Die Saison ist zwar vorbei, der Erregungslevel über diverse Begleiterscheinungen des modernen Fußballs aber nach wie vor hoch. Dass es das eigentlich nicht braucht und Dinge manchmal einfach besser eingeordnet werden müssen, erklärt unser Kommentar.

Die Fußballsaison liegt in ihren letzten Zügen und man könnte meinen, das sei gut so. Fußball im ausgehenden Jahr 2016 und im beginnenden Jahr 2017 definierte sich in erster Linie über Empörung, über Schimpfen und über Zeigefinger-Schwenken. Das Relegationsrückspiel zwischen Braunschweig und Wolfsburg griff die ganzen Diskurse der jüngeren Vergangenheit noch einmal treffend auf – es wurde Pyrotechnik gezündet, es wurden Böller geworfen, es wurde der Platz gestürmt, es wurde der mit Abstand beste Stürmer des Gegners besungen (damit ist nicht Christoffer Nyman gemeint). Klar, das war nicht alles schön, genügt den Kommentatoren aber wieder dazu, den Grund für Fehlentwicklungen im Fußball in den Fanszenen zu suchen. Zu allem Überfluss stellte die ARD mit der Talksendung „Hart aber fair“ nach der Relegation noch einmal eindrucksvoll unter Beweis, wer in Deutschland die Deutungshoheit über fußballbezogene Themen zu haben glaubt – und wer in einer solchen Diskussion nicht einmal zu Wort kommt, nämlich die Fans.

Kommerzkritik, Pfiffe beim Pokalfinale, „Relegations-Randale“

Unter der beeindruckend uninspirierten Frage „Der Fußball und das Geld – macht der Kommerz den Sport kaputt?“ fand sich eine immerhin unterhaltsame Runde ein, die allerdings schon vor Sendungsbeginn nicht den Eindruck erweckten, an einer konstruktiven Lösungsfindung ein Interesse zu haben. Wie sonst wäre es zu erklären gewesen, sich Edmund Stoiber einzuladen? Dass die wirklich relevanten Themen nicht angesprochen wurden war demzufolge dann auch keine Überraschung. Und doch hatte die Sendung nur zwei Tage nach dem Pokalfinale einen irgendwie besonderen Anstrich: Kommentatoren landauf und landab hatten gerade erst ihre Essays über die Helenefischerisierung des Fußballs beendet, als Frank Plasberg die ersten Fragen stellte. Bereits eine Woche zuvor sorgten die GoPro-Kameras an den Weizenbiergläsern des FC Bayern eine neue Stufe der Aufregung.

Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Nur einen Tag später entlud sich im Münchner Stadion der über lange Jahre angestaute Frust der Fanszene des TSV 1860. Eine Spielunterbrechung kurz vor Schluss, aufs Spielfeld geworfene Gegenstände und ein Capo, der die eigene Mannschaft als „Versager“ beschimpft. Die Kommentatoren fantasierten infolgedessen wieder von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ und insbesondere der ARD-Mann stellte unter Beweis, dass er wohl noch nie in einer Fankurve, geschweige denn in einer größeren Gruppe von Menschen unterschiedlicher Herkunft aktiv war. Rein inhaltlich betrachtet fällt es in den Sportredaktionen der Republik nun leichter, vor dem Champions-League-Finale noch ein paar Seiten zu füllen – Kommerzkritik und Relegations-Randale holen die Leute eben ab.

Mischt man das Ganze noch mit einer schönen Portion personalisierter Tickets oder gar Stehplatzverbot, ergibt sich glänzendes Material für diverse bissige Kommentare, die unschuldiges Zeitungspapier füllen und das Ende der Fankultur herbeisehnen.

Wen überrascht das alles noch?

Kopfschüttelnd nimmt man diese ganze Diskussion als Fan zur Kenntnis und fragt sich: Warum wird jetzt wöchentlich darüber ein Fass aufgemacht, was wir schon seit Ewigkeiten wissen? Was auch in schöner Regelmäßigkeit passiert, in Bezug auf 1860 sogar zu erwarten war? Seit mehr als einhundert Jahren gibt es in Europa Menschen, die für den Fußball leben. Seit mehr als einhundert Jahren gibt es in Europa Menschen, die vom Fußball leben. Seitdem hat sich der Sport zu einem Kulturgut entwickelt, der aufgrund seiner Tragweit ein weltweites Phänomen wurde. Spätestens seit der Liberalisierung und Deregulierung der Märkte entstand eine Fußball-Blase, die jährlich mehrere Milliarden Euro umsetzt. Der Weltverband FIFA selbst ist seit Jahren in mehrere Skandale verstrickt und richtet seine nächsten Turniere in Russland und Qatar aus, die jetzt nicht unbedingt als Hort der Menschenliebe gelten.

Auf nationaler Ebene hat sich die DFL zum Ziel gesetzt, die internationalen Märkte anzugreifen und damit neues Kapital an Land zu ziehen. Auf regionaler Ebene versucht ein mittelständisches Unternehmen wie der 1. FC Köln, in China neue Absatzmöglichkeiten zu schaffen oder gar im Umland ein neues Stadion zu bauen. Der 1. FC Köln durchbrach vor kurzem die 100-Millionen-Euro-Umsatz-Schallmauer, ist somit auch weit davon entfernt, ein gemeinnütziger Verein zu sein. Sicherlich ist das nicht ideal, aber wen überrascht es im Endeffekt noch? Bei aller Kritik am modernen Fußball: Das Rad dreht sich nur so lange weiter, bis man aufhört, daran zu drehen.

Der „moderne“ Fußball und seine Begleiterscheinungen

Häufig wird in diesem Zusammenhang dann vom sogenannten „modernen“ Fußball gesprochen, gegen den sich die Fans dann aussprechen. Die alten Zeiten sind leider vorbei, heute muss man sich mit den Auswüchsen des Fußballs der Neuzeit, wenn man ihn denn so nennen mag, auseinandersetzen. Ein paar Beispiele gefällig?

Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Um Bundesliga zuhause schauen zu können, muss man ein kostspieliges Abo abschließen. Möchte man das Spiel seines Lieblingsvereins im Stadion verfolgen, braucht es ebenfalls ein meist teures Ticket. Die Verpflegung im Stadion ist in unermessliche Höhen gestiegen. Ein Trikot für ein Kind kostet überall mehr als 50 Euro. Spielergehälter und Ablösesummen sind bis ins Unermessliche hochgeschossen und fernab der Realität eines normalen Arbeiters oder Angestellten. Windige Spieler-Agenten haben die Macht auf dem Transfermarkt, die großen Turniere der Welt werden organisiert von korrupten Funktionären. Die Anstoßzeiten in der Bundesliga werden für normale Fans immer beschissener, Testspiele in und Kooperationen mit China sind eine einzige Katastrophe.

Spiele werden als Event verkauft, obwohl Leute doch eigentlich selbst für sich entscheiden sollten, wie sie etwas Bestimmtes erleben. Spieler sind zwar die Helden einer Generation, aber meist nicht mehr als wild tättoowierte und schlecht frisierte Autisten, die in ihrer eigenen Welt leben. Verrückte Regelwächter erfinden den unnötigen Strafraumschiedsrichter, Sportredaktionen locken mit unsäglichen Clickbait-Artikeln. Und selbst der in Köln vergötterte Anthony Modeste hat seinen Trademark-Jubel wahrscheinlich nur deswegen entwickelt, um seine eigene Marke zu stärken. Bundesliga-Vereine kommunizieren über soziale Medien und positionieren sich dabei im 24/7-Schlaglicht der Moderne. Und so weiter, und so fort…

Der Fußball entfernt sich von seiner Basis

Und was passiert dabei? Der Fußball entfernt sich immer mehr von den Leuten, die ihn in der Vergangenheit groß gemacht und immer geliebt haben.

Hardy Grüne umschreibt die aktuelle Situation sehr treffend: Der Fußball verliert derzeit seinen Bezugsrahmen. Der wachsende Graben zwischen Arm und Reich, zwischen Oben und Unten ist nicht nur in der Gesellschaft zu beobachten, sondern auch im schönsten Spiel der Welt. Differenzierte Texte finden sich nur wenige, Schwarz-Weiß-Malereien dominieren. Wenn man nun seinen eigenen Verein liebt, dessen Handlungen (Stadionpläne! China!) aber auch nicht gutheißt, wird man sofort als verträumter Traditionalist bezeichnet, der die Realitäten nicht einsehen will. Grüne liefert dazu ein treffendes, weil aktuelles Beispiel: ‚Wer mit den Pyrokriegern argumentiert, wird ausgeschlossen, da er es angeblich mit „kriminellen Banden“ hält. Wer die Entwicklung im Profifußball kritisiert, kommt wahlweise in die Schublade des „Anti-Kapitalisten“ oder des „Traditionalisten“ und verwirkt sein Recht auf Meinung und Stadionbesuch, da „der Profifußball nun mal kapitalistisch“ sei. Nachgetreten wird dann auch noch, denn im Fußball sei doch eh längst „bis in die Kreisklasse alles von Geld verseucht.‘

Die fortschreitende Kommerzialisierung ist zwar nicht aufzuhalten, auf Missstände aufmerksam zu machen ist allerdings mehr denn je notwendig. Zu sehr wird der gesamte Diskurs von Leuten geführt, die keine Ahnung haben. In den Kurven, in den Blogs und in den Kneipen braucht es also engagierte Menschen, die den Fußball verteidigen, wie er ist – und die ihn gleichzeitig verändern wollen.

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3 Kommentare

  1. „Wer die Entwicklung im Profifußball kritisiert, kommt wahlweise in die Schublade des „Anti-Kapitalisten“ oder des „Traditionalisten“ “

    Ein freiwilliges zurück gibt es nicht, übrigens nirgendwo.

    So in der Fußballromantik zu träumen, als würden die Spieler nebenher nach der Arbeit für Ruhm und Ehre und aus reinem Spaß im Verein kicken ist schon lange ausgeträumt.

    Ich persönlich sehe hier keine Fehlentwicklung. Der Reiz des Fußballs einer breiten Masse zur Verfügung zu stellen resultiert auch aus diesen geldintensiven System. Wie das bei anderen Sportarten ist, wo noch mehr Amateure spielen, sieht man ja. – beziehungsweise. sieht man nicht, weil sie es gar nicht erst ins Fernsehen oder die Medien schaffen.
    Der Sport für die Massen ist ein großes Entertainmentprojekt, was heute nun einmal nur mit Geld befeuert werden kann.

    Für mich kein Widerspruch und auch kein Problem.

    Wer sich darüber aufregt, der wird aus meiner Sicht zurecht in die genannte Schublade des rückwärtsgewandten Traditionalisten geschoben.

    Gruß,
    Danny

  2. Werner Wingenfeld am

    Entschuldigt bitte, aber das ist ein etwas konfuser Artikel.
    Werner Wingenfeld