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Das verflixte zweite Jahr

„Das zweite Jahr ist immer das schwerste“ gehört zum ABC der Fußballfloskeln. Doch was ist dran an der Aussage? Wir haben die Zahlen untersucht mit interessanten Folgen.

Foto-Credits: Dirk Unschuld

Alte Fußballweisheit: Das zweite Jahr ist immer das schwerste. Jeder Hipster-Coach, der die Trainerakademie mit Sternchen und Fleißkärtchen abgeschlossen hat, kann ihn auswendig herunterbeten, jeder Möchtegern-Publicviewer von Flensburg bis Berchtesgarden bringt ihn mindestens einmal im coolen Fußball-Smalltalk und jeder Fan einer Fahrstuhlmannschaft schweift bei dieser Feststellung melancholisch ab. Es gibt wenig bekanntere Sätze, wenn es um Fußball geht. Deswegen haben wir uns mal gefragt: Was ist eigentlich dran an der Behauptung? Unser Zahlenspiel.

Vorneweg erst einmal für alle, zu denen die alte Parole noch nicht durchgedrungen ist: „Das zweite Jahr ist immer das schwerste“ spielt im Fußball auf die zweite Saison nach dem Aufstieg an. Die Grundannahme für diese Aussage liegt darin begründet, dass man das erste Jahr nach dem Aufstieg in eine höhere Liga noch mit purer Euphorie bestreitet und von der Unwissenheit der Gegner profitiert.

Das zweite Jahr bildet dann eine problematische Schnittstelle. Die Gegner haben sich auf die eigene Mannschaft eingestellt, die Euphorie nach dem Aufstieg ist zumeist verflogen, der Kader aber qualitativ nach nur einem Jahr Zugehörigkeit zur höheren Liga noch nicht viel besser aufgestellt. Daher ist, so die Annahme, das zweite Jahr besonders schwer.

Foto-Credits: Dirk Unschuld

Foto-Credits: Dirk Unschuld

Wir haben diese Aussage mal unter die Lupe genommen. Selbstverständlich würde jeder Universitäts-Professor, ob er nun Psychologie, Mathe oder Sozialwissenschaften lehrt, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts unserer Stichprobe, denn wir haben tatsächlich nur die erste Fußball-Bundesliga in Deutschland untersucht.

Für ein aussagekräftigeres Fazit müsste man natürlich am besten so viele Ligen wie möglich beleuchten. Erstens sind wir aber eine Fan-Redaktion, die tatsächlich noch andere Dinge im Leben zu tun hat, als nach dem zweiten Jahr eines Aufsteigers in Madagaskars dritten Liga zu suchen, zweitens interessiert uns ja sowieso nur alles rund um den einzigartigsten und brillantesten Vereins des Planeten Erde. Und der spielt nun mal in Deutschland.

Jahr zwei wirklich das schwerste?

Weil dieser Verein (geht übrigens um den effzeh) sich eben, mal wieder, in seinem zweiten Jahr in Liga eins befindet, haben wir uns gefragt, was so auf uns zukommt. Ist das zweite Jahr wirklich das schwerste?

Seit Gründung der Bundesliga 1963 hat es insgesamt 135 Aufsteiger gegeben. Die vier letzten Aufsteiger, der 1. FC Köln, der SC Paderborn, der FC Ingolstadt und der SV Darmstadt 98 fließen dabei nicht in die Betrachtung ein, da sie noch kein volles zweites Jahr in Deutschland höchster Spielklasse absolviert haben. Somit bilden 131 Aufsteiger die Grundlage der Berechnung.

Von jenen 131 Aufsteigern hielten sich ganze 52 Mannschaften lediglich ein Jahr in Deutschlands Fußball-Oberhaus. Sie stiegen direkt wieder ab. Immerhin 79 Teams retteten sich überhaupt in ein zweites Jahr. Angesichts dieser eher dürftigen Stichproben wird der gemeine Statistiker nun kaum Luftsprünge machen, doch genau jene 79 Teams entscheiden, ob der effzeh-Fan an sich in dieser Saison vor Angst ersticken muss oder ganz locker in die kommende Spielzeit blicken kann.

Okay, wir wollen schon an dieser Stelle nicht lange um den heißen Brei reden und ehrlich sein: Eigentlich spielt das mit dem zweiten Jahr keine so wirklich große Rolle. Die besagten 79 Teams verschlechterten sich im Durchschnitt um 0,75 Plätze in der Tabelle, sammelten 3,56 Punkte weniger, schossen 1,18 Tore weniger und kassierten im Schnitt 0,86 Gegentore mehr. Mit anderen Worten: So wirklich viel hat sich da nicht getan.

Marginale Änderungen, 20 Abstiege

Natürlich lässt sich immerhin feststellen, dass es im zweiten Jahr ein wenig schwerer wird als im ersten Jahr und die alte Fußballweisheit muss sich ob ihrer Existenz nicht vollständig grämen, dennoch sind die Mittelwerte relativ gering. Immerhin mussten 20 Teams im zweiten Jahr den Abstieg gen Zweitklassigkeit hinnehmen, womit von den 131 Aufsteigern letztendlich nur 59 Teams mindestens drei Jahre im Oberhaus blieben, das ist laut Adam Riese nicht einmal die Hälfte.

Klar ist also, dass nach zwei Jahren eigentlich die halbe Miete geschafft ist. Mit beinahe dreimal so vielen Abstiegen (52) ist das erste Jahr dabei aber schwieriger zu bewerten als das Folgejahr. Zieht man die Tatsache heran, dass viele One-Hit-Wonder wie Tasmania Berlin oder der SSV Ulm die Lage im ersten Jahr etwas verzerren, kann man vielleicht treffender sagen: „Die beiden ersten Jahre sind immer die schwersten!“

© effzeh.com

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Paradebeispiel 1. FC Köln

Zu jenen 20 Absteigern im zweiten Jahr gehört auch der 1. FC Köln nach der Jahrtausendwende. Eigentlich ist er sogar ein Paradebeispiel zur Zementierung der berühmten Fußballweisheit, die wir gerade erst als relativen Irrglauben aufgeschlüsselt haben. In der Saison 2000/2001 glänzte die Truppe von Ewald Lienen noch mit tollem Fußball und marschierte auf Platz zehn. Ein Jahr später stieg man nach etlichen Spielerverkäufen und einer beinahe historisch schlechten Saison als Vorletzter ab.

Konnte man als Aufsteiger noch 59 Treffer für sich verbuchen, waren es ein Jahr später nur noch 26. Weniger Tore, nämlich nur 24, erzielte in seinem zweiten Jahr der Bundesligazugehörigkeit nur der 1. FC Kaiserslautern 2011/2012. Auch die Pfälzer stiegen ab, nachdem sie ein Jahr zuvor noch als Siebter knapp am europäischen Wettbewerb vorbeigeschrammt sind.

Dieser 1. FC Kaiserslautern kratzt auch knapp am Rekord des tiefsten Falls eines Aufsteigers im zweiten Jahr. Insgesamt um elf Plätze verschlechterte sich der FCK. Die Meistermannschaft der Pfälzer, die 1998 sensationell als Aufsteiger Deutscher Meister wurde, verschlechterte sich beispielsweise nicht einmal ansatzweise so deutlich und wurde im zweiten Jahr immer noch Fünfter.

Den tiefsten Fall musste der Wuppertaler SV hinnehmen, der in der Spielzeit 72/73 noch als Aufsteiger auf den vierten Platz stürmte, ein Jahr später als 16. aber nur ganz knapp dem Abstieg entging.

Der SC Freiburg als Steilvorlage

Deutlich relevanter, weil in diesem Jahr wahrscheinlicher, sollte für alle effzeh-Fans aber ein Blick in die andere Richtung sein. So etablierte sich der SC Freiburg 93/94 unter Volker Finke als 15. in der ersten Liga, nur um ein Jahr später als Tabellendritter in den UEFA-Pokal einzuziehen.  Eine Verbesserung von zwölf Plätzen, die dem Ersten Fußballclub Köln in diesem Jahr eventuell auch bevorsteht (das Ergebnis darf sich jeder selbst ausrechnen).

© effzeh.com

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Der SC Freiburg gehört sowieso zu jenen Positivbeispielen, die sich im zweiten Jahr häufig steigern konnten. So gehörten die Breisgauer auch dem absoluten Über-Jahrgang der Zweijahres-Statistik an. Gemeinsam mit dem FSV Mainz 05 und dem 1. FC Nürnberg gelang es in der Saison 2010/2011 sich um insgesamt 19 Plätze in der Tabelle zu verbessern.

Freiburg steigerte sich von Rang 14 auf Platz neun, Mainz stürmte auf den fünften Platz nach Rang neun in der Aufstiegssaison, während die Franken mit einer Verbesserung von Platz 16 auf sechs den größten Sprung hinlegten.

Diesen Jahrgang kann der effzeh auch im realistischen Fall einer deutschen Meisterschaft nicht mehr toppen, da der SC Paderborn ja bereits in seiner ersten Saison abgestiegen ist (Danke für Nichts, Ostwestfalen!)

Zittern wegen Essen

Wagen wir zum Schluss also noch einen Blick auf Beispiele aus der Geschichte, die aus einer ähnlichen Ausgangslage wie dieser Karnevalsverein aus der Stadt mit K gestartet sind. Nämlich vom zwölften Tabellenplatz aus dem letzten Jahr und/oder mit einem Auftaktsieg in der neuen Spielzeit.

Dabei lassen sich sieben Teams finden, die in ihrem ersten Jahr nach dem Aufstieg den mehr als soliden zwölften Platz belegt haben: Der SC Freiburg (2x), die hässlichen Freunde von Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach, Rot-Weiss Essen, der 1. FC Nürnberg sowie der Super-Duper-Verein himself: Der 1. FC Köln in der Saison 2008/2009.

Fünfmal konnten die Vereine die Klasse auch im zweiten Jahr halten, der SC Freiburg verschlechterte sich 2004/2005 allerdings auf den 18. Platz und stieg ab, ebenso wie Rot-Weiss Essen 1970/1971. Der effzeh schnitt dagegen nur geringfügig schlechter ab, wie sich in der entsprechenden Grafik zeigt. Mönchengladbach (02/03) und Freiburg (99/00) schafften es sogar jenen zwölften Platz zu bestätigen, während sich der 1. FC Nürnberg (Platz 9) und Bayer Leverkusen (Platz 11) sogar leicht verbesserten.

© effzeh.com

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Ein klein wenig fürchten muss sich der effzeh in diesem Jahr also doch, immerhin geht ein Zehntel der Abstiege im zweiten Jahr auf die Kappe der Zwölftplatzierten. Noch schlimmer: Von jenen sieben Vereinen konnte lediglich einer sein Auftaktspiel gewinnen: Rot-Weiss Essen. Und die Essener stiegen bekanntlich ab.

Herausforderung Meisterschaft

Allerdings sind die Essener eine Rarität. Von allen 20 Absteigern im zweiten Jahr konnte neben Essen lediglich der Karlsruher SC 2008/2009 sein Auftaktspiel gewinnen, ansonsten gab es sieben Unentschieden und elf Niederlagen zu Beginn. Übrigens musste der effzeh in seiner Abstiegssaison 01/02 auch am ersten Spieltag in Stuttgart ran. Damals gab es ein 0:0.

Von den drei besten Zweitjahres-Teams, Alemannia Aachen 68/69, VfB Stuttgart 78/79 und Werder Bremen 82/83, die jeweils im zweiten Jahr nach dem Aufstieg Zweiter wurden, verbuchten Aachen und Bremen Auftaktsiege, während Stuttgart zu Beginn mit 1:5 gegen Kaiserslautern unterlag.

An dieser Aussage lässt sich eine wichtige Tatsache erkennen: Während es einem Aufsteiger schon gelungen ist, Deutscher Meister zu werden, hat dies noch kein Team im zweiten Jahr geschafft. Folglich lässt sich feststellen: „Meister werden im zweiten Jahr ist immer am schwersten.“

Somit steht die Herausforderung für den effzeh in diesem Jahr fest. Da das mit dem Abstieg statistisch sowieso nicht ganz so wahrscheinlich ist, kann man ja einfach Geschichte schreiben und im zweiten Jahr die Schale holen. Zahlen hin oder her. Wie sagte Peter Stöger im letzten Jahr vor dem Stuttgart-Spiel so schön? Wir haben hier keine Statistik, daher ist mir das alles völlig egal.

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