Verpflichtet ein UEFA-Wettbewerb zum Patriotismus? Wir glauben eher nicht – und genießen Europa auch ohne Unterstützung durch Fußball-Deutschland.

An diesem Mittwoch ist es soweit: Für die TSG Hoffenheim steht mit dem Rückspiel der Qualifikations-Playoffs in der Champions League in Liverpool das größte Spiel der noch jungen Vereinsgeschichte an. Das Hinspiel verloren die Kraichgauer vor eigener Kulisse mit 1:2, der ehemalige Kölner Mark Uth schoss noch den späten Anschlusstreffer und wahrte seiner Mannschaft somit die Chancen auf die Teilnahme an der Gruppenphase. Wenn um 20:45 Uhr die Champions-League-Hymne in Liverpool ertönt, wird auf vielen Sofas und in den sozialen Medien folgende Frage diskutiert werden: Muss man zwangsläufig einem anderen Bundesligisten die Daumen drücken, wenn dieser in Europa ums Weiterkommen kämpft?

Gibt es einen Zwang zur Unterstützung anderer deutscher Vereine?

Dieser Artikel hat nichts damit zu tun, dass mit Hoffenheim und Liverpool aus Fan-Sicht so etwas wie zwei Anti-Thesen aufeinandertreffen: Auf der einen Seite der durch externes Geld hochgezüchtete Verein ohne große Tradition und Fanbasis und auf der anderen so etwas wie das Auffanglager für Fußballromantiker, der Liverpool FC. Abgesehen davon, dass auch der LFC aus neutraler Sicht ebenfalls ein komplett durchkommerzialisierter Verein ist, gewinnt die Frage aber dennoch an Bedeutung. Gönnt man einem anderen Bundesligisten die Teilnahme an der Champions League? Ist man gar aus irgendwelchen Gründen dazu gezwungen, wie manch einer es bisweilen gerne argumentiert?

Eines vorweg: Wenn der 1. FC Köln in der kommenden Europa-League-Saison an mindestens sechs Partien teilnehmen darf, wird das natürlich in erster Linie diejenigen Fans freuen, die es seit Jahren mit dem effzeh halten und ihn auch durch schwere Zeiten in der zweiten Liga begleitet haben. Es ist davon auszugehen, dass die Kölner Fanszene, egal ob aktiver Ultra oder eher passiver Sofa-Ultra, diese Spiele sehr intensiv genießen wird. Es ist daher vollkommen egal, ob und wie Fußball-Deutschland sich dazu bereiterklärt, dem 1. FC Köln das Weiterkommen zu wünschen oder eben auch nicht – das interessiert in und außerhalb von Köln sowieso niemanden.

Was bringt mir der Erfolg des FC Bayern in der Champions League?

Es ist daher immer etwas unverständlich, wenn man von Fußball-Fans darauf hingewiesen wird, man müsse „die deutschen Teams international unterstützen“, das sei „eine Pflicht“ und insgesamt natürlich auch „gut für die Fünf-Jahres-Wertung“.

Gewiss, wenn der FC Bayern die Champions League gewinnt, bringt dies der Bundesliga immer eine größere Aufmerksamkeit, was die Summen in der Verteilung der Fernseh- und Sponsoren-Gelder zwangsläufig erhöht. Auch die Attraktivität der Liga für ausländische Spieler steigt, wenn der FCB und der BVB regelmäßig auf europäischem Parkett brillieren – oder wie 2013 gar ein deutsch-deutsches Finale bestreiten. Und jeder Sieg einer Bundesliga-Mannschaft verbessert die Ausgangslage in der Fünf-Jahres-Wertung, natürlich. Dazu muss die eigene Mannschaft aber erst einmal unter die besten Sechs in der Liga kommen, um überhaupt davon zu profitieren.

Foto: Shaun Botterill/Getty Images

Man merkt es bereits, die rationalen Argumente können eigentlich nicht dafür sorgen, dass man plötzlich dienstags und mittwochs zum Patrioten wird, wenn Red Bull Leipzig in der Champions League spielt. Vielmehr, und das ist ja das Schöne am Fußball-Fan-Dasein, ist das Verfolgen von Fußball-Spielen immer mit Emotionen verbunden. Die starke Identifikation mit dem Lieblingsverein übertüncht dann bisweilen die erzwungene Sympathie mit einem deutschen Verein in einem UEFA-Wettbewerb. Wenn man einem Verein am Wochenende eine Niederlage wünscht, wieso sollte man auf einmal unter der Woche nach einem Tor jubeln?

Fußball definiert sich durch Emotionen – positiv wie negativ

Hinzu kommt, dass dieser Anflug von nationalistisch angehauchtem Denken „Wir Deutschen gegen den Rest von Europa“ eine sehr starke Befremdlichkeit auslöst. In der Vita eines jeden Fans gibt es natürlich nicht nur den einen Verein, dem man 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche seine Liebe schenkt. Da wäre der heimische Dorf- oder Stadtteilverein, den man alleine aus lokaler Sicht unterstützen muss. Vielleicht gibt es bei manchen Fans, und auch das ist erlaubt, sogar einen Trend zum Zweitverein – das kann dann durchaus ein internationaler Club sein, den man aus irgendwelchen, meist nicht erklärbaren Gründen unterstützt. Eine konkrete emotionale Bindung an einen anderen Verein braucht es in jedem Fall.

Diese ist jedoch nicht gegeben, wenn man sich einzig und allein auf die Tatsache beruft, dass Verein X „ein deutscher Verein ist“ und „die Bundesliga vertritt“. Die Zugehörigkeit zum selben Landesverband kann also nicht dafür sorgen, dass man auf einmal fähnchenschwingend auf dem heimischen Sofa sitzt. Wie dem auch sei: Einen „Zwang“, andere Bundesligisten international zu unterstützen, kann und darf es aus emotionaler Sicht nicht geben. Dennoch wird es, auch in effzeh-Kreisen, vielleicht tatsächlich den ein oder anderen geben, der der TSG Hoffenheim das Weiterkommen wünscht. Wieso? Ist doch klar, man würde gerne selbst mit dem effzeh an die Anfield Road reisen!

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4 Kommentare

  1. Werner Wingenfeld am

    Tut mir leid, aber auf eine hypothetische Annahme einer imaginären Verpflichtung aufbauend wortreich Ressentiments zu wiederholen, das ist ziemlich kleines Karo! Ich empfinde das als unanständig den Spielern der TSG Hoffenheim gegenüber und nicht im Sinne des Fair Play. Ich drücke dem die Daumen zu gewinnen, der an dem Abend den besseren Fußball spielt.

  2. Mich interessiert nur der FC und was die anderen Vereine machen ist mir gelinde gesagt egal. Heute bin ich aber gerade deswegen für Hoffenheim, denn sollten die sich in Liverpool tatsächlich noch für die Champions League qualifizieren, würde der FC alleine aus diesem Topf 2,1 Millionen Euro mehr kassieren, da mit Hertha nur noch ein weiterer deutscher Klub in der Europa League antreten und sich mit Köln die Gelder aus dem Marktpool teilen würde.

  3. Alfons Bierseidl am

    Die heißen Rasenballsport Leipzig! Meinetwegen auch RaBa Leipzig. Aber hört doch auf das Konglomerat mit dem Namen des Getränkeherstellers zu versehen. Genau diese Werbung wollen die doch und das sollte man nicht mitmachen.

    • @ Alfons Bierseidl

      „Genau diese Werbung wollen die doch und das sollte man nicht mitmachen.“

      Da ich nicht annehme, ein FC-Fan würde sich eine Dose Red Bull kaufen, weil RB Leipzig als Red Bull Leipzig bezeichnet wird, habe ich mit der Nennung des Inhabers eines Pseudo-Clubs kein Problem. Eher ist das von den TV-Rechteinhabern bemühte „Rasenballsport“peinlich und kontraproduktiv, wenn vor der Glotze ein Fan sitzt – und kein Event-Otto.