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Bundesligavereine und Beziehungspflege im 21. Jahrhundert – wie soziale Netzwerke dabei helfen, die Kommunikation mit den eigenen Anhängern zu steuern.

Andy Warhol war ein intelligenter Mann, schließlich sagte der US-amerikanischer Künstler bereits im Jahr 1968 voraus: „In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten berühmt sein“. Daraus entstand der Ausdruck „15 minutes of fame“, der seitdem als Attribut für diverse popkulturelle und zeitgenössische Phänomene verwendet wird. Die Vergänglichkeit des Ruhms ist eine mögliche Interpretation dieses Ausdrucks, gleichzeitig kann man ihn aus heutiger Perspektive auch anders interpretieren: Durch das stetige Erodieren von künstlerischen Hierarchien kann jeder mit seinem Produkt über einen Blog, einen Instagram- oder YouTube-Account „berühmt“ werden. Die Demokratisierung der (sozialen) Medien in der jüngeren Vergangenheit ist natürlich etwas, was dafür sorgte, dass eine Vielzahl von Online-Medien (darunter auch effzeh.com, na klar) an Bedeutung gewinnen konnten. Soziale Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram sorgen auch dafür, dass sich das Kommunikationsportfolio von Profisportlerinnen und Profisportlern und auch Mannschaftsverbünden grundlegend geändert hat – die Korrelation zwischen Medien und Sport hat es ja ohnehin schon immer gegeben.

Einerseits ermöglichen soziale Medien den Sportlern und Vereinen eine neue Kommunikationsautonomie, da sie selbst darüber entscheiden können, welche Inhalte sie zur Verfügung stellen. Andererseits besteht nun auch für Otto Normalverbraucher die Möglichkeit, direkt in Kontakt zu treten mit den Akteuren des Profisports. Dementsprechend ist es nur natürlich, dass in es diesem Geschäft mittlerweile eine wichtige Kompetenz geworden ist, sich gut und nachhaltig um die verschiedenen Kommunikationskanälen im Profisport kümmern zu können. Vereine und Sportler betreiben über ihre Plattformen Identitätsmanagement und pflegen so ihre Beziehung zu den Menschen, die sich für das Produkt (in dem Falle den Verein oder die Sportler) interessieren und sich damit identifizieren. Beim 1. FC Köln unterliegt der Bereich „Medien & Kommunikation“ der Leitung von Tobias Kaufmann – untergliedert ist sein Arbeitsbereich in „Club Media“ und „Kommunikation“.

Viel Arbeit für die Medienabteilung des 1. FC Köln

In den letzten Wochen dürfte die Arbeit für die Kolleginnen und Kollegen relativ anstrengend gewesen sein, da sich der effzeh in einer turbulenten Phase befindet – die sportlichen Probleme kulminierten in der Entlassung des ehemaligen Trainers Peter Stöger, danach wurden mit Armin Veh, Stefan Ruthenbeck und Simon Terodde neue Leute installiert, die fortan eine Funktion beim 1. FC Köln bekleiden. Gleichzeitig, und damit beschäftigt sich dieser Text, wurde in vielerlei Form Kritik an Vorstand des eingetragenen Vereins 1. FC Köln und Geschäftsführung der 1. FC Köln GmbH & Co. KGaA geäußert. Im sozialen Netzwerk geriet dabei insbesondere ein Text in den Fokus: effzeh-Fan Jörg Weitz verfasste dort an einem Sonntagmorgen (es war der 3. Dezember) einen Post und richtete ihn an den 1. FC Köln. Nur ein paar Stunden später war effzeh-Trainer Peter Stögers Amtszeit in Köln Geschichte, der Österreicher wurde auf einer Pressekonferenz von seinen Aufgaben entbunden. Doch zum Zeitpunkt des Verfassens des Textes war Stöger noch im Amt, wenngleich die Aussichten auf Weiterbeschäftigung zu diesem Zeitpunkt bereits sehr gering waren.

COLOGNE, GERMANY - NOVEMBER 05: Coach Peter Stoeger of Koeln looks on during a press conference after the Bundesliga match between 1. FC Koeln and TSG 1899 Hoffenheim at RheinEnergieStadion on November 5, 2017 in Cologne, Germany. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Und so verpackte Jörg Weitz seine Emotionen in einen Text von etwas mehr als 900 Wörtern – für soziale Medien damit schon fast ein Roman. Bis heute wurde der Text fast 20.000mal geliked, mehr als 3.000mal geteilt und kommentiert. Die Emotionalität, die Tonlage, die überschaubare Komplexität der Sätze, dazu einen passenden Zeitpunkt – der Text hatte alles, was es brauchte, um in einem sozialen Netzwerk Aufmerksamkeit zu schaffen. Nach der für soziale Netzwerke überaus förmlichen Anrede, ging Weitz direkt in medias res – bereits in der zweiten Zeile gab er bekannt, dass er seine Mitgliedschaft beim 1. FC Köln kündigen würde, sofern Peter Stöger nicht mehr Trainer sein würde. Damit hat man natürlich die Leserschaft sofort am Haken.

Gleichermaßen distanziere er sich „ganz klar von Ihrer (Anm. d. Verf.: Gemeint sind wohl Vorstand und Geschäftsführung des 1. FC Köln) Vorgehensweise von Ihrem Auftritt in der Öffentlichkeit in den letzten Wochen“. Er sei gerne bereit, einen Shitstorm in Kauf zu nehmen, Beschimpfungen und Beleidigungen seien ihm gar lieber, als sich „nicht zu meinen Werten zum Thema Ethik und Moral zu äußern“. Ein Mann mit Rückgrat also!

Die aktuelle Lage? „Desaströs und ernüchternd“

Danach setzte der Autor an zu einem Pamphlet über die Entwicklung seines Lieblingsvereins, bei dem natürlich das Wort „Herzensangelegenheit“ fiel, bevor Weitz dann auf die Veränderungen im Verein einging, die sich seit 2013 und der Verpflichtung von Peter Stöger vollzogen hatten. Die aktuelle Lage fasste der Kölner Fan als „desaströs und ernüchternd“ zusammen. Die Schuld dafür läge seiner Meinung nach nicht alleine beim Trainerstab, sondern auch bei der Geschäftsführung, die es verpasst habe, einen breiteren Kader zusammenzustellen. Weiterhin hieß es: „Sie nehmen unseren Trainer als Bauernopfer, welcher über 4 Jahre eine unglaubliche Leistung vollbracht hat (sic!) um dieses dieses ‚Werk‘ innerhalb von nur 4 Monaten gegen die Wand zu fahren?! 4,5 Jahre habe Sie sich aus der Öffentlichkeit ferngehalten und haben sich feiern lassen – für das neue FC-Gefühl ’spürbar anders‘ – und zwar im Sog der Erfolge eines Peter Stögers und seiner Mannschaft?“

Auf der nächsten Seite: Die Reaktionen und das Gespräch mit den FC-Bossen

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4 Kommentare

  1. Werner Wingenfeld am

    Ich hätte lieber den Weihnachtsfrieden gewahrt, aber ein solcher Beitrag wie der von Arne Steinberg kann nicht unwidersprochen bleiben. Herr Steinberg sollte seine journalistische Sorgfaltspflicht überprüfen, wenn er einen emiitional geschriebenen Beitrag, aus dem die persönliche Betroffemheit des Verfassers hervorgeht, unzulässig mit dem Begriff „Pamphlet“ gleichsetzt, also eine niedere Absicht unterstellt. Das ist schon fast selbst denunziatorisch. Es scheint so, dass dem Autor alles recht ist, um seine Lieblingsthemen (Stadion, Investoren, Umgang mit Mitgliedern) in den Vordergrund zu rücken. Er mag ja in manchem recht haben, aber einen anderen Menschen so zu instrumentalisieren, ist schlichtweg verwerflich.

  2. So ist das halt im Leben: Ein einziges Hin und Her! Ich kann Herrn Weitz gut verstehen, und natürlich ist es schmeichelhaft, wenn der FC einen persönlichen Kontakt herstellt. An den Fehlern ändert das nichts, aber das Leben geht weiter, und so leicht kommt man vom FC nicht mehr los, wenn man ihn einmal im Herzen trägt. Ich halte es für richtig von Herrn Weitz, von seiner Affektentscheidung wieder abzurücken. Präsidenten kommen und gehen, aber der Geissbock bleibt!

  3. Lieber Arne, es ist richtig, dass sich Journalisten – und Sie sind auch einer – in ihren Berichten und Kommentaren kritisch äußern. Es ist aber auch bekannt, dass Journalisten sehr empfindlich und leicht kränkbar sind, wenn sie ihrerseits von irgendjemandem kritisiert werden. Dann gibt es meistens eine heftige Reaktion des betreffenden Journalisten, zu der er ja die Möglichkeit hat, weil er über das ihm zu Verfügung stehende Medium jederzeit seine Meinung herausgeben kann, notfalls mit diversen Fortsetzungen.
    Im Fall von Jörg Weitz, den Sie ja in Ihrem Artikel vorstellen, scheint es sich um einen Fall von Journalisten-Gekränktheit zu handeln. Es wird in Ihrem Artikel deutlich, dass sie es dem FC-Fan Jörg Weitz übel nehmen, sich über die (oft unglückliche) Rolle der Medien in der FC-Krise selbstständig Gedanken gemacht zu haben. Und Sie scheinen dem FC-Fan Jörg Weitz anzukreiden, dass er sich nach seinem Dialog mit FC-Verantwortlichen ein eigenes, teilweise neues Urteil über die letzten FC-Monate erlaubt hat. In höflichen Worten, aber in der Sache deutlich legen Sie Ihren Lesern nahe, dass der FC-Fan Jörg Weitz ein Dummkopf ist, der sich von den FC-Verantwortlichen hat „belabern“ lassen – weil er in Teilen nun anders denkt als Sie es sich wünschen, lieber Arne! Da sehen Sie mal, wie es mit ihrer Liebe zu den FC-Fans steht. Der FC-Fan Jörg Weitz ist für Sie jetzt untendurch, denn der Kerl erlaubt sich ja einen eigenen Kopf! Unerhört!
    Lieber Arne, verfallen Sie bitte nicht der eingangs skizzierten Journalisten-Krankheit. Bleiben Sie demütig. Und nehmen Sie bitte wahr, dass seit der Entlassung des heiligen Peter beim FC schon wieder einiges passiert ist, was man allein schon an den folgenden Namen ablesen kann: Armin Veh, Frank Aehlig, Stefan Ruthenbeck, Simon Terodde. Und dass „die FC-Fans“ aktuell von den – wie Sie schreiben – eigentlich wichtigen Themen wie China, Stadion und Investoren umgetrieben werden, diese Feststellung haben Sie meiner Beobachtung nach exklusiv.
    Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr 2018!

    • Arne Steinberg am

      Sehr geehrter Herr Lenz,
      ich bin keinesfalls gekränkt. Mein Anliegen war es, aufzuzeigen, inwieweit man es in der heutigen Zeit schafft, mithilfe von sozialen Medien zu suggerieren, dass man sich aktiv um die Belange seiner Fans und Mitglieder einsetzt. Ich stimme in vielen Punkten mit Jörg Weitz überein, das habe ich, das haben meine Kolleginnen und Kollegen in den letzten Wochen hier ebenfalls beschrieben. Dass Jörg Weitz nach dem Gespräch eine neue Sicht auf die Verantwortlichen hat, gestehe ich ihm zu – die Art und Weise, wie sich das Ganze allerdings vollzieht, erscheint vor dem Hintergrund der PR-Bestrebungen allerdings etwas merkwürdig. Dass ich Jörg Weitz für einen Dummkopf halte, haben Sie exklusiv. Demütig versuche ich ebenfalls zu bleiben, allerdings gehört dazu auch, aus medienpolitischer Sicht aufzuzeigen, wie schnell man zwischen aktivem Dialog und gezielter PR diffundieren kann. Das war wie bereits erwähnt das eigentliche Ziel dieses Kommentars.
      Ich wünsche Ihnen auch frohe Feiertage und das Beste für das kommende Jahr.