Vor dem so bedeutungsvollen Heimspiel gegen Werder Bremen scheint die Stimmung beim 1. FC Köln zu kippen. Auch beim effzeh ist der Herbst angekommen. Dazu ein etwas anderes Vorspiel.

Alleen eingetaucht in rot-gelb-goldenen Farben, herabfallende Blätter, angestrahlt von den letzten, intensiven Sonnenstrahlen des Sommers. Es ist Herbst. Wer in den letzten Wochen über Straßen, durch Parks und durch Wälder wanderte, der wird ihn eindrucksvoll in seiner Reinform erlebt haben.

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Während sich der Herbst in der Landschaft von seiner schönen Seite zeigt, offenbart er sich für alle Fans des 1. FC Kölns derzeit sportlich von seiner hässlichsten Seite. Der eigentlich doch wunderbarste Verein der Welt geht mit den Jahreszeiten. Im April und Mai blühte der Verein so schön wie seit etlichen Jahren nicht mehr, im Oktober ist davon nur noch verdammt wenig übrig.

Herbst in Stadt und Verein

Autumn leaves under frozen souls
Hungry hands turning soft and old*

Die Erfolge aus der letzten Saison liegen bleischwer in der kölschen Fanseele. Der Platzsturm von Mainz erscheint einerseits noch lebhaft vor den eigenen Augen, andererseits scheint er schon Millionen Jahre entfernt zu sein. Die Erfolge aus der letzten Saison haben hungrig gemacht, hungrig nach mehr. Doch die ersten Trips nach Europa, durch die sich für tausende junge und ältere kölsche Fans ein Lebenstraum erfüllt hat, sind knapp ein halbes Jahr nach dem Einzug in den Europapokal sportlich ein tonnenschwerer Ballast für den abgeschlagenen Tabellenletzten der Bundesliga geworden.

Foto: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Die Erfolge aus der letzten Saison dienen höchstens noch als beispielhaftes Gegenbild, um zu verdeutlichen, wie schnelllebig und unerbittlich der Fußball sein kann. Mit einem Punkt und einem Torverhältnis von 3:17 empfängt der Vorjahresfünfte aus Köln den letztjährigen Rückrundenvierten aus Bremen, der ebenfalls nur vier Zähler auf dem eigenen Konto hat.

Auf der Suche nach Hoffnung

My hero crying as we stood out there in the cold
Like these autumn leaves I don’t have nothing to hold

Der kölsche Auftritt in der weißrussischen Kälte erwärmte die Herzen seiner gut 1000 mitgereisten Fans einmal mehr nur marginal. Wieder einmal standen ratlose Kölner Spieler nach einer weiteren unglücklichen Niederlage vor ihren Fans. Der kölsche Auftritt in der weißrussischen Kälte macht auch nur wenig Grund zur Hoffnung. Zahlreiche vielversprechende Schusspositionen erarbeitete sich der effzeh. Was folgte, waren allerdings klägliche Abschlüsse, die Borisov-Keeper Scherbitski stets festhalten konnte, ohne sich zu bewegen.

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Lediglich Simon Zoller sorgte mit seinem Kopfball für Gefahr, ansonsten ließen die Gäste auch vielversprechende Chancen so aussehen, als seien sie keine wirklich guten Gelegenheiten, weil der Abschluss einfach zu schwach war, während hinten einmal mehr eine Verkettung unglücklicher Umstände und eigener Unzulänglichkeiten zum Gegentor führten.

Gute Miene zum verlorenen Spiel

Handsome smiles wearing handsome shoes
Too young to say, though I swear he knew

Beachtlich ist, dass in Köln noch immer ruhig weitergearbeitet wird. Das hätte es in früheren Jahren nicht gegeben. „Ich habe uns nicht so schlecht gesehen, es war soweit okay“, sagte Trainer Peter Stöger nach dem Spiel in Borisov. Er hatte Ähnliches schon nach den letzten fünf Spielen gesagt.

COLOGNE, GERMANY - OCTOBER 01: FC Kaoeln Manager / Head Coach, Peter Stoger looks on during the Bundesliga match between 1. FC Koeln and RB Leipzig at RheinEnergieStadion on October 1, 2017 in Cologne, Germany. (Photo by Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images)

Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images

Egal ob in Stuttgart, gegen Leipzig oder Belgrad – es war nicht schlecht, es war okay. Gute Miene zum letztlich doch verlorengegangenen Spiel. Immer wieder fehlte ein bisschen und nach dem 0:1 in Borisov kamen erstmals „Schmadtke raus“-Rufe aus der Gästekurve. Der Vorwurf, dass der Geschäftsführer Sport nach der Transferpolitik des Sommers eine derartige Torflaute eigentlich hätte kommen sehen müssen, ist nicht neu und auch vor dem Bremen-Spiel noch aktuell.

Viele Worte, noch mehr Krise

And I hear him singing while he sits there in his chair
While these autumn leaves float around everywhere

In der Länderspielpause zeigten sich die Kölner Verantwortlichen, allen voran Jörg Schmadtke, sehr redselig und der Manager machte gerade auf dem Stuhl in Wontorras Talk einen reflektierten Eindruck.

Dass der effzeh auch seinen Kredit bei den Fans mit jeder Niederlage weiter verspielt, können aber auch alle noch so wahren Worte der Verantwortlichen nicht ändern. Die Geißböcke sind fast schon ein wenig unbemerkt in eine Krise gerutscht, deren Ausmaß mittlerweile riesige Züge angenommen hat. Der kölsche Fußballherbst ist bitterkalt und stürmisch. Die Sonnenstrahlen der letzten Spielzeit sind mittlerweile komplett erloschen und es wird immer ungemütlicher.

Unmut der Fans wächst

And I look at you, and I see me
Making noise so restlessly

Dass es immer ungemütlicher wird, liegt auch daran, dass die Stimmung unter den Fans langsam kippt. Beinahe klaglos haben die Anhänger die beispiellose Niederlagenserie hingenommen, ihren Verein und ihr Team bedingungslos unterstützt.

FC Cologne's fans support their team during the UEFA Europa League Group H football match between FC BATE Borisov and FC Cologne in Borisov outside Minsk on October 19, 2017. / AFP PHOTO / Maxim MALINOVSKY (Photo credit should read MAXIM MALINOVSKY/AFP/Getty Images)

Foto: MAXIM MALINOVSKY/AFP/Getty Images

Doch all die Gesänge, all die Stimmung schien dem Team nie Sicherheit zu geben. Und nach dem dürftigen Auftritt in Weißrussland beschwerten sich die hartgesottenen Fans erstmals. Sie waren über 1700 Kilometer gereist, mitten in der Woche, in ein Land, das nicht einfach so per Billigflieger zu erreichen ist. Dann sahen sie einmal mehr, wie ihr Team gerade in der letzten halben Stunde nur noch wenig gegen eine weitere Niederlage tat und tun konnte.

Auch Werder Bremen in misslicher Lage

But now it’s quiet and I can hear you sing
‚My little fish don’t cry, my little fish don’t cry‘

Erstmals war es auch zur Konfrontation zwischen Fans und Team gekommen. Peter Stöger meint trotzdem: „Bei allem Verständnis dafür, dass sie auch hadern mit der Situation und nicht zufrieden sind, wie wir uns momentan präsentieren, glaube ich, dass die Unterstützung gegen Bremen vom Start weg zu 100 Prozent da sein wird.“

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Das Duell gegen Werder ist ein absolut entscheidendes. Den Bremern, letzte Saison ebenfalls fast noch in die Europa League eingezogen, geht es derzeit nur unwesentlich besser. Die Frage ist nun: Dient der effzeh den Nordlichtern ebenfalls als Aufbaugegner, oder kann er endlich seinen ersten Sieg einfahren?

Heimpleite des effzeh wäre fatal

Autumn leaves are fading now
That smile I lost, well I’ve found somehow
Because you still live on in my father’s eyes

Eine neuerliche Heimpleite wäre in vielerlei Hinsicht fatal. Der Rückstand auf den ärgsten Widersacher würde auf sechs Punkte anwachsen, das psychisch mittlerweile sowieso fragile Team könnte endgültig die Hoffnung in Besserung verlieren und in Köln würde es endgültig wieder unruhig werden.

Ein eherner kölscher Grundsatz besagt aber schließlich: „Et hätt noch immer jot jejange“. An viel mehr als an diese Floskel kann man sich in Köln derzeit auch nicht klammern – zu hoffnungslos wirkt die Situation.

Goldener Herbst? Stögers Team hat es selbst in der Hand

These autumn leaves, all these autumn leaves
All these autumn leaves are yours tonight

Letztendlich hat es nur das Team von Peter Stöger selbst in der Hand, endlich wieder für positive Schlagzeilen zu sorgen. Vielleicht auch mit Neuzugang und Werder-Legende Claudio Pizarro erstmals in der Startelf, vielleicht auch mit dem noch immer angeschlagenen Kapitän Matthias Lehmann. Sicherlich aber mit dem Willen, so etwas wie einen goldenen Herbst einzuläuten.

*Auf seinem 2006 erschienenen Debütalbum „These Streets“ veröffentlichte der schottische Songwriter Paolo Nutini den Song „Autumn“, aus dem die Zeilen stammen. Das Lied schrieb er für seinen verstorbenen Großvater. Auch wenn es sich der Autor des Textes nicht anmaßen will, den Verlust eines geliebten Menschen mit der schlechten Phase eines Fußballvereins gleichzusetzen, fasst die Stimmung des Liedes die Stimmung der kölschen Fanseele eben doch irgendwie gut zusammen.
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