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Nachspiel

Elfmeter sind doof

Es gibt diese Abende, da ist das Tor wie zugenagelt. Und da triffst du auch keine Elfmeter. Alle sind enttäuscht, doch am Ende steht die Tabellenführung.

© effzeh.com
Erst hatten sie kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu. Als Zweitligafan des 1. Fußballclubs Köln hat man über die letzten Wochen ein gewisses Anspruchsdenken entwickelt. Von daher ärgert man sich dann doch, wenn es am Ende gegen relativ biedere Gäste nur zu einem Unentschieden reicht. Dabei muss man sich nicht grämen, denn unterm Strich steht wieder die Tabellenführung. Wenn auf dem Platz aber wieder ein Elfmeter verschossen wird und wieder zweimal nur der Pfosten getroffen wird, dann darf man doch ein wenig frustriert sein und sich mehr wünschen, gerade wenn die Konkurrenz die Tage vorher gepatzt hat. Was man aber nicht darf: Pfeifen. Das taten am Ende des Spiels gegen den TSV 1860 München einige Anhänger im Stadion. Jaja, das gute alte Anspruchsdenken.

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Ausgangslage

Montagabend! Flutlichtspiel! Trotz seiner zweifellosen Rolle als Zugpferd und Spitzenteam der zweiten Liga hatte der FC erst das zweite Male in dieser Saison das Vergnügen, vor dem öffentlichen deutschen Fernsehpublikum aufzuspielen, das nicht gerade „Die Simpsons“ oder „Bauer sucht Frau“ am Bildschirm verköstigte.

Spitzenreiter. Unbesiegt. Schöner Fußball. Heile Welt. Es gab vor dem Aufeinandertreffen mit den Löwen nicht viel zu meckern. Für viele Menschen im Kölner Umfeld kam die Länderspielpause fast sogar zum falschen Zeitpunkt nach diesem Sieg der ungeheuren Moral in Karlsruhe, der uns hier alle, insbesondere aber den Rüdiger ganz wuschig machte.
Aus dem Süden Deutschlands schossen auch nur bedingt Giftpfeile. Friedhelm Funkel, der, wie man ihn kennt, einen grundsoliden Einstand als Trainer eines Zweitligaclubs feierte, seit seiner Amtsübernahme fünf Punkte in vier Spielen holte und sich im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund fast ins Elfmeterschießen mauerte, betonte jedenfalls schon einmal, dass er immer gerne nach Köln zurückkommen würde, und erinnerte sich dabei an die Aufstiegssaison, in welcher der FC unter ihm und mit Lottner, Scherz und Co auf dem Feld vom 1. bis zum 25. Spieltag ohne Niederlage blieb.
Eine ähnliche Serie geistert wohl auch schon Peter Stöger im Kopf, welcher vor dem Spiel den wiedergenesenen Adil Chihi schon wieder in Betracht ziehen konnte. Der 25-Jährige saß anders als der ebenfalls wieder fitte Thomas Bröker bereits wieder auf der Bank, wodurch die sowieso große Fülle an offensiven Mittelfeldspielern nun sogar noch erweitert wurde. Da der Österreicher aber schon vor der Saison betonte, dass er mehr auf Konstanz denn auf Rotation setzt, gab es in der Startelf im Vergleich zum Auswärtssieg in Karlsruhe keine Änderungen. Warum auch.

Spielverlauf

Stögers Truppe kam wie schon häufiger in dieser Saison blendend in die Partie. Gleich nach wenigen Sekunden, die Fans sangen noch immer lauthals die Hymne, entwickelte sich die erste gefährliche Situation, in der Helmes beinahe vor Kiraly aufgetaucht wäre, aber im letzten Moment noch gestoppt wurde, bevor er überhaupt an den Ball kommen konnte. Der FC baute in den 10 Minuten relativ viel Druck auf, ohne allerdings die Pace zu überhöhen. Danach fanden die Sechszger besser in die Partie. Stark und Adlung konnten sich seelenruhig durch den Strafraum vor der Südkurve kombinieren, ehe Kevin Wimmer in letzter Sekunde mit einer Grätsche zur Stelle war. Eine Minute später schaffte es Moritz Stoppelkamp nach einer feinen Flanke nahezu freistehend nur ein Kopfbällchen auf den souveränen Timo Horn abzufeuern.

In der Folge neutralisierten sich beide Teams im Mittelfeld. Der FC schob relativ weit vor, doch die Löwen standen hinten dicht gestaffelt und ließen wenig zu. Lehmann und Gerhardt führten in der Zentrale gut Regie, die Elf von Peter Stöger hatte Feldvorteile. In der letzten Konsequenz blieb der FC aber glücklos, manchmal auch zu verspielt. Mal wurde ein Pass oder Haken zu viel geschlagen, mal versprang der Ball im entscheidenden Moment, mal wurden entscheidende Zweikämpfe verloren, mal kamen die Offensivspieler einfach nicht durch. Trotz größerer Spielanteile hing der FC ein wenig durch, 1860 arbeitete gut gegen den Ball. Hinten sicher, vorne mit einzelnen Nadelstichen – da wird Purist Friedhelm Funkel wohl vor Freude in sich hineingeschrien haben.

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Als sich beide Teams fast schon still auf ein torloses Halbzeitergebnis geeinigt hatten, segelte ein langer Ball auf Ujah. Der schien sich gerade im Zweikampf gegen Münchens Vallori durchzusetzen, als der ihn im Strafraum regelwidrig nach unten zog. Elfmeter. Da war doch was. Ehe überhaupt jemand ein Wort sagen konnte, schnappte sich Ujah den Ball und legte ihn sich auf den Punkt, damit auch gleich mal klar war, wer das Ding jetzt reinknallt. Nach den Erlebnissen in Karlsruhe rutschte dem gemeinen FC-Fan da schon das Herz in die Hose. Und sowieso sollte der Gefoulte ja nicht selber schießen (eine Statistik, die sich nach eingehender Recherche sicher widerlegen lassen würde). So kam es, wie es kommen musste: Ujah schießt platziert ins rechte untere Ecke. Kiraly ist schon da. Pariert den Ball zur Seite. Helmes nimmt den Ball direkt. Knallt gegen den Pfosten. Ujah versuchts nochmal. Abgeblockt. Chance vertan. Dritter Strafstoß in Folge vergeben. Der FC der letzten Jahre ließ sich von so etwas unterkriegen, aber die selbstbewusste Truppe der diesjährigen Saison machte sofort wieder Druck, als wäre nichts gewesen. 1860 stürmte auf einmal auch. Drei Minuten lang war so noch ein wenig Chaos auf dem Platz. Dann pfiff der fehlerfreie Schiri Siebert zur Halbzeit.

Das Chaos hielt auch nach Wiederanpfiff noch einige Minuten an. Der FC drückte wieder vehementer, Helmes vergab relativ deutlich aus spitzem Winkel. Die Löwen konterten vorzüglich. Nachdem sich Hector bei einem Kopfball verschätzt hatte, tauchte Tomasov frei vor Horn auf. Zwei Minuten später prüfte Benny Lauth unseren Keeper per Kopfball. Beide Male rettete Horn in höchster Not mit starken Paraden. Das war den Münchenern dann genug Offensivpower, der FC übernahm fortan wieder die Kontrolle, allerdings zunächst ohne zählbaren Erfolg. Sechszig blieb hinten konzentriert und sicher. Stöger nahm etwas überraschend Helmes raus und brachte Peszko. Auch wenn der Stürmer bis zu diesem Zeitpunkt glücklos blieb ein doch merkwürdig anmutender Wechsel eines Tabellenführers im eigenen Stadion beim Stand von 0:0.

Als NetCologne an der Anzeigetafel des RheinEnergie Stadions gerade die letzten 20 Minuten präsentierte und Michael Trippel wie immer zuverlässig die Zuschauerzahl durchgegeben hatte, suchten die Spieler unten auf dem Platz ihr Heil mit Distanzschüssen, eine durchaus gewiefte Taktik angesichts der starken 1860-Defensive. Lehmann, Risse, Gerhardt – sie alle verzogen nur um wenige Meter ehe Anthony Ujah mit einem Schuss aus gut 20 Metern Gabor Kiraly eine einhändige Weltklasseparade abverlangte. Zwei Minuten später hatte der Mann mit der grauen Jogginghose Glück, als er gerade dabei war, einen weiteren Distanzschuss vom agilen Daniel Halfar übers Tor weg zu gucken und der Ball dann doch satt gegen die Latte klatschte. 10 Minuten vor Schluss kam dann noch Stehaufmännchen Adil Chihi zum erneuten Comeback. Das Stadion raunte, das Stadion stöhnte. Chihi forderte immer wieder den Ball, hatte zwei nette Einzelszenen und drosch den Ball einmal gen Oberrang Süd. Das Spiel konnte er zweifellos nicht mehr entscheidend beeinflussen. Ein Glücktreffer á la Miso wie in Karlsruhe blieb dem FC verwehrt. So blieb es am Ende ein wenig unglücklich beim torlosen 0:0. Frustrierend nach dem Spielverlauf, aber kein Weltuntergang, denn wie sagte Peter Stöger nach dem Spiel? „Tabellenspitze? Es gibt Schlimmeres.“

Spieler im Fokus

Anthony Ujah: Gab genauso wie Sturmpartner Patrick Helmes heute keine wirklich gute Figur ab. Rieb sich lange Zeit an der Löwen-Defensive auf. Er kam nicht richtig in die Zweikämpfe und zeigte wiederholt technische Schwächen. Die vergisst man gerne, wenn man den Nigerianer beim Zug zum Tor sieht. Die immense Dynamik blitzte allerdings nur einmal auf: In der Szene, die zum Elfmeter führte. Bezeichnenderweise verschoss er diesen dann umgehend. Solche Tage erlebt jeder Stürmer hin und wieder.

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Daniel Halfar: Wirkte gegen seinen Ex-Verein sehr motiviert und forderte viele Bälle. Entwickelte sich relativ schnell zur Schaltzentrale im Kölner Spiel und war insbesondere nach der Einwechslung von Peszko der zentrale Mann in der Kölner Offensive. Hatte aber nicht immer Fortune bei seinen Aktionen. Ein paar Mal versprang ihm der Ball untypischerweise. Seine Pässe wirkten oft kreativ und gut angedacht, waren aber in der letzten Konsequenz nicht genau genug.

Yannick Gerhardt: Mal ganz schnell nachgeschaut: Wann war Gerhardt zum letzten Mal im Fokus? Gegen Fürth. Das ist nun sechs Spieltage her. Zeit genug also, um nochmal zu erwähnen, dass die Entwicklung des U-20-Nationalspielers wirklich klasse ist. Der 19-Jährige führte auch gegen 1860 umsichtig Regie im Mittelfeld neben dem vielleicht noch etwas präsenteren Matthias Lehmann. Wirkt so, als würde er seit Jahren zur festen Besetzung gehören. Bisher schon ziemlich konstant. Könnte als kreativerer Part der Doppelsechs vielleicht noch etwas mehr Gefahr in der Offensive ausstrahlen.

Kevin Wimmer und Jonas Hector: Noch ein kurzes Fleißkärtchen zum Schluss. Nicht immer auffällig, nur selten gefordert und doch seit Wochen konstant auf gutem Niveau spielen die beiden Verteidiger. Das Spiel gegen die Löwen ist das jüngste Beispiel. Auch in diesem Alter nicht selbstverständlich. Ist ja auch mal erwähnenswert.

Fazit

Friedhelm Funkel wird sich diebisch freuen, seine Taktik ist komplett aufgegangen. Agieren seine Spieler bei einer der seltenen Gelegenheiten ein wenig souveräner, fährt er mit einem dreckigen 1:0 nach Hause. So bleibt es beim 0:0, das in Köln so wirklich keiner mehr sexy findet. Das freut den wieder einmal starken Timo Horn, das freut die zuverlässige Abwehr.
Den Zuschauer freut es nicht, vor allen Dingen weil, wie so oft, mehr drin gewesen wäre. Früher hat man solche Spiele aber auch gerne mal verloren. Wir bleiben ungeschlagen, wir tanken auch noch Ende Oktober reichlich Sonne, weil wir am Gipfel der zweiten Liga stehen. Wir dürfen noch immer glücklich sein und Schmetterlinge im Bauch haben.

Stimmen zum Spiel:

Peter Stöger: Wir haben mittlerweile nach zwölf Spielen, die wir nicht verloren haben, für uns selbst den Anspruch, Mannschaften, die wir von der Grundqualität ohne Weiteres ganz oben einschätzen können, zu schlagen und sind ein wenig unzufrieden, wenn wir diese Spiele nicht gewinnen. Wir haben die Möglichkeiten vorgefunden, wir haben sie aber nicht genutzt. Wenn man die Tore dann nicht schießt, verläuft ein Spiel manchmal so, dass man es auch verliert durch Konterangriffe. Da haben wir uns, wie ich finde, ganz gut verhalten. Wir haben wenig zugelassen und unsere defensive Grundordnung beibehalten, obwohl wir gezeigt haben, dass wir das Spiel gewinnen wollten. Wir haben viel riskiert, aber der alte Fuchs im Tor war sehr sehr gut. Leider. Das mit den Elfmetern haben wir schon einmal gesehen. Das ist schade. Das Tor hätte uns gut getan, den Gegner gezwungen mehr zu riskieren und Räume geschafft. Aber so wie das ist, nehme ich das jetzt zur Kenntnis, das ist ja auch kein riesiges Problem. Sie werden es nicht glauben, aber wir haben wirklich gute Elfmeterschützen.

Dominic Maroh: Wenn man in die Gesichter der Mannschaft nach dem Spiel schaut, fühlt es sich so an, als wenn wir verloren hätten, aber wir sind weiterhin Spitzenreiter. Natürlich hätten wir uns mit drei Punkten absetzen können, aber offensiv haben wir nicht das abgerufen, was wir können. Die Spieler haben sich nicht so in Szene setzen können wie in den letzten Wochen, aber trotzdem haben wir zu Null gespielt und wenig zugelassen. Von daher wollen wir das jetzt mitnehmen, am Freitag muss gewonnen werden, um dann so richtig Druck auf die anderen zu machen. Es ist alles brutal eng gewesen. Das effektivere Mittel wäre wohl über Außen gewesen. Die Sechszger haben es aber auch gut gemacht. Von daher geht das 0:0 zwar nicht ganz in Ordnung, wir hatten mehr Chancen, aber wir nehmen die Punkte mit. Die Gier muss da sein, wenn du aufsteigen willst. Die habe ich jetzt gesehen in Form von Enttäuschung. Die Mannschaft hat ein Zeichen gegeben, dass sie absolut nicht zufrieden ist.

Kevin Wimmer: Wir sind viel zu spät wirklich ins Spiel gekommen und das gilt es, am Freitag gegen Bielefeld zu ändern. 1860 hat sich relativ gut von hinten nach vorne kombiniert und war sehr ballsicher. Sie waren eine spielerisch gute Mannschaft, die man im Normalfall aber zuhause zwingend schlagen sollte. Es ist kein Drama und wir haben am Freitag wieder Chancen, die drei Punkte einzufahren.

Timo Horn: Es war auch ein bisschen Pech dabei heute, aber gerade in der ersten Halbzeit haben wir nicht so gut ins Spiel gefunden wie die letzten Wochen. Wir haben den Ball nicht schnell laufen gelassen und deswegen auch nicht die Lücken gefunden. 1860 hat uns das Leben schwer gemacht, aber eigentlich haben wir die Qualität, uns trotzdem Chancen herauszuspielen. Das haben wir heute nicht so gut hinbekommen wie in den letzten Wochen. Ich bin es ja gewohnt, dass ich nicht so viele Bälle aufs Tor bekomme, bin aber sehr froh, heute wieder zu Null gespielt zu haben. Die Mannschaft hat defensiv wieder gut gestanden. Wir sind Tabellenführer und trotzdem enttäuscht. Das ist natürlich Jammern auf hohem Niveau.

Daniel Halfar: 1860 war gut auf uns vorbereitet. Wir wussten nie, wie wir anlaufen sollten, haben natürlich auch einen Elfmeter verschossen. Ich glaube, wenn der reingeht, dann läuft es auch anders. Grundsätzlich müssen wir mit dem Ergebnis leben. Sie haben mit drei Sechsern gespielt und wir haben nie so wirklich eine Lösung gefunden. Es war zu einfach, sie konnten sich immer freispielen und wir sind nur hinterhergerannt. Das kostet Kraft und du kommst nicht ins Spiel.

1. FC Köln: Horn – Brecko, Maroh, Wimmer, Hector – Lehmann, Gerhardt – Risse (80. Chihi), Halfar (86. Exslager) – Helmes (56. Peszko), Ujah

TSV 1860 München: Kiraly – Wojtkowiak, Vallori, Bülow, Hertner – D. Stahl, Y. Stark, Tomasov (83. Volz) – Adlung, Stoppelkamp – Lauth (90. Wood)

Tore: 

Gelbe Karten: – | Stark, Vallori

Schiedsrichter: Daniel Siebert (Berlin)

Zuschauer: 48.300

 

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