich mit weniger Herzblut als noch vor einigen Jahren. Aber wenn selbst ein Gassenhauer wie Island gegen Ungarn sehnsüchtig erwartet wird, weil bei Island ein vorher gänzlich unbekanntes, aber sehr liebenswertes Kampfschwein wie Birkir Bjarnason spielt, kann man nur schwerlich davon sprechen, dass die Europameisterschaft gar keinen Zauber mehr versprüht. Die Spiele der albanischen Mannschaft werden ebenso intensiv verfolgt, weil dort einerseits mit Mergim Mavraj ein Kölner und andererseits eine sehr leidenschaftliche Mannschaft spielt. Die beiden Kölner im Team des DFB tun ihr Übriges dazu, dass die Spiele der Deutschen dick im Kalender angestrichen werden. Auch die sympathischen Außenseiter aus Ungarn (Kiraly!), Wales oder England ziehen einen dann doch wieder vor den Fernseher.

Wahrscheinlich plausibelster Grund dafür ist die schizophrene Sucht der Fußballfans, die jegliche Begleiterscheinungen rund um ein solches Turnier vergessen lässt – klammert man die schlimmsten Aspekte aus, sind die 90 Minuten gar nicht so schlimm, denn immerhin ist es ja Fußball. Um das Turnier genießen zu können, muss man noch nicht einmal Kind sein. Allerdings hilft es.

 

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