Doch vor allem die Kölner Anhänger waren maßgeblich daran beteiligt, dass eine schwierige Situation nicht noch schwieriger wurde. Überaus geduldig warteten die Beteiligten trotz völlig misslungener Kommunikation der Verantwortlichen und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Unruhe aufgrund des nahenden Anstoßes? Fehlanzeige. Genauso wirkten die Capos der Ultras mäßigend auf ihre Schützlinge ein. Immer wieder versuchten sie per Megaphon-Durchsagen die Szenerie zu beruhigen. Angesichts der Naivität, mit der die Verantwortlichen mit den effzeh-Fans umgingen, ist nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn dort wirklich ein tausende Fäuste starker Gewaltmob sein Unwesen getrieben hätte.

Auch wenn die von einigen Medien geschilderten Horrorgeschichten ein anderes Bild vermittelten: Es war wirklich kaum ein Problem, dass der 1. FC Köln mit seinem Anhang das Stadion kaperte. Hier und da wurden effzeh-Fans in den Heimbereichen entfernt, es gab mitunter wüste Pöbeleien gegenüber den Gästen. Nicht die feine englische Art, aber verständlich: Während bei uns selbst bei Derbys noch rivalisierende Anhänger friedlich im Stadion nebeneinander sitzen, ist strikte Fantrennung auf der Insel Gang und Gäbe. Kulturelle Unterschiede, bedingt durch schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit.

LONDON, ENGLAND - SEPTEMBER 14: FC Koeln fans are held by police ahead of arriving at the Emirates Stadium prior to the UEFA Europa League group H match between Arsenal FC and 1. FC Koeln at Emirates Stadium on September 14, 2017 in London, United Kingdom. (Photo by Dan Mullan/Getty Images)

Foto: Dan Mullan/Getty Images

Tausende ohne Tickets im Stadion? Bullshit!

Doch die Trennung zwischen Gäste- und Heimbereich war an diesem Donnerstagabend ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür hatte Arsenal fast im Alleingang gesorgt: Während die eigene Anhängerschaft wenig Lust auf ein Duell gegen den glorreichen 1. FC Köln verspürte, versuchten die Kölner Schlachtenbummler alles, um diese historische Partie im Emirates verfolgen zu können. Auf vielerlei Wegen hatten sich die effzeh-Fans eingedeckt, wie selbst Arsène Wenger anerkennend eingestehen musste. „Sie waren sehr clever“, sagte der Arsenal-Coach. Keinesfalls war es aber so, dass tausende Kölner Supporter ohne Ticket den Weg ins Emirates fanden.

Das ist, mit Verlaub, Bullshit. Ob Schwarzmarkt, gute Kontakte, viel Geld oder äußerst tolerante Stewards: Es fanden sich immer Mittel, auf normalem Weg einen begehrten Platz im Stadion zu finden. Als Gerüchte umherwaberten, an den Eingängen würde hart kontrolliert werden, wer Arsenal-Fan sei und wer nicht, stürmten einige Anhänger Richtung Fanshop und kleideten sich neu ein. Auch Smartphone-Wallpaper wurden geändert, manche trainierten sich mühsam einige Sätze an, um Stewards im Notfall überzeugen zu können. Die Sehnsucht findet immer Mittel und Wege.

Lehrstunde in Leidenschaft und Vereinsliebe

So kam es im Stadion zum Aufeinanderprallen zweier Welten, die unterschiedlicher kaum sein können. Auf der einen leidenschaftliche Anhänger, die vor Stolz fast platzten und ihre Vereinsliebe lautstark heraussangen. Eine bunt-gemischte Fankultur, die sich zum Ziel gesetzt hat, ihr Team bedingungslos nach vorne zu peitschen. Die mitunter auch Grenzen überschreitet und die falschen Wege sucht. Einfach jeck eben. Auf der anderen Seite dagegen das, was die Kommerzialisierung im englischen Fußball von der einstigen Leidenschaft übrig ließ. Pizza essen im Stadion, gesittet sitzen und vielleicht ein, zwei Schlachtrufe pro Halbzeit. Domestiziert, auf Hochglanz poliert. Kundschaft statt Fans.

Es wurde eine Lehrstunde in Sachen Fußballsupport. Ein lautstarkes Statement der Kölner Fans. In England hat man neidisch hingeschaut und hingehört, von den Arsenal-Fans kam anerkennende Zustimmung. So mancher „Gunner“ hätte uns am liebsten nicht mehr gehen lassen und für die nächsten Heimspiele gebucht. Mancher erklärte die Stimmung im Emirates sogar zur besten, die es dort jemals gegeben habe. Auch vom Kontinent kamen erstaunte Reaktionen – nun weiß ganz Europa, wer der 1. FC Köln ist. Das war ein schöner Nebeneffekt an diesem Donnerstagabend, aber nicht die Hauptsache. Für uns war es einfach nur der beste Tag in unserem Leben. Was will man mehr?

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