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Teile der Kölner Fanszene boykottieren das Montagsspiel in Bremen, was der 1. FC Köln immerhin respektiert – einige Fans haben für die Entscheidung der Fanszene weniger Verständnis, beklagen sollten die sich aber lieber bei Clubs und DFL. Ein Kommentar.

Irgendwann im Jahr 2015 brütete Christian Seifert in Frankfurt über einem neuen TV-Vertrag für die Bundesliga. Und natürlich: Der Chef der Deutschen Fußball-Liga (DFL) machte sich Gedanken, wie er noch einmal deutlich mehr Geld für die TV-Lizenz der deutschen fußballerischen Crème de la Crème bekommen könnte. Die Milliardenmarke, sie sollte doch bitte auch endlich in Deutschland fallen. Was wünschen sich die TV-Sender also?

Na klar: Dass sich ihre teuer eingekauften Produkte nicht selbst kannibalisieren. Je mehr der wertvollen Spiele also gleichzeitig, zum Beispiel samstags um 15:30 Uhr stattfinden, desto schlechter lassen sich die einzelnen Begegnungen im TV an den Kunden bringen. Einzelspiele sind es, die gute Quoten und volle Aufmerksamkeit garantieren. Und bewerben kann man die ebenfalls ganz prächtig – vor allem wenn man sie exklusiv im Programm hat. All das weiß auch Christian Seifert.

So entsteht damals ein TV-Vertrag, der die traditionellen Anstoßzeiten der Bundesliga deutlich aufweicht – zugunsten der mächtigen Fernsehkonzerne, die um die Lizenzen buhlen. Das Ergebnis kennen wir mittlerweile alle: Statt nur noch auf „Sky“ läuft die Bundesliga nun auch auf „Eurosport“ – und zwar immer freitags, bei jedem der neu eingeführten Montagsspiele und auch bei ein paar merkwürdigen Sonntagmittag-Partien.

Montagsspiele sind reine Fernsehspiele

Und auch wenn „Eurosport“ seine Sache inhaltlich besser macht als der ehemalige Monopolist namens „Sky“: Für den Fußballfan bedeutet der neue Spielplan mehr Ausgaben und mehr Komplikationen – selbst wenn er “nur” ein reiner TV-Zuschauer sein mag. Ein Abonnement reicht nicht mehr aus, um alle Spiele des eigenen Clubs verfolgen zu können.

LONDON, ENGLAND - SEPTEMBER 14: FC Koeln supporters display scarves during the UEFA Europa League group H match between Arsenal FC and 1. FC Koeln at Emirates Stadium on September 14, 2017 in London, United Kingdom. (Photo by Dan Mullan/Getty Images)

effzeh-Fans in London – an einem Donnerstag | Foto: Dan Mullan/Getty Images

Richtig bitter traf es aber diejenigen Anhänger, die gerne alle Spiele ihres Vereins im Stadion besuchen wollen. Selbst der späte Sonntagnachmittag-Termin ist bei weit entfernten Gegnern für Auswärtsfahrer oft schon eine richtige Tortur, Spiele an einem Montagabend auswärts zu verfolgen, erscheint für einige nun ganz und gar unmöglich.

>>> Spielerportrait: Marco Höger – Auf dem Weg zum Führungsspieler

Gerade diese neuen Montagsspiele treffen die Auswärtsfans mit Abstand am härtesten: Um 20:30 Uhr soll angepfiffen werden. Für Kölner Anhänger, die das Spiel am 26. Spieltag in Bremen besuchen wollen, bedeutet das – wie man es auch dreht und wendet – mindestens einen halben Urlaubstag für den Besuch des Spiels einplanen zu müssen. Und selbst das wäre nur etwas für Leute, die gerne nachts reisen und mit Schlafmangel am nächsten Tag gut klar kommen.

Anreise ohne Urlaubstag quasi unmöglich

Anders ausgedrückt: Spiele am Montagabend sind, da hilft auch keine Frankfurter Nebelkerze, man wolle damit eigentlich die Europapokal-Clubs entlasten, im Grunde reine Fernsehspiele – und auch so gedacht. Die Überlegung bei Verband und Sendern ist simpel: Am Wochenende sind Menschen aktiver, am Montag arbeiten sie dann wieder und sind abends dementsprechend wenig unternehmungslustig: Was gibt es da besseres als Bundesliga-Fußball auf der Couch?

Nächste Seite: Gute Gründe – warum der Boykott absolut legitim ist

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3 Kommentare

  1. Andreas Bölscher am

    Die Norddeutschen FC Fans wünschen sich eine super Unterstützung in Leipzig wie in Bremen!

  2. Sehr guter Kommentar! Danke Guido.

    Gestern schrieb ich im Geissblog.com dazu auch einen Kommentar. Wen es interessiert, hier ist er:

    In Frankfurt fehlten die Jungs und Mädels schon, weil der Zug wegen Randale unterwegs gestoppt wurde. In Leipzig fehlten die Jungs und Mädels, weil sie gegen den Kommerz im Fußball ein Zeichen setzen wollten. In Bremen sind die Jungs und Mädels auch nicht dabei, weil sie gegen die Ansetzung von Montagsspielen protestieren. Mit stolzen Worten bezeichnen sie sich als „Wir als die Fanszene!“, wie der Südkurven e.V. oben zitiert wurde.

    Ich habe da einige Fragen, wer kann helfen?
    Randale im Zug – Leipzig – Montagsspiele. Ich habe im Notfall für fast alles Verständnis. Im Augenblick merke ich persönlich, dass mein Herz – was Fußball angeht – ganz und allein für unseren Verein, unsere Mannschaft und für den Klassenerhalt schlägt. Mit Begeisterung und Leidenschaft verfolge ich im Augenblick alles, was um den FC herum und auf dem Spielfeld, auf dem unsere Mannschaft spielt, passiert. Insofern interessiere ich mich ganz persönlich im Augenblick für die Themen „Randale im Zug – Leipzig – Montagsspiele“ eher wenig. Meine Frage: Wie ist das denn bei den Menschen aus der „Wir, die Fanszene!“? Was machen die denn mit ihrem Herz für den FC? „Kopf denkt, Kopf sieht ein Problem, Kopf stellt Herz ab!“ Funktioniert das so in dieser Richtung, oder ganz anders? Was machen denn die Jungs und Mädels, wenn der FC spielt und sie nicht dabei sind? Gucken die das Spiel im Fernsehen? Oder gehen die mit dem Hund raus und haben das Gefühl, dass sie die Besseren sind, während die dumpfe Masse im Stadion sitzt und den Kommerz wiederstandslos über sich ergehen lässt?
    Hat jemand von uns Einblick in die „Wir, die Fanszene!“ und kann mal sagen, wie es dort drinnen aussieht?

  3. Die Zerfaserung von Spieltagen und insbesondere Mittags- oder Montagsspiele sind alleine der Geldvermehrung geschuldet und ziemlich Scheiße – so weit so richtig. Protest dagegen so ehrenwert wie sinnvoll. Auch wenn wir in den letzten 20 Jahren doch diverse Male relativ geräuschlos Gelegenheit hatten, einem Münchner Sportsender (der immer mittendrin ist) zu ebenfalls erstaunlich stimmungsvollen Traumquoten zu verhelfen…

    Zeitpunkt, Art und Ort des Protests kann und will jedoch schlicht nicht verstehen. Nach Eurer Argumentation liegt das daran, dass ich ‚NUR‘ ein gewöhnlicher Fan bin:
    – Das heißt für mich, dass ich seit über 30 Jahren daheim wie auswärts ins Stadion gehe, wenn mich nichts wirklich Wichtiges davon abhält, und wenn ich denn schon da bin auch nach Kräften die Mannschaft unterstütze, die da gerade auf dem Platz steht.
    – Das heißt für mich auch, dass ich dort Leute, deren fußballerische Begabung mitunter nur wenig über meiner eigenen liegt nicht auspfeife, sondern gegebenenfalls gerade deswegen unterstütze
    – Das heißt für mich, dass ich alles versuche, das jeweils Mögliche erreichbar zu machen
    – Das heißt für mich auch, mich mit Leuten zur Unterstützung gemein zu machen, mit deren Verhalten oder Meinungen ich nicht unbedingt zu 100 Prozent übereinstimme, weil es der Mannschaft was bringt.
    – Das heißt für mich, dass ich dem Vorstand schreibe oder sage, was ich von diesen oder jenen Aktionen halte – einem Vorstand, der sich übrigens seit 5 Jahren JEDESMAL die Mühe macht, mich zu kontaktieren und mit mir zu diskutieren (das geschieht tatsächlich auch schon mal mit einem unverhofften Anruf von Herrn Schumacher)
    – Das heißt für mich also oft auch über meinen Schatten zu springen und Dinge gegen meine Überzeugung zu tun, wenn sie denn der Mannschaft / dem Verein nach meiner Einschätzung in dem jeweiligen Moment helfen.

    Aus diesem Grund fehlt mir leider jegliches Verständnis dafür, wenn man unserem Team zu einem Zeitpunkt, wo es sie nötiger hat denn je, die Unterstützung verweigert – sich aber weiterhin unreflektiert im Schein des „wahren Supportertums“ sonnt. Wie gesagt: in diesem Fall bin ich in der Sache voll bei Euch. In anderen Fällen eher nicht so (zB wenn letztes Jahr ebenfalls auf der Zielgeraden auf dem Weg nach Europa oder eben nicht aus Protest der Support unterlassen wurde, weil man sich vor dem Spiel nicht ungestört mit gegnerischen Fans prügeln durfte…).

    Nichts größer als der FC; das sollte unser gemeinsamer Wahlspruch sein und daran sollen und müssen wir uns messen lassen, um nicht ins Wichtigtuerische abzudriften. Und nochmal: das heißt NICHT, dass man kritiklos alles hinnimmt, was einem die Oberen so servieren. Das heißt aber eben auch, dass man nicht nur da protestiert, wo es erfolgversprechend ist, sondern sehr eigennützig ggf. da den Protest unterlässt, wo es dem eigenen Verein schadet oder ihn zumindest nicht weiter bringt.

    PS: ich bin nicht gegen Ultras nur weil ich ‚gewöhnlicher Fan‘ bin oder dies oder das. Was ich nicht mag ist Verlogenheit, Überheblichkeit und Verantwortungslosigkeit. Dagegen mag ich Suche nach Gemeinsamkeiten, Unterstützung und Meinungsvielfalt.

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