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100 Jahre Hennes Weisweiler: Ein Leben für und gegen den 1. FC Köln

Gründungsspieler, Geißbock-Namenspate, Doublesieger: Kaum jemand prägte den 1. FC Köln auf so unterschiedliche Art und Weise wie Hennes Weisweiler. Eine Würdigung des großen FC-Trainers zu seinem 100. Geburtstag.

Hennes Weisweiler Meisterschale
Foto: Edition Steffan

Es war Anfang der 70er Jahre, als ich mich als sehr junger Fußballverrückter erstmals mit dem damaligen Mönchengladbacher Trainer Hennes Weisweiler befasste. Normalerweise passierte es damals selten, dass ich mich mit dem Gegner auseinandersetzte, schon gar nicht mit dem gegnerischen Trainer. Doch dieser Mensch war eben anders, er sprach eindeutig mit kölschem Idiom, hatte aber selten bis nie ein gutes Wort für meinen Verein, eben den 1. FC Köln, übrig. In den Interviews war immer eine Gehässigkeit herauszuhören. Mit etwa acht Jahren empörte mich diese Einstellung dieses bärbeißig-schroff wirkenden Übungsleiters doch sehr.

Erst im Nachhinein verstand ich, warum Hennes sich so äußerte. Der Mann hatte bereits zu diesem Zeitpunkt so viel FC-Vergangenheit mit all seinen positiven wie negativen Erlebnissen hinter sich, wie man sich das kaum vorstellen konnte. Schließlich war Hans, genannt „Hennes“, Weisweiler schon als Spieler beim KBC tätig, einem der späteren Fusionsvereine des 1. FC Köln. Von 1935 bis 1937 in der Jugend sowie von 1937 bis 1942 und 1946 bis 1948 in der 1. Mannschaft. Nach der Fusion gehörte er zur effzeh-Premierenelf, dessen Spielertrainer er ab September 1948 sodann wurde.

FC-Mitbegründer und Namenspate des Geißbocks

Gemeinsam mit unter anderem Hans Schäfer schaffte er in den Relegationsspielen gegen Bayer Leverkusen 1949 den Aufstieg in die Oberliga West, welche damals die höchste deutsche Spielklasse abbildete. Bis zum Ende der Saison 1952 blieb Hennes Trainer des FC und wurde mit dem Club als Aufsteiger Fünfter (49/50), dann Vierter (50/51) und noch einmal Fünfter (51/52). Zwischendurch wurde er sogar Namenspate des neuen Maskottchens des Vereins, einem stolzen Geißbock, der nun ebenfalls Hennes heißen durfte. Seitdem tragen alle Böcke den Namen des Mannes, der den größten Konkurrenten seines Stammvereins erst als erfolgreichen Verein möglich machte.

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Der menschliche Original-Hennes kehrte nach einer Phase beim Rheydter SV erstmalig zu „seinem“ FC zurück und weitere drei Spielzeiten folgten: In denen führte er den FC auf Platz sieben (55/56), Platz drei (56/57) und Platz zwei (57/58). Aber da man 1958 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft verpasste, gab es „Zoff“ mit Franz Kremer, dessen erklärtes Ziel nun mal dieser Titel war. Resultat daraus: Weisweiler verließ den Verein.

Weisweiler baut den „Gegen-FC“

Nach einer sechsjährigen Phase bei Viktoria Köln landete Weisweiler bei Borussia Mönchengladbach und von da an wurde aus dem kölschen Hennes der Erfolgstrainer vom Niederrhein.  Mit der Truppe, die er dort vorfand, konnte Weisweiler seine Vorstellungen vom Fußball umsetzen. Die großen Talente, die der Borussia seinerzeit zur Verfügung standen, band er schnell in sein Spiel ein. In der Folge eroberten die „Fohlen“ nach dem Aufstieg die Bundesliga. Aber Hennes Weisweiler wollte noch mehr, er wollte vor allem eines: Den 1. FC Köln schlagen. Genau das äußerte er auch vor den Begegnungen mit seinem Ex-Verein klar und deutlich. Dementsprechend war er, damit sind wir wieder beim Beginn dieses Textes, bei nicht wenigen FC-Fans extrem unbeliebt.

Von PelzEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Weisweiler hat Siege gegen den 1. FC Köln, von denen es leider viel zu viele gab, zelebriert und nicht selten hat er verbal ordentlich gestichelt. All das hatte sicher mit Enttäuschung und Zorn zu tun. Er hatte nicht vergessen, wie Franz Kremer ihn 1958 eben nicht ganz im beiderseitigen Einvernehmen aus dem Geißbockheim gedrängt hatte. Der damalige Präsident und Weisweiler, ohne Frage zwei Alphatiere, kamen nicht mehr miteinander klar. Er, der Premierenspieler der ersten FC-Elf, der als Spielertrainer dem Verein zur Erstklassigkeit verhalf und lange Jahre geprägt hatte, war arrogant abgeschoben worden. Das alles nagte am geborenen Lechenicher.

Jahre der Gegnerschaft

In Mönchengladbach fand er das vor, was er benötigte, um quasi eine Art „Gegen-FC“ aufzubauen. Siege gegen das selbsternannte „Real Madrid des Westens“ waren seine größten, Niederlagen hingegen eine Schmach. Ich glaube, er hat den FC schon auf eine gewisse Art geliebt, aber eben ob seiner durchaus auch nach außen getragenen Arroganz auch gehasst („die haben mich immer abwertend ‚de Boor‘ genannt“). Liebe und Hass sind ja nah beieinander … man kennt dies ja.
Das Pokalfinale 1973 war sicher ein Höhepunkt für den Trainer Weisweiler. Den 2:1-Sieg nach Verlängerung gegen den 1. FC Köln, im wohl fußballerisch wunderbarsten Endspiel der Pokal-Geschichte, war für ihn aber dennoch ein Genuss mit Einschränkung.

„Die haben mich immer abwertend ‚de Boor‘ genannt!“

Hatte sich der scheidende Niederrhein-Superstar Günter Netzer doch zunächst Weisweilers Maßnahme verweigert, sich in der Halbzeit einwechseln zu lassen. In der Verlängerung überkam Netzer dann die Idee, seinen Einsatz-Zeitpunkt selbst zu bestimmen, die er auch unabgesprochen mit dem Trainer umsetzte. Es war dann irgendwie logisch, das „ausgerechnet Netzer“ seinen Fuß parat hielt, um den Ball in das von Gerd Welz an diesem Tag ansonsten herausragend gehütete Tor abzufälschen. Der Coach wurde also von seinem „Intimfeind“ Netzer durch die berüchtigte Selbsteinwechslung brüskiert, der Erfolg wurde quasi ohne ihn herbeigeführt.

Cruyff vs. Weisweiler

Weisweiler blieb noch bis 1975 am Niederrhein. Als er schließlich den Verein Richtung Barcelona nach elf Jahren verließ, konnte er auf drei deutsche Meisterschaften, einen UEFA-Cup-Sieg und eben jenen Triumph im DFB-Pokal verweisen. In Barcelona scheiterte der Rheinländer jedoch kolossal, vor allem scheiterte Weisweiler an seinem selbstgewählten Prinzip, sich die jeweiligen „Köpfe“ vorzunehmen. Johan Cruyff, der niederländische Superstar, hatte sich bei Barca längst eine Hausmacht gesichert. Medien und Vereinsbosse waren auf Seiten des genialen Spielers, als Weisweiler den Mittelfeldspieler und Angreifer zu mehr Defensive anriet und ihn sogar auswechselte.

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Mit letzterem war geradezu ein Sakrileg begangen worden. In der Folge ließ Cruyff, der katalonischen und spanischen Sprache mächtig, keine Gelegenheit aus, um seinen Vorgesetzten in Interviews und vor den Fans schlecht dastehen zu lassen. Die Vereinsführung beendete die unendliche Kontroverse damit, dass sie mit Cruyff den Vertrag verlängerte. Weisweiler bat daraufhin um vorzeitige Auflösung des Zweijahresvertrages.

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