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Nachspiel

It’s not all about the Einstellung, stupid!

Auf die Krise folgt ein 3:0-Auswärtserfolg am Millerntor. Bedanken darf sich der effzeh dafür beim Schlussmann – und der neuen Stärke bei Standards.

© Christian Guhl
© Christian Guhl

© Christian Guhl

Dass das Glück eine wankelmütige Begleitung ist, mussten unsere Geißböcke in den letzten zwei Spielen feststellen. Doch am Ort der käuflichen Liebe hatte der effzeh am Ende offenbar die besseren Argumente. Und das lag keinesfalls daran, dass unsere rot-weißen Götter das Spiel ernster nahmen als zuletzt bei beiden Pleiten. Viel mehr gelang es am Millerntor, eine große Schwäche abzulegen – und damit die frühe Führung, die das Team derzeit zum Atmen braucht, zu erzielen. Am Ende der 90 Minuten stand ein 3:0-Auswärtserfolg, die Rückkehr an die Tabellenspitze und die Erkenntnis, dass ein Torwart da sein muss, wenn er gebraucht wird.

Ausgangslage

Der effzeh auf dem absteigenden, St. Pauli auf dem aufsteigenden Ast. So könnte kurz und knapp die Gemütslage beider Teams vor dem Duell zusammengefasst werden. Die Hamburger konnten durch drei Siege am Stück die Lücke zur Spitzengruppe schließen, unsere kölschen Helden waren ob zweier vermeidbarer 0:1-Pleiten in Serie recht frustriert und in Zweifel geraten.

Nicht verwunderlich, dass FC-Geschäftsführer Jörg Schmadtke zur öffentlichen Wachrüttelrede ansetzte. Coach Stöger setzte dagegen auf harte Trainingsarbeit – und die Rückkehr zur Doppelspitze Helmes / Ujah, die beide zuletzt eher unter Ladehemmung litten. Beim FC St. Pauli verzichtete Interimscoach Roland Vrabec auf Routinier (und Ex-Effzeh’ler) Florian Kringe in der Startaufstellung – für ihn begann Lennart Thy. Eines war aber klar: Am ausverkauften Millerntor erwartete den effzeh eine unangenehme Aufgabe!

Spielverlauf

Wer noch Argumente braucht, seinen Platz im Stadion rechtzeitig zum Anpfiff einzunehmen, der sollte sich die Anfangsphase der Partie zu Gemüte führen. Ohne das übliche Abtasten gab es für beide Teams nur eine Richtung – und zwar nach vorne. Halstenbergs Schuss nach zwei Minuten lenkt Horn gerade noch über das Quergestänge, kurz darauf hat Hector die erste Möglichkeit für den effzeh, verfehlt aber knapp. Besser macht es in der 6. Minute Kevin Wimmer: Der österreichische Abwehrschrank steigt nach einer Helmes-Ecke am höchsten und nickt die Kugel zur viel umjubelten Kölner Führung ein.

Danach entwickelte sich ein einziges Hin und Her: Helmes und Halfar mit guten Szenen für den effzeh, auf der Gegenseite muss Timo Horn in der 20. Minute all sein Können aufbieten. Einen Weitschuss von Schachten wehrt der U21-Nationalspieler zur Seite ab, um dann mit einer Glanztat Nehrigs Nachschuss abzuwehren. Vom effzeh ist in dieser Phase wenig zu sehen, angefeuert von ihrem Publikum drängt St. Pauli unsere rot-weißen Götter in die Defensive. Ujah kann im Fünfmeterraum gerade noch vor Thorandt klären. Der effzeh bleibt im Kiez-Hexenkessel eiskalt: Halfar setzt Helmes am Strafraum mit einem Zuckerpass in Szene, der Ex-Nationalspieler lässt sich die Chance nicht nehmen und beendet seine Durststrecke in bester Knipsermanier.

Geschockt vom zweiten Treffer fehlt den Gastgeber weiterhin die letzte Durchschlagskraft, um den effzeh trotz allem Aufwand letztlich gefährden zu können. Stattdessen sind die Geißböcke näher am nächsten Treffer: Helmes vor der Pause sowie Gerhardt und Halfar nach Wiederbeginn verpassen die Entscheidung nur knapp. Die erfolgt dann nach einer Stunde innerhalb weniger Augenblicke: Horn pariert bärenstark gegen Kalla und leitet mit einem weiten Abschlag den Gegenangriff ein. Gonther kann sich als letzter Mann gegen Ujah nur mit einem Foul behelfen – und wird zurecht vorzeitig zum Duschen geschickt.

Der effzeh beschränkt sich in Überzahl nur noch im Verwalten des Ergebnisses, hat aber trotzdem noch eine Riesenchance. Helmes verpasst jedoch seinen zweiten Treffer an diesem Abend und nagelt das Leder an den Pfosten. Knapp zehn Minuten vor Schluss macht Yannick Gerhardt den Deckel drauf: Nach einem bösen Patzer von St. Paulis Keeper Tschauner schiebt der Youngster zum 3:0 ein. Maier trifft noch mit einem Freistoß das Aluminium – aber während der 90 Minuten hat der FC offenbar den besseren Draht zur Glücksgöttin.

Spieler im Fokus

Timo Horn: Teufelskerl. Zeigte, dass er ein absoluter Aufstiegstorwart ist. Ist zu 100 Prozent da, als das Team ihn brauchte. Und das war am Millerntorn häufiger der Fall, als der junge Keeper es gewohnt ist. Der Reflex gegen Nehrig legte den Grundstein für den letztlich souveränen Auswärtssieg.

Daniel Halfar: Was für einen Edelkicker der effzeh dort in seinen Reihen hat. Wirbelt, ackert, spielt Traumpässe. Warum er allerdings beim 1. FC Köln – und nicht für einen Topclub in der Bundesliga – aktiv ist, das durfte beim Torabschluss wieder bewundert werden. Dennoch: Keinem im Team gönnt man das erste Saisontor so sehr wie ihm!

Patrick Helmes: Wirkt immer noch nicht komplett austrainiert und spritzig. Ist aber egal, wenn er seine Chancen so nutzt wie in der 27. Minute. Für solche Abschlüsse hat der effzeh den Ex-Nationalspieler geholt. Und für seine Eckbälle, die als einzige im Team gefährlich sein können.

Fazit

Wie sehr Fußball doch oft an einzelne Momenten hängt, wird selten so offensichtlich wie bei diesem effzeh-Sieg. Die vergebene Chance auf der einen Seite, der wichtige Treffer im Gegenzug. Oder: Die vergebene Chance auf der einen Seite, der Platzverweis im Gegenzug. Um das klarzustellen: Zwar hatte der effzeh eine Menge Glück, aber eben auch die individuelle Klasse, das zu erzwingen. Ein bärenstarker Horn sorgt für die Null bei den Gegentreffern, Patrick Helmes mit Vorlage und Tor für das Ende der Torflaute.

Es zeigt sich aber auch eines: Es war nicht die Einstellung, nicht der fehlende Wille, der für die Niederlagen sorgte, es ist die Qualität und das fehlende Rezept. Gegen einen destruktiven Gegner mangelt es dem effzeh an den Mitteln, einen Gegner über 90 Minuten zu bespielen und notfalls das Glück durch eine Standardsituation zu erzwingen. Am Willen und der Laufbereitschaft lag es zuallerletzt. Im Gegenteil: Das Team braucht einfach einen mitspielenden Kontrahenten – entweder durch eine frühe Führung oder der grundsätzlichen taktischen Ausrichtung -, um die eigenen Stärken auszuspielen.

Beides fand die Stöger-Elf an diesem Freitagabend vor. Wimmers früher Treffer brachte zudem die breite kölsche Brust zurück, die durch Horns Glanztaten nur noch breiter wurde.  Die Doppelspitze ist angesichts der dringend benötigten Durchschlagskraft wohl demnächst gesetzt – auch wenn das Zusammenspiel zwischen Helmes und Ujah mit „ausbaufähig“ noch wohlmeinend umschrieben ist. Dennoch: Bringt der effzeh seine PS auf die Straße und findet Mittel und Wege, auch mauernde Gegner auszuhebeln, steht der Tabellenspitze unter’m Weihnachtsbaum wenig im Wege.

Stimmen zum Spiel

Stöger: „Ich denke wir haben ein sehr gutes Zweitligaspiel gesehen. Über die 90 Minuten gesehen, haben wir das Spiel verdient gewonnen. Dennoch haben wir in der ersten Halbzeit einen sehr, sehr guten Torhüter gebraucht, um unsere Führung zu behalten und auszubauen. Ich glaube danach ist es für Pauli schwierig geworden. Wir waren ganz gut organisiert und haben in der zweiten Halbzeit auch viele Konterchancen liegen gelassen, was sehr ärgerlich ist. Es war für uns wichtig hier gegen einen sehr guten Gegner drei Punkte zu holen. Das tut den Jungs sicher gut. Insgesamt haben wir heute zielgerichteter gespielt mit mehr Punch nach vorne, mit mehr Bewegung und mit mehr Durchsetzungsvermögen – eben das was wir gegen Ingolstadt haben vermissen lassen.“

Yannick Gerhardt: „Der Sieg tut sehr gut. Das war heute ein ganz schönes Stück Arbeit. Pauli war richtig gut und wenn wir dann in so einem Spiel diese Reaktion zeigen ist es für das Selbstvertrauen enorm wichtig. Der Sieg ist vielleicht ein Tor zu hoch aber das kann uns jetzt auch egal sein. Für mich war das das erste Spiel am Millerntor und als Pauli dann am Anfang so Gas gegeben hat mit der Kulisse im Rücken da haben wir uns schon ein bisschen einschüchtern lassen. Wir können froh sein in den ersten Minuten nicht in Rückstand geraten zu sein. Danach haben wir dann unsere Chancen gut genutzt. Es gab Chancen auf beiden Seite, so dass es für die Zuschauer ein tolles Spiel war. Ich hab‘s genossen hier zu spielen und freu mich wenn ich hier wieder hinkommen darf. Mein drittes Saisontor freut mich natürlich. Es ist immer ein super Gefühl wenn man für den 1.FC Köln treffen darf!“

Timo Horn: „Wir wussten, dass es heute sehr schwer werden würde auf Grund der heißen Atmosphäre. Pauli hat von Anfang an Gas gegeben – haben ihre Chancen halt nicht genutzt. Das haben aber wir und ich denke das ist für alle FC-Beteiligten ein super Tag. Generell bekomme ich ja nicht so viel zu tun aber heute hatte ich schon die ein oder andere Szene, wo ich der Mannschaft dann auch weiterhelfen konnte. Aber insgesamt war das heute eine geschlossene Mannschaftsleistung, wo man niemanden hervorheben muss. Wir sind alle sehr froh.“

Kevin Wimmer: „Das war für mich ein richtig schöner Abend. Nach sechs Minuten das Tor erzielt und optimal in die Partie gestartet. Pauli hat anfangs natürlich viel Druck gemacht aber nach der Führung haben wir eigentlich ganz gut gespielt und haben uns Chancen herausgearbeitet. In der zweiten Hälfte hätten wir dann sogar noch das ein oder andere Tor mehr schießen können, wenn wir die Konter ein bisschen besser ausspielen. Insgesamt sind wir alle sehr glücklich über den Sieg und können mit der Leistung zufrieden sein. Die Ecken haben wir vorher angesprochen, wir wussten das Pauli da anfällig ist. Die Ecke vom Pat war natürlich auch super getreten. Wir haben das trainiert und es hat funktioniert. Für mich natürlich um so schöner, dass ich das Ding dann auch reinmache.“

FC St. Pauli: Tschauner – Schachten, Gotnher, Thorandt, Halstenberg (46. Kringe) – Buchtmann – Rzatkowski, Nehrig – Thy (46. Kalla) – Nöthe (69. Maier), Bartels

1. FC Köln: Horn – Brecko, Maroh, Wimmer, Hector – Lehmann, Gerhardt – Risse (61. Peszko), Halfar – Helmes (71. Matuschyk), Ujah (81. Bröker)

Tore: 0:1 Wimmer (6.), 0:2 Helmes (28.), 0:3 Gerhardt (79.)

Gelbe Karte: Schachten, Gonther, Kalla | Lehmann, Peszko

Rote Karte: Gonther (58.)

Schiedsrichter: Markus Schmidt (Stuttgart)

Zuschauer:  29.063 (ausverkauft)

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