Der Clemens-Transfer ist ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk für alle effzeh-Fans. Wir haben den Transfer aus wirtschaftlicher, sportlicher und emotionaler Sicht beleuchtet.
Dass man in Köln gerne mal zu Sentimentalitäten und emotionaler Verklärung der Vergangenheit neigt, zeigt sich während jeder Transferphase, wenn sehr unrealistische (Podolski) und unrealistische (Tosic) Transfergerüchte um das Geißbockheim wabern. Im halbjährlichen Rhythmus dürfte also das Begriffspaar “effzeh” und “Rückholaktion” bei einer Google-Trend-Analyse ziemlich weit nach oben ausschlagen.
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Deswegen war es auch nicht überraschend, dass der Name Christian Clemens bei unserer Analyse der auf dem Transfermarkt verfügbaren Optionen für den effzeh zwangsläufig auftauchte. Damals fassten wir die positiven Seiten eines möglichen Transfers wie folgt zusammen: “passt hervorragend ins Anforderungsprofil, kennt am Geißbockheim jeden Grashalm, dürfte einer Rückkehr in die sportliche Heimat nicht abgeneigt sein”. Jetzt wollen wir zwar keine Lorbeeren für unsere scouting-technischen Fähigkeiten, allerdings lag eine Rückkehr von Clemens irgendwie schon auf der Hand.
Wägt man alle Faktoren bei diesem Transfer ab, kommt man eigentlich nur zu einem positiven Fazit. Dass Clemens sich ab dem 1. Januar wieder dem effzeh anschließt, ist aus wirtschaftlicher, sportlicher und charakterlicher Sicht eine gelungene Sache.
Wirtschaftlich: der einstige Retter kehrt als Verstärkung zurück
Erinnern wir uns mal an den Sommer 2013: Der effzeh war gerade in einem schwierigen Übergangsjahr nach dem Abstieg im Vorjahr Vierter in der zweiten Bundesliga geworden. Punktgleich mit dem FSV Frankfurt (ohja!) lief man mit vier Zählern Rückstand auf den Relegationsplatz ins Ziel ein. Trainer Holger Stanislawski warf aus persönlichen Gründen das Handtuch, finanziell stand der hoch verschuldete effzeh vor noch größeren Problemen. Da kam es gerade gelegen, dass der FC Schalke 04 bereit war, für Christian Clemens knapp drei Millionen Euro hinzublättern.
2013: Clemens-Transfer bitter nötig
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Diese finanzielle Spritze half dem 1. FC Köln mehr über die Runden, als man in jener Zeit glauben wollte. Der damals 22-jährige Clemens hatte gerade eine gute Saison hinter sich, mit sechs Toren und fünf Vorlagen war er einer der wenigen Lichtblicke in einer ansonsten relativ schaurigen Saison. Die neue sportliche Leitung um Jörg Schmadtke, der im Jahr 2013 seinen Dienst beim effzeh antrat, konnte sich also darüber freuen, finanziell ein wenig Luft zu bekommen. Andererseits verlor man eben auch einen seiner besten Spieler zum damaligen Zeitpunkt.
2016: Clemens-Transfer finanziell zu vertreten
Dass Clemens jetzt nach dreieinhalb Jahren in der Fremde für einen ähnlichen Geldbetrag zum effzeh zurückkehrt, ist eigentlich ein relativ solides Geschäft. Mittlerweile hat sich die finanzielle Lage am Geißbockheim entspannt, eine positive Transferbilanz von knapp zehn Millionen Euro steht für das Jahr 2016 zu Buche. Wenn Mergim Mavraj sechs Monate vor dem Ende seines Vertrags dann auch noch knapp zwei Millionen Euro einbringt, ist es quasi ein Nullsummenspiel. Zwar wird Mavraj durch diesen Transfer nicht eins zu eins ersetzt, allerdings schafft es der effzeh, die Vakanz im offensiven Mittelfeld zu verringern – ohne sich finanziell in arge Nöte zu bringen.
Auf der nächsten Seite: der Clemens-Transfer aus sportlicher Sicht.
Sportlich: Clemens erfüllt alle gesuchten Attribute
Die Verletzung von Marcel Risse hat bekanntlich zur Folge, dass der Rechtsfuß in dieser Saison nicht mehr zum Einsatz kommen wird. Der Kader des effzeh ist jetzt auch nicht so ergiebig, dass man eine Fülle an Möglichkeiten hat, die man nutzen könnte. Dies zeigte sich bereits in den drei Spielen nach der Risse-Verletzung, als der effzeh sich darauf verlassen musste, dass Artjoms Rudnevs in Zusammenarbeit mit Pawel Olkowski die Arbeit auf der rechten Seite erledigt. Diese Aufgabe wurde von beiden zwar zufriedenstellend gelöst, allerdings braucht es für den nächsten Schritt bessere Optionen.
Clemens: schnell, dribbel- und abschlussstark
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Mit Christian Clemens konnte nun ein Spielertyp verpflichtet werden, der Risse insgesamt relativ nahe kommt. Beide sind vergleichsweise lineare Flügelspieler, die über ihre Schnelligkeit und Dribbelstärke kommen. Sowohl Risse als auch Clemens können sich dabei auf die Stärke ihres rechten Fußes verlassen: Beide gehören wohl zu den besten Schützen, die der effzeh in der jüngeren Vergangenheit im Kader aufzuweisen hatte. Clemens bringt den Vorteil mit, dass er auch Erfahrungen auf anderen Positionen sammeln konnte. Auf Schalke und auch in Mainz wurde er ebenfalls als dynamischer Rechtsverteidiger in einer Viererkette eingesetzt, was seinen Wert für den effzeh naturgemäß erhöht. Weiterhin kam er auch auf der linken offensiven Seite zum Einsatz, dort dürfte in der Rückserie Leonardo Bittencourt jedoch gesetzt sein. Clemens bringt weiterhin die Erfahrung aus Champions-League- und Europa-League-Spielen mit sich.
Die Fitnessfrage stellt sich trotzdem
Clemens’ Karriere verlief nach seinem Wechsel zu Schalke allerdings nicht reibungslos. Dies lag in erster Linie an körperlichen Problemen, die den gebürtigen Kölner zu mehreren Verletzungspausen zwangen. Das erste Halbjahr 2014 verpasste Clemens komplett aufgrund einer langwierigen Schambeinentzündung, sodass er erst wieder im August auf dem Platz stand. Während der Zeit in der Reha beging Clemens offenbar den Fehler, zu viel Zeit im Kraftraum zu verbringen. Im Interview mit dem KSTA gab Clemens im Mai 2015 zu, dass seine Verletzungsprobleme “wahrscheinlich” daran gelegen haben könnten, dass er “ein bisschen falsch” trainiert habe.
Übertraining im Kraftraum brachte Probleme
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Seine Erklärung dafür: “Wenn man weniger spielt, versucht man, den Frust im Kraftraum rauszulassen”. Dass er nach der Verletzung deutlich muskulärer war, hatte also nicht nur Vorteile. Mittlerweile soll er jedoch laut eigener Aussage sein Programm ein wenig zurückgeschraubt haben und mehr auf Mobilität und Agilität achten. In diesem Zusammenhang ist es gut, dass der effzeh mit Marcel Abanoz und Yann-Benjamin Kugel über zwei sehr fähige Fitnessexperten verfügt, die Clemens zur Seite stehen können.
Sehnenreizung im Herbst – wie steht es um seine Spielfitness?
Der FSV Mainz 05 hatten im Sommer die Kaufoption gezogen und den Rechtsfuß nach dessen vorheriger Leihe fest verpflichtet. Nach einer starken Rückrunde im Jahr 2016 (Leistungsträger, drei Tore, gesetzt im rechten Mittelfeld) durfte Clemens sich dann mit den Mainzern auch in Europa versuchen. Aufgrund der größeren Anzahl an Spielen wurde mehr rotiert, sodass Clemens sich auch das ein oder andere Mal auf der Bank wiederfand. Ab Mitte Oktober setzte ihn eine Sehnenreizung außer Gefecht, sodass er seine vorerst letzte Partie für die Mainzer am 29. September in der Europa-League gegen Gabala absolvierte. Den Trainingsrückstand schleppt Clemens mittlerweile zwar nicht mehr mit sich herum, allerdings fehlt es ihm an Spielpraxis. Dieser Aspekt ist das einzige Fragezeichen hinter der Verpflichtung.
Auf der nächsten Seite: der Clemens-Transfer aus charakterlicher und emotionaler Sicht.
Charakterlich: ein kölscher Jung kehrt zurück
Christian Clemens unternahm die ersten Schritte als Fußballer bei seinem Heimatverein, dem SC Weiler-Volkhoven, für die er von 1997 bis 2001 die Schuhe schnürte. Der Verein im Kölner Norden gab ihn dann 2001 an den effzeh weiter, wo er bis 2010 in der Jugend und auch in der U23 um Einsatz kam. Sein Debüt für die Profis gab Clemens im September 2010 bei einem Heimsieg über den FC St. Pauli. Trainer war damals Zvonimir Soldo, Clemens’ Mitspieler hießen Andrézinho, Yalcin (der auch das Siegtor erzielte) und Ionita. Clemens musste schon zu dieser Zeit viel Verantwortung tragen, da die Kaderzusammenstellung mehrere schwierige Charaktere zusammenbrachte. Als einer der wenigen jungen Deutschen im Kader war die Situation damals garantiert nicht einfach, jetzt kommt er allerdings gereift zurück. Auch die aktuelle Mannschaft hat sich Gott sei Dank verändert.
Bereits 2010 mit Hector und Horn in der U23 aktiv
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Mit seiner Rückkehr nach Köln trifft Clemens auch auf alte Bekannte: Jonas Hector und Timo Horn waren bereits vor mehr als sechs Jahren seine Kollegen in der U23. Christian Clemens war allerdings der erste von den dreien, der sich in einer schwierigen Zeit beim effzeh als Bundesligaspieler etablieren sollte. In seiner ersten Saison kam Clemens dabei auf 27 Spiele (zwei Tore, drei Assists), ein Jahr später in der Abstiegssaison auf 31 Spiele (fünf/drei). In der zweiten Liga war er mit sechs Toren und fünf Vorlagen vor seinem Wechsel nach Schalke absoluter Leistungsträger.
Clemens-Transfer: Rückkehr zur Familie
Für Clemens schließt sich mit der Rückkehr nach Köln ebenfalls ein Kreis. Als gebürtiger Kölner ist er somit noch häufiger in der Nähe seiner Familie, die ohnehin in Köln wohnt. Sein Bruder Michael spielt in der U23 des effzeh, fällt allerdings momentan mit einem Kreuzbandriss aus. Sein großer Bruder betonte, dass er auch während seiner Zeit auf Schalke und in Mainz immer wieder gerne nach Köln zurückgekommen sei. Dabei habe das ein oder andere Spiel auch im Stadion verfolgt. Neben Timo Horn, Sven Müller, Thomas Kessler, Marcel Risse, Marco Höger, Marcel Hartel und Salih Özcan ist Clemens somit der achte Spieler im aktuellen Kader des effzeh, der auch in der Domstadt geboren wurde. Da geht einem Fußballromantiker doch das Herz auf…