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Ein Dämpfer für die Aufholjagd? Oder einfach nur ein Schritt Richtung Normalität? Beim 1. FC Köln ist das Stimmungshoch trotz des 1:1 gegen Augsburg noch lange nicht beendet. Das hat viele Gründe.

Der vierte Sieg in Folge ist dem 1. FC Köln nicht vergönnt gewesen – trotz Führung durch ein wunderbares Freistoßtor von Milos Jojic, trotz ansprechender Leistung über weite Strecken der Partie, trotz einer Vielzahl an Chancen bis tief in die Nachspielzeit hinein. Das 1:1 gegen den FC Augsburg ist daher aufgrund des Ergebnisses vielleicht ein kleiner Dämpfer bei der aufregenden Aufholjagd der „Geißböcke“, sollte das Stimmungshoch rund um den effzeh aber nicht allzu sehr trüben.

„Mit nur 1:1 darf mir keiner kommen. Wir haben hier so viel Positives mitgenommen. Selbst wenn wir verloren hätten, hätte ich gesagt: Die Mannschaft hat ein gutes Spiel gemacht!“, war auch Chefcoach Stefan Ruthenbeck nicht bereit, nach dem Remis mit bedröppelter Miene durch die Gegend zu laufen. Zwar habe sein Team einen abermals ausgerufenen Big Point nicht für sich verbuchen können, doch das Gesehene machte den 45-Jährige zuversichtlich: „Die Mannschaft sitzt jetzt in der Kabine, die sind alle brutal enttäuscht, dass sie das Endspiel nicht gewonnen haben. Dabei war es das beste Spiel, seit ich hier bin. Besser als gegen Gladbach, besser als gegen Hamburg. Deswegen: Mund abputzen, alles gut.“

Der 1. FC Köln lebt wieder

Nach sieben Punkten aus drei Rückrundenspielen eine verständliche Einstellung – haben die Ruthenbeck-Schützlinge dadurch doch ordentlich Boden gut gemacht im Abstiegskampf und sind nach einem fürchterlichen Halbjahr 2017 wieder in Schlagdistanz zu den Kontrahenten. Vier Zähler Rückstand hat der effzeh auf Werder Bremen, die aktuell den Relegationsrang bekleiden. Sieben Punkte fehlen den Kölner derweil auf Mainz 05 und den VfB Stuttgart, die mit jeweils 20 Punkten am rettenden Ufer die Plätze 14 und 15 belegen. Zwar leuchtet immer noch die Rote Laterne am Geißbockheim, doch haben insbesondere die Erfolge im Derby gegen Borussia Mönchengladbach und auswärts beim Hamburger SV die Hoffnung zurück in die Domstadt gebracht. Es ist Ende Januar mehr als offensichtlich: Der 1. FC Köln lebt wieder.

COLOGNE, GERMANY - JANUARY 14: Denis Zakaria of Moenchegladbach is challenged by Simon Terodde of Koeln during the Bundesliga match between 1. FC Koeln and Borussia Moenchengladbach at RheinEnergieStadion on January 14, 2018 in Cologne, Germany.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Das hat Gründe, die bereits auf den ersten Blick erkennbar sind: Dank Simon Terodde besitzt der effzeh wieder einen Stoßstürmer, der diesen Namen auch verdient. Bälle behaupten, Bälle weiterleiten, Gegner frühzeitig anlaufen und ein Näschen für Tore besitzen: Dieses Anforderungsprofil erfüllte nach dem Abgang von Anthony Modeste im Sommer kein Kölner Stürmer mehr. Mit dem Neuzugang vom VfB Stuttgart, der in drei Spielen drei Treffer erzielte, wurde diese Lücke eindrucksvoll geschlossen.

„Wie Simon heute gegen den Ball gearbeitet hat, wie er sich gegen Vestergaard aufgerieben hat, wie er nachgesetzt und gegrätscht hat – das ist ein Typ, den wir vorne gebraucht haben. Das ist genau das, was wir wollten“, umriss effzeh-Coach Stefan Ruthenbeck bereits nach dem Derbysieg, den Terodde mit seinem Kopfballtreffer in buchstäblich letzter Sekunde sichergestellt hatte, die Qualitäten des 29-jährigen Angreifers.

Hector und Höger prägend für den neuen effzeh

Doch es ist nicht nur Teroddes Qualität, die der Mannschaft gut tut – es ist vor allem die Rückkehr zur Normalität im Kader. Von den zahllosen Verletzten ist im Grunde nur noch Leonardo Bittencourt übrig geblieben. Vorbei sind die Zeiten, als sich das Team aufgrund der Ausfälle praktisch von alleine aufgestellt hat. Rückkehrer wie Jonas Hector, der dem effzeh in seiner viermonatigen Verletzungspause enorm gefehlt hat, sind ein Schlüssel für den Kölner Aufschwung. Seine Ballsicherheit, seine Ruhe im Passspiel und sein Auge für Spielsituation heben das Kölner Spiel auf eine andere Ebene und verhelfen dem Team zu mehr Stabilität.

COLOGNE, GERMANY - JANUARY 27: Jonas Hector #14 of 1.FC Koeln looks on during the Bundesliga match between 1. FC Koeln and FC Augsburg at RheinEnergieStadion on January 27, 2018 in Cologne, Germany. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Das gilt auch für Marco Höger, der nach körperlichen Problemen endlich wieder bei 100 Prozent seiner Leistungsfähigkeit angekommen zu sein scheint. Mit kompromissloser Spielweise geht er im defensiven Mittelfeld voran, ist sich für keinen Laufweg zu schade und versucht der Mannschaft Halt zu geben. Die Rückendeckung des Trainer ist ihm dabei gewiss: Wenn Höger völlig fit sei, so Ruthenbeck schon in der Winterpause, dann müsse er zu den Stammkräften gehören. Er habe das Zeug dazu, ein Führungsspieler zu sein. Ein Anspruch, dem der 28-Jährige bislang in der Rückrunde gerecht wird.

„Wir laufen mehr als in der Hinrunde“

Höger und Terodde stehen auch beispielhaft für eine signifikante Änderung im effzeh-Spiel: Wo das Team unter Ruthenbecks Vorgänger Peter Stöger eher passiv presste und versuchte, die Passwege des Gegners optimal zuzustellen, wird seit dem Trainerwechsel mehr auf aggressives Anlaufen gesetzt, um den Gegner bereits beim Spielaufbau unter Druck zu setzen. „Wir laufen mehr als in der Hinrunde, sind aggressiver und haben das Glück auf unserer Seite“, formulierte es effzeh-Torwart Timo Horn nach dem Auswärtssieg in Hamburg.

Dazu gehen die „Geißböcke“ im Offensivspiel mehr Risiko, schalten direkter und mit mehr Spielern um. Eine mutige Haltung, die zwar auch Lücken offenbart, allerdings bisher Früchte trägt: Selbst in der Schlussphase im Derby drängten die Kölner nach vorne und hatten das notwendige Glück, selbst den Treffer zu setzen anstatt (wie noch in der Hinrunde) den Knockout zu kassieren.

Der derzeitige Erfolg hat viele Väter

Das allerdings dürfte der größte Unterschied zur Hinrunde sein: Der 1. FC Köln hat das Spielglück zurück. War man in der Hinrunde häufig trotz ordentlicher Leistung noch punktlos ausgegangen, scheint sich das Blatt nun zu wenden. Statt Last-Minute-Pleiten wie in Stuttgart schlägt der effzeh nun selbst in der Nachspielzeit zu. Und: Gegen Mönchengladbach sprang sogar noch der ungeliebte Video-Assistent helfend zur Seite, als er dem rheinischen Rivalen kurz vor Schluss einen Elfmeter verweigerte. In Hamburg erzielte das Team nicht nur zur richtigen Zeit die Tore, die „Geißböcke“ durften sich auch bei Timo Horn bedanken, sie bereits in der Anfangsphase im Spiel gehalten zu haben. Wie so oft erweist sich die Erkenntnis: Der Erfolg wie auch der Misserfolg haben viele Väter.

Dennoch bleibt auch in der Anfangsphase der Aufholjagd noch Luft nach oben, vor allem im fußballerischen Bereich. Zu oft noch macht sich der effzeh das Leben selbst schwer, wenn er mühevoll erarbeitete Bälle aufgrund Ungenauigkeiten oder Unkonzentriertheiten schnell wieder herschenkt. Wer die Passquoten gegen Mönchengladbach (73 Prozent) oder Hamburg (69 Prozent) betrachtet, findet genügend Argumente für die These, der FC spiele zwar anders, aber nicht besser als noch im zweiten Halbjahr 2017.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Aktuell scheint es, als trage die Leidenschaft, der Wille und das Feuer die Mannschaft über so manches Schlagloch auf dem Weg hinweg. Das ist auch Stefan Ruthenbeck aufgefallen, der nach dem Hamburg-Spiel sagte: „Wir haben Endspiele ausgerufen und das heute auch in Sachen Intensität und Leidenschaft gelebt. Es gab schon noch Momente, wo wir Probleme gehabt haben. Richtig Kontrolle haben wir erst mit dem 2:0 bekommen. Wir haben ein bisschen Glück gehabt, in der letzten Linie alles reingehauen.“

Der Glaube ist zurückgekehrt

Es sind Erlebnisse wie im Derby oder auch in Hamburg, die den Glauben wieder geweckt haben. Bei den Fans, aber auch in der Mannschaft selbst. Schon nach dem Sieg gegen Wolfsburg kurz vor der Winterpause war die Erleichterung zu spüren, die die Spieler erfasst hat. „Wir können es doch“, war der Tenor, der sich noch rechtzeitig vor dem Jahreswechsel in der Kabine breit machte. Es ist erkennbar, dass die andere Art der Ansprache, die Ruthenbeck wählt, nochmals den Kampfgeist geweckt, die Spieler bei der Ehre gepackt und auch das Umfeld neu emotionalisiert hat. Abzuwarten bleibt, ob das ein tragfähiges Gerüst bis in den Saisonendspurt hinein sein kann.

COLOGNE, GERMANY - JANUARY 27: Milos Jojic #8 of 1.FC Koeln celebrates with his team-mates after scoring his teams first goal to make it 1-0 during the Bundesliga match between 1. FC Koeln and FC Augsburg at RheinEnergieStadion on January 27, 2018 in Cologne, Germany. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

„Wir rufen Endspiele aus, weil wir darin die einzige Möglichkeit sehen. Ich habe keine Ahnung, ob wir einbrechen werden; ob das funktioniert“, schildert Ruthenbeck seine Gedanken nach dem Augsburg-Remis. Der Blick auf die Tabelle wird ihm zeigen: Bislang hat es funktioniert. Das rettende Ufer ist zumindest in Sichtweite, die Hoffnung im Abstiegskampf ist rund um den 1. FC Köln neu entfacht. Auch deshalb war nach dem 1:1 gegen Augsburg von einem Rückschlag wenig zu spüren. „Den Punkt nehmen wir mit, denn jeder Punkt kann zum Schluss wichtig sein“, stellte Abwehrchef Dominique Heintz klar. Den Achtungserfolg gegen Augsburg will sich das Team, das so lange auf Erfolgserlebnisse gewartet hatte, nicht kleinreden lassen – und bleibt dennoch auf dem Boden der Tatsachen: Der Weg Richtung Klassenerhalt ist noch weit für das Bundesliga-Schlusslicht.

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