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Gladbach-Opferkult nach Fahnenklau: Die ewige Unschuld vom Lande

Foto: Matt Cardy/Getty Images

Nach Derby-Niederlage und Fahnenverlust meldet sich Borussia Mönchengladbach mit Schuldzuweisungen an den 1. FC Köln zu Wort. Das ist ebenso wenig überraschend wie die Verklärung der eigenen Probleme in diesem Konflikt.

Ob sich Borussia Mönchengladbach nach der aus Sicht der Fohlen bitteren Derby-Niederlage gegen den 1. FC Köln am vergangenen Sonntag zu Wort melden würde, war nicht die Frage. Bereits in den letzten Jahren meldete man sich schließlich verlässlich nach den Spielen gegen den FC vom Niederrhein – wahlweise, um die Kölner zu kritisieren oder die eigenen Fans öffentlich blütenweiß zu waschen. Oder um beides gleichzeitig zu probieren.

Anlass zur Kritik bot das kölsche Fanlager in der Vergangenheit aber tatsächlich immer wieder. Ob nun wirklich inakzeptable Aktionen wie der Autobahn-Angriff auf einen Fan-Bus der rheinischen Rivalen oder die für Gladbacher Augen viel zu martialische Derby-Choreografie beim Heimspiel in Köln – jede Aktion der Geißbock-Anhängerschaft wurde von Gladbacher Seite zuverlässig kommentiert. Dass es diesmal genauso sein würde, war also keine Überraschung. Öffentliche Kritik an den Fans muss ja manchmal auch sein, um für Besserung zu sorgen. Verfolgt die Borussia also einen Plan, arbeitet sie aktiv für ein “friedliches Derby”?

Fahnenklau sorgt für Derby-Verdruss

Nein. Denn zu Verfehlungen der eigenen, vom Verein gerne als „friedlichste Fanszene Deutschlands“ gerühmten, Anhänger schweigen die „Fohlen“ genauso konsequent wie sie sich selbst zu Kleinigkeiten auf kölscher Seite öffentlich äußern. Der einzige Plan, der dahinter vermutet werden könnte, ist das eigene, realitätsfremde Image von der so außergewöhnlich friedlichen eigenen Fanszene zu bedienen. Und genau das geschah nun natürlich auch nach der jüngsten Ausgabe des Bundesliga-Klassikers.

Nicht nur, dass der 1. FC Köln die Partie in letzter Sekunde für sich entscheiden konnte, auch die Kölner Anhänger sorgten zuvor für Frust auf Gladbach-Seite. In der Halbzeitpause nutzten ein paar FC-Fans die Gunst der Stunde, warfen sich gefälschte Westen des Sicherheitsdienstes über und machten sich auf in Richtung Gästeblock. Dort angekommen, entwendeten sie eine Zaunfahne der Ultra-Gruppe „Scenario Fanatico“ und legten einen beachtlichen Sprint quer über den Platz in Richtung Südkurve hin. Die Borussia-Fans waren wenig begeistert, verschafften sich Zutritt zum Stadion-Innenraum, überlegten es angesichts der ausrückenden Polizei-Einheiten jedoch schnell wieder anders. Insgesamt also wieder genug Futter für eine Debatte.

Denkt denn niemand an die Kinder?

Bereits am Montag begann mit Rainer Bonhof ein Gladbacher Offizieller dann zuverlässig mit der Skandalisierung der Vorfälle. “Was wäre gewesen, wenn da jemand was völlig anderes vorgehabt hätte, als eine Fahne zu klauen? Und keiner reagiert auf dem Platz?“, fragte der Vize-Präsident öffentlich mit dramatischem Unterton. Es ist schlimm genug, wenn Boulevardmedien im Fußball-Kontext Vergleiche mit Terror oder tatsächlichen Gefährdungslagen anstrengen. Dass nun auch noch Clubvertreter per Zitat den Weg zu einer solch verklärenden Berichterstattung ebnen, ist bedenklich.

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Schließlich haben, wenn man bei den Tatsachen bleibt, am Sonntag lediglich ein paar junge Leute die Gladbach-Fans und den Sicherheitsdienst ausgetrickst und einen Fetzen Textil entwendet. Mehr ist nicht passiert. Der Kontext ist eher „Lausbuben-Streich“ als “Terror-Anschlag”, das sollte auch Herr Bonhof verstanden haben. Auf Kölner Seite ließ man derweil  zunächst nur verlauten, man werde probieren die Diebe zu identifizieren und zur Verantwortung zu ziehen. Die Kölner Verantwortlichen dürften sich über die Aktion freilich geärgert haben – angesichts deutlich schlimmerer Vorfälle in der Vergangenheit gehörte das diesjährige Heimderby dennoch zu einem der ruhigeren Sorte, am Geißbockheim dürfte man es auch so einordnen.

Auf der nächsten Seite: Gladbachs Geschäftsführer legt mit alternativen Fakten nach

Nachdem Bonhof den Aufgalopp zum Medienzirkus also bereits am Montag geliefert hatte, folgte am Mittwoch ein Interview mit Gladbach-Geschäftsführer Stephan Schippers auf der Homepage des Vereins. Und der legt im Vergleich zu den bereits dramatischen Worten seines Vize-Präsidenten sogar noch einen drauf. Die Realität wird vom Borussia-Verantwortlichen nicht nur in Bezug auf Sonntag, sondern kurzerhand auf die gesamte nähere Derby-Geschichte mal eben umgeschrieben.

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Dabei steht außer Frage: Die Vorfälle vom Sonntag zu bemängeln, ist völlig legitim. Für die Gladbacher Fans war es ärgerlich, der Sicherheitsdienst sah nicht gut aus und in Zukunft sollte das tatsächlich so nicht mehr funktionieren.  Und ja, das kann man als “Geschädigter” durchaus auch einfordern. Doch Schippers belässt es eben nicht dabei, Antworten einzufordern. Wenn er sehe, wie der Fahnenklau “unter den Augen des 1. FC Köln von vielen Seiten als Erfolg gefeiert wird”, habe er nicht das Gefühl, dass man in Köln „ernsthaft“ an friedlichen Derbys arbeite, führt der Geschäftsführer aus. “Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas in unserem Stadion passieren könnte.”

Lob an die besonnenen Gladbach-Fans? Schöne Grüße aus dem Innenraum!

Schon da ist Schippers nah am Propaganda-Highscore: Der 1. FC Köln wird als Grund allen Übels ausgemacht und die eigene Fanszene gleichzeitig blütenweiß gewaschen – gar nicht so übel. Was der Gladbacher dann aber vorträgt, würden manche allerdings eine Lüge nennen, andere mindestens für eine sehr eigenwillige Interpretation der Ereignisse halten. „Ich muss das Verhalten der Gladbach-Fans ausdrücklich loben“, sagt Schippers. “Trotz dieser für sie drastischen erneuten Provokation haben sie sich nicht dazu verleiten lassen, den Innenraum zu stürmen.”

Besonnene Gladbach-Fans, behütet von behelmter Polizei (Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images)

Zum einen haben die Borussia-Fans sehr wohl den Innenraum betreten. Zum anderen war es weniger der Gladbacher Friedfertigkeit denn der martialisch auftretenden Polizei geschuldet, dass sie schnell wieder kehrt machten. Diese Szenen hat Stefan Schippers trotz bester Erinnerung an alle anderen Vorkommnisse offensichtlich vergessen. Auf jeden Fall entfallen sind ihm bei seiner dann folgenden Aufzählung beliebiger Derby-Vorfälle wie Autobahn-Angriff oder Platzsturm in Gladbach alle Verfehlungen von Gladbacher Seite. Über die bisher folgenschwerste Attacke im Derby-Kontext, als Gladbacher Fans die Südtribüne angriffen und für einen Schwerverletzten sorgten, für den sich die Borussia-Kurve später mit Spruchbändern auch noch abfeierte, verliert Schippers derweil kein Wort. Auch der Angriff auf eine Lagerhalle, in dem die Kölner Fans für gewöhnlich ihre Choreo-Materialien vorbereiten, wird mit keiner Silbe erwähnt.

Provokation auf Kosten des rheinischen Rivalens

Der Gladbacher Geschäftsführer zählt konsequent ausschließlich Vorfälle auf, die von Kölner Seite ausgingen. Und fordert den 1. FC Köln dann auch noch großspurig auf, “endlich dafür zu sorgen, dass so etwas nicht mehr passiert und die Provokationen ein Ende finden.” Mit der Aufforderung nicht mehr zu provozieren, zu provozieren, muss man auch erst einmal hinbekommen. Und schon bei diesem peinlich-verdrehten Griff in die historische Mottenkiste konnte man deutlich merken, dass es der Borussia auch nach diesem Derby mal wieder nur um Eigenwerbung auf Kosten des Rivalen geht.

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Dass Schippers aber nicht einmal aktuelle Verfehlungen der Gladbacher Fans wie die bereits vor Anpfiff verwüsteten Sanitäranlagen im Gästebereich des Kölner Stadions inklusive folgendem Wasserschaden oder den Fast-Durchbruch als Reaktion auf den Fahnenklau im Oberrang kritisiert oder sie wenigstens negativ hervorhebt, sondern sich stattdessen in Lobeshymnen auf die eigene Fanszene verliert, unterstreicht das dann nur noch anschaulich. Die Unschuld vom Lande zu geben, es ist und bleibt die (durchschaubare) Masche der Gladbacher, die viel zu oft noch funktioniert. Aussicht auf Besserung gibt es aus Kölner Sicht auch wohl eher wenig. Im Gegenteil. Früher hat die Drecksarbeit am Niederhein schließlich noch „Bumsi“ erledigt. Das war besser so – da nahm das Geplärre wenigstens niemand Neutrales ernst.

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