Der 1. FC Köln holt beim DFB-Pokalspiel gegen Berlin den ersten „richtigen Saisonsieg“ und zeigt, was wirklich spürbar anders an diesem Verein ist.

Wer selbst einmal Fußball gespielt hat, weiß, worum es geht. Und wenn es einem selbst passiert, dann weiß man auch, dass dieses Gefühl absolut süchtig macht. Taktik, Defensivarbeit, Zweikampfverhalten, das ist ja alles gut und schön. Aber seien wir ehrlich. Ob als I-Dötzchen bei den Bambinis, mit dem lokalen Club in der Kreisliga, mit Kumpels auf dem Bolzplatz oder im Olympiastadion – nichts entfaltet emotional eine so starke Wirkung wie ein (wichtiges) Tor.

Dieser Moment, wenn man den Ball perfekt trifft und schon bevor es physikalisch passiert ist, genau weiß, diesmal ist er drin. Diese Sekundenbruchteile in gefühlter Super-Slowmotion. Das Gefühl, wenn diese verdammte Kugel endlich im Netz zappelt. Dafür spielen wir. Und was auch immer das menschliche Gehirn in diesem Moment ausschüttet – es ist gut. Sogar, wenn man nur zuschaut.

1. FC Köln: Sieglos seit dem 12. August

Die Mannschaft des 1. FC Köln hatte dieses Gefühl seit dem 12. August allerdings nicht mehr. Siege gab es für das Team von Peter Stöger weder in der Bundesliga noch in Europa, Torerfolge gab es ebenfalls kaum. Das Selbstbewusstsein der Akteure leidet in solchen Phasen mit jedem Spiel, jedem Fehlschuss und jeder Niederlage. Es wird immer schwieriger, das Glück bleibt fern.

1. FC Köln Fans

effzeh-Fans in Berlin | Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

So auch bei den Geißböcken: Der Befreiungsschlag wollte dem Club partout nicht gelingen. Immer wieder war man ganz nah dran, doch Ikarus blieb stets im absoluten Sturzflug. Als dann auch noch Geschäftsführer Jörg Schmadtke zu Wochenbeginn plötzlich die Brocken hinschmiss, war die Kölner Katastrophe scheinbar perfekt. Zudem wartete im DFB-Pokal schon wenig später ein Auswärtsspiel bei Hertha BSC – traditionell kein gutes Pflaster für die Domstädter. Die Erwartungen waren vor der Partie am Boden.

„So ein Scheissding haben wir gebraucht“

Dennoch begleitete eine Vielzahl Kölner Anhänger das sieglose Team in die Hauptstadt – werktags, Anpfiff um 18:30 Uhr. Und der 1. FC Köln spielte wie so oft in den letzten Wochen ordentlich, auf Augenhöhe mit seinem Gegner. Auf das nächste unglückliche Gegentor waren die Kölner Anhänger mittlerweile vermutlich besser vorbereitet, als auf das, was dann kommen sollte. In Führung lag man beim ersten 1. FC Köln in dieser Saison ja auch so gut wie nie.

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Doch dann versuchte Leonardo Bittencourt einen Distanzschuss, der zur Flanke mutierte und bei Sehrou Guirassy landete, der das Spielgerät wiederum in hohem Bogen quer durch den Strafraum per Kopf zu Simon Zoller beförderte. Und plötzlich… war der Ball im Berliner Tor. Plötzlich… war es zurück, dieses Gefühl. So stark, so kräftig, das jeder im Stadion es spüren konnte. In die Gesichter der Kölner Spieler zuschauen und den emotionalen Jubellauf zu Peter Stöger an der Außenlinie zu beobachten, reicht völlig aus. „Ich bin nach dem 1:0 zum Trainer gelaufen, weil er einfach ein guter Typ ist“, sagte Zoller später über Stöger. „Wir sind froh, dass er da ist. Mit ihm wollen wir diese Situation meistern“, stellte der Torschütze klar.

1. FC Köln Jojic Maroh Heintz Sörensen Özcan

Gesichter, die alles sagen | Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

„So ein Scheissding haben wir gebraucht“, sollte Dominic Maroh später treffenderweise über dieses für die Kölner so wichtige Tor sagen. Vorher erzielte der Innenverteidiger und Ersatz-Kapitän allerdings noch den zweiten Treffer für den FC – nach einem Eckball. Sogar das Unwahrscheinlichste ist noch steigerungsfähig. Und dann kam auch noch das Glück zurück: Nach einem Heber von Zoller prallte der Ball an den Pfosten und landete vor den Füßen von Christian Clemens – plötzlich stand es 3:0 für den Tabellenletzten der Bundesliga. Dass Hertha BSC durch einen Treffer von Niklas Stark noch einmal verkürzen konnte, brachte die Kölner da auch nicht mehr ins Wanken.

Es geht noch beim 1. FC Köln

„Das sind Glücksgefühle“, erklärte Torschütze Maroh nach dem gelungenen Achtelfinaleinzug. Um den Sieg oder das Weiterkommen gehe es ihm dabei aber weniger. „Die Jungs hatten nach dem Spiel einfach ein Lächeln im Gesicht. Wir haben gesehen, es geht noch.“

Dass es noch geht beim 1. FC Köln, wurde aber nicht nur sportlich gesehen deutlich. Eindrucksvoller als mit dem ersten „richtigen“ Saisonsieg hätten die Geißböcke kaum belegen können, dass der Club auch ohne Schmadtke intakt ist. Viele Gründe daran zu zweifeln, hatte es in den letzten Wochen allerdings bei genauem Blick auch nicht gegeben. Trotz der fehlenden Erfolge zeigten Mannschaft und Trainerteam sich immer in verschworener Einheit. Und auch die leidenschaftlichen Kölner Anhänger hielten der Mannschaft stets die Treue – leere Ränge wie bei so manchem Bundesligisten in dieser Pokalwoche gab es beim 1. FC Köln auch ohne Siege nie. Als es nach einer schwachen Leistung in Borisov zu ersten Pfiffen kam, rotteten sich Mannschaft und die Kölner Anhänger schon beim darauffolgenden Heimspiel gegen Werder Bremen wieder zusammen.

Horn Stöger Heintz

Foto: Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

„Wie die Fans zu uns gestanden haben, war unglaublich“, sagt Maroh. Und niemand würde ihm unterstellen wollen, dass er es nicht so meint. Diese Unterstützung gilt auch Peter Stöger. Das machten die Fans mit lautstarken Gesängen nach Spielende in Berlin klar. Der Österreicher reagierte, ging in Richtung der Kölner Kurve, zog seine Kappe vor den Anhängern und machte damit den besonderen Moment perfekt.

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Es sind diese Szenen, die bleiben werden. Denn das Besondere am 1. FC Köln ist nicht die Ikarus-Geschichte, der steile Aufstieg und der darauf folgende heftige Absturz. Es ist die über Jahre hinweg aufgebaute Beziehung zwischen Trainer, Mannschaft und Fans, die den Traditionsclub derzeit tatsächlich spürbar anders wirken lässt. Denn… mer jonn met dir wenn et sin muss durch et Füer.

Wie Phönix aus der Asche?

„Das permanente Am-Leben-Halten wird irgendwann schwierig“, sollte der Trainer später bei der Pressekonferenz sagen. „Jetzt kann es weitergehen.“ Schon am Samstag tritt der in der Bundesliga immer noch sieglose 1. FC Köln beim rheinischen Nachbarn in Leverkusen an. Um dort etwas mitnehmen zu können, „müssen wir mindestens genauso auftreten wie heute“, sagt Timo Horn. Man wisse nun wieder, dass man Tore erzielen könne, erklärt der Torhüter. Dieses Gefühl, das wir alle kennen, es ist wieder da. Und für den Bundesliga-Ikarus kommt es gerade rechtzeitig zurück. Noch wäre es theoretisch schließlich möglich, das Schlimmste zu verhindern. Es ist eine märchenhafte Geschichte, die Stöger und seine Mannschaft nun schreiben können. Die griechische Mythologie ist übrigens für alle Lebenslagen ausgestattet – warum sollten die Kölner also nicht wie Phönix aus der Asche auferstehen?

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