Der Vertrag von Matthias Lehmann wurde kürzlich erneut verlängert – damit trägt der 1. FC Köln auch seiner großen Bedeutung für die Balance des effzeh-Spiels Rechnung.

Wenn es bei einer Fußballmannschaft nicht läuft, wird vieles hinterfragt. Die Aufstellung sei schuld, meinen die einen. Die Einstellung fehle, meinen die anderen. Manchmal geht man sogar einen Schritt weiter und analysiert die Kaderplanung, die Kompetenz auf der sportlichen Führungsebene oder das Binnenklima in der Mannschaft. Manchmal richtet sich die Kritik an einzelne Spieler, was auch in Köln leider nicht ausbleibt.

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Vor nicht allzu langer Zeit erwischte es meist den Japaner Yuya Osako, der bei den Fans einen schweren Stand hatte. Das Trainerteam jedoch hielt ihn von jeglicher internen Kritik fern, baute weiter auf ihn und betonte seine Stärken. Mit der Zeit konnte sich Osako dann festspielen, in Form kommen und insbesondere in der letzten Saison seine Bedeutung für das Spiel des 1. FC Köln unterstreichen.

Auch Osako trifft die Kritik

Dass aber in Phasen, in denen es dann nicht läuft, einigen Spielern auf einmal die Bundesliga-Tauglichkeit abgesprochen wird, hinterlässt einen dann doch fragend. Gewiss, Yuya Osako ist derzeit nicht in Topform – aber wer ist das beim effzeh aktuell schon? In der Hierarchie der Offensivspieler ist der Japaner aber nach wie vor nicht wegzudenken, schließlich ist er der Prototyp eines zweiten Stürmers oder verkappten Zehners. Dazu sind seine Fähigkeiten speziell in den Bereichen Ballverarbeitung, Spielintelligenz und Umschaltverhalten zu groß, auch wenn aktuell nicht viel zu funktionieren scheint.

Ähnlicher Kritik sieht sich derzeit effzeh-Kapitän Matthias Lehmann ausgesetzt, der nach seiner Verletzung in die Startelf in Leverkusen zurückkehrte. Zuvor hatten Milos Jojic und Salih Özcan den 34-Jährigen ersetzt, in ihre Amtszeit als Doppelsechs fielen die Niederlage in Baryssau, das Unentschieden gegen Bremen und der Pokalerfolg in Berlin.

COLOGNE, GERMANY - AUGUST 25: Matthias Lehmann of Koeln looks disappointed during the Bundesliga match between 1. FC Koeln and Hamburger SV at RheinEnergieStadion on August 25, 2017 in Cologne, Germany. (Photo by Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images)

Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Mit Lehmanns Rückkehr in die Startelf ging das zarte Pflänzchen des Aufschwungs beim effzeh dann auch wieder ein, die Mannschaft verlor völlig verdient mit 1:2, auch weil man insbesondere nach der Pause die Ordnung verlor und Leverkusen nicht mehr entschieden genug verteidigen konnte. Fortan kamen dementsprechend viele Fragen auf, warum denn Lehmann in die Startelf zurückgekehrt sei und nicht wie bereits zuvor Özcan und Jojic im zentralen defensiven Mittelfeld aufgelaufen seien. „Never change a winning team“, heißt es doch nämlich. So einfach ist die Sache allerdings leider nicht.

Welche Spielertypen spielen auf welcher Position?

Um das Ganze ein wenig näher auszuleuchten, ist es wichtig, sich erst einmal mit den Begriffen Spielsystem und Spielertypen auseinanderzusetzen. Häufig wird davon gesprochen, dass es entscheidend für das Auftreten einer Mannschaft sei, in welcher Grundformation sie antrete – unterschieden wird dann zwischen 4-4-2, 4-3-3 oder auch 5-3-2.

Dass man diese Formationen im Vergleich mit anderen Mannschaften nicht schablonenartig übereinanderlegen kann, liegt in erster Linie daran, dass jeder Trainer anderes Spielermaterial zur Verfügung hat und dementsprechend seine Mannschaft aus verschiedenen Spielertypen zusammenstellen muss. Wie eine Mannschaft dann auftritt, wie das Verhältnis zwischen Offensive und Defensive, Ballbesitz und Kontern dann aussieht, hängt also in wesentlichem Maße davon ab, welche Spielertypen auf den verschiedenen Positionen eingesetzt werden.

Dazu ein Beispiel: Frederik Sörensen lief am Wochenende beim 1. FC Köln als Rechtsverteidiger auf, der Däne konzentriert sich in erster Linie auf seine Aufgaben in der Verteidigung und erledigt dies auch meistens zuverlässig. Diese Position bekleidete in der Vergangenheit auch schon Marcel Risse, der jedoch ein ganz anderer Spieler ist – die Auswahl eines Spielers ist daher entscheidend für die Balance in einer Mannschaft. Schaut man sich die Kaderplanung beim 1. FC Köln an, fällt auf, dass mit Matthias Lehmann und Marco Höger lediglich zwei reine Sechser im Kader stehen.

Cologne's midfielder Matthias Lehmann and Frankfurt´s midfielder Kevin-Prince Boateng vie for the ball during the German First division Bundesliga football match 1.FC Cologne vs Eintracht Frankfurt in Cologne, western Germany, on September 20, 2017. / AFP PHOTO / PATRIK STOLLARZ (Photo credit should read PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images)

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Höger kommt einem reinen Sechser noch am nähesten

Das Anforderungsprofil der Position trifft auch auf den ehemaligen Schalker Höger zu, der allerdings bei Stöger eher als dynamischer Box-to-Box-Spieler gesehen wird und damit häufiger die Offensive unterstützt. Högers raumgreifendes Spiel eignet sich dann eben nicht dazu, den zentralen Raum vor der Viererkette zu schützen. Momentan spielt Höger sowieso keine große Rolle in den Planungen von Stöger: Letztmals stand er Ende September gegen Frankfurt in der Startelf, seit zwei Wochen fehlt er mit einer Muskelverletzung.

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Deshalb kann Höger sogar auf der Acht zum Einsatz kommen, was jedoch auch bedeutet, dass Lehmann der einzige Spieler im Kader ist, der sich in tiefen Bereichen des Spielfelds richtig wohlfühlt. Entscheidend ist nämlich, wie die Stärken eines jeden Spielers zu den Prinzipien des Trainers passen.

Jojic und Özcan sind beides keine Sechser

Dass Jojic und Özcan diese Aufgabe in zwei Partien zuletzt zumindest einigermaßen lösten, kann daher nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie beide einfach keine Dauerbesetzung für diese Position sind. Dazu waren beide Spiele, das muss man fairerweise anerkennen, auch einfach zu schlecht, was die Leistung des effzeh betraf. Gegen Bremen tat man sich lange Zeit extrem schwer, was im Endeffekt in einem torlosen Unentschieden mündete.

Und auch der Sieg in Berlin war in der Entstehung eher glücklich: Der effzeh ging durch eine Zufalls- und eine Standardsituation in Führung, die Impulse aus dem defensiven Mittelfeld waren allerdings überschaubar. Gegen spielstärkere Mannschaften, bei denen die Innenverteidigung des effzeh noch mehr hätte geschützt werden müssen, wäre das Duo Jojic-Özcan heillos überfordert gewesen. Beide haben naturgemäß Schwierigkeiten damit, die Räume zu schließen und die Verbindung zwischen Innenverteidigung und erster Linie zu wahren.

COLOGNE, GERMANY - NOVEMBER 21: Manager Peter Stoeger of Cologne (C) talks to Matthias Lehmann after the Bundesliga match between 1. FC Koeln and 1. FSV Mainz 05 at RheinEnergieStadion on November 21, 2015 in Cologne, Germany. (Photo by Juergen Schwarz/Bongarts/Getty Images)

Schon lange ein Team: Lehmann und Stöger |Foto: Juergen Schwarz/Bongarts/Getty Images

Doch zurück zu Lehmann: Dessen Trainer Peter Stöger ist jetzt nicht wirklich als Offensivpapst bekannt, weswegen sein Kapitän seit jeher eine wichtige Rolle im Kader des effzeh einnimmt. Seit seinem Wechsel in die Domstadt im Jahr 2012 absolvierte Lehmann 169 von 199 möglichen Spielen – das macht eine Quote von beeindruckenden 85 Prozent. Passend zu Louis van Gaals Motto „Müller spielt immer!“ kann man also beim effzeh sagen: „Lehmann spielt immer!“.

Das mag den einen besser passen, den anderen weniger – eine echte Alternative zu ihm gibt es eben einfach nicht. Mit Jonas Hector, Salih Özcan und Milos Jojic kamen in der Vergangenheit jede Menge Quereinsteiger im defensiven Mittelfeld des effzeh zum Einsatz, die ihre Aufgaben mal mehr, mal weniger zufriedenstellend lösten. Während Jonas Hector vom Naturell her ein dominanter Linksverteidiger ist, ist Salih Özcan (aktuell) eher noch ein Achter und kein reiner Sechser.

Die wirklich guten Sechser sind in der Bundesliga rar geworden

Für Milos Jojic müsste eine Position eigentlich noch erfunden werden, da der Serbe so zwischen Zehner, Achter und offensivem Außenspieler hin und her diffundiert. Für das Zentrum ist Jojic allerdings nicht beweglich, schnell oder dynamisch genug. Der letzte „echte“ Sechser des effzeh verließ den Verein im Sommer 2016 gen Hoffenheim – Kevin Vogt kommt dort mittlerweile in der Innenverteidigung zum Einsatz.

Damit reiht er sich ein in die Liste an ehemaligen defensiven Mittelfeldspielern, die in der Bundesliga mittlerweile im Zentrum einer Dreierkette spielen. Ähnlich geht es Hasebe in Frankfurt und Schuster in Freiburg. Vom Profil her hätte es eventuell noch Yannick Gerhardt schaffen können, zu einem dominanten Sechser in Köln zu werden – der Linksfuß entschied sich aber für einen Wechsel nach Wolfsburg.

STUTTGART, GERMANY - OCTOBER 13: Orel Mangala of VfB Stuttgart is challenged by Mathias Lehmann of 1.FC Koeln during the Bundesliga match between VfB Stuttgart and 1. FC Koeln at Mercedes-Benz Arena on October 13, 2017 in Stuttgart, Germany. (Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Lässt man den Blick durch die Bundesliga schweifen, fällt auf, dass in gewisser Weise die Position des Sechsers häufig vakant bleibt oder von Spielertypen besetzt wird, die eigentlich aus einer anderen Position kommen. Die herausragenden „echten“ Sechser in der deutschen Eliteklassen sind Sebastian Rudy und Julian Weigl, die beide bei den Branchenriesen aus München und Dortmund spielen.

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Der beste Sechser eines „Mittelklassevereins“ ist der Augsburger Daniel Baier, der aus der Tiefe das Spiel seiner Mannschaft bestimmt und dabei für die Balance zwischen Offensive und Defensive verantwortlich ist. Momentan vollzieht sich beim FC Schalke ein interessantes Experiment, da Domenico Tedesco darauf beharrt, mit Max Meyer einen kombinationsstarken Mittelfeldspieler alleine auf die Position des Sechsers zu stellen – bislang löst der Blondschopf diese Aufgabe allerdings gut.

Matthias Lehmann: Die einzig echte Option auf der Sechs

Doch kommen wir zurück zum 1. FC Köln und Matthias Lehmann. Peter Stöger hat in den vergangenen Jahren unter Beweis gestellt, dass es für ihn von großer Bedeutung ist, dass zumindest einer der beiden Sechser ganz klar den defensiveren Part übernimmt. In den besagten 169 Spielen brachte Lehmann die notwendige defensive Solidität, woraufhin der 1. FC Köln und auch Lehmann einen bemerkenswerten Aufstieg verzeichneten. Aus der zweiten Liga heraus schaffte man es in den Europapokal, die Gegenwart sieht allerdings Abstiegskampf für den 1. FC Köln vor. Lehmann wird also seine Zweikampf-, Lauf- und Organisationsstärke einbringen müssen, damit der effzeh irgendwie die Klasse halten kann.

Warum Lehmann also „immer“ spielt, hat daher einen Grund: Er ist der einzig echte defensive Sechser im Kader. Das spricht nicht nur in der aktuellen Situation für den Routinier. Und er ist der einzig echte defensive Sechser im Kader. Diese Perspektive lässt allerdings die Kaderplanung des 1. FC Köln in keinem besonders guten Licht erscheinen.

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2 Kommentare

  1. „Never change a winning team“
    Dies richtet sich überhaupt nicht gegen Lehmann, im Gegenteil ich teile die in diesem Artikel dargestellte Auffassung!
    Der Hintergrund ist ein rein psychologischer. Um den positiven Effekt des Pokalspiels direkt in das BL-Spiel zu transferieren, hätte sich dieselbe Mannschaft auf dem Platz wiedertreffen müssen. Das derzeitige Problem ist doch nicht der Wille und nur bedingt das Spielsystem, die Spielertypen oder die Balance, sondern entscheidend ist zur Zeit das nötige Selbstbewußtsein und die Sicherheit vor dem Tor. Das Gefühl mit exakt den Mannschaftskollegen auf dem Platz zu stehen, mit denen man ein paar Tage vorher 3 Tore erzielt hat, ist durch nichts zu ersetzen. Die derzeitige Situation ist rational nicht zu erschließen, umso wichtiger ist jede psychologische Hilfe.

  2. Heinz Altenkemper am

    Das können oder nicht können der einzelnen Spieler in Frage zu stellen ist ja jetzt wohl müßig. Durch das Verletzungspech der Manschaft bleibt Herrn Stöger doch garnichts anderes übrig. Entschuldigung wenn ich den Artikel mit meiner Äußerung nicht wieder spiegele aber ich bin eh bei der Hälfte schon ausgestiegen. Stöger geht mit seinem Tun doch nur wieder zurück zu den Wurzeln des vergangenen Erfogs. Dabei bindet er so gut es geht die neuen, jungen Spieler mit ein. Gepaart mit den erfahrenen wie einem Maroh oder Lehmann ergiebig das eine Solide Basis. Keine Frage es wird mehr als eng diese Saison aber es besteht noch ein Funken Hoffnung.