Erst Wochen nachdem der DFB die Regeln beim Videobeweis geändert hat, informiert der Verband die Bundesliga-Clubs. Die Öffentlichkeit erfährt es sogar nur aus der Presse. Das muss Konsequenzen haben. 

Die schwelende Debatte um angebliche Bevorzugungen und persönliche Differenzen bis hin zum Mobbing im Schiedsrichterwesen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hätte in letzter Zeit eigentlich schon ausgereicht, um die Diagnose zu stellen: Frankfurt, wir haben ein Problem. Doch wer geglaubt hat, der Zwist zwischen Schiedsrichter Manuel Gräfe, unterstützt durch den Kollegen Dr. Felix Brych, und den DFB-Schiedsrichter-Bossen Hellmut Krug und Herbert Fandel sei nach dem ohnehin schon in die Hose gegangenen Start des sogenannten „Video Assistant Referee“ (kurz „VAR“, landläufig „Videobeweis“ genannt) bereits der Höhepunkt der Merkwürdigkeiten gewesen, der irrt.

Denn wie der „kicker“ nun aufgedeckt hat, hat man sich in der Frankfurter DFB-Zentrale schon vor einiger Zeit dazu entschlossen, in Sachen VAR kurzerhand die Regeln zu ändern – ohne Öffentlichkeit und Bundesliga-Clubs sofort oder sogar im Vorfeld darüber zu informieren. Am 25. Oktober entschied man sich in der Otto-Fleck-Schneise dann doch noch dazu, wenigstens die Clubs darüber in Kenntnis zu setzen, dass man die Regeln schon vor Wochen geändert hatte.

DFB: Heimliche Regeländerung nach 5. Spieltag

„Klärung grundsätzlicher Fragen im Zusammenhang mit dem Video-Assistent“, ist das DFB-Schreiben an die Bundesliga-Clubs betitelt. „Wir haben nach dem 5. Spieltag eine Kurs-Korrektur vorgenommen, ohne den grundsätzlichen Ansatz des VA-Projekts ‚Eingriff nur bei klarem Fehler‘ in Frage zu stellen“, erklären Lutz Michael Fröhlich und Hellmut Krug. „Bei schwierigen Situationen, in denen die Einordnung der Schiedsrichterentscheidung in die Kategorie ‚Klarer Fehler‘ nicht zweifelsfrei gewährleistet ist, der Video-Assistent aber starke Zweifel an der Berechtigung der Schiedsrichterentscheidung hat, soll er das dem Schiedsrichter unverzüglich mitteilen.“ Sollten sich dabei gravierende Unterschiede in der Wahrnehmung ergeben, könne sich der Schiedsrichter auf dem Platz die Situation noch einmal an der Seitenlinie selbst auf einem Monitor anschauen. „Die Entscheidung, ob ihm ein klarer Fehler unterlaufen ist, liegt dann bei ihm selbst“, schreibt der DFB.

MUNICH, GERMANY - OCTOBER 28: Referee Daniel Siebert looks at the video footage after a foul by Willi Orban of Leipzig (not seen), which results in a red card, during the Bundesliga match between FC Bayern Muenchen and RB Leipzig at Allianz Arena on October 28, 2017 in Munich, Germany. (Photo by Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Und tatsächlich konnte man in den letzten Wochen vermehrt den „Videobeweis“ bei Szenen im Einsatz sehen, die den ursprünglichen und der Öffentlichkeit bekannten Regeln nicht gerecht wurden. Diese wurden vor der Saison prominent kommuniziert und finden sich immer noch in alter Form auf der Website des Verbands. Die Fußballfans und Zuschauer erfahren von der Änderung also nur, weil das DFB-Schreiben wohl bei irgendeinem wenig begeisterten Bundesligisten an den „kicker“ durchgesteckt wurde.

Das wäre auch durchaus nachvollziehbar, schließlich wurden auch die direkt von den Regeln betroffenen Bundesligisten erst verspätet in Kenntnis gesetzt. Wohlgemerkt: Der sechste Spieltag und damit der erste nach der Regeländerung war Ende September, erst kurz vor dem 10. Spieltag und damit vier Wochen später wurden die Teams über die Änderung im Regelwerk informiert. Bis dahin rätselten sie wohl genauso über das, was die Schiedsrichter und ihre Video-Assistenten in ihrem lustigen Bundesliga-Testlabor da so treiben, wie der geneigte Zuschauer. Eine bodenlose Frechheit des irrlichternden Verbandes.

Den ganzen Irrsinn in einen Satz gepresst

Doch wer nun immer noch nicht überzeugt davon ist, dass das deutsche Schiedsrichterwesen offensichtlich im Eimer ist, der kann sich das Resümee im Schreiben von Krug und Fröhlich auf der Zunge zergehen lassen: „Wir glauben mit dieser Kurs-Korrektur einen weiteren positiven Ansatz zu Anerkennung und Umsetzung des Themas ‚Video-Assistent‘ geleistet zu haben“, heißt es da. Nein, das ist kein Witz. Und ja, mit der Realität ist das so eine Sache – jeder hat seine eigene.

Außerhalb des selbstbesoffenen Deutschen Fußball-Bundes würde man derzeit aber wohl eher im Rücktritt der Herrschaften Fandel, Krug und Fröhlich einen „positiven Ansatz“ erkennen können. Noch besser wäre, das Schiedsrichterwesen direkt aus der amateurhaften DFB-Umgebung zu hieven und es zum Beispiel als gemeinsame Tochter der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und des DFB als ausbildenden Verband zumindest in der Bundesliga endlich zu professionalisieren.  Da für letzteres aber ohnehin ersteres notwendig erscheint, wären Konsequenzen in Frankfurt auf jeden Fall schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung.

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