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Außenansicht "De Kuip" 1982 Foto: Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed

Außenansicht „De Kuip“ 1982
Foto: Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed

Wenn heute von der knappsten aller möglichen Niederlagen die Rede ist, dann wird häufig auf das Elfmeterschießen verwiesen. Dass es allerdings noch knapper gehen kann, beweist die Historie des 1. FC Köln. Vor fünfzig Jahren war es ein Münzwurf, der im Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister das Ausscheiden gegen den FC Liverpool besiegelte. Es war jedoch nur der Höhepunkt eines dramatischen Aufeinandertreffens.

Das Hinspiel im Müngersdorfer Stadion hatte der effzeh unter den Augen von Bundeskanzler Ludwig Erhard dominiert. Liverpool gingen die Partie, die in sieben Ländern live übertragen wurde, äußerst defensiv an, die „Geißböcke“ fanden aber kein Mittel gegen die Abwehr der Gäste, so dass das Spiel torlos endete. „Wir hatten meines Erachtens in Köln ein bisschen zu viel Respekt. Georg Stollenwerk hatte die Liverpooler für uns beobachtet und uns die Engländer als unschlagbar hingestellt. 0:0 war etwas wenig“, erinnert sich Wolfgang Weber zum 50. Jahrestag des Rückspiels im „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Schumacher rettet das Entscheidungsspiel

Die Aufgabe beim Rückspiel sollte dadurch nicht leichter werden, die starken „Reds“ schienen durch das Ergebnis durchaus im Vorteil. Ein Remis hätte den „Geißböcken“ jedoch für ein Entscheidungsspiel gereicht. Am Tag des womöglich entscheidenden Duells spielte allerdings das Wetter auf der Insel nicht mit: Heftiger Schneefall machte ein Spiel nach Ansicht des Schiedsrichters unmöglich. Erst zwei Wochen später konnte angepfiffen werden – und der effzeh holte dank eines überragenden Anton Schumachers an der Anfield Road ein 0:0.

© Köln.Sport

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„Da hat unser Torwart Toni Schumacher – also das Original – das Spiel seines Lebens gemacht. Er hat alles rausgeholt. Mit dem 0:0 hatten wir das Optimum erreicht“, ist Weber auch heute noch über die Leistung des Schlussmanns voll des Lobes. So erzwangen die Kölner gegen die „Reds“ ein Entscheidungsspiel. Glasgow oder Rotterdam? Der Austragungsort war umstritten, doch letztlich plädierte die UEFA für ein Duell in den Niederlanden. Für die effzeh-Fans natürlich ein Heimspiel: Über 20.000 Kölner Schlachtenbummler fanden den Weg ins Rotterdamer „De Kuip“. „Eine tolle Atmosphäre“, befindet auch „Bulle“ Weber.

„Eisenfuß“ Weber wird zur Kölner Legende

Was die Zuschauer in Rotterdam zu sehen bekamen, war eine fußballerische Schlacht, die in die Geschichte einging. Ausgerechnet Weber, der in den Duellen gegen die „Reds“ einen exzellenten Job verrichtete, musste nach einem Zusammenprall verletzt das Feld verlassen. Seine Abwesenheit nutzte Liverpool zur Führung durch St. John. Der effzeh wirkte geschockt, in der 37. Minute staubte Hunt zum 2:0 ab. Doch die Kölner gaben nicht auf: Karl-Heinz Thielen köpfte noch vor dem Pausenpfiff zum Anschlusstreffer für die „Geißböcke“ ein.

In der Halbzeit avancierte „Bulle“ Weber doch endgültig zur Kölner Legende: Auf Anweisung des Mannschaftsarztes musste der Verteidiger einen Belastungstest absolvieren, ob es für ihn noch weitergehen könnte. Denn: Auswechslungen waren zur damaligen Zeit noch nicht erlaubt. So sprang Weber von der Massagebank und bekam nach bestandener Prüfung die Erlaubnis zum Weiterspielen. „Ich war so clever, nur auf dem linken Bein zu landen“, erklärt der eisenharte Abwehrspieler mit einem Augenzwinkern.

Motiviert hat ihn aber vor allem die Ansprache seiner Mitspieler: „In der Kabine gab es Sprüche für mich: ‚Stell Dich mal nicht so an. Wir brauchen Dich.‘ Wer sagt da schon nein? Man durfte ja noch nicht auswechseln. Sonst hätte ich nicht mehr weiter gespielt. Ich hatte viel zu starke Schmerzen“, so Weber, dessen Verletzung („Alle ging davon aus, dass es nur eine schwere Prellung ist“) sich nach dem Spiel als Wadenbeinbruch entpuppte.

Es war ein Signal ans Team: Niemals aufgeben, immer weiter kämpfen! Und das taten die „Geißböcke“: Löhr erzielte nur wenige Minuten nach dem Wiederanpfiff den verdienten Ausgleich für den effzeh. Der schwer angeschlagene Weber hatte sogar noch die Führung auf dem Fuß, verzog aber knapp. Nun begann der belgische Schiedsrichter Schaut immer mehr in den Mittelpunkt zu rücken: Eine Tätlichkeit an Löhr blieb von ihm ungeahndet, danach verweigerte er einem vermutlich regulären Treffer der „Geißböcke“ die Anerkennung. „Angeblich hohes Bein. Wir hatten uns schon gefreut“, so Weber. Es ging in die Verlängerung, die allerdings auch keine Entscheidung bringen sollte.

Dank Münze ins Tal der Tränen

Entscheiden musste also nach 300 Minuten, die keinen Sieger gebracht hatten, ein Münzwurf. Wer dachte, ein größeres Drama könne es nicht geben, sah sich eines Besseren belehrt. Denn: Die Münze, die der Schiedsrichter warf, blieb im Morast des Rotterdamer Rasens stecken. Kein Sieger. Wolfgang Weber schaute da schon lange nicht mehr hin. „Die Mannschaften wurden an einem Strafraum zusammengerufen. Ich habe mich auf die Mittellinie gesetzt. Ich wollte das nicht mit ansehen. Dann dauerte es so lange. Ich habe ja nicht mitbekommen, dass die Münze beim ersten Mal senkrecht in dem tiefen Boden stecken blieb. Das war ja alles verrückt“, erinnert sich der Vizeweltmeister von 1966.

Als Schaut das zweite Mal die Münze warf, jubelten nur die Liverpooler Spieler. Der effzeh war ausgeschieden, ohne auch nur eine Partie gegen die „Reds“ verloren zu haben. „An diesem Tag hat uns der Fußballgott verlassen“, erklärt sich Weber die Niederlage. Nur ein kleiner Trost: Auch wenn sich die „Geißböcke“ davon nichts kaufen konnte, hatte die Art des Ausscheidens dem Verein viele Sympathien eingebracht. Der „Münzwurf von Rotterdam“ sollte allerdings auch der Anfang vieler bitterer Niederlagen in entscheidenden Momenten sein.

Mit Material aus „Im Zeichen des Geißbocks“ von Dirk Unschuld & Thomas Hardt

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1 Kommentar

  1. Mein Vater hat alle 3 Spiele gesehen, er hat mit mehr als einmal davon erzählt. Ich glaube ich wäre in Rotterdam auf der Tribüne gestorben. Was für Spiele, was eine Dramatik. unglaublich.

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