Jetzt wird es ernst: Am Sonntag empfängt der effzeh mit Werder Bremen einen direkten Konkurrenten um den Klassenerhalt. Wir sprachen mit Werder-Fan Fabian über das Spiel.

Es läuft weder in der Domstadt noch in Bremen. Beide Teams haben erst drei Tore erzielt und noch kein Spiel gewonnen. Die Bremer konnten immerhin dreimal mehr Unentschieden spielen als der 1. FC Köln und stehen somit mit vier Punkten auf Rang 17. Trotz des frühen Zeitpunkts in der Saison ist es ein Schlüsselspiel für beide – und wenn man der Gerüchteküche Glauben schenkt auch für beide Trainer. Fabian Ettrich ist Mitglied im Werder-Fanclub „Ahoi-Crew“ (bei Twitter: @AhoiCrew), der seit 2005 existiert und knapp 80 Mitglieder hat. Mit ihm sprachen wir über die schwierige Ausgangssituation beider Teams, Claudio Pizarro und ein Werder-Engagement im Iran.

effzeh.com: Fabian, der Tross des SVW reist bereits am Freitagmorgen nach Köln, um sich bestmöglich auf das Auswärtsspiel vorzubereiten – glaubst du, dass eine solche Maßnahme etwas bringt?

Fabian Ettrich: Kann sein, muss aber nicht. Ich bin gespannt, ob dort nur am Teamgeist und den Automatismen im Spiel gearbeitet wird – etwa am Umschaltspiel oder dem horizontalen Verschieben – oder ob es, wie einige Medien vermuten, taktische Änderungen geben wird. Im Raum stehen ein 3-4-3, ein 4-3-3 und ein 4-2-3-1. Ich tippe allerdings, dass wir im gewohnten 3-5-2 antreten. Ein System mit drei Stürmern kann ich mir bei unserem aktuellen Formtief in diesem Mannschaftsteil nicht vorstellen.

effzeh.com: Es ist trotz des frühen Saisonzeitpunkts ein erstes Schlüsselspiel für beide Teams. Wie ist die Stimmung in Bremen vor dem „Spitzenspiel“ im Tabellenkeller?

Fabian Ettrich: Ernst, aber nicht hoffnungslos. Allen Beteiligten ist klar, dass in Köln – wir haben schließlich schon den 9. Spieltag – der erste Dreier eingefahren werden muss, um nicht den Anschluss an die Nicht-Abstiegsplätze zu verlieren. Ich hoffe, dass das Team aufgrund der Situation nicht verkrampft und von Beginn an Gas gibt.

effzeh.com: Alexander Nouri soll dem Vernehmen nach fest im Sattel sitzen. Wie beurteilst du seine Position? Wäre er auch bei einer Niederlage in Köln weiterhin tragbar?

Fabian Ettrich: Medial steht Nouri schon seit Wochen zur Disposition. Auch unter den Fans gibt es nicht wenige, die seine Ablösung fordern. Werder spielt jetzt in Köln und dann zuhause im Pokal gegen Hoffenheim. Ich lege mich fest: wenn Werder nicht mindestens eines der beiden Spiele gewinnt, wird Nouri nur noch schwer zu halten sein.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

effzeh.com: Welche Rolle spielt Werder-Boss Frank Baumann in der aktuellen Situation?

Fabian Ettrich: Er hat durch seine Transfers natürlich mehr Verantwortung als vor einem Jahr, wo Werder ähnlich schlecht in die Saison gestartet ist. Ich halte ihm zugute, dass er bisher loyal am Trainer festhält. Mit einem Scheitern von Nouri wäre Baumanns Schicksal an den Erfolg des dann neuen Trainers geknüpft. Ich hoffe aber inständig, dass dieses Szenario abgewendet werden kann.

effzeh.com: Neulich sprach man in Bremen eher von einer „Ergebnis-“ und nicht von einer „Leistungskrise“. Stimmst du zu?

Fabian Ettrich: Eine Ergebniskrise haben wir definitiv. Was die Leistungskrise angeht: Defensiv haben wir sie nicht, offensiv schon. Werder hat sich im Vergleich zu den Vorjahren defensiv wirklich stabilisiert und kassiert auch weniger Gegentore. Im Mittelfeld im Angriff läuft es hingegen katastrophal. Werder hat bisher noch nicht ein Heim-Tor erzielt und erst dreimal auswärts getroffen. Hier ist natürlich die ganze Mannschaft gefragt, nicht nur die Stürmer. Ich hoffe, dass in Köln der Knoten platzt. Die Rückkehr von Max Kruse in den Kader macht mir dabei Mut.

effzeh.com: Wir müssen natürlich auch über Claudio Pizarro reden – der Peruaner wurde im Sommer aus Bremen weggeschickt, mittlerweile ist er als Hoffnungsträger in Köln aktiv. Hättest du ihn gerne behalten?

Fabian Ettrich: Ich finde die Entscheidung von Werder ehrlich gesagt richtig. Pizarro kann körperlich nur wenige Spiele über 90 Minuten machen und war natürlich ein Topverdiener, der im Gesamtgefüge für Werder zu teuer wurde. Der Abgang an sich war vom Verein her allerdings nach meiner Wahrnehmung schlecht organisiert. Super wäre es gewesen, Pizarro einen würdigen Abschied zum Ende der letzten Saison zu bereiten. Diese laute und teilweise über die Medien ausgetragenen Umstände der Trennung Schmerzen doch sehr. Pizarro ist schließlich eine Legende in Bremen, menschlich absolut Weltklasse und auf dem Platz kann der auch in wenigen Minuten den Unterschied machen. Ich gönne Pizarro daher maximalen Erfolg in Köln. Nur Sonntag sollte er nicht treffen, wobei ich ahne, dass er sich nicht an meine Worte halten wird. Ich möchte ihn auf jeden Fall noch zu seinem offiziellen Abschiedsspiel in Bremen sehen. Ich hoffe, dass das Tischtuch zwischen Verein und ihm hierfür nicht zu zerschnitten ist.

effzeh.com: Die Bremer Schlüsselspieler Junuzovic und Kruse hatten bzw. haben immer noch mit Verletzungsproblemen zu kämpfen. Erwartest du einen Aufwärtstrend, wenn beide wieder bei 100 Prozent sind? Max Kruse steht ja gegen den effzeh wohl wieder im Kader…

Fabian Ettrich: Das erhoffe ich mir auf jeden Fall. Junuzovic hat gegen Gladbach zum ersten Mal wieder gespielt muss noch seine Form finden. Kruse war vor seiner Verletzung im Formtief. Für Werder ist es überlebenswichtig, dass beide schnell wieder in Topform kommen. Dann können sie die ganze Mannschaft mitreißen und den Bock umstoßen. Ob es für den Geißbock schon reicht, bezweifle ich allerdings.

effzeh.com: Unterdessen sondiert Werder Bremen den Fußball-Markt im Iran – ein mögliches Engagement steht im Raum. In einem Brief an die Werder-Geschäftsführung heißt es: „Während Alexander Nouri herzlich im Iran empfangen wurde (Anm. d. Red.: Nouris Vater kommt aus dem Iran), wird dies für mehr als die Hälfte aller Werderfans nicht der Fall sein. Frauen dürfen im Iran keine Fußballstadien betreten. Israelis dürfen in den Iran nicht einreisen. Homosexuelle erwartet im Iran die Todesstrafe – aufgeknüpft und aufgehängt an Baukränen in der Öffentlichkeit.“ Was genau hat es damit auf sich? Wie ist deine Meinung dazu?

Fabian Ettrich: Ich bin da zwiegespalten. Die Menschenrechtssituation schätze ich ähnlich kritisch ein und finde es wichtig, dass die Bremer Ultras, die Ihr hier zitiert, sich mit dem Thema auseinandersetzen. Berechtigte wirtschaftliche Interessen des Klubs dürfen nicht dazu führen, dass der Verein seine soziale Verantwortung übersieht. Gleichzeitig habe ich den Sport auch immer als Türöffner wahrgenommen, der weltweit für Freiheit, Vielfalt und Toleranz werben kann. Es ist allerdings kein Automatismus, dass der Sport diese Werte transportiert. Das haben die großen Sportverbände nur immer behauptet. Der Sport muss sich seinen Werten bewusst sein und diese leben. Insofern sehe ich auch Chancen in einer Kooperation. Ich nehme im Iran nämlich große Strömungen war, die nach mehr Demokratie und Freiheit lechzen. Es kommt immer darauf an, welche grundsätzlichen Ziele Werder bei einer solchen Kooperation verfolgt und wie ein Engagement im Iran in Praxis umgesetzt wird.

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

effzeh.com: Beim 1. FC Köln ist die Lage sportlich sogar noch etwas bedrohlicher als in Bremen: Der effzeh ging bisher zehnmal als Verlierer vom Platz und ist sowohl in Europa League als auch Bundesliga Tabellenschlusslicht. Wie nimmst du diese Entwicklung in Köln wahr?

Fabian Ettrich: Ich hatte nach dem Abgang von Modeste und der zusätzlichen Belastung durch den Europapokal schon mit einer schlechteren Platzierung in der Bundesliga gerechnet. Durch die Transfers und die Euphorie rund um die Teilnahme am europäischen Wettbewerb, die ich dem FC wirklich herzlich gegönnt habe, hätte ich diesen Saisonstart allerdings nicht vermutet. Ich hoffe, Ihr bekommt die Kurve und behaltet auch Euren Trainer, der dem Verein nach meiner Wahrnehmung mit seiner ruhigen Art extrem gut getan hat. Hoffentlich kommen unsere Vereine schnell wieder in die Spur und entgehen beide dem Abstieg.

effzeh.com: Was hätte aus deiner Sicht in Köln anders laufen können oder müssen?

Fabian Ettrich: Das ist für mich schwer einzuschätzen. Vielleicht hätte man sich offensiv schon früher weiter verstärken müssen. Das eigentliche Problem ist aber das mentale. Ich kann das aus vielen Jahren Abstiegskampf inzwischen leider sagen. Es kommt darauf an, wieder an sich zu glauben und selbstbewusst die Spiele zu bestreiten. Wenn ihr dort wieder hinkommt, kann mit demselben Personal, derselben Taktik und demselben Verletzungspech viel mehr gehen als in der jetzigen Phase. Das euer Kader das Potenzial für mehr als Platz 18 hat, ist unbestritten.

effzeh.com: Kommen wir zum Spiel: Was für eine Partie erwartest du? Was ist dein Tipp?

Fabian Ettrich: Werder siegt 2:1. Für Euch trifft Pizarro.

Teilen:

Der Kommentarbereich ist geschlossen.