ANZEIGE
ANZEIGE

Sébastien Louis: Ein luxemburgischer Ultra-Forscher

Wenn man verstehen möchte, wie die Ultra-Bewegung in Europa entstehen konnte, sollte man sich ein Ende November auf Französisch erschienenes Buch durchlesen. Dessen Autor Sébastien Louis stammt ursprünglich aus Luxemburg und hat an der ortsansässigen Universität vor kurzem als Historiker ein neues Standardwerk herausgebracht. Dieses Buch trägt den Titel „Ultras – Les autres protagonistes du football“ (Ultras – die anderen Protagonisten des Fußballs). Bereits am Titel ist zu erkennen, dass Louis eine ultra-affine Position einnimmt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er zwischen 1994 und 2007 selbst ein Teil der Marseiller Ultra-Gruppierung „Commando Ultra 84“ gewesen war.

Gegenüber der französischen Tageszeitung „Libération“ und dem Fußballmagazin „SoFoot“ äußerte sich Louis nun zu seinem Buch, der Entwicklung der Ultra-Bewegung in Europa und über die Faszination, die eine Auseinandersetzung mit dieser jugendlichen Gegenkultur mit sich bringt. Sein Werk ist deshalb interessant, weil es die historisch-politisch-soziologische Perspektive mit den Erfahrungen eines Ultras vermischt und daher ein hohes Maß an Authentizität aufweist – Louis betont, dass ihm die Kenntnis der Sprache, der Verhaltensweisen und der Personen im Ultra-Milieu dabei geholfen hätten, akzeptiert zu werden und seine Recherchen machen zu können.

Ultras: Hervorgegangen aus politischen Bewegungen in Italien

Seine erste eigene Stadion-Erfahrung hätte in ihm das Interesse ausgelöst, sich tiefergehend mit dem Thema auseinanderzusetzen – auch die Lektüre von zwei französischsprachigen Werken zum Fußballfan-Sein hätte geholfen. Seine eigene Recherche habe ihn dann vermehrt nach Italien getrieben, wo das Phänomen „Ultra“ geboren worden sei: „Je mehr ich das Thema studierte, desto mehr Sinn ergab es, dass es mit der derzeitigen Situation Italiens zusammenhängt“, konstatierte Louis gegenüber „SoFoot“.

Für ihn sei das Wort „Ultra“ in erster Linie einem politischen Kontext zuzuschreiben, wie er im Libération-Interview beschreibt. Einige Sportjournalisten hätten Anfang der 1960er Jahre den Begriff von ihren Kollegen aus dem Politik-Ressort übernommen, wo mit „Ultras“ vorher Extremisten beschrieben wurden, die politische Ziele verfolgten. Während der Saison 1970/1971 hätten dann junge Fans von Sampdoria Genua für ihre Gruppierung einen Namen gesucht – sie wählten schließlich das Wort „Ultra“ aus. Das unterstrich, so Louis, was sie gerne sein würden – Extremisten für Sampdoria Genua. Weiterhin geht Louis darauf ein, wie die Ultra-Bewegung überhaupt erst entstehen konnte.

1968: Beginn der Ultra-Bewegung als Protest

Bezugnehmend auf die Entwicklungen der 68er-Revolution und den politischen und sozialen Zustand im Land Italien kommt Louis zu folgendem Schluss: „Zwischen 1967 und 1972 wurde die Ultra-Bewegung geboren. Es gibt kein genaues Datum, weil die ersten Ultras nicht wussten, dass sie dabei waren, eine neue Art und Weise des Fan-Seins zu entwickeln. Eine neue Kultur entwickelte sich auf den Tribünen, diese ist mit der 1968er-Generation verbunden. Die Baby-Boomer stellten die herkömmlichen Strukturen der Vereine in Bezug auf ihre Fans in Frage.

Foto: Francesco Pecoraro/Getty Images

Die erste Inspiration dabei sei, wie so häufig bei jugendlichen Subkulturen, das Vereinigte Königreich gewesen. Mit dem Aufkommen des Hooliganismus, der insbesondere durch den Europapokal auch auf dem Kontinent seine Verbreitung fand, veränderten sich die Praktiken der europäischen Fußball-Fans. Insbesondere, so Louis, hätte die Hooligans charakterisierende Aggressivität verführend auf die Ultras gewirkt. Aber neu war auf jeden Fall auch, dass im Stadion ein Meer aus Schals zu sehen war und aktuelle Popsongs, umgedichtet auf den jeweiligen Verein, gesungen wurden.

Ultras beeinflusst von beiden politischen Lagern

Eine weitere Einflussgröße war die damalige Situation im Land. Der politische Kontext in Italien war zu dieser Zeit extrem aufgeheizt, die Studentenunruhen seien gerade erst beendet gewesen, als die ersten Anschläge das Land erschütterten, wie Louis gegenüber „Libération“ beschreibt. „Die Spannungen und der Konflikt eroberten die Öffentlichkeit, wo sich militante Aktivisten gewalttätig gegenüberstanden“, ergänzt er. Die ersten Ultras in Italien seien von dieser Militanz fasziniert gewesen und hätten einige Elemente übernommen. Die eigentliche politische Revolution der jungen Generation scheiterte, doch konnten sich die Jugendlichen laut Louis immerhin in zwei Bereichen durchsetzen: einmal in den selbstverwalteten sozialen Zentren der Städte – und in den Kurven.

ANZEIGE

Zu jener Zeit war die politische Linke in Italien ein wenig stärker, ein Jahrzehnt später änderte sich dies jedoch und die Rechte übte Einfluss auf die Entwicklung der Ultra-Gruppierungen aus. Seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre seien auch neofaschistische Tendenzen in Italiens Kurven zu finden gewesen, wie Louis erklärt. „Bei Inter zum Beispiel ergänzten die ‚Boys’ ihren Gruppennamen mit dem Zusatz ‚SAN’, was für eine neofaschistische Terroreinheit stand.“

Auf der nächsten Seite: Ultras als wichtige europäische Jugendkultur

1 2 3 4
Teilen:

1 Kommentar

  1. Danke für den interessanten Artikel und den Buchhinweis! Das einzige was mich an Ihrem Artikel stört, Herr Steinberg, ist das von Ihnen oft benutzte Wort „Fan-Kultur“. Wenn ich ins Stadtion gehe und anfeuere, Beifall klatsche, mich mitfreue und mitleide, ist das „Kultur“? Ich gehe halt ins Stadtion und mache mit, mehr nicht. Wenn ich in der Pause eine Curry-Wurst esse, ist das „Kultur“? Ich esse halt eine Curry-Wurst, mehr nicht. Wenn ich nach dem Spiel mit meinen Kumpels in der Kneipe das Spiel diskutiere und zusammen mit denen feiere, ist das „Kultur“? Ich bin halt mit meinen Kumpels in der Kneipe, mehr nicht. Wenn ich dann zwischendurch mal auf den Klo gehe und dort Stuhlgang habe, ist das „Kultur“? Ich gehe halt auf den Klo, mehr nicht.
    Verstehen Sie? Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen. Beim Reden über die „Fan-Kultur“ gefällt mir der gehobene Ton nicht. Der hört sich in meinen Ohren ein wenig überheblich an. Wie heißt es manchmal im Laden: „Darf es auch ein bisschen weniger sein?“