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Hoffenheim, Hopp und Fan-Beleidigungen: Same Procedure as Every Year

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Man kann die Schmähgesänge und die Plakate, die auch am Sonntag beim Spiel des 1. FC Köln gegen die TSG 1899 Hoffenheim wieder gezeigt wurden, ohne große Probleme für beleidigend und geschmacklos halten. Was auch immer man aber vom inhaltlichen Niveau der Darbietungen halten mag, einen gewissen Humor muss man den Kölner Fans sogar im Fehltritt zugestehen. Treffender als mit einer Analogie zum alle Jahre wieder an Silvester ins deutsche Fernsehen zurückkehrende „Dinner for One“, hätte man die Thematik um TSG-Mäzen Dietmar Hopp und die deutschlandweiten Fanproteste gegen ihn wohl kaum beschreiben können.

In den letzten Jahren hat sich das Protokoll rund um das Sinsheimer Gastspiel in Köln und anderen Bundesliga-Standorten bereits manifestiert, fast, so scheint es, ist es schon so etwas wie gute Tradition geworden, gegen den Hoffenheimer Milliardär zu pöbeln. Der Retortenclub und sein Mäzen, sonst kaum mit Traditionen gesegnet, freuen sich über diese merkwürdige Etablierung im Bundesliga-Zirkus aber irgendwie so gar nicht.

Die Gesänge werden lauter, das Wehklagen auch

Nach jedem Gastspiel der TSG wird das Sinsheimer Klagen lauter. Schon nachdem Hopp beim letzten Spiel der beiden Clubs mit einem derben, durchaus beleidigenden, Plakat empfangen wurde, zeigten Mäzen und Club eine heftige Reaktion – die Kontakte in die DFB-Zentrale wurden bemüht, Beleidigungsklagen vor ordentlichen Gerichten eingereicht.

Es folgten eine Verbandsstrafe für den 1. FC Köln, Stadionverbote für Kölner Fans, Beweismittelsicherstellungen der Polizei und die mittlerweile obligatorische Entschuldigung von FC-Präsident Werner Spinner. Die mittlerweile ebenfalls traditionelle Empörungswelle in der Sportpresse war ohnehin inklusive.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Damalige Hinweise, dass derartige Schmähgesänge und Plakate im deutschen Fußball auf eine lange Geschichte zurückschauen, blieben genauso ungehört wie es wohl auch an diesem Montag wieder der Fall sein wird. Hopp sei ein ehrenwerter Mann, der viel für den deutschen Fußball getan und sich auch abseits des Sports als großzügiger Spender mit sozialem Engagement stets ausgezeichnet habe – so lautet die allgemeingültige Geschichte. Ende.

“Wer Hopp nicht schützt, vergeht sich am Sport”

„Wer Hopp nicht schützt, vergeht sich am Sport“, fand zum Beispiel der „BILD“-Kolumnist und ehemalige „Sport Bild“-Chef Alfred Draxler bereits nachdem Anhänger von Borussia Mönchengladbach beim Gastspiel in Sinsheim auf einem Spruchband fragten: „Und ihr? Huren eines Fußballmörders!“ Die obligatorischen Klagen Hopps folgten natürlich auch für die Borussia-Fans.

Nachdem der TSG-Mäzen in Köln nun allerdings wieder mit dem Plakat, das die FC-Fans schon im Vorjahr gezeigt hatten, und einem weiteren, das Hopp beim Sex mit einem Butler zeigt, während im Hintergrund Geldscheine durch die Luft fliegen, empfangen wurde, fahren die Hoffenheimer noch größere Geschütze auf.

Ich fordere: Wenn in Zukunft solche Plakate in den Kurven hängen, darf das Spiel nicht mehr angepfiffen werden.

Der Anwalt Hopps, Christoph Schickardt, gibt ein wenig Einsicht in die Gedankenwelt rund um den TSG-Mäzen. „Ich fordere: Wenn in Zukunft solche Plakate in den Kurven hängen, darf das Spiel nicht mehr angepfiffen werden – egal, ob das Beschimpfungen gegen Dietmar Hopp, gegen Hannover-Präsident Kind, gegen Schiedsrichter, gegen Ralf Rangnick oder den DFB sind“, ledert der Jurist, der bereits für mehrere Bundesliga-Clubs und den Brausehersteller Red Bull tätig war, in der „BILD“ los. Ein Verein, der „seine Kurve nicht im Griff hat“, sei nicht in der Lage ein Bundesliga-Spiel auszurichten. „Das Spiel wird dann nicht angepiffen, der Klub bekommt die Punkte automatisch aberkannt“, führt Schickhardt seine Fantasterei weiter aus.

Hopp und Hoffenheim wollen keine Entschuldigungen mehr

Am Montag meldete sich dann auch die TSG selbst zu Wort. „Wir akzeptieren keine Entschuldigungen mehr“, erklärte Geschäftsführer Hansi Flick. „In Köln gibt es bei den Vereinsoberen seit Jahren nur Achselzucken und Entschuldigungen“, moniert der ehemalige Co-Trainer von Bundestrainer Joachim Löw weiter. Mediendirektor Christian Frommert bekräftigte unterdessen: „Auch wenn in den nächsten acht Spielen Plakate hochgehen, werden wir klagen.“ Bei der TSG, soviel scheint klar, ist man gewillt, für das Seelenheil des Mäzens leidenschaftlich zu kämpfen.

Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Doch so geschmacklos und derbe die Proteste in den Stadien in ihrer Ausgestaltung auch sein mögen, so bleiben sie nur selten ohne kritische Kernaussage oder Bezug zur Wirklichkeit. Und das kommt übrigens nicht nur im Fußball vor.

Satire-Magazine wie „Titanic“ oder „Charlie Hebdo“ sorgen regelmäßig mit heftigen Karikaturen für ausgiebige Diskussionen darüber, wie weit man mit Provokationen gehen darf, um mit seiner inhaltlichen Kritik eine möglichst große Reichweite zu erzielen. Für manchen ist auch dort sofort klar: Der Zweck heiligt nicht die Geschmacklosigkeit, die Beleidigung oder gar die Verletzung persönlicher oder religiöser Gefühle.

Fan-Plakate als Satire-Magazine der Fußballwelt

Wie auch bei den Satirikern richten sich die Plakate in Fußballstadien jedoch so gut wie immer an Personen des öffentlichen Lebens. Und Dietmar Hopp, das wollte er offensichtlich ja auch, ist genau so eine Person. Mit dem Schritt in die Öffentlichkeit muss man sich von ebendieser auch mehr gefallen lassen – findet zumindest in den überwiegenden Fällen der Gesetzgeber.

Als die „Titanic“ einst Papst Benedikt von vorne und hinten – einmal mit gelbem, einmal mit braunem Fleck auf der Soutane – gezeigt hatte, entschied man sich im Vatikan nach einer spontanen einstweiligen Verfügung schlussendlich doch dazu, die Klage gegen das Satire-Magazin zurück zu ziehen. Auch der Versuch Jan Böhmermann vor nicht all zu langer Zeit für sein wenig niveauvolles Gedicht über das türkische Staatsoberhaupt Recep Erdogan juristisch zu belangen, schlug am Ende fehl. Und als Alice Weidel unlängst in der NDR-Satire-Sendung „extra3“ als „Nazi-Schlampe“ bezeichnet wurde, scheiterte die AfD-Politikerin vor dem Amtsgericht Hamburg mit dem Versuch, eine einstweilige Verfügung zu erwirken. Der Entscheidung des Gerichts zufolge handelte es sich um Satire, „die im konkreten Kontext der Äußerung von der Meinungsfreiheit gedeckt ist.“ Zudem stehe Weidel „im Blickpunkt der Öffentlichkeit und muss auch überspitzte Kritik hinnehmen.“

Sachliche Kritik wird kaum wahrgenommen, finden die Fans

Natürlich stellt sich hier die Frage: Ist eine Fankurve (auch) ein Satire-Format? Das kommt wohl auf die Perspektive an. Unter den Fans herrscht großflächig die Meinung, dass sachliche Kritik, vernünftig und ohne Provokation oder Beleidigung vorgetragen, von den Oberen des Fußballs schlichtweg nicht wahrgenommen werde. Der sachliche Weg erscheint ihnen im Austausch mit Verbänden, Offiziellen und Geldgebern des Fußballkosmos so geeignet, wie ihre Standpunkte in den dunklen Wald zu schreien.

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Mit der Fankultur hat sich auch eine bestimmte Art und Weise der Kommunikation entwickelt – die hartgesottensten Anhänger wollen mit ihren Darbietungen ganz gezielt schockieren. Die Multiplikation ihres Motivs durch die mediale Aufmerksamkeit als direkte Folge der Provokation ist dabei einkalkuliert. Es geht also vor allem um Aufmerksamkeit. Und im Fall Hopp vermutlich auch darum, dem Mäzen, der sich immer wieder ausführlich öffentlich persönlich betroffen von den Beleidigungen und Plakaten gezeigt hat, die Lust an seinem „Projekt“ zu nehmen.

Schlussendlich geht es bei den Protesten inhaltlich aber wohl immer noch darum: Die TSG ist neben Leverkusen, Wolfsburg, Leipzig und bald wohl auch Hannover, einer der Bundesligisten, die nach Ansicht vieler Fans gegen wichtige Grundregeln der Liga verstoßen. Die finanziellen Vorteile, die diese Clubs genießen, werden als unfair, die formale Konstruktion der in Investorenhand befindlichen Fußballfirmen als weit entfernt vom demokratischen Vereinsgedanken wahrgenommen.

Wer zahlt, bestimmt eben die Musik?

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Der Investor regiert, diktiert, bestimmt und lenkt – so macht es für viele Fans bei diesen Vereinen den Eindruck. Wer zahlt, bestimmt eben die Musik. Im horizontalen Gewerbe, das von den Fans bei ihrem Protest gerne zum Vergleich herangezogen wird, läuft das übrigens (leider) genauso. Die Analogie der „Fußballhure“ mag also derbe und die Beleidigungen Hopps als „Sohn einer Hure“, nur um ihn zu provozieren, wahnsinnig kindisch sein. Die inhaltliche Kritik dahinter ist dennoch vorhanden und hat durchaus Substanz.

Hoffenheim und sein Mäzen klagen ihr Leid vielleicht also auch einfach dermaßen laut, um davon abzulenken, dass es Dinge in Sinsheim gibt, die man kritisch hinterfragen sollte. Dass regelmäßig ein riesiges Bohei veranstaltet wird, wenn mit Hopp ein Mäzen, der nicht einmal ein offizielles Amt bei der TSG 1899 Hoffenheim bekleidet, in den Fokus rückt, wäre so etwas beispielsweise. Inwiefern der Deutsche Fußball-Bund überhaupt dafür zuständig ist, einen außenstehenden Dritten zu schützen, und warum er das in der Vergangenheit bei heftigen Beleidigungen gegenüber Bayern-Boss Uli Hoeneß oder dem ehemaligen Nationaltorhüter Andreas Köpke nicht einmal bei qua beruflicher Position zum Bundesliga-System gehörenden Personen getan hat, ist ebenfalls eine durchaus interessante Frage.

Subkultur? Was für eine Subkultur?

Man kann aber natürlich auch die Hintergründe mal wieder gänzlich außer Acht lassen, die Fan-Aktionen mit Adjektiven wie „ekelhaft“, „widerlich“, „erschütternd“ überziehen und weiter ganz feste die Augen davor verschließen, dass sich in Fankurven seit Anbeginn der Zeiten nicht mehr und nicht weniger als eine Subkultur offenbart.

So wie politische Satiremagazine zur Welt der Mächtigen dazugehören, bildet die Ultra-Bewegung mit ihren derben Mitteln und jugendlichen Provokationen ebenfalls einen etablierten Raum für Rebellion gegen „die da oben“. In der Musikwelt hatte diese Rolle erst der Punk, später der Rap inne und vermutlich sind Ultras im Grunde auch nichts anderes als genau das: Die Punks der Fußballwelt.

Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images

Das sind sie, seit es diese Welt gibt. Welche Musik sich derjenige wünscht, der bezahlt, war ihnen ebenfalls schon immer vollkommen egal. Sie bezahlen ihre Tickets ja schließlich auch. Und umso mehr man versucht, diese Rebellion zu unterdrücken, desto größer scheint auf der anderen Seite die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten. Wie so oft auf dieser Welt sind die Prinzipien, die auf Makro- wie auf Mikro-Ebene wirken, nicht all zu unterschiedlich. Das ist bei Subkulturen auch nicht anders als bei pubertierenden Jugendlichen.

Keine neue Dimension des Hasses, einfach nur Punk

Was wir in den Fankurven sehen, ist keine „neue Dimension des Hasses“, wie Hopp im April noch klagte. Es ist einfach nur eine weitere Version einer der ältesten Geschichten der Menschheit: Klein gegen groß, arm gegen reich, ohnmächtig gegen mächtig, David gegen Goliath.

Im Gegensatz zu den früheren Fällen Hoeneß und Köpke neigt Dietmar Hopp und seine Entourage jedoch dazu, das Ganze mit stetigen Forderungen nach Konsequenzen und öffentlichem Wehklagen noch zu befeuern. Dass der DFB sich dabei gerne zum Erfüllungsgehilfen für die Wünsche der sensiblen Mäzensseele macht, verfestigt den Eindruck des „Fußballmörders“ aus Fansicht nur noch weiter.

Für die Anhänger wird Hopp so nicht nur zum roten Tuch, weil er die TSG mit seinem Geld in die erste Liga katapultiert hat, während die eigenen Vereine sich mühsam Schritt für Schritt nach oben mühen müssen. Sondern auch noch zu einem der Hauptverantwortlichen für die fortschreitende Eindämmung von freier Meinungsäußerung und Protest in den Fankurven.

Hopp als Triebfeder der Abschaffung der Fankultur?

Neben Red Bull Leipzig wird bei vielen Ultras vor allem Hopp als Triebfeder hinter drakonischen DFB-Strafen für teilweise harmlose Banner oder Schmähgesänge identifiziert. Dass man in Sinsheim in der Vergangenheit probiert hat, dementsprechende Gesänge bei Heimspielen mit einer Hochfrequenztonanlage zu unterbinden, haben viele Fans ebenfalls nicht vergessen.

Man kann sich – wie bei provokanten Titanic-Bildchen – natürlich auf den Standpunkt zurückzuziehen, das alles sei eine verrohte Unverschämtheit, die dringend Konsequenzen für die Urheber haben müsse. Derartige Beleidigungen seien geschmacklos und inakzeptabel – und fertig. Das kann man machen und das macht man in Hoffenheim ja derzeit auch.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Wenn man den Protest auf die bloße Beleidigung reduziert und die inhaltliche Aussage komplett ignoriert, ist das jedoch entweder ein Zeichen für einen Intellekt, der die tiefere Ebene der Kritik geistig nicht erfassen kann. Das dürfte bei erfolgreichen Wirtschaftsbossen wie Hopp wohl kaum der Fall sein. Oder ein Zeichen dafür, dass der Mäzen weiterhin versucht, die Regeln der Party, auf die er sich einst selbst eingeladen hatte, nach seinem Gusto zu verändern. Für leisere Stimmen wird das in Kurven allerdings nicht sorgen – erst einmal zumindest nicht.

Hopp, der “Fußballmörder” – mehr als eine Beleidigung?

Sollte Hopp jedoch Erfolg haben, wird die aktuelle Fankultur, mit ihren Verfehlungen und ihren Vorzügen, abgelöst werden durch eine friedlich, unkritische Kunden-Mentalität auf den Rängen, die man sich in Hoffenheim und Leipzig ohnehin zu wünschen scheint. In der Musikwelt ist das übrigens auch passiert: Mit Punk hat das meiste, was unter diesem Label von großen Plattenfirmen vertrieben wird, noch so viel zu tun wie Vollmond mit Sonnenbrand.

Dem Papst wäre das Kunststück, die provokant-beleidigende Satire vor Gericht zu unterbinden übrigens genauso wenig gelungen, wie es Alice Weidel gelang, vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen den NDR zu erwirken. Da in der Fußballwelt aber der DFB und eben kein vernünftiges Gericht das Sagen hat, könnte Hopp, Rangnick und Co. ihr Vorhaben mittelfristig aber vielleicht sogar gelingen.

Zumindest aus Sicht derer, für die das Fansein vor allem von der gesellschaftlichen Ungezwungenheit in den Kurven und der kritischen Auseinandersetzung mit dem Business geprägt ist, dürfte die Bezeichnung „Fußballmörder“ spätestens dann wohl ins Schwarze getroffen haben. Den Einsatz derber Methoden dürften sie dann retrospektiv ebenfalls als so gerechtfertigt betrachten, wie die durchaus unfaire Steinschleuder, die David einst benutzte, um sich seines übermächtigen Gegners Goliath zu erwehren. Bis dahin dürfte in Sachen Hopp und Fankultur aber wohl erst einmal noch eine Weile lang gelten: Same procedure as every year.

Erstveröffentlichung unter dem Titel “Hoffenheim, Hopp und die Kölner Fans: Mächtiger als Papst und Erdogan?” am 6. November 2017

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